Diskussion: Phänomen Cesar Millan – Starke Kritik an WUFF …

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Die ungewöhnlich starke mediale Print- und TV-Präsenz des US-amerikanischen »Hundeflüsterers« Cesar Millan sowie auch das sehr große Interesse vieler Hundehalter, wie es sich in zahlreichen Diskussionen zeigt, hat WUFF erstmals 2013, dann 2017 und zuletzt Anfang dieses Jahres dazu bewogen, über dieses »Phänomen« zu berichten und auch konträre Stellungnahmen zu publizieren. Roman Huber, Betreiber einer Hundeschule im schweizerischen Kanton Aargau und Mitglied der »Initiative für gewaltfreies Hundetraining« (IGH), kritisiert WUFF dafür und sieht hinter dieser Berichterstattung fehlende Kompetenz und eine mediale Jagd nach Quoten. Eine heftige Kritik an WUFF sowie die Antwort des WUFF-­Herausgebers.

Zu den Trainingsmethoden von Cesar Millan ist eigentlich jede Fachdiskussion überflüssig. Es gibt meines Erachtens kaum einen anerkannten Verhaltensbiologen, der das, was der »Dog Whisperer« mit Hunden in seinen TV-Shows anstellt, gutheißen würde, von den Tierschutzorganisationen ganz zu schweigen.

Interesse der Medien
Dass sich die Medien wiederholt für Millans PR-Aktionen einspannen lassen, liegt einerseits an fehlender Kompetenz, andererseits an verlockenden Quoten, weil Millan polarisiert. Wenn ein Fachmagazin wie das WUFF nach umfangreicher Debatte (2013) und weiteren Beiträgen (2017) in der Ausgabe 1/20 das Thema »Millan« erneut auftischt, dürfte das selbst dessen Fans befremdet haben. Dies vor allem darum, weil Sunny Benett, bekannte akademisch ausgebildete österreichische Kynologin, im »Kontra« mit laienhaften Mythen des TV-Hundeflüsterers aufräumt. Im Gegensatz dazu geht die »Pro«-Schreiberin nicht ansatzweise auf die Interventionen ihres Protagonisten ein wie Kicks, Schläge, Würgeleine, »Pack Leader Collar« (beeinträchtigt nebst Würgeeffekt die Blutzufuhr zum Gehirn), Elektro-Halsband und weitere aversiven Mittel.

Leider verpasst es der »WUFF«-Autor diesmal, »Pro« und »Kontra« einzuordnen. Schlimmer noch: Er lobt Millan, weil er gefährliche Hunde therapiere, an die sich keine anderen Trainer heranwagen würden, und stellt sich damit gegen die »Kontra«-Schreiberin. Diese Behauptung ist zudem ein Affront gegenüber nonaversiv arbeitenden Verhaltenstrainern und -trainerinnen, die sich auf seriöse Weise schwierigen Hunden widmen, die oft mit gewaltsamen Methoden zu Problemhunden gemacht worden sind.

Das Phänomen und dessen Gefolgschaft
Das Phänomen Millan beginnt mit der Tellerwäscher-Geschichte des USA-Einwanderers aus Mexiko, der sich zuerst mit Hundehüten und -frisieren durchs Leben schlägt und eine Schauspielerin kennenlernt, die ihn als Hundebändiger fördert. Der sympathisch erscheinende »Leader of the Pack« (»Rudelführer«, ein irreführender Begriff) wird im Fernsehen zum Vorbild jener Hundebesitzer, die sich zuvor nicht vertieft mit dem Wesen und Verhalten dieses Tieres befasst haben. Sie glauben nun an die Methoden ihres Idols, ganz gleich, ob Fachleute wie der amerikanische Biologe Marc Bekoff vor deren Gefahren warnen.

Die Psychologie erklärt das Phänomen: Durch »National Geographic« sei Millan zum Star geworden, was ihn – ohne jegliche Ausbildung – in den Expertenstatus gebracht habe. Ein Fan, der sich Hunde-Wissen aneignen möchte, sich aber damit nicht kritisch auseinandersetzt, gerät in eine Expertengläubigkeit, obschon sein Idol die Kriterien eines Experten nicht erfüllt. Das kann bis zur Verblendung führen. Wer in der Sache so überzeugt wurde, ist nicht mehr in der Lage, sein Denken zu reflektieren oder objektiv zu beurteilen. Man nennt das den »Dunning-Kruger-Effekt«, benannt nach zwei amerikanischen Psychologen.

Dieses Phänomen ist durchaus auch bei Cesar Millan zu beobachten: In einem
autorisierten Interview (2017) gibt Cesar Millan auf zwei kritische Fragen aus verhaltensbiologischer Sicht völlig abstruse Antworten:
Frage: »Warum führen Sie den Hund in Ihren TV-Shows in Stresssituationen?«
Millan: »Weil es Teil der Rehabilitation ist. Das ist der Unterschied zwischen dem, was ich machen kann, wenn ich in diesem Moment der Flucht den Hund in den Zustand der Kapitulation bringe.«
Frage: »Der Hund stellt sein Verhalten aber nur ein, weil er keine Schmerzen mehr erleiden möchte.«
Millan: »Der Schmerz ist nicht unbedingt physisch, es ist nicht realer Schmerz. Es geht um den Übergang von der Kampf- zur Fluchtphase. Ziel ist, dass der Hund aufgibt. Es ist dieser Übergang im Gehirn bis zum Moment, in dem der Hund sagt: ‚Ich will nicht mehr kämpfen‘«.

