Die Gemeinschaftshunde von Tiflis

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Es ist ein Wunder, dass Pachu überhaupt noch lebt, ­erzählt Natia, eine der freiwilligen Helfer, die sich in Tiflis um Straßenhunde kümmern und das Catch-Neuter-­Vaccinate-Release (Einfangen-Sterilisieren-Impfen-Freilassen)-­Programm unterstützen. Dabei krault sie die freundliche ­Straßenhündin mit ihrer deutlich sichtbaren Ohrmarke, die sie als sterilisierten und geimpften Gemeinschaftshund ausweist, hinter dem Ohr.

Im April 2015 finden einige Kinder aus Saburtalo die junge Pachu, nachdem ein Anwohner sie getreten und schwer am Bein verletzt hat. Sie bringen die Streunerin mit Hilfe von Natia zu ­einem Tierarzt. Nachdem sich Pachu von ihrer Verletzung erholt hat, bleibt sie in Saburtalo, wo sie zusammen mit einem so genannten Gemeinschaftshund – ­einem bereits sterilisierten, geimpften und markierten Straßenhund – ­zwischen den Wohnblocks des Viertels lebt und wo Natia und die Kinder sich auch ­weiterhin um sie kümmern. Einige ­Wochen später wird Pachu von Angestellten des städtischen Tierheims eingefangen, nachdem ein Anwohner sich grundlos über sie beschwert und ihre Abholung verlangt hat. „Von den Kindern hier in Saburtalo habe ich gehört, dass Pachu eingefangen und in ein Auto geladen wurde“, erzählt mir Natia. „Ich wusste sofort, dass es Angestellte des städtischen Tierheims waren. Ich bin hingefahren und habe verlangt, dass Pachu zurückkehrt“. Pachu hat Glück, einige Jahre zuvor wäre sie nicht eingefangen sondern getötet worden.

Im Dezember 2014 wird im Georgian Journal ein Artikel veröffentlicht, der sich mit der Situation der Straßenhunde in Tiflis und dem gezielten Abschlachten von Hunden durch eine private Firma in den Jahren 2010 bis 2012 beschäftigt. Demnach wurden im genannten Zeitraum etwa 85.000 Straßenhunde getötet und der Stadtverwaltung in Rechnung gestellt, ohne dass sich die Gesamt­situation dadurch verändert hätte. Unter anderem lag das daran, dass die beauftragte Firma aus Gewinnsucht gezielt nur Rüden tötete. Dieses Vorgehen garantierte, dass es genug Nachwuchs für zukünftige Tötungsaktionen gab. Glücklicherweise wurde diese Praxis in Tiflis inzwischen aufgegeben und durch ein Catch-Neuter-Vaccinate-Release (CNVR)-Programm ersetzt, das unter der Aufsicht der von der Stadtverwaltung Tbilisi eingerichteten Abteilung für Tierkontrolle und -regulierung steht.

In dem Artikel wird der stellvertretende Leiter dieser Abteilung zitiert, der von einer Gesamtzahl von etwa 50.000 Straßenhunden und der gleichen Anzahl von Straßenkatzen in Tiflis ausgeht. Allerdings weist er darauf hin, dass es sich nur um Schätzungen handelt, da es nie eine organisierte Zählung der frei lebenden Hunde und Katzen gegeben hat. „Als ich im Tierheim ankam sagte man mir, dass Pachu erst sterilisiert werden müsse, bevor sie nach Saburtalo zurückkehren darf“, erzählt Natia. Drei Wochen später kommt Pachu aus dem Tierheim zurück nach Saburtalo, mit einer gut sichtbaren Ohrmarke, die sie nun als sterilisierten und gegen Tollwut geimpften Gemeinschaftshund ausweist. Leider werden im städtischen Tierheim von Tiflis die Hunde nur gegen Tollwut, nicht aber gegen andere ­ansteckende Krankheiten geimpft. Und so trifft Pachu nach ihrer Entlassung aus dem Tierheim der nächste Schicksalsschlag – sie hat sich mit Staupe infiziert. Diese Virus­erkrankung verläuft selbst für gut versorgte Haushunde oft tödlich, für Straßenhunde ist sie in der Regel ein sicheres Todesurteil.

„Zusammen mit einem Tierarzt habe ich vier Monate um und mit Pachu gekämpft und wir waren mehr als einmal kurz ­davor sie ­einzuschläfern. Besonders als sie aufgrund der krankheitsbedingten Veränderungen im Gehirn ­aggressiv wurde und anfing sich selber den Schwanz blutig zu beißen. Aber da war etwas in ihrem Blick, wenn sie die anderen Hunde sah, die immer um sie herum waren, das mich davon abgehalten hat, diese endgültige Entscheidung zu treffen.“ Pachus Kampf ist erfolgreich. Nach vier Monaten ist sie wieder gesund und stark; zurückgeblieben ist nur ein liebenswerter Tick – ihre Zunge hängt oft seitlich aus dem Maul und verleiht ihr einen schelmischen Ausdruck. Dr. Mariam Chkhikvishvili, in Tiflis auch als Dr. Marika bekannt, ist Leiterin der veterinärmedizinischen Klinik der Landwirtschaftlichen Universität Tiflis. 2008, zu einer Zeit, als Streuner in Tiflis noch im Auftrag der Stadtverwaltung getötet wurden, gründete sie mit anderen ­Tierärzten den Verein „Homeless Pet Help ­Organization“. Der Verein engagiert sich für ein humanes Bevölkerungsmanagement für Straßenhunde und -katzen. Eines der Ziele: Die Praxis des grausamen Tötens der Tiere zu beenden. 2009 nimmt Dr. ­Marika in London bei der renommierten Tierschutzorganisation Mayhew an einem zweiwöchigen Training teil, um die effektivsten Sterilisationstechniken zu lernen, 2012 hospitiert sie zwei Monate in einer deutschen Tierklinik. Nach ihrem Training in England bleibt sie in Kontakt mit Mayhew und 2013 führt dieser Kontakt zum ersten Besuch eines Mayhew Teams aus Tierärzten und -pflegern in Tiflis, wo seitdem ein starkes und aktives Netzwerk von Behörden, Tierärzten, privaten Tierschutz­organisationen und freiwilligen Helfern entstanden ist.

