Diskussion: Selbsternannte Hunde-Gurus: Mit Angst und Panik erziehen?

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Ist es in der heutigen Zeit nicht unglaublich, dass Menschen ihre vierbeinigen »Lieblinge« auf den Rücken werfen, auf den Boden drücken, würgen, treten, anschreien oder am Nackenfell schüttelnd in Todesangst versetzen, um ihnen beizubringen, dass der sich so gebärdende Mensch als Elternteil ernst genommen werden soll und sich so Respekt verschaffen will? Im Folgenden ein Diskussionsbeitrag von Ingrid Blum.

Wir wissen, dass der Begriff »Alphawolf« veraltet ist und seine Existenz nichtig. Das interessiert jedoch so gut wie keinen, der danach strebt, Macht über einen anderen auszuüben. Solche Menschen wissen nicht einmal, wie der Begriff »Alphawolf« entstanden ist. Sie kennen den Unterschied von Beobachtung an Gehegewölfen und Freilandforschung nicht. Sie wissen auch nicht, dass Wolfhunde entstanden sind, weil man in den Kriegsjahren mehr Aggressivität in den Hund bringen wollte, und sie wissen auch nicht, dass dies gänzlich schief gelaufen ist, weil der Wolf in diesen Hunden dem Wildtier gemäß eher unsicher zurückziehend im Umgang mit Fremdem ist.

Der Mensch wird dem Welpen Elternteil
Zum Einen ist es biologisch nicht vorgesehen, dass Welpen von ihren Müttern getrennt werden, um menschlichen Händen ausgeliefert zu sein. Dass Hundekinder nach der »Entwöhnung« bereit sind, auf eigenen Pfoten das Leben zu meistern, ist Unsinn. Zum Andern hat uns die Forschung am Haushund in den vergangenen 15 Jahren viel neues Wissen eröffnet, welches wir sinnvoll umsetzen können, um so dem Hund gerechter zu werden, wovon im Alltag Hunde und Menschen profitieren. Der Mensch wird also zum Elternteil und hat damit für den von seiner Mutter entrissenen Welpen liebevolle Verantwortung zu tragen. Dass Menschen bessere Hundeeltern sind als die echten, ist bis heute ein gern geglaubtes Märchen besonderer Arroganz.

Das Schwierigste nach der Adoption ist es, das Vertrauen des Hundes zu gewinnen, ihm die Mutter zu ersetzen(!), konsequent liebevoll sein hundliches Verhalten in – aus menschlicher Sicht – annehmbare Bahnen zu lenken und seine Motivation für das Entdecken im Alltag schützend zu begleiten und Gefahren abzuhalten. In jeder Sekunde des Zusammenlebens sind vertrauensvolle Authentizität sowie Empathie des Menschen Basis für die so wichtige Bindung.

Wenn wir nicht wissen, wie Hunde sich entwickeln, welche sensiblen Phasen sie wann durchleben, warum Stress in den ersten zwei Jahren permanent der »perfekten Erziehung« im Wege steht und wie wir Vertrauen in uns und unserem Schützling aufbauen können, bekommen wir Probleme, weil der Hund sich so anders verhält, als wir uns dies gerade wünschten. Je nach Rasse bekommt man dann Ratschläge von »Fachleuten« wie: »Dem musst du zeigen, wer der Chef ist«, »du bist der Alpha!«, »er testet seine Grenzen aus«, »diese Rasse braucht eine starke Hand« oder sonstigen Müll zu hören.

Angst und Panik als Erziehungsmittel?
Die Idee, Hunden Angst und Panik einzuflößen, um dann zu glauben, sie würden besser mit dem Peiniger kooperieren, kann nur unwissenden Menschenköpfen entstammen. Noch schlimmer sind Diejenigen, welche ungeprüft, ohne eigenes Wissen und ohne kritisches Hinterfragen einem selbst ernannten Guru glauben und mal am eigenen Hund »ausprobieren« lassen, ob die Vorschläge etwas bringen. Dass der Hund kein Staubsauger ist, an dem man mal etwas ausprobieren kann, ist in diesem Moment für den gefühllosen Hundehalter egal. Er sieht, dass der Hund irgendwie reagiert, kann aber in seinem Herzen keine Regung fühlen, außer der Bewunderung für den agierenden Brutalo.

Ist es in der heutigen Zeit nicht unglaublich, dass Menschen ihre »Lieblinge« auf den Rücken werfen, auf den Boden drücken, würgen, treten, anschreien oder am Nackenfell schüttelnd in Todesangst versetzen, um ihnen beizubringen, dass der sich so gebärdende Elternteil ernst genommen werden soll und sich so Respekt verschaffen will? Es ist gerade so, als würde ein Psychiater seinen Patienten würgen, schütteln und schlagen, in der irrigen Annahme, ihn damit psychisch heilen und unterstützen zu können. Wahrscheinlich ist jedem einigermaßen normal denkenden Menschen klar, dass man mit solchen Methoden keinen einzigen Wolf zum Freund zähmen könnte. Wieso also sollten sie für Hundegehirne anders zu verarbeiten sein? Es macht es vielmehr noch schlimmer, denn der Hund ist in unser Leben gezwungen, er ist uns ausgeliefert..

Hunde, die Menschen gebissen oder verletzt haben, sind oftmals depriviert, falsch konditioniert und handeln meist aus Angst heraus. Angst um ihre Unversehrtheit. Sie sind dankbare Opfer für Vorführzwecke mieser Hundetrainer. Zur Therapie kommt ein »Hunde-Versteher«, der den betreffenden Hund so lange provoziert und ihm Angst macht, bis der so gepeinigte Vierbeiner in die Enge getrieben wird und aus Verzweiflung zupackt. Und dann wird groß kommentiert, dass der Hund brandgefährlich sei und euthanasiert würde, wenn er nicht therapierbar sei. Also, der arme Hund muss ungeschützt und ohne eine Wahl zu haben, Qual und Schmerzen erdulden, damit das Publikum sieht, wie gefährlich er ist und dass es ja alles nur zu seinem Besten geschieht.

Freundschaft sieht anders aus
Worauf will der Hundehalter also stolz sein? Darauf, dass der Hund so große Angst vor ihm hat? Vielleicht macht der Hundehalter seinem Hund Angst, weil er selber so große Angst hat, verletzt zu werden, körperlich oder mental? Diese Angst ist berechtigt, wenn man so mit einem Lebewesen umgeht.

Freundschaft sieht anders aus! Da hört man zu, macht sich Gedanken, möchte das Beste für seinen Freund und versucht, ehrlich authentisch, liebevoll und unterstützend zu sein, und vor allem bemüht man sich, die richtigen Worte zu finden, um dem anderen zwar die eigene Meinung zu vermitteln, aber ihm damit nicht weh zu tun.

Pdf zu diesem Artikel: diskussion_blum

 

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