Diskussion: Was ist die Mitte? Ein Bisschen von allem?

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Ein Beitrag zum Editorial von Dr. Hans Mosser in WUFF 1/2020 zum Thema Cesar Millan sowie zum Mittelweg in der Hundeerziehung. Monika Oberli, Inhaberin einer Hundeschule, stellt sich die Frage nach der Mitte zwischen den Polen »Gewalt« und »Wattebausch«.

Sie schreiben in Ihrem Editorial, dass in der Hundeerziehung der Mittelweg verloren gegangen sei. Da stellt sich für mich die Frage, was ist die Mitte zwischen den beiden Polen »Gewalt« und »Wattebausch«? Ist es ein bisschen Strafen und ein bisschen Belohnen? Und wenn wir Strafe anwenden: dürfen wir das auch, wenn der Hund noch gar nicht versteht, worum es geht? Und wie definieren wir, was als Gewalt beim Hund ankommt und was noch in Ordnung ist?

Ich bin ganz bei Ihnen, wenn Sie schreiben, dass auch einem Hund Grenzen beigebracht werden müssen – wobei ich lieber von Regeln und Leitplanken spreche. Mir erschließt sich jedoch nicht, inwiefern »Grenzen setzen« etwas mit dem Trainingsweg zu tun haben soll oder weshalb dies fast automatisch nur den sogenannten »Nicht-Wattebauschwerfern« zugestanden wird.

Denn auch Hunde, die achtsam und bedürfnisorientiert ausgebildet werden, lernen Regeln kennen und akzeptieren, welche für das Zusammenleben wichtig sind. Ohne Regeln »würde« keine Gemeinschaft funktionieren. Für die Hunde sind dies jedoch oft Regeln, die in ihrer Welt keine Bedeutung haben und daher erst erlernt werden müssen. Und dabei scheiden sich nun die Geister.

Während die Einen auf Korrektur von Fehlverhalten setzen, zeigen die Anderen ihrem Hund, welches Verhalten erwünscht ist, und belohnen ihn auf dem Weg zu diesem. Denn auch ein Hund kann sich nicht »Nicht-Verhalten«, und so wird er entweder erwünschtes oder unerwünschtes Verhalten zeigen. Zudem hat auch für Hunde ein belohntes »Komm zu mir und berühre meine Hand« deutlich mehr Informationsgehalt als ein »Hör auf, den Hund anzubellen«.

Aber nicht nur die Art der Ausbildung ist unterschiedlich, auch im Alltag machen sich diese Unterschiede bemerkbar: Die mittels Belohnungen arbeitenden Hundehalter wissen um die hohe Verlässlichkeit ihrer Hunde. Da sie das erwünschte Verhalten in der Vergangenheit häufig und gut verstärkt haben, wird ihr Hund dieses auch zukünftig gerne und freiwillig zeigen. Wodurch sich die Gefahr, dass er Regeln überschreitet und Verbote durchbricht, automatisch reduziert.

Im Gegensatz dazu beim Weg über Korrekturen. Hier muss der Mensch dem Verhalten seines Hundes auch zukünftig viel mehr Aufmerksamkeit schenken, um allfällige Fehlverhalten rechtzeitig zu unterbrechen / verhindern. Tut er dies nicht, so wird der Hund davon ausgehen, dass es diesmal wohl erlaubt war. Und er wird immer häufiger nach diesen Ausnahmen Ausschau halten – und schon haben wir den Hund, »der das doch extra macht«.

Und wer jetzt sagt: »Hunde sind ja auch nicht zimperlich bzw. Hunde werfen doch auch nicht mit Leckerchen um sich«, ignoriert, dass Hunde viel mehr soziopositive als aggressive Interaktionen zeigen. Und dass sie, lange bevor sie Abbruchssignale und Aggression einsetzen, bereits viele feine Signale ausgesandt haben, um genau diese Eskalation zu
vermeiden.

Und erleben wir nicht auch genau dort die Eskalation unserer Hunde, wo wir diese Signale missachten, wo wir ihre Grenzen überschreiten und ihr Bedürfnis nach Sicherheit, Unversehrtheit und Besitz ignorieren? Oder wollen wir ihnen das Recht darauf absprechen und nur unsere eigenen Bedürfnisse und Grenzen gelten lassen?

Natürlich heißt dies im Gegenzug nicht, dass der Hund nun alles tun und lassen kann, wie ihm gerade lustig ist. Aber bei einem fairen und respektvollen Umgang, sowie einem guten Training wird dies auch nicht geschehen. Zudem unterstützen uns dabei auch unsere eingangs erwähnten Regeln. Wo also, frage ich mich, finde ich die Mitte zwischen dem belohnungsbasierten Weg und dem, wo u.a. Gewalt unter dem Deckmantel von Strafe, Korrekturen und Einschüchterungen daherkommt?

Oder sind es nicht doch die positiv arbeitenden Hundehalter und Trainer, die diese Mitte bereits leben und ihrem Hund mit so viel Verstärkung wie möglich, so wenig negative Strafe wie nötig und den vollständigen Verzicht auf positive Strafe erfolgreich die Regeln des Zusammenlebens »verClickern«?

Pdf zu diesem Artikel: diskussion_oberli

 

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