Editorial WUFF 10/2017

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Wer hat das „größere Recht“?

Liebe Leserin, lieber Leser!

Ernsthafte Beißunfälle mit Hunden sind im Gesamtspektrum von Unfällen (Verkehr, Freizeit, Sport, Haushalt) eine verschwindende Größe, von Todesfällen gar nicht zu reden. Das zeigen alle sog. Beißstatistiken, so sie denn geführt und veröffentlicht werden. Nebenbei bemerkt – mir ist aufgefallen, dass gerade in manchen Bundesländern bzw. Kommunen, die sog. Rasselisten führen, die Politik die (angeblich vorhandenen) Beißstatistiken nicht veröffentlicht (man könnte es auch „unterdrückt“ nennen), wie etwa in Wien oder in Bayern. Warum das so ist, mag sich jeder selbst überlegen.

An die vielen Verletzten und Toten durch Verkehrs- oder Sport­unfälle scheinen wir uns schon gewöhnt zu haben – jedenfalls ist es Thema für die Medien nur dann, wenn zusätzlich außergewöhnliche Umstände vorliegen. Eine Hundebeißverletzung hingegen findet mit Garantie (und politischem Wohlwollen) höchste mediale Aufmerksamkeit. Diese Diskrepanz zwischen tatsächlicher Häufigkeit und medialer Vergrößerung ist für viele Hundefreunde erschreckend, erklärt aber die zunehmende Hunde­feindlichkeit in der Gesellschaft. Soweit eine kurze all­gemeine Betrachtung, deren Gegenstand die Population (nicht der konkrete Einzelfall!) ist.

Ganz anders schaut es aus, wenn jemand selbst von einer ernsthaften Hundebeißverletzung betroffen ist. Jede Statistik und jede Risikorechnung verliert ihre Bedeutung in einem konkreten Einzelfall. Und wenn es dann noch ein Kind trifft, ist es eine doppelte Katastrophe, wie bei dem 7-jährigen Mädchen, deren Geschichte Ana Hesse für WUFF intensiv recherchiert hat.

Schon lange befasse ich mich als Arzt in Zusammenarbeit mit Kollegen aus der Unfallchirurgie sowie mit Hundefachleuten mit dem Thema Hundebeißverletzungen bei Kindern und Jugend­lichen und habe dazu mehrere Analysen publiziert und Vorträge gehalten. Meine Arbeiten hatten das Ziel, die konkreten Ursachen von Beißunfällen zu erheben, um daraus zu lernen, wie man sie minimieren kann. In Wahrheit sind doch so viele Hundebeißverletzungen zu verhindern! Wer beispielsweise versucht, miteinander raufende Hunde zu trennen, wird fast immer in die Hände gebissen. Oder wenn Hunde in eine Situation gebracht werden, wo sie nicht mehr ausweichen können, und/oder wenn hundliche Signale missachtet werden, sind ­Beißverletzungen vorprogrammiert. Dass es daneben – allerdings sehr viel ­seltener – auch Hunde mit einem pathologischen Verhalten (aus ­welchen Gründen auch immer) gibt, die also tatsächlich gefährlich sein können, darf darüber nicht vergessen werden.

Wenn Sie die Geschichte über das 7-jährige Mädchen lesen, beachten Sie bitte auch die Umstände, wie es zu dem Beißunfall gekommen ist. Wie beurteilen Sie das? War das aus Ihrer Sicht vorherseh- und damit verhinderbar? Und vor allem, wie sehen Sie die jetzige Situation, in der das traumatisierte Mädchen und der Hund Zaun an Zaun leben? Wer hat das „größere Recht“ auf ein freies Leben? Und was bedeutet das für das Leben des Hundes? Fragen über Fragen. Schreiben Sie mir Ihre Meinung, machen Sie bitte mit bei der Diskussion, die in einer der kommenden Ausgaben veröffentlicht werden wird. Vielleicht lesen Sie dann ja auch Ihr Statement in WUFF!

So traurig ein Hundebeißunfall auch ist, so müssen wir jedenfalls daraus lernen und dürfen darüber auch nicht die vielen positiven Aspekte im Leben mit unseren Vierbeinern vergessen! Viel Freude mit diesem neuen WUFF!

Es grüßt Sie ganz herzlich
Ihr Dr. Hans Mosser, WUFF-Herausgeber,
und Bruno, der WUFF-Redaktionshund

Pdf zu diesem Artikel: editorial_10_2017

 

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Dr. Hans Mosser
Der Arzt und Theologe Mag. Dr. Hans Mosser ist Mitbegründer und Herausgeber von WUFF und arbeitet im Hauptberuf als leitender Arzt und ­Professor in einem Universitätsklinikum.

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