Der tut nix – oder doch? – Von der Wahrnehmung des ­eigenen Hundes

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Sie machen mit Ihrem Hund eine gemütliche Nachmittagsrunde, als Ihnen von einem entgegenkommenden Hundehalter zugerufen wird: „Der tut nix!“ Diesen Spruch haben Sie regelmäßig auf ­Hundegeschirren oder lustigen T-Shirts gelesen – und jetzt ist es Wirklichkeit geworden. Sie steuern auf eine ausweglose Begegnung mit einem „Der-tut-nix-Hund“ zu. Der unangeleinte, entgegenkommende Hund verfällt schon aus mehr als 50 Metern Entfernung ins Anschleichen und Sie verfallen gleichzeitig in ein Déjà-vu – aber vielleicht will er ja „nur spielen“ …

Wann ist es Ihnen bei Ihrer gemütlichen Nachmittags­runde mit Hund zuletzt ­passiert, dass Ihnen entgegen gerufen wurde: „Der tut nix!“? Obwohl Sie recht genau gesehen haben, dass der unangeleinte, entgegenkommende Hund schon aus mehr als 50 Metern Entfernung ins Anschleichen verfällt und Sie ein mulmiges Gefühl ­überkommt ob dem, was da gleich passieren könnte. Ein Blick auf den sorglosen und gelassenen Hundehalter, der nicht die leisesten Anstalten macht, seinen Hund anzuleinen, verstärkt die Unruhe in Ihnen um ein Vielfaches. Der gelassene Hinweis von Ihnen, doch bitte den Hund anzuleinen, wird üblicherweise mit dem Hinweis ausgehebelt: „Der tut nix!“. Die Variante: „Der will nur spielen!“ oder „Das macht er immer so, aber da passiert nix!“ ist auch sehr beliebt, ändert aber nichts am folgenden Ablauf.

Tut er doch was …?
Und schon startet der Tut-nix zu Ihrem Hund und auch die fruchtlosen Bemühungen des anderen Halters scheinen IMMER zu spät und zu lasch, um das, was nun kommt, noch vorzeitig zu beenden. Je nach Charakter und Erfahrung Ihres Hundes mit derlei Begegnungen entsteht in regel­mäßigen Abständen eine fröh­liche Keilerei, bei der der Schaden des Einzelnen meist nur vom Glück allein abhängig ist.

Doch warum muss es immer wieder zu solchen unseligen ­Choreografien kommen? Woran hapert es im Einzelnen, oder sind es immer nur die unglücklichen Umstände, die zu solchen Szenen führen? Was wäre zu ändern, damit es zu einem entspannten Miteinander aller Beteiligten käme? Das Problem ist wie so oft „vielursächlich“ und lässt sich bestimmt nicht mit einem Patent­rezept auflösen. Zum Einen sei hier die Wahrnehmung und falsche Interpretation des Verhaltens des eigenen Hundes und die damit einhergehende fehlende „Bildung“ in Sachen canidentypischen Verhaltens zu nennen. Nur zu oft bekommt man auf Nachfrage zu hören, dass der Halter schon immer Hunde hatte und er eigentlich schon alles weiß, was man benötige.

Fehlendes Sachverständnis
Die Einstellung beim Tut-Nix-Halter, Sachkunde über den eigenen Erfahrungshorizont hinaus zu erwerben, ist nicht oder nur marginal vorhanden. Allenfalls tauscht sich dieser mit Nachbarn und Hundebekanntschaften darüber aus, um sich gegenseitig zu versichern, dass das Hundeverhalten in speziellen Situationen gleich verstanden und interpretiert wird. So scheint es ganz subjektiv richtig, es benötigt keinerlei weiteren Input von sachverständiger Seite aus und hier dreht es sich dann im Kreise. Dass sich gerade in den letzten Jahren enorm viel im Verständnis des Verhaltens des Haushundes getan hat, bleibt unbeachtet und wird im Zweifelsfall auch vehement verneint oder als ­neu­modischer Unfug betrachtet.

Gegenseitige Rücksichtnahme – Fehlanzeige!
Zum Anderen muss die Frage gestattet sein, inwieweit sich solch ein rüdes Sozialverhalten gegenüber seinen Mitmenschen heutzutage ausbreitet und worin es sich begründet. Sicherlich ist gerade im städtischen Bereich die Anonymität ein Faktor, der nicht zu unterschätzen ist, getreu dem Motto: „Nach mir die Sintflut und Hauptsache, mir geht es gut und ich kann mich ungehemmt ausleben.“ Die Ich-Bezogenheit unserer Gesellschaft ist auch im Bereich der Hundebegegnungen sicherlich mit eine der Hauptursachen für solch ein ungezogenes Verhalten. Rücksichtnahme wird stets und überall von jedem gefordert, aber wird nur von den wenigsten Menschen auch praktiziert. Soziale Grenzen werden oftmals nur für sich selbst in Anspruch genommen und nur für sich selbst definiert. Es gilt wie immer nur das eigene Erleben von Einschränkungen – das empathische Einfühlen darin, wie es dem anderen geht, scheint immer mehr zu verschwinden. Die Grenzen des anderen sind stets verhandelbar …nur die eigenen nicht, und auf diesen wird bestanden und zur Not werden diese Grenzen immer öfter vehement verteidigt.

Der Hund – der bessere Mensch?
Eine weitere Dimension der oben genannten Problematik ist die Tatsache, dass immer mehr Menschen dazu neigen, mit ihren Hunden in einer ­speziellen Art der emotionalen (!) Symbiose zu leben. Der Hund wird dann nicht mehr als eigenständiges Individuum wahrgenommen, sondern als Teil des eigenen Selbst. Wird dann von außen Kritik am Hund oder an dessen Verhalten verbalisiert, wird dies nur zu oft als Kritik an der eigenen Person verstanden. In diesen Fällen kann der Mensch auch durchaus gerechtfertigte Kritik nicht als inhaltlich wertvolle Information wahrnehmen und entsprechend maßvoll reagieren. In dem Moment wird die persönliche Befindlichkeit zuallererst angesprochen, und zwar nur auf emotionaler Ebene, und dies einzig und allein als Angriff gewertet und entsprechend reagiert. Deswegen bekommt man nur zu oft eine geharnischte Antwort seitens des Halters vom herangestürmten Hund auf die Frage, warum der Hund überhaupt abgeleint laufen darf, wenn er offenbar in keinerlei Gehorsam steht. Allein schon diese milde Form der verdeckten Kritik reicht oftmals aus, um eine entspannte Kommunikation im Keime zu ersticken.

Dies in Zusammenhang mit der Tatsache, dass der Halter das Verhalten seines Hundes nicht als Überfallan­drohung interpretiert, sondern allenfalls als Spielaufforderung versteht, sorgt sofort für klare, aber verhärtete Fronten.

Doch warum haben heutzutage so viele Hundehalter immer noch so wenig Kenntnis um die artgerechten Verhaltensweisen und die üblichen Formen der hundlichen Kommunika­tion? Warum halten sich so hartnäckig alte Volksweisheiten und Ammen­märchen, obwohl zeitgleich der Boom von Hunde­schulen unübersehbar ist. Auch wenn sicherlich nicht alles richtig in den vielfältigen Medien beschrieben wird, sollte dennoch eine ordentliche Verbesserung im Verständnis des Hundeverhaltens durch diese Hundeschulen, Trainersendungen, Magazine und andere Formen der Information herbeigeführt worden sein. Doch leider weit gefehlt, wie jeder von uns Hundehaltern mit vielen Beispielen aus dem Alltag belegen kann.

Haben Hundeschulen versagt?
Scheinbar erreichen wir Hundeschulbetreiber und Trainer nicht die wirklich wichtigen Teile der Hundehaltergemeinde – oder tragen wir nur Eulen nach Athen? Rein rechnerisch müsste bei der heutigen Menge an Hundeschulen quasi jeder Hundehalter schon einmal Kontakt zur örtlichen Hundeschule gehabt haben und dort das Einmaleins im Umgang mit dem Hund sowie den Umgang mit ­anderen Hunde­haltern gelernt haben.
Egal mit welcher Methode dort geschult wird, bekommt man zumindest einen ­kleinen Eindruck davon, wie man durch gegenseitige Rücksicht­nahme Hundebegegnungen unfallfrei und entspannt übersteht.

Welcher Hund passt (nicht) zu mir?
Wo kommen also die ganzen Frauchen und Herrchen her, die ungeniert ihren kreischenden Terrorwinzling an der Flexi ungebremst in die Gruppe von 30 Kilo-Hunden rasen lassen? Wie kann es also sein, dass der Labbi unangeleint den ängstlichen Hund der Nachbarin zum fünften Mal innerhalb von ein paar Tagen einfach über den Haufen rennen darf? Warum wird der unerzogene passionierte Jagdhund im Wald überhaupt von der Leine gelassen? Warum muss sich Frau XY mit einem Eigengewicht von circa 53 kg unbedingt einen großen Herdenschützer zulegen, den sie im Zweifelsfall sowieso nicht halten kann, und mit diesem unbedingt in der beliebten Auslaufzone flanieren oder ihn in die Stadt zum Bummeln mitnehmen?

Oder sind das alles nur Hundehalter, die wir zu den ewig gestrigen zählen müssen, oder gibt es noch weitere Erklärungsansätze? Sicherlich kann man getrost einige dieser ­Menschen zur Gruppe der Unbelehrbaren rechnen, doch dem Großteil dieser Mensch-Hunde-Teams würde ich das niemals unterstellen. Da greifen noch einige weitere Aspekte, außer den schon genannten.

Immer wieder ist zu beobachten, dass das Verhalten und die ­Kommunikation des Hundes vermenschlichend erklärt wird. Es werden ihm menschliche Überlegungen und Motivationen unterstellt, die der Hund so nicht ­leisten kann. Stellvertretend sei hier nur die Eifersucht oder Geschwisterliebe genannt. Gerne wird dem Hund auch in verschiedenen Alltagsituationen unterstellt, er mache aus bloßem Mutwillen etwas nicht oder widersetzte sich aus purer Berechnung. Hier zeigt sich exemplarisch, dass dem Menschen immer öfter unklar ist, dass er es mit einer anderen Art zu tun hat. Der Hund wird nicht als Hund wahrgenommen, sondern bekommt unabsichtlich die Rolle eines menschlichen Gegenübers. Handelt nun der Hund einfach nur als Hund, können viele Menschen dies nicht nachvollziehen und unterstellen diesem sofort wieder menschliche Motivationen. Das führt zu Verdruss und Unverständnis auf beiden Seiten der Leine.

Ein gesellschaftliches Problem?
Dieses Fehlen von Kenntnis über das Verhalten der Hunde scheint oftmals damit zusammenzuhängen, dass der Mensch immer weniger Bezug zur Natur und ihren eigenen ­Gesetzmäßigkeiten hat. Die städtische Lebensweise und die damit oft verbundene soziale Isolation einerseits sowie die zunehmende Ich-Bezogenheit der Gesellschaft andererseits steuern ihren Teil zum Unverständnis des Hundes bei. Hier erklärt sich nochmals das schon erwähnte teilweise sehr egozentrische Verhalten des Einzelnen gegenüber anderen Hundehaltern in Konfliktsituationen und die Wahrnehmung des eigenen Hundes und seines individuellen Verhaltens. Wir leben mittlerweile in einer Gesellschaft, die das Recht auf das Ausleben der eigenen Bedürfnisse über alles andere stellt. Im Zweifelsfalle auch über das Recht des anderen, und so regiert der Egoismus, die Rechthaberei und das Beharren auf der Wahrung des eigenen Auslebens von Freiheiten. Und dazu gehört natürlich auch, dass ich dem Hund ebenfalls alle Freiheiten an allen Orten und zu jeder Zeit, gewähre. Der Hund muss sich ja ausleben dürfen und benötigt nie eine Begrenzung durch den Halter. Dies wäre aus Sicht so manch eines egozentrischen Hundehalters nicht artgerecht, so ein beliebtes Totschlagargument vom Halter des frei agierenden Rabauken.

Beim Zusammentreffen zweier Artgenossen dieser Brüder im Geiste, die stets die Rücksichtnahme nur für andere proklamieren, sollte man einen gehörigen Abstand einhalten, wenn dies möglich ist. Leider ist gerade das nicht immer machbar in ­unseren städtischen Bereichen und den angrenzenden Freizeitgebieten. Hier will man sich endlich mal vom engen ­alltäglichen Korsett aus Zwängen, Direktiven und Vorschriften lösen, und das gilt natürlich ebenso für den geliebten Vierbeiner. Hier bin ich und hier darf ich sein; auf Teufel komm raus, und das mit den entsprechenden Folgen für ALLE Beteiligten. Wehe dem, der einfach daher kommt und Rücksichtnahme einfordert.

Es folgen die Beleidigungen
Nicht selten wird nach dem unharmonischen Zusammentreffen der Hunde und der Begutachtung des eigenen Fiffis und eventueller Kampfspuren die Bühne für die menschlichen Kontrahenten geöffnet. Üblicherweise wird erst einmal mittels Schuldzuweisungen Front gemacht und damit gleich im Ansatz jedwede Art der kooperativen Kommunikation im Keim erstickt. Da der Andere das natürlich komplett anders sieht und ebenfalls auf sein Recht der uneingeschränkten Freiheit besteht, folgen schnell Drohungen mit und ohne anwaltliche Unterstützung. Wahllos eingestreute persönliche Beleidigungen werden intuitiv und gemäß der Aufregung dieser Situation in unterschiedlicher Färbung eingestreut. All das trägt nicht unbedingt dazu bei, die Situation angemessen zu beenden, sondern schafft die weitere Vorraussetzung dafür, dass es ein weiteres und teures Nachspiel auf einer anderen Bühne geben wird. Jeder Hundehalter, der sich so verhält und seinem Hund grenzenlose Freiheit gewährt, trägt genau damit dazu bei, dass rigide gesetzliche Regelungen unsere Freiheiten immer weiter ­einschränken.

Doch nicht nur die fehlende Einsicht zur gegenseitigen Rücksichtnahme ist der entscheidende Punkt, ­sondern ursächlich dafür ist letztendlich die Verquickung von persönlichen und emotionalen Aspekten mit dem Unvermögen, Hundeverhalten richtig zu interpretieren. Daraus ergibt sich, dass nicht nur ein Umdenken des Hunde­halters sowie ein sozialerer Umgang von Nöten ist, sondern wie so oft die Bildung der Schlüssel zum entspannten Miteinander ist.

Denn so führt das Verstehen von Hundeverhalten und dem situativ angepassten Begrenzen des Hundes zu mehr Freiheit für alle. Ein Hund, den ich abrufen kann, der darf sich auch mal in einem größeren Radius frei bewegen. Ein Hund, der sich ­sozial erfahren durfte und der sicher im Umgang mit Artgenossen ist, kann auch ohne Pöbeleien an der Leine sicher und gefahrlos an anderen Hunden vorbei geführt werden. Ein Hund, der schon aus 50 Metern seinen entgegenkommenden Artgenossen drohfixiert, kann entsprechend ge­sichert und zumindest über Managementmaßnahmen sicher geführt werden. Und so hätte auch der Hund, der drohend fixiert wird, keinen Grund, sich ebenfalls aggressiv an der Leine zu gebärden. Doch dazu müsste der Halter zuerst einmal verstehen, was der Hund gerade macht und was als nächstes daraus resultieren wird, um die Möglichkeit zu haben, adäquat zu reagieren. Das bedingt aber, dass der jeweilige Halter stets wach und mit voller Aufmerksamkeit durch die Welt gehen und seinen treuen Gefährten stets im Blick haben müsste. Da ist wenig Zeit für Träumereien oder das ach so geliebte Multifunktions­handy, mit dem gerade im Chat über Hundeerziehung gechattet wird. Der unübersehbare Vorteil wäre allerdings, dass man seinen besten Freund besser kennen und schätzen lernt, und die Qualität der gemeinsamen Zeit mit dem Hund würde enorm gesteigert. Denn das macht genau den Unterschied aus: bewegt man sich nur zufällig am selben Ort oder ist man MIT dem Hund gemeinsam unterwegs?

So wäre jedem gedient, und es würde zu einem entspannten Umgang mit­einander führen. Und der Tut-Nix wäre ein wirklicher Tut-Nix … denn sein Mensch könnte ihn genau dazu bringen, eben nichts zu tun.

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