Diskussion mit Thomas Baumann: – Über Cesar Millan und die moderne Hundeerziehung

0
4972


Die WUFF-Diskussion über die Methoden des US-amerikanischen (nach eigenen Worten) Hundeflüsterers reißt nicht ab, Pro- und Contra-Stimmen prallen oft hart aufeinander. Im folgenden Beitrag äußert sich auch der bekannte Buchautor Thomas Baumann dazu und führt die Diskussion weiter zu grundsätzlichen Fragen der ­Hundeerziehung. Ist eine Konditionierung von Verhaltensweisen mit Leckerlis nichts anderes als ein materielles Tauschgeschäft ohne erzieherische Grundlage? Ist eine Erziehung ohne jegliche Form von Zwängen überhaupt hundegerecht oder ist sie erst recht der schleichende Beginn von Verhaltensauffälligkeiten?

Die aktuelle WUFF-Diskussion um Cesar Millan und dessen Wirken lässt die sehr unterschiedlichen Blickwinkel der Beteiligten in einem interessanten Licht erscheinen. Wer sind nun eigentlich die „Guten“? Ist es vielleicht Cesar Millan, der ja offensichtlich mit seiner umstrittenen Strategie und Methodik schon bei zahlreichen Vierbeinern als Lebensretter aufgetreten war? Oder sind es all die anderen, die ­behaupten, man hätte all diese Vierbeiner auch mit alternativen und vor allem sanfteren Methoden ebenfalls retten können?

Pragmatische und damit auch bodenständige Hundetrainer werden sicher diese Diskussion unaufgeregt und damit mit Gelassenheit verfolgen. Denn sie wissen zum einen, dass Cesar Millan herausragende Kompetenzen im Umgang mit besonders ­schwierigen Hunden hat. Sie wissen aber auch, dass zumindest bei einem Teil dieser Hunde alternative Methoden ebenso effektiv und auch nachhaltig, aber letztlich tiergerechter und weniger zwanglastig verlaufen würden. Auch ich habe als außenstehender Betrachter hin und wieder das Gefühl, dass das Vorgehen von Cesar Millan vereinzelt sehr angepasst, vereinzelt aber auch einem „mit-Kanonen-auf-Spatzen-schießen“ gleicht. Würde jeder Einzelfall gesondert geprüft werden, den Cesar Millan zu bearbeiten hatte, käme man sicher auch auf ein verteiltes Ergebnis im Sinne von Positiv und Negativ.

Nachahmung gefährlich!
Gefährlich in jedem Fall zeigt sich das wenig differenzierte Nachahmen der Millan-Methoden vor allem bei unerfahrenen Hundetrainern. Bei einem großen Teil dieser Zielgruppe ist Cesar Millan unumstrittenes Idol, wenn es um den Umgang mit schwierigen, insbesondere aggressiven Hunden geht. Dabei sollte jeder ­Hundetrainer wissen: je größer sein Idol, umso weniger kann er seine eigene Trainerpersönlichkeit entwickeln! Und umso mehr wird er im Umgang mit Hunden Schaden anrichten.

Die Frage, ob Cesar Millan letztlich zu den Guten gehört, lässt sich deshalb aus den genannten Gründen kaum realistisch beantworten. Und genau deshalb distanziere ich mich persönlich vom Tunnelblick derer, die ihn und seine Arbeit ausschließlich schlecht reden oder gegenteilig, uneingeschränkt verherrlichen.

Wie „gut“ kann man sein?
Doch blicken wir einmal hinter die Kulissen derer, die immer vorgeben, zu den Guten zu gehören. Dazu sind all diejenigen zu zählen, die sich öffentlich gegen Zwänge sowohl in der Hundeerziehung als auch im Umgang mit schwierigen Hunden aussprechen. Doch wie „gut“ kann man sein, wenn man als Autor in einer Hundezeitschrift dem Leser euphorisch wirkend suggeriert, man könne unter anderem mit Tauschgeschäften bei ressourcen­aggressiven Hunden mit 100% Erfolg rechnen. Jeder erfahrene Hundetrainer, der im Umgang mit aggressiven Hunden geübt ist, wird diese Aussage als unsinnig zurückweisen. Eine der­artige Erfolgsquote ist unter sachlicher Berücksichtigung lernbiologischer Aspekte in der Theorie zwar denkbar, in der Praxis jedoch unmöglich. Die sogenannte Interessenkollision des Hundes, die ja aus teilweise genetisch dispositionierten und aus hormonellen Gründen sowie aus individuellen Erfahrungswerten resultiert, lässt niemals eine derart hohe Erfolgsquote zu. Insbesondere Hunde, die sich in einem sogenannten „roten Bereich“ befinden, können und dürfen auch so nicht gearbeitet werden.

