Der „richtige“ Trainer – oder: Neue Kernkompetenzen für Hundetrainer?

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Eine kritische Betrachtung darüber, was einen guten Hundetrainer ausmachen sollte. Der bloße Fokus auf den Hund ist dabei bei Weitem zu wenig, meint Klaus Haumann. Andere Kompetenzen sind ebenso gefragt.

Seit geraumer Zeit findet man in den verschiedens­ten Medien Artikel, wie der geneigte Hundebesitzer die „richtige Hundeschule" findet. Man erfährt zumeist stichpunktartig, welche Voraussetzungen eine Hundeschule mitbringen muss, um als anspruchsvolle und gute ­Hundeschule zu gelten. Diese Punkte sind größtenteils wichtig und wertvoll für den inte­ressierten Hundebesitzer und klären zumindest Anfänger in Sachen Hund gut darüber auf, was es zu bedenken gilt. Wie man im allgemeinen „richtig" definiert, soll hier nicht weiter erläutert werden.

So gut und wichtig diese praktischen Ratschläge einerseits sind, fehlt andererseits zumeist ein ebenso bedenkenswerter Aspekt in den Aufzählungen und Tipps. Und zwar der Blick auf die ganz individuellen ­Fähigkeiten des Trainers. Hiermit soll nicht gemeint sein, was für eine Ausbildung der Trainer ­genossen hat oder welche Methoden ­dieser anwendet, sondern ­welche persönlichen ­Kompetenzen im sozialen, emotionalen und ­kommunikativen Bereich er ­mitbringen sollte.

Soft-Skills
Muss man mit Hunden groß geworden sein und mit ca. 9 Jahren schon den Berufswunsch Tierarzt oder „irgend etwas mit Hunden" gehabt haben, um sich als Trainer zu akkreditieren? Ist es der Sache dienlich, wenn ich mich – von Menschen enttäuscht – nur noch den Hunden zuwende und ausschließlich mit jenen mein Leben verbringen möchte? Was ist, wie schon oft erlebt, wenn der Trainer durchaus korrekt die soziale Kompetenz von Hunden verstehen und einschätzen kann, aber im zwischenmenschlichen Bereich eigene soziale, emotionale und empathische Defizite mitbringt? Wie sieht es mit den kommunikativen Fertigkeiten bei vielen Trainern aus, die auch schwierige Zusammenhänge situations­adäquat, verständlich und kompetent an den Laien heranbringen müssen?

Hier fehlt erstaunlich oft der Hinweis auf die vielen Fähigkeiten, die ein Trainer über das formale Wissen und Können hinaus mitbringen muss. Diese Soft-Skills sind oftmals die eigentlich wichtigen Punkte, um einen Trainer und seine Hundeschule einschätzen zu können. Denn wofür nutzt die minutiöse Kenntnis der Lerngesetze und deren Anwendung, wenn der Trainer nicht in der Lage ist, dies dem ­interessierten Kunden so zu vermitteln, dass er dies auch im realen Leben selbständig umsetzen kann? Und das ist nur eine Seite der Medaille. Die andere Seite wäre, dass sich eben jener Trainer im Klaren sein sollte, dass die Lerngesetze und deren Fallstricke ebenfalls auf Menschen anwendbar sind und dies daher entsprechend in den Umgang mit dem Kunden mit ­einbezogen werden muss.

Soziale Kompetenz
Eine der wichtigsten Fragen ist die der sozialen Kompetenz des Trainers und seine Herangehensweise an Probleme in einem sozialen System. Kann man ernsthaft erwarten, dass ein Trainer, der sich im Umgang mit dem Kunden schon sozial inadäquat verhält, dem Kunden zur Besserung seiner Beziehung zum eigenen Hund verhilft? Einem Trainer, der beispielsweise seine Kunden im Gespräch stets unterbricht, anmaßende und/oder abwertende Kommentare fallen lässt, sein Gegenüber offensichtlich nicht wertschätzt, sich abschätzig über Trainerkollegen und nicht anwesende Kunden äußert und sich selbst hochstilisiert, sollte man mit Vorsicht begegnen.

Hier hilft, wie so oft, das genaue Hinsehen und kritische Hinterfragen. Ganz praktisch macht es hier manchmal Sinn, den Hundetrainer hinsichtlich einiger anderer Parameter unter die Lupe zu nehmen und einen Blick auf seine sichtbaren Lebensumstände zu werfen. Sollte sich zum Beispiel dabei herausstellen, dass er sich nur und ausschließlich für Hunde interessiert, wäre das unter Umständen ein Indiz dafür, dass er sich gegebenen­falls fast ausschließlich in seinem kleinen überschaubaren Hundeuniversum bewegt und sich eventuell dabei nur um sich selbst dreht. Gute Trainer wissen, dass sich nicht alles um den Job drehen sollte und es sinnvoll ist – wie in allen helfenden Berufen – einen Ausgleich zu dem anstrengenden Tag auf dem Hundeplatz zu haben. Soziale Beziehungen und anderweitige Interessen über die Hundeszene hinaus stellen einen wichtigen Faktor dar, um seine eigenen sozialen Fertigkeiten außerhalb des berufsbedingten Kontextes zu verfeinern und einen Ausgleich für die Belastungen des Berufs zu schaffen.

Eindimensionales Interesse?
In vielen anderen Berufszweigen weiß man um diese Dinge schon lange, nur in Hinblick auf den Beruf ­Hundetrainer gilt es als positive Voraussetzung, dass sich alles in seinem Leben um den Hund dreht. Er selbst ist natürlich Hundehalter, sein gesamter Tag wird von Hunden bestimmt und abends wird oftmals auf gemeinsamen Spazier­gängen mit Hundeschulkunden das Thema Hund wieder die Nummer Eins sein. Dass dies auf Dauer nicht gesund ist, dürfte einleuchten. Leider verhält es sich oft so, dass es scheinbar Grundvoraussetzung für einen ernstzunehmenden Hundetrainer sein sollte, eindimensional interessiert zu sein. Und nicht nur Hundetrainer hängen diesem Irrglauben an, sondern auch vielfach die Kunden betrachten es als wünschenswert und als Ausdruck von Qualität.

Viele Hundetrainer scheinen ­darüber hinaus nicht zu realisieren, dass sich an jedem Hund mindestens ein Mensch am anderen Ende der Leine ­befindet. Mit reinem Fachwissen über den Hund ist es also mitnichten getan, um als Hundetrainer längerfristig erfolgreich zu arbeiten. Ein „gerüttelt Maß" an vielfältiger Lebenserfahrung, mannigfaltige Interessen, ein großer Bekannten- und Freundeskreis sollten Voraussetzung sein für jemanden, der mit Menschen und ihren Hunden ­professionell arbeiten möchte.

Denn zuallererst einmal sollte der Trainer die Menschen mit all ihren Facetten und die Arbeit mit eben jenen lieben. Wenn ein Trainer den Umgang mit Hunden dem Menschen vorzieht, lässt sich dort oftmals ein Defizit vermuten, das sich nicht oder nur sehr schwer mit dem Beruf des Hundetrainers verträgt, da die Hundehalter untrennbar zum „Arbeitsobjekt Hund" gehören. Allzu oft kann man dies so beobachten: Hundetrainer, die sich – von Menschen enttäuscht – ausschließlich den Tieren zuwenden. Dass dies für den Beruf allgemein oder dem Kunden gegenüber zuträglich ist, darf zumindest bezweifelt werden.

Ebenso oft wird die emotionale Anteilnahme an der Kreatur Hund als eine weitere Grundvoraussetzung des Trainers angesehen. Dass dies prinzipiell so sein sollte, ist mitnichten strittig, darf aber nicht, wie so oft, zur alleinigen Rechtfertigung des ­eigenen Handelns herhalten. Reine und oftmals blinde Tierliebe ist nicht die ­einzige und schon gar nicht wichtigste Befähigung für einen Hundetrainer, auch wenn dies von vielen Kunden stillschweigend angenommen oder sogar implizit verlangt wird. Sollte es dennoch der Fall sein, dass der Trainer seine einseitige emotionale Sicht auf den Hund und seine persönliche moralische Bewertung und somit ­seine Weltsicht als einzigen Bewertungsmaßstab anlegt, sind grobe Fehleinschätzungen vorprogrammiert.

Gerade bei Hunden mit ­körperlichen oder mentalen Defiziten kann mit­unter die einseitig emotionale Bewertung und Betroffenheit des Trainers zu schweren Fehlurteilen im Hinblick auf Förderung und Training des Mensch-Hund-Teams führen. Als Beispiel sei hier gerade die hundliche Aggression und der gesellschaftliche und moralische Umgang mit dieser Form der Kommunikation genannt. Zeitgeistbedingt sollte und darf Aggression am besten nirgendwo ­vorkommen und schon gleich gar nicht bei unserem viel geliebten Vierbeiner. Sollte dieser dann auch noch aggressive Kommunikation gegenüber einem Kind gezeigt haben, so ist der rein emotionalen Bewertung des Vorfalles Tür und Tor geöffnet. So erschreckend solche Art Vorfälle auch ist, wäre es fatal, wenn der Trainer sich ganz emotional und eventuell sogar moralanalog an diesen „Fall" heranwagt. Selbstverständlich bringt jeder Hundetrainer seine Anschauungen mit ein in das Problemszenario, aber dieser sollte sich und seine ganz individuellen Werte hintanstellen können und eine professionelle Metaebene, fernab von starker emotionaler Betroffenheit, einnehmen können. Letztere darf vorhanden sein, sollte aber nicht den Blick auf professionelle Lösungen verstellen.

