Die Kastration von Hunden aus rechtlicher Sicht

0
1688

Die Kastration von Hunden wird gegenwärtig – u.a. im WUFF-Forum sowie in zahlreichen Leserbriefen zum Thema – heiß diskutiert. Ausgelöst wurde diese Debatte einerseits durch die Artikel von Strodtbeck/Gansloßer über die Kastration des Rüden (WUFF 12/10) sowie diejenige der Hündin (WUFF 2/11) aus verhaltens­biologischer Sicht, andererseits durch den Artikel von Specht (WUFF 6/11), der mehr auf die gesellschaftspolitische und auf die Sicht des ­Tierschutzes abstellt.

In welche Richtung nun auch immer tendiert wird – entscheidend ist, was rechtlich erlaubt ist und was nicht. Denn das deutsche Tierschutzgesetz verbietet zunächst einmal in § 6 Abs. 1 S. 1 das vollständige oder teilweise Amputieren von Körperteilen oder das vollständige oder ­teilweise Entnehmen oder Zerstören von Or­ganen oder Geweben eines Wirbeltieres. Damit ist die ­Kastration grundsätzlich verboten.

Das Gesetz sieht von diesem Grundsatz – sinnvollerweise – Ausnahmen vor. So gilt das sog. Amputationsverbot gem. § 6 Abs. 1 S. 2 Nr. 1 a) TierSchG nicht, wenn ein Eingriff im Einzelfall nach tierärztlicher Indikation geboten ist. Dies ist bspw. dann der Fall, wenn eine Hündin unter einer Gebärmuttervereiterung leidet und die operative Entfernung der Gebärmutter der einzige Weg ist, das Leben der Hündin zu retten (Kluge-Hartung, Tierschutzgesetz, § 6 Rn 3). Keine tierärztliche Indikation liegt hingegen vor, wenn bei weiblichen Windhunden, nur um deren Rennleistung von den zur Läufigkeit auftretenden hormonellen Leistungsschwankungen unabhängig zu machen, eine Kastration erfolgen soll (Kluge-Hartung, a.a.O.). Zwischen diesen beiden eindeutigen Fällen gibt es natürlich Sachverhalte, die nicht so einfach zu entscheiden sind. Darum lässt die gesetzliche Formulierung „nach tierärztlicher Indikation geboten“ natürlich einen gewissen Spielraum zu. Dessen Ausgestaltung darf allerdings nicht dazu führen, dass Wünsche des Halters nach bloßen Haltungserleichterungen oder das Begehren, jeder nur denkbaren künftigen Erkrankung vorzubeugen, den Ausnahmetatbestand der tierärztlichen Indikation in sein Gegenteil verkehren (vgl. Lorz/­Metzger, ­Tierschutzgesetz, § 6 Rn 10).

Neben der vorbeschriebenen, eher an Krankheiten orientierten Ausnahme vom Amputationsverbot, gilt dieses Verbot gem. § 6 Abs. 1 S. 2 Nr. 5 TierSchG auch dann nicht, wenn

„zur Verhinderung der unkontrollierten Fortpflanzung oder – soweit tierärztliche Bedenken nicht entgegenstehen – zur weiteren Nutzung oder Haltung des Tieres eine Unfruchtbarmachung vorgenommen wird.“

Das Gesetz sieht mithin zwei weitere Ausnahmen vor:

1. Die Verhinderung un­kontrollierter Fortpflanzung
Der (Bundes-) Gesetzgeber hat ­diesen Ausnahmetatbestand mit dem Erfordernis begründet, aus Gründen des Tierschutzes, des Naturschutzes, des Jagdschutzes und der öffentlichen Sicherheit und Ordnung die un­kontrollierte Fortpflanzung von Tieren einzuschränken (BT-Drucks. 13/7015 S. 18). Aus Tierschutz­gründen kann bspw. die ­Kastration von Katzen (insbesondere frei lebenden oder sog. „Freigängern“) gerecht­fertigt sein, nicht hingegen diejenige von Hunden, da sich die ­unkontrollierte Fortpflanzung auch durch Aufsichtsmaßnahmen, zeitweiliges Einsperren etc., also mit ­schonenderen Maßnahmen, erreichen lässt (so jedenfalls Hirt/Maisack/Moritz, Tierschutzgesetz, § 6 Rn 20).

Höchst problematisch sind in diesem Zusammenhang Hundegesetze oder -verordnungen, welche die Unfruchtbarmachung bestimmter Hunderassen vorschreiben. Denn diese Regelungen sind nicht aufgestellt worden, um die unkontrollierte Fortpflanzung zu unterbinden, sondern um die Vermehrung dieser Rassen per se zu untersagen. Dies hat indes mit dem Ausnahmetatbestand überhaupt nichts zu tun, sodass diese landesrechtlichen Bestimmungen gegen das Amputa­tionsverbot verstoßen dürften. Dies ist allerdings schwerlich mit Art. 31 unseres Grundgesetzes („Bundesrecht bricht Landesrecht“) zu vereinbaren (so auch Kluge-Hartung, a.a.O. § 6 Rn 6; Lorz/Metzger, a.a.O. § 6 Rn 38).

2. Unfruchtbarmachung zur ­weiteren Nutzung oder Haltung des Tieres
Bei diesem Ausnahmetatbestand geht es vor allem um den Zweck einer zumutbaren Haltung (Kluge-Hartung, a.a.O. § 6 Rn 6), also ­darum, die Verträglichkeit mit anderen Tieren zu gewährleisten oder aber die Gefährlichkeit für Menschen zu minimieren (Lorz/Metzger, a.a.O. § 6 Rn 38). Auf dieser Grundlage kann die Kastration eines Hundes im Tierheim gerechtfertigt sein, ebenso diejenige eines für die Zucht nicht mehr verwendbaren Hundes, um ihn weiter halten zu ­können (vgl. Lorz/Metzger, a.a.O. § 6 Rn 38). Allerdings steht diese Ausnahme unter dem Vorbehalt, dass „tierärztliche Bedenken nicht ent­gegenstehen“ dürfen. Derartige Bedenken sind am Wohl des Hundes auszurichten, d.h. wenn es mildere Mittel anstelle einer Kastration gibt, so hat letztere zu unterbleiben.

Fazit
In Fällen tiermedizinischer Indikation ist eine Kastration gerechtfertigt. Der bloße Wunsch nach einer ­leichteren oder einfacheren Haltung reicht grundsätzlich nicht aus, vor allem dann nicht, wenn es andere zumutbare Mittel gibt, einen Hund weiter halten zu können.

KEINE KOMMENTARE

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT