Editorial WUFF 12/2016

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Verhalten wegkastrieren?

Liebe Leserin, lieber Leser!

Es ist erstaunlich, dass die Anwendung des Modells der Mechanik auf Lebensprozesse heute noch immer nicht über­wunden ist. Ein Modell, das geeignet ist, um etwas herzu­stellen, muss dort versagen, wo es um Organismen, um Lebensprozesse, um Verhalten geht. Und so wird noch immer vielfach geglaubt, das Verhalten von Rüden durch Kastration ändern zu können. Erlerntes Verhalten lässt sich aber nicht einfach „wegkastrieren“, wie Hundeexpertin Yvonne Adler in ihrer monatlichen Kolumne, in der sie WUFF-Lesern bei ­Problemen mit ihren Hunden beisteht, dies knackig formuliert.

Aber nicht nur, dass sich erlerntes Verhalten nicht wegkastrieren lässt, kann eine Kastration ihrerseits zu Problemen führen. Dazu ein konkretes Beispiel eines mir sehr gut bekannten ­Rüden, der im Alter von etwa 6 Jahren aus medizinischen Gründen kastriert werden musste. Allmählich wurde auffällig, dass sich das Verhalten sowohl von Welpen und Junghunden als auch von erwachsenen Rüden ihm gegenüber verändert hatte. Wenn es dem vorher unkastrierten Hund bei wilden Spielen mit Welpen und Junghunden einmal zu viel ­wurde, genügte ein kurzer Verweis, den die Jungen auch sofort ­respektierten (zumindest für eine Zeit lang).

Nach der Kastration nun scheinen junge Hunde vor ihm den Respekt verloren zu haben und ihn als Ihresgleichen anzu­sehen. Verweise des kastrierten Rüden werden nun nicht mehr ernst genommen, und es ist der Halter gefordert, zu tolles Spiel aktiv zu beenden, damit es zu keinem Ärger kommt. Ähnliches lässt sich auch im Verhalten fremder Rüden ihm gegenüber erkennen. Wo früher Respekt bestand, der sich in einer gewissen Distanz äußerte, sind viele Rüden heute dem kastrierten Artgenossen distanzlos gegenüber und eher zu Raufereien geneigt. Auch wenn die zeitliche Nähe dieser Veränderungen zur Kastration noch kein Beweis dafür ist, dass diese die Ursache ist, so lässt sich für diesen Fall doch eine hohe Plausibilität für eine Ursächlichkeit annehmen. Die Psyche, auch die hundliche, funktioniert nun mal nicht nach Methoden der Mechanik.

Sie finden in dieser Ausgabe die Ergebnisse der Studie eines Markt- und Motivforschungsinstitutes, das die Einstellungen und Verhaltensweisen von Menschen gegenüber ihren Hunden untersucht hat, dies in den unterschiedlichsten Bereichen des Alltags. In der Auswertung dieser Studie konnten die Marktforscher 4 Hundehaltertypen identifizieren. Natürlich hat diese Studie so wie jede andere auch ihre Einschränkungen, aber es ist dennoch sehr interessant, was dabei herauskam. Auch wenn es den „reinen“ Typus, bei dem jeder Punkt der Auswertung passt, ohnehin nicht gibt, weil es ja im Wesentlichen um Tendenzen geht, so ist es trotzdem interessant, wo man sich selbst einordnet. Da es bei jedem Typus positive als auch negative Aspekte gibt, ist man natürlich geneigt, letztere eher anderen zuzuschreiben als sich selbst. Also mir jedenfalls ging es so …

In dieser Ausgabe startet übrigens mein Blog, ein, wie Sie wahrscheinlich wissen, für das Internet (aus Web und Logbuch) gebildetes Kunstwort. Da er sich aber sowohl im Web als auch in der Druckausgabe von WUFF findet, scheint es mir nicht sinnvoll, den Namen hier zu ändern. Sie wissen ja, was gemeint ist.

Vor Ihnen liegt wieder, so wie jeden Monat, eine neue WUFF-Ausgabe mit einer Reihe von spannenden und ­wichtigen Themen. Viel Nutzen und viel Freude damit!

Es grüßt Sie ganz herzlich
Ihr Dr. Hans Mosser, WUFF-Herausgeber,
und Bruno, der WUFF-Redaktionshund

Pdf zu diesem Artikel: editorial_1216

 

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Dr. Hans Mosser
Der Arzt und Theologe Mag. Dr. Hans Mosser ist Mitbegründer und Herausgeber von WUFF und arbeitet im Hauptberuf als leitender Arzt und ­Professor in einem Universitätsklinikum.

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