Heute sponsert Mayhew neben ähnlichen Programmen in Moskau, Kabul, Indien und Nepal auch das CNVR-Programm in Tiflis und die Tierärzte aus England bilden georgische Tierärzte und veterinärmedizinisches Personal vor Ort aus. Außerdem berät Mayhew sowohl die Stadtverwaltung als auch private Tierschutzorganisationen bei der Errichtung von Tierheimen. So gilt das von der privaten „Dog Organization Georgia“ errichtete Tierheim am Lisi Lake mit der konsequenten Umsetzung westeuropäischer Behandlungs-, Haltungs- und Hygienestandards als Mustertierheim in Georgien. In diesem Netzwerk spielen freiwillige Helfer wie Natia eine wichtige Rolle. Sie ­kümmern sich um die Gemeinschaftshunde vor Ort und informieren die Behörden und Tierschutzorganisationen, wenn deren Eingreifen erforderlich ist, zum Beispiel, wenn Tiere krank sind oder wenn ein Wurf junger Straßenhunde gesichtet wird, die ins CNVR-Programm aufgenommen werden sollen. Viele der Gemeinschaftshunde tragen neben ihren Ohrmarken auch Halsbänder mit Anhängern, auf denen die Telefonnummern der jeweils zuständigen freiwilligen Helfer zu finden sind.

Es sind auch die freiwilligen Helfer, die mit der Stadtverwaltung und den Verwaltungen der öffentlichen Grünanlagen verhandeln, um geeignete Schutzhütten für die Gemeinschafts­hunde für den Winter zu bekommen und ihre allgemeinen Lebensbedingungen zu verbessern, und die versuchen, für die Hunde ein dauerhaftes Zuhause zu finden. „Ich wünsche mir, dass alle Menschen hier in Tiflis die ­Straßenhunde akzeptieren und besser behandeln.“ Natia ist offensichtlich nicht glücklich über einige ihrer Mitmenschen in Tiflis. Alle am CNVR-Programm Beteiligten sind sich einig, dass es noch viel zu tun gibt. Obwohl eine große Mehrheit der Einwohner den Gemeinschaftshunden freundlich gegenübersteht und sie auch füttert – es gibt auch Gegner des Projekts, die am liebsten alle frei lebenden Hunde aus dem Stadtbild tilgen würden. Eine unrealistische Forderung unter den gegebenen Umständen in Tiflis.

Hier ist noch viel Aufklärungsarbeit erforderlich, um diesen Gegnern zu verdeutlichen, dass es besser ist mit den gesunden und sterilisierten Hunden zu leben, als wieder zum vorherigen Zustand mit teilweise kranken und sich unkontrolliert vermehrenden Tieren zurückzukehren. Auch das Verantwortungsbewusstsein privater Hundehalter muss noch geschärft werden. Die meisten privat gehaltenen Hunde in Tiflis sind nicht sterilisiert, jeder ungewollte Nachwuchs landet wieder auf den Straßen von Tiflis. „Dog Organization Georgia“ hat angefangen an Schulen zu unterrichten, um genau dieses Verantwortungsbewusstsein zu erreichen. Ein vielversprechendes Projekt, das in Zukunft auf weitere Schulen ausgedehnt werden soll. Ein weiter Weg – aber selbst die längste Reise beginnt mit einem ersten kleinen Schritt.

Zurück in Saburtalo schwärmt Natia von Pachu. „Sie ist einfach unglaublich, immer gut drauf, immer freundlich zu anderen Hunden und Menschen. Ihr ist es zu verdanken, dass sich einige ursprünglich sehr scheue und ängstliche Gemeinschaftshunde heute völlig verändert haben und keine Angst mehr vor Menschen haben“. Drei Welpen springen um Pachu herum, einige Mädchen im Teenageralter spielen mit Pachu und den Welpen. „Obwohl Pachu sterilisiert ist, hat sie einen extrem ausgeprägten Mutterinstinkt. Diese drei Welpen sind nicht die ersten, die von Pachu aufgezogen werden. Sie hat sogar schon mal einen Wurf verlassener Katzen adoptiert und groß gezogen“. Man merkt Natia deutlich an, wie stolz sie auf den jungen Gemeinschaftshund ist, der allen Widrigkeiten zum Trotz nicht aufgegeben und erfolgreich um sein Leben gekämpft hat. Und man merkt Natia an, wie wichtig es ihr ist, ihren Beitrag zum langfristigen Erfolg des CNVR-Programms in Tiflis beizutragen.

Pdf zu diesem Artikel: gemeinschaftshunde_tiflis

 

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