»Wattebauschwerfer« als Auslöser der Kontroverse?
Im Editorial des WUFF 1/20 wird in der Kontroverse »Gewalt oder keine Gewalt« die »Wattebausch-Fraktion« angegriffen. Mit »Wattebausch-Werfer« – ein Begriff, dem eine gewisse Verächtlichkeit anhaften soll – sind diejenigen gemeint, die einen tiergerechten, empathischen Umgang mit Hunden pflegen und auf jegliche Gewalt verzichten, was nichts mit »Laisser-faire« zu tun hat. Dank positiver Verstärkungsarbeit, Voraussicht, fairer Konsequenz und Klarheit erlangt ihr Hund im Alltag eine hohe Selbstwirksamkeit.

Im Editorial fällt auch die Frage nach einer »Mitte in der Hundeerziehung«, der Mitte zwischen sanftem Umgang, also »keiner Gewalt« und »brutaler Gewalt«. Die Antwort ist klar: Gewalt hat in der Kooperation mit dem Hund nichts zu suchen, bei keiner Rasse, weder beim jungen noch beim alten, und erst recht nicht bei einem verhaltensauffälligen oder traumatisierten Hund.
Zurück zum Fernseh-Hundecoach: Aufgeklärte Hundehalter kaufen TV-Trainern nicht mehr ab, was ihnen als Lösung vorgesetzt wird – besonders dann nicht, wenn der Hund ein zuvor lange gezeigtes Verhalten ganz plötzlich einstellt. Sie hinterfragen die Methoden solcher Schnellverfahren und ziehen auch die mittel- oder langfristigen Folgen in Erwägung. Eine fachlich korrekte Verhaltenstherapie geht das Problem von der Ursache an, unter Einbezug aller Faktoren, insbesondere der Gesundheit als möglichem Auslöser eines Verhaltens, und verändert dieses auf positivem Weg.

Der betrogene TV-Zuschauer
Der Zuschauer muss wissen, dass er nur diejenigen Bilder zu sehen bekommt, die Erfolg suggerieren und Quoten bringen. Alles, was dazwischen abläuft, was nicht ins Erfolgskonzept passt oder schiefläuft, was der Hund später zeigt, bleibt dem Zuschauer verborgen. Man weiß inzwischen, dass in eine TV-Folge involvierte Personen eine Stillschweigevereinbarung unterzeichnen müssen.

Was im TV zählt, ist nicht Hundewissen, sondern Unterhaltung. Dafür braucht es die passende Inszenierung und Dramaturgie. Der zähnefletschende, bellende, in die Leine springende Hund führt dem Laien vor Augen: Da hilft nur das harte Durchgreifen des Hundeflüsterers. Für diese Bilder werden die Hunde bewusst in Konfliktsituationen gebracht, zusätzlich gereizt, damit sie reagieren müssen. So erachtet der unbedachte Zuschauer die gewaltsamen Mittel als gerechtfertigt und hofft mit, dass der Hund kapituliert. Danach wird er in dieselbe Situation geführt – und er reagiert nicht mehr, weil er Angst vor den Schmerzen hat, vor seinem Peiniger, der ihn dann stolz lächelnd als therapiert beschreibt.

Therapiert? Nein, denn, wenn der Schmerz zu wenig stark war, funktioniert es bereits am andern Tag nicht mehr. Vielleicht funktioniert es eine Weile, bis der Hund irgendwann, aus irgendeinem Grunde wie eine Zeitbombe explodiert und massiv reagiert. Auf diese Gefahren weisen mehrere wissenschaftliche Studien hin, so die Forscherinnen Meghan E. Herron und B. J. Casey (et al. 2013). Sie stellten in ihren Studien fest, dass die meisten Hundebisse durch Tiere verursacht worden sind, die mit Gewalteinwirkung erzogen wurden.

Worum geht es?
Worum geht es denn im Umgang mit einem Hund, was zählt im Zusammenleben von Hund und Mensch? Sind es Bewegung und Disziplin, wie es Cesar Millan an erste Stelle setzt? Muss der Hund erst eingeschüchtert und dann unterworfen werden? Sicher Nein! Für jedes Tier steht die Sicherheit zuoberst. In der zwischenartlichen Beziehung Mensch-Hund setzt Sicherheit Vertrauen voraus. Da werden Probleme niemals mit Gewalt, Einschüchterung oder Strafe gelöst, sondern mit Verständnis, Geduld, der notwendigen Unterstützung und über positive Verknüpfungen.
Nochmals zu Millans TV-Serie: Auf dem Bildschirm erscheint etwa die Einblendung »Bitte wenden Sie unsere Methoden nicht ohne den Rat eines Fachmanns an!«. Das wäre die richtige Lösung, denn weder ein Fachmann noch eine Fachfrau würden sie anwenden. Wer´s nicht glaubt, schaltet bei der nächsten Folge den Ton aus und beobachtet, was ihm der Hund an Ausdrucksverhalten zeigt.

Mangelnde Kompetenz & Quotenjagd?

WUFF ist dafür bekannt, kontroverse Themen aufzugreifen und auch gegenüber WUFF kritische Stimmen nicht zu verstecken, so wie diesen Leserbeitrag »Phänomen Cesar Millan« von Roman Huber als Stellungnahme der «Initiative für gewaltfreies Hundetraining» (IGH). Dieser Beitrag enthält jedoch einiges, das WUFF-Herausgeber Dr. Hans Mosser so nicht stehen lassen will.

In meinem Editorial in WUFF 1/2020 habe ich aus meiner Sicht nicht, wie mir in dem Beitrag von Roman Huber vorgeworfen wird, die »Wattebausch-Fraktion« angegriffen, noch mit diesem Begriff Menschen gemeint, »die einen tiergerechten, empathischen Umgang mit Hunden pflegen und auf jegliche Gewalt verzichten«. Vielmehr habe ich bloß einen Begriff zitiert, der, wie ich festgestellt habe, »von manchen« als Bezeichnung für eine »übertriebene Sanftheit« gegenüber dem Hund als Gegensatz zu der »Starkzwang-Fraktion« verwendet wird. Anschließend habe ich im Editorial meine Meinung dazu dargestellt: »Natürlich müssen einem Hund – so wie ja auch in der Kindererziehung – Grenzen beigebracht werden, darf er nicht immer und überall das tun, was er gerade will. Und ich kann mir allerdings schwer vorstellen, dass ein Hund ausschließlich mit motivierenden Leckerlis erzogen und ausgebildet werden kann. Denn motivieren kann ich ja immer nur zu etwas hin, also zu einem bestimmten Verhalten hin. Wenn ein Hund jedoch etwas Bestimmtes nicht tun darf, sei es weil es ihn oder andere gefährdet oder weil wir es einfach nicht wollen, dann wird ein Leckerli für ihn wenig motivierend sein im Fall konkurrierender Interessen. Genausowenig aber halte ich einen mit Gewalt erzogenen und ausgebildeten Hund für wirklich sicher, wie ja auch die Erfahrung zeigt – und ganz abgesehen vom tierethischen Aspekt«. Dies nur als kurzer Beleg, worum es mir ging.

WUFF »lobt« Millan?
Aber auch die Aussage, wonach der WUFF-Autor Millan lobe, entbehrt einer Grundlage. WUFF-Autor Gerald Pötz lobt Cesar Millan keinesfalls, sondern stellt lediglich fest, »dass er auch stark verhaltensauffällige und aggressive Hunde ‚behandelt‘, die sonst kaum ein Trainer annimmt, oder die als untherapierbar abgestempelt werden.« Auch ergänzt er, »Ob es für diese Hunde nicht auch andere – weniger brutale – Erziehungsmethoden gibt«. Von einem »Lob« oder gar einer Hinwendung zur Pro-Millan-Seite ist also keine Rede.

Missverständliches im Editorial
Ich stehe allerdings nicht an, ein missverständliches Beispiel in meinem Editorial 1/2020 gebracht zu haben, wonach ich als das rechte Maß die Mitte zwischen »übertriebener Sanftheit« und »brutaler Gewalt« bezeichnet habe. Liest man diesen Satz außerhalb seines Zusammenhangs, kann er falsch verstanden werden. Meine Ablehnung von Gewalt gegenüber Hunden kommt ebenso wie meine generelle Einstellung zu Tieren, zur Tierethik und zum Tierschutz nicht nur in diesem Editorial, sondern in nahezu allen meinen Artikeln zum Ausdruck. Dennoch habe ich die Kritik von Roman Huber ernst genommen und habe in meinem Editorial 2/2020 diesen missverständlichen Vergleich mit der Mitte zu klären versucht, da auch ich für einen tiergerechten empathischen Umgang mit Hunden und gegen die Anwendung von Gewalt eintrete.

Fehlende Kompetenz und Quotenjagd
Diese beiden Vorwürfe gegenüber WUFF sind natürlich »starker Tobak«. Auf sie konkret einzugehen, muss sich aus Platzgründen erübrigen. Aber das können Sie ohnehin selbst besser beurteilen, wenn Sie WUFF regelmäßig lesen. Festhalten möchte ich aber abschließend klar und eindeutig, dass WUFF die Methoden Cesar Millans, so wie sie in seinen zahlreichen TV-Beiträgen zu sehen sind, als tierschutzrelevant ablehnt. Wenn der Artikel von Roman Huber diesbezüglich Zweifel erweckt hat, sollten diese nun ausgeräumt sein. Daher sind auch solche Beiträge von großer Wichtigkeit.

Hans Mosser, Herausgeber WUFF

Pdf zu diesem Artikel: diskussion_huber

 

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