Editorial WUFF 1/2020

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Vernunft & Mitte

Liebe Leserin, lieber Leser!

Aristoteles meinte schon im 4. Jahrhundert vor Christus in seiner Nikomachischen Ethik, dass die Tugend in der Mitte liege und durch Vernunft bestimmt sei. Wir dürfen natürlich nicht den Fehler machen und die Mitte mit dem Begriff Mittelmaß bzw. Mittelmäßigkeit verwechseln, was etwas völlig anderes ist. Während Letzteres eher eine Sache der Bequemlichkeit ist und Möglichkeiten, die vorhanden wären, nicht nützt, ist die von Aristoteles gemeinte Mitte das rechte Maß eines Verhaltens oder einer Angelegenheit. So wie bspw. die Tapferkeit das rechte Maß ist zwischen den Extremen Feigheit und Tollkühnheit.

Was hat das aber nun mit meinem Thema dieses Editorials zu tun? Nun, mir sind die antiken griechischen Philosophen spontan eingefallen, als in der Redaktionssitzung der Artikel »Pro und Kontra Cesar Millan« von Gerald Pötz diskutiert wurde und er meinte, dass heute in der Hundeausbildung irgendwie der Mittelweg verloren gegangen sei. Die Mitte zwischen den Extremen, die man etwa als übertriebene Sanftheit (von manchen als Wattebausch-Fraktion benannt) oder aber brutale Gewalt (Stichwort Starkzwang-Fraktion) bezeichnen kann. So wie in vielen Dingen liegt auch in der Hundeausbildung die Wahrheit wohl in der Mitte.

Natürlich müssen einem Hund – so wie ja auch in der Kindererziehung – Grenzen beigebracht werden, darf er nicht immer und überall das tun, was er gerade will. Und ich kann mir allerdings schwer vorstellen, dass ein Hund ausschließlich mit motivierenden Leckerlis erzogen und ausgebildet werden kann. Denn motivieren kann ich ja immer nur zu etwas hin, also zu einem bestimmten Verhalten hin. Wenn ein Hund jedoch etwas Bestimmtes nicht tun darf, sei es weil es ihn oder andere gefährdet oder weil wir es einfach nicht wollen, dann wird ein Leckerli für ihn wenig motivierend sein im Fall konkurrierender Interessen. Genauso wenig aber halte ich einen mit Gewalt erzogenen und ausgebildeten Hund für wirklich sicher, wie ja auch die Erfahrung zeigt – und ganz abgesehen vom tierethischen Aspekt.

Wo sich nun dieses richtige Maß, die richtige Mitte befindet, ist wohl eine individuelle Sache, abhängig sowohl vom Hund als auch vom Menschen, der einen Hund erzieht bzw. ausbildet. Wie man – neben von durch Motivation erreichbarem erwünschten Verhalten – auch Grenzen setzen oder Verbote durchsetzen kann, ist eine Frage, die zu einer interessanten Diskussion führen könnte. Wie halten Sie es mit der Mitte in der Erziehung Ihres Vierbeiners? Oder wenn Sie Trainer oder Trainerin von Hunden sind, wie denken Sie grundsätzlich darüber? Vielleicht schreiben Sie mir ja (betreff »Diskussion« an: [email protected]).

Viel Freude mit dem neuen WUFF!

Es grüßt Sie ganz herzlich
Ihr Dr. Hans Mosser, WUFF-Herausgeber
und WUFF-Redaktionshund Pauli

Pdf zu diesem Artikel: editorial_0120

 

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