Der singende Urhund aus Neuguinea

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Der „singende Urhund“ von Neu Guinea ist vielleicht eines der fehlenden Mosaikstücke im kontroversiell diskutierten Thema des Ursprunges der Haushunde – eine Frage, die noch immer heftig diskutiert wird. Es geht dabei weniger um die Abstammung des Haushundes vom Wolf, als vielmehr um die Frage, ob manche Hunderassen sich aus Unterarten des Wolfes entwickelt haben. Ähnlich interessant ist ja auch die Diskussion über den Verwandschaftsgrad zwischen Haushund und Dingo.

Dingos auf hoher See
Der Dingo stammt nach wissenschaftlichen Untersuchungen aus Asien. Zwischen 5.000 und 5.500 Jahre alte Fossilien, die dem Dingo zugeschrieben werden, wurden in Thailand und Nordvietnam gefunden. Diese Funde sind 1.500 Jahre älter als die Dingofossilien in Australien. Daraus schließt man, daß vermutlich schon die seefahrenden Asiaten Dingos mit sich führten, höchstwahrscheinlich als fleischliche Nahrungsressourcen. Denn noch heute sind Hunde in südasiatischen Ländern und auf vielen südpazifischen Inseln eine Delikatesse.
Die asiatischen Seefahrer reisten damals über Indonesien nach Australien und über Madagaskar zum afrikanischen Kontinent. Auf dem Land ging es westwärts in den heutigen mittleren Osten. Ostwärts bereisten sie Japan und nordwärts kamen sie über die Beringsee nach Nordamerika. Diese Destinationen der seefahrenden Asiaten haben alle eine Gemeinsamkeit: An allen diesen Orten existieren nämlich Verwandte des Dingos. Im mittleren Osten der Canaan Dog, in Afrika der Basenji, in Australien der Australische Dingo, in Japan der Shiba und in Nordamerika der heißdiskutierte Carolina Dog, um nur einige bekannte Beispiele zu nennen.

Mythen der Aborigines
Der Australier Dr. Laurice Corbett ist sich sicher, daß der Australische Dingo aus Asien stammt. Er bestätigt – nicht nur durch Schädelvermessungen – daß die nächsten Verwandten des Dingos die asiatischen und indischen Wölfe sind. Er erzählt von einem rituellen Tanz der Aborigines des Kundi-Djumindju Stammes in Kimberly, an der Nordküste Australiens. Dieser Stamm praktiziert noch einen Tanz, der Dingos darstellt, die „auf dem Bootsdeck herumlaufen, stehenbleiben und auf das Wasser schauen. Küstennahe springen sie über Bord, schwimmen an Land und wälzen sich im Sand. Sie schütteln sich dann, nehmen Fährten auf und jagen in den küstennahen Wäldern“. So die Geschichte, die durch die „Choreographie“ dieses Tanzes ausgedrückt wird.
Früher dachte man, daß es die Aborigines gewesen seien, welche die Dingos nach Australien gebracht haben. Die Aborigines selber hingegen erzählen Geschichten, in denen der Dingo mit Fremden gekommen sei, die Baiini genannt werden. Diese Baiini seien gelbhäutige kleine Menschen, die regelmäßig die Region besucht hätten. Corbett hält diese Menschen für indonesische Seeleute. Wann genau die Dingos nach Papua Neu Guinea gekommen sind, weiß man nicht. Aber man glaubt, daß sie schon seit etwa 1000 Jahren in den Highlands und seit mehr als 2000 Jahren in der Gegend der Südküste vorgekommen sind. Die ältesten caniden Funde auf einer südpazifischen Insel sind die von Tikopia auf den Solomon Islands, die etwa 2.750 Jahre alt sind. Funde in Sarawak in Indonesien hingegen sind bis zu 4.500 Jahre alt.

Fleischreservoir und Gehilfe
So wie in vielen anderen Teilen der Welt war der Dingo in Neu Guinea nicht nur ein Nahrungsreservoir für den Menschen, obwohl zahlreiche Entdecker um die Jahrhundertwende berichteten, daß der Dingo für die Eingeborenen der wichtigste Fleischlieferant gewesen sei. Man benutzte aber den Dingo auch als Gefährten, für die Jagd und sogar als Kultfigur. In einem Mythos des Elema-Stammes  kommt ein Gott vor, der einen zahmen Dingo namens Natekari besitzt. Eines Tages fing Natekari ein Cassowary (ein großes, flügelloses Insekt) und fraß es. Kurz danach erbrach er es wieder und auf dem Platz, wo er es ausspie, wuchs die Taropflanze, die vielleicht wichtigste genießbare Pflanze in Neu Guinea. Das Gewächs ist allerdings giftig, aber nicht, wenn es gekocht wird. Nach Dr. Corbett verwendet der Stamm der Orokaiwa den Dingo, um kleine Känguruhs und Wildschweine zu jagen. Der Dingo verfolgt die Beute und faßt sie, bis der Jäger dazukommt, um sie mit dem Speer zu töten. Als Belohnung erhält der Hund einen kleinen Anteil an der Beute.

Eigene Spezies?
Etwa zu Ende der 50er Jahre dieses Jahrhunderts begannen Wissenschafter sich für den Neu Guinea Hund zu interessieren. 1957 konnte der Forscher Sir Edward Hallstrom die ersten zwei Exemplare im südlichen Berggebiet von Papua Neu Guinea fangen. Das Paar landete schließlich im Taronga Zoo in Sydney, Australien. Hallstrom hielt diese beiden Caniden für eine eigene Spezies und gab ihnen den Namen Canis Hallstromi. Zehn Jahre später erfolgte eine neue Klassifikation dieser Tiere als eine Unterart des Dingo: Canis lupus dingo.
Nachkommen der beiden „Hunde“ des Taronga Zoos kamen in die Zoogärten der ganzen Welt. Zwanzig Jahre, nachdem die ersten „singing dogs“ Neu Guinea verließen, stellte das Museum für Völkerkunde (Staatliches Museum Preussischer Kulturbesitz) in Berlin eine Expedition zusammen, die tatsächlich fünf weitere dieser Dingos oder NGSD (New Guinea Singing Dogs) fangen konnte.

Mutationen
1987 schickte der Taronga Zoo einen Rüden, genannt Darky, zu dem berühmten Forscher Dr. Lehr Brisbin. Dieser züchtete mit Darky in seinem Savannah River Ecology Labor in South Carolina selektiv weiter, um die genetischen Variationen zu erhalten. Fast alle NGSDs, die es heute weltweit gibt, stammen von diesen acht Individuen ab. Weitere Bemühungen, solche wilden „Hunde“ im Hochland von Neu Guinea zu fangen, haben sich als aussichtlos erwiesen und die Verpaarung mit Haushunden wurde so häufig praktiziert, daß es zunehmend schwieriger wird, reine Dingos zu finden. In „reinrassigen“ Dingos dominieren die Farben ginger-rot, schwarz, weiß und black and tan mit oder ohne Abzeichen auf Pfoten, Brustkorb und Rutenspitze. Sable, brindle und patchy Abzeichen sind Hinweise für Mutationen aus dem Genpool der Haushunde.

Verhaltensunterschiede
Es ist mehr als die Farbe, was den „reinrassigen“ Neu Guinea Singing Dog (NGSD) charakterisiert. Der erste obere Molar mißt über 10% der Schädellänge, was ganz typisch ist für wilde Caniden, wie etwa den Wolf. Bei domestizierten Hunden beträgt dieses Verhältnis unter 10%. So wie der Basenji und der Australische Dingo kommen die NGSD-Hündinnen einmal jährlich in die Hitze und zwar in unseren Breitegraden im Herbst (wobei in der südlichen Hemisphäre gerade Frühling ist!). Es gibt Untersuchungen, die zeigen, daß das Verhaltensmuster des NGSD sich sehr einerseits vom Wolf und andererseits vom domestizierten Haushund unterscheidet. Zum Beispiel werden die Ohren bei einer Geste der Unterwerfung nicht nach hinten gelegt, sondern typischerweise zur Seite gestreckt. Oder die typische Geste für die Aufforderung zum Spielen (Kopfbeugung bis zu den Vorderpfoten) unterscheidet sich ebenfalls: Der NGSD kauert sich flach auf den Boden und fordert durch einen starren Blick zum Spielen auf. Der Grund für den häufig verwendeten Namen NGSD beruht auf dem charakteristischen Heulen, das dem des Basenji oder dem Australischen Dingo ähnlich ist. Dennoch unterscheidet sich ihre „Gesangs“-Qualität in sonologischen Messungen durchaus von diesen Hunden.

Weltweites Registrierungssystem
Es war Janice Kohler aus Central Point im US-Bundesstaat Oregon, die mich zum ersten Mal mit dem NGSD in Kontakt brachte. Janice ist Ethologin und hat über die unterschiedlichen Verhaltensmuster verschiedener Tiere gearbeitet. Aufgrund ihres Interesses am Ursprung des Haushundes lebte sie sowohl mit Wölfen wie auch mit Hunden und berichtet über entscheidende Unterschiede in deren Verhalten. Janice arbeitet auch für den NGSD Club of America. Zusammen mit Dr. Brisbin und einer Handvoll anderer Begeisterter studiert sie das Verhalten des NGSD. Außerdem forscht diese Gruppe nach zuverlässigen DNS-Markern, um den wilden „reinrassigen“ NGSD von Hybriden unterscheiden zu können.
Sowohl Janice’ singende Hunde, wie auch die Nachkommen aus Dr. Brisbins Savannah River Ökologie Labor und die paar Exemplare in einigen Zoos sind durch eine ISIS-Nummer registriert, wobei ISIS für International Species Identification System steht. Es ist das selbe Identifizierungssystem, das von Zoos und Tiergärten in aller Welt verwendet wird für jede Tierart, von Giraffen und Elephanten bis zu Tigern und Löwen. Einige Zeit lang war die ISIS-Nummer das einzige Registrierungssystem des Neu Guinea Singing Dogs. Nun aber interessiert man sich auch vom amerikanischen United Kennel Club und der American Rare Breed Association, eine Vereinigung, die sich seltener Rassen annimmt, für die Singing Dogs und Zuchtbücher wurden angelegt. Dennoch haben die meisten NGSDs eine sehr verschwommene Vergangenheit. Tierhändler, die Wildtiere kaufen und verkaufen, ebenso wie einige Züchter, verpaaren die Singing Dogs mit anderen Rassen, um eine „praktischere, modernere Rasse“ zu erhalten. Ernsthafte und engagierte Züchter hingegen, wie Janice, die in einer Hunderasse mehr sehen als nur Dollarzeichen, haben aber eine große Aufgabe und harte Arbeit vor sich.

Schwierige Haltung
Schon die Aufgabe, ihre NGSDs innerhalb eines eingezäunten Geländes zu halten, bedeutet für Janice eine Herausforderung. „Sie brauchen eine Einfriedung mit doppelten Türen, Zementboden, Spielbäumen und anderen Extras. Sie haben einen unglaublich ausgeprägten Jagdinstinkt und selbst wenn ich sicher bin, daß sie von einem Jagdausflug wieder zurückkommen, bedeutet unsere moderne Zivilisation eine Todesfalle für Wildtiere, wenn man nur an den Straßenverkehr oder an Jäger, usw. denkt.“
NGSDs sind unglaublich geschickt im Klettern und Graben und ihr starker Jagdtrieb ist natürlich in unser heutigen Gesellschaft sehr unpraktisch. Janice: „Sie sind unvorstellbar kluge und eifrige Jäger. Für einen einzelnen NGSD ist es kein Problem, ein Rhea (ein 1 bis 1,5 Meter großer, einem Strauß ähnlicher Vogel) zu töten. Andererseits leben NGSD in Wohnungen in New York – sie sind also sehr anpassungsfähig. Im strengsten Sinn des Wortes ist es eigentlich kein Hund, aber trotzdem ein unglaublich faszinierendes Tier.“

Hundliche Grenzgänger
In den richtigen Händen und für Wissenschafter ist der NGSD zweifellos von großer Bedeutung und vielleicht wurde durch seine Zucht in Gefangenschaft eine sonst gefährdete Spezies vor dem Aussterben bewahrt. Auf der anderen Seite können wir nicht umhin, die Frage zu stellen, wo die genaue Grenze zwischen Haushunden und Wildhunden liegt. Der Basenji jagt auch heute noch mit den Pygmäen im Kongo und ist andererseits ein beliebter Gefährte in zahlreichen Haushalten und Showhund auf vielen Hundeausstellungen in aller Welt. Wolfhybriden wie der Saarloos Wolfhund und der Tschechoslowakische Wolfshund sind in der FCI (Internationaler Rassehundeverband) anerkannte Hunderassen. Der Australische Dingo ist mittlerweile vom Australian Kennel Council anerkannt. Wie wird das weitergehen? Werden wir bald einen Koyoten oder Schackal auf dem „Best in Show“-Podium einer Hundeausstellung im nächsten Jahrhundert sehen?

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