Editorial WUFF 11/2017

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Wo liegt das richtige Maß?

Liebe Leserin, lieber Leser!

Als wir vor 22 Jahren WUFF gründeten, war in der Erziehung und Ausbildung von Hunden gerade das alte Paradigma ausschließlich aversiver Methoden (durch Gewalt und Strafreize) in Frage gestellt worden. Zunehmend war von positiver Verstärkung und Motivation die Rede und – zögerlich beginnend – auch die Praxis. Sofort aber wurden solche Hundetrainer, die die neuen Methoden anwandten, von der „alten Fraktion“ als „Watte­bauschwerfer“ lächerlich gemacht. Dennoch verwiesen diese auf eine nachhaltigere Wirkung einer solchen Erziehung und Ausbildung im Vergleich zu dem, was man damals als „Abrichtung“ bezeichnete. Die positiven Methoden waren vor allem Leckerlis, Loben des Hundes sowie Spielen, wobei sich im letzten Jahrzehnt wohl die Leckerlis durchgesetzt haben.

Wie das halt immer so ist, schwingt das Pendel von einem ­Extrem ins andere und so gibt es heute Hundehalter, die Lecker­lis nicht nur in der Erziehung und Ausbildung verwenden, son­-
dern ihren Hund auch im Alltag ausschließlich damit führen. Manchmal wird auch das Interesse des Hundes an der Leckerli-­Gürteltasche als Bindung an den Halter missinter­pretiert. Ich denke nun, dass Leckerlis durchaus geeignet sind, eine Bindung zwischen Hund und Halter zu befördern, ja, sie bei misstrauischen Hunden aus dem Tierheim sogar initiieren können. Aber wie bei allem im Leben liegt die Wahrheit, wie uns schon Aristo­teles gelehrt hat, in der Mitte. Dort ist das rechte Maß zu finden. So wie die rechte Tapferkeit die Mitte zwischen den beiden Polen Feigheit (als Mangel) und Tollkühnheit (als Übermaß) ist, so würde der antike Philosoph wohl heute in der Hundeausbildung die Mitte zwischen Gewalt und ausschließlich Leckerli-Belohnung als das richtige Maß ansehen. Was aber ist diese Mitte? Etwa ein bisschen Gewalt und ein bisschen Leckerli? Natürlich nicht, genausowenig wie die Tapferkeit ein wenig Feigheit gemischt mit ein wenig Tollkühnheit wäre. Die Mitte ist qualitativ etwas anderes, hier wie dort. Was also könnte in der Erziehung und im Training unserer Vierbeiner das richtige Maß sein?

Ich kann auf dieser einen Editorial-Seite ein Thema natur­gemäß nicht erschöpfend behandeln. Wohl aber kann ich Denkan­stöße geben und Sie bitten, mir Ihre Meinung dazu zu schreiben ([email protected]), um damit eine Diskussion in WUFF zu beginnen. Als Auftakt dazu ein hochinteressantes WUFF-Interview auf Seite 52 in dieser Ausgabe.

Was also ist für Sie die richtige Mitte, das richtige Maß in der Erziehung und Ausbildung unserer Hunde? Berücksichtigen Sie dabei vielleicht auch die drei Faktoren Intensität, ­Individualität (jeder Hund ist anders) und konkrete Situation. Und dazu gehört natürlich auch der Unterschied von Gewalt und Zwang, was ja nicht dasselbe ist, vor allem auch wenn es um das Setzen von Grenzen geht, innerhalb welcher erst eigentlich Freiheit möglich wird.

Ein spannendes Thema, das durchaus praktische Folgen für das Verhalten und den Umgang mit unserem Hund haben kann, wenn wir uns damit konkret auseinandersetzen. Als Leserin oder Leser von WUFF sind Sie ja (nach allen unseren bisherigen Mediaanalysen) ein Mensch, der nachdenkend und begründet handelnd mit seinem vierbeinigen Freund durchs Leben geht.
Viel Freude also mit dem neuen WUFF!

Es grüßt Sie ganz herzlich
Ihr Dr. Hans Mosser, WUFF-Herausgeber,
und Bruno, der WUFF-Redaktionshund

Pdf zu diesem Artikel: editorial_11_2017

 

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