Lösungs- statt moralorientiert
Eine hohe moralische und emotionale Integrität wäre wünschenswerter­weise somit für den Hundetrainer Pflicht, darf aber mitnichten dazu führen, dass die persönlichen Sichtweisen das Raster sind, durch das Kunden mit ihren Hunden einfach hindurch fallen. Dieser Spagat ist zugegebenerweise nicht einfach, doch muss sich jeder Trainer genau in diesem Spannungsfeld jederzeit bewähren und darf nicht unzulässig seine persönlichen Maßstäbe auf den Kunden mit dessen ganz individuellen Problemen übertragen. Hier ist nur allzu oft zu bemerken, dass Fakten mit Sichtweisen durch­einander gewürfelt werden und problematische Beziehungen zwischen Hund und Mensch nicht lösungs-, sondern moralorientiert „therapiert" werden. Dass dies so nicht funktioniert, scheint vielen Hundeausbildern und -trainern nicht wirklich klar zu sein und/oder nur wenigen davon aufzufallen. Bedenkenswert ist es allemal.

Schaut man sich einmal an, auf ­welchen Grundlagen der Erziehung sich die meisten Hundeschulen und ihre Ausbilder bewegen, fällt recht schnell auf, dass stets vollmundig erklärt wird, dass man nur auf Basis von neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen arbeitet. Das mag in Hinsicht auf alles rund um den Hund durchaus mehr oder weniger zutreffen. Doch wie schaut es mit allem anderen aus? Ist Erziehung wirklich nur zu reduzieren auf die bekannten Lerngesetze, oder gehört da etwas mehr dazu? Wenn man mal genau hinschaut, wird jedem schnell klar, dass es damit nicht getan ist. Und die so ständig angepriesene Erziehung über rein positive Verstärkung ist nicht mal in einem Labor von erzkonservativen Behavioristen durchzuführen. Hier verschweigt der Trainer, der dies so propagiert, absichtlich etwas oder er hat die Lerngesetze nicht verstanden. Mit Erziehung hat dies, wenn überhaupt, auch nur marginal und am vernachlässigbaren Rande etwas zu tun.

Soziales Lernen und Lernen am Modell
Denn letzten Endes ist die reine Anwendung von Konditionierung, Gegenkonditionierung, Habituation und Desensibilisierung zuallererst einmal Dressur und, wenn überhaupt, nur ein kleiner Teil des Lernens und somit der Erziehung. Hier sei exemplarisch noch hinzugefügt, dass das sogenannte Modelllernen und das soziale Lernen in Hinsicht auf Erziehung um ein Vielfaches wichtiger ist. Dieses Wissen haben nur zu oft viele Trainer nicht, und es wäre wünschenswert, wenn sich mehr Hundetrainer einen Blick über den Tellerrand erlauben würden. Ein Blick auf die neuesten Kenntnisse in der Humanwissenschaft würde da sicherlich helfen.

Und wie sieht es mit der angesprochenen Befähigung zur Kommunika­tion und der Fähigkeit, etwas didaktisch durchdacht an den Kunden zu bringen, aus? Seitenweise sieht man auf den Internetseiten der Hundeschulen Listen von Seminaren, Vorträgen und Workshops zu canidenspezifischen Themen. Doch bei welchen Trainern sieht man so etwas in der Art von: Kommunikation und Coaching in Arbeitsbeziehungen, Workshops für soziale Kompetenz in Beratungsberufen, Systemisches Coaching für schwierige Klientensysteme, Konfliktmanagement für Trainer usw.? Selten!

Wo ist da der Wille zur Weiterbildung? Anscheinend hat es der Berufszweig des Hundetrainers nicht nötig und ist damit beratungsresistent oder es ist noch nicht erkannt worden, dass hier die eigentliche Kernkompetenz des Trainers ist und auch sein sollte.

Einfache Personalberater müssen zumeist über ein paar Semester der Psychologie und ein Studium der Soziologie verfügen, um ernsthaft von einem Arbeitgeber in Betracht gezogen zu werden. So wie in fast allen beratenden Berufen gibt es eine langjährige Ausbildung, wenn man mit Menschen arbeiten möchte. Wenn diese Menschen dann auch noch in schwierigen Lebenssituationen ­stecken und um Hilfe bitten, so ist der Anspruch an die Helfer zumeist um einiges höher und das zu Recht. Und diese Menschen haben NUR mit Menschen zu tun. Der Hundetrainer hat zudem noch mit einem oder sogar mehreren Hunden zu tun. Systemisch betrachtet ist das Arbeiten mit solch einem Klientensystem gleich noch um ein Vielfaches anspruchsvoller.

Wie lange müssen die Kunden noch darauf warten, bis sich dieser Seite der Medaille endlich zugewandt wird?

Es ist einfach zu einseitig und eindimen­sional, wenn von Kunden, aber auch von Hundetrainern, allein und ausschließlich der Fokus auf den Hund, sein Verhalten und die gern zitierten Lerngesetze gesetzt wird. Wir täten gut daran, uns als Hundetrainer auch auf anderen Gebieten zu bilden und über unseren Tellerrand zu schauen. Der Mensch ist nicht nur Teil der Problematik im Zusammenleben mit Hunden, sondern immer auch und zu allererst der wichtigste Teil der Lösung.

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