Übrigens findet man die Ursache für derart euphorische Argumentationen in Sachen Zwanglosigkeit meistens bei Hundetrainern, die als ­Grundlage für ihr Handeln ein überwiegend ideologisch strukturiertes Fundament aufweisen. Diese Hundetrainer nur deshalb als „gut“ zu bezeichnen, weil sie auf Zwänge verzichten, lässt auf eine sehr einseitige und oberflächliche Denkweise schließen.

Tauschgeschäfte sind nicht Erziehung
Nüchtern betrachtet ist eine Konditionierung von Tauschgeschäften als Umgangs- und ­Erziehungsmethode mehr als fragwürdig, denn diese offensichtlichen Deals haben keine erzieherische Grundlage. Erziehung steht nach persönlicher Überzeugung auf einer überwiegend sozialen Basis, während Deals materielle Hintergründe aufweisen (Ich gebe dir …, und dafür bekomme ich …). Tauschgeschäfte sind konditionierte Verhaltensmechanismen, die zum einen nicht immer zuverlässig funktionieren und zum anderen mit Erziehung kaum etwas zu tun haben.

Mein gedankliches Fazit: Der durch Cesar Millan favorisierte Umgang mit Hunden ist sicher nicht frei von Makeln, da im Einzelfall durch den für jeden erkennbaren Druck und durch erhebliche Zwänge der Sozialpartner Hund in seiner Lebensqualität unverhältnismäßig eingeschränkt werden kann.

Latente Tierquälerei ohne Täter?
Die angeblich moderne Hunde­erziehung hat jedoch den unverkennbaren Makel von Dealer-Junkie-Strukturen, die letztlich die Lebensqualität von Mensch und Hund nur auf den ersten Blick erhöhen. Bei genauerem Hinsehen jedoch beginnt für viele Hunde mit einer zwangfreien Erziehung ein schleichender Prozess in Richtung Verhaltensauffälligkeiten.

Wir alle kennen die offensichtlichen Merkmale der Tierquälerei. Schläge, Tritte, Stöße, erhebliche Schmerz­reize oder auch soziale Vereinsamung gehören beispielsweise dazu. Doch es gibt auch latente (verborgene) Merkmale tierquälerischer Aspekte. Die sind vor allem im neuzeitlichen Umgang mit Hunden ­festzustellen. Verzicht auf Reglementierungen, ­Verzicht auf Zwänge und auch Methoden zur Stress- und Konfliktvermeidung sind im Training und auch in der Therapie in den vergangenen Jahren in Mode gekommen. Wenn zwangfreie Methoden nicht funktionieren, bleiben letztlich immer ­wieder Tierheim oder schlimmstenfalls Euthanasie.

Diese für viele Hunde mit einem enormen Leidensweg verbundenen Umgangsformen gehören zu einer sehr modernen Form der Tierquälerei, bei der es augenscheinlich keine Täter gibt. Wer somit letztlich im Trainer­bereich die „Guten“ sucht, sollte weniger darauf achten, wie „gut“ sich jemand darstellt, sondern wie nachhaltig (!) erfolgreich er einen Beitrag zur Erhöhung einer Lebensqualität von Mensch und Hund leisten kann. Ein permanent blumengeschmückter Weg allein führt bekanntermaßen nicht zum Lebensglück.


HINTERGRUND

Dieser Beitrag von Thomas Baumann bezieht sich auf den Artikel „Cesar Millan – Phänomen oder Polarisieren als Mittel zum Zweck“ des Hunde­psychologen Thomas Riepe in WUFF 7-8/2013 und die darauf ­folgende sehr kontro­verse Diskussion in WUFF 9/2013.

KEINE KOMMENTARE

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT