Editorial WUFF 2/2020

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Gehorsam, Zwang, Gewalt?

Liebe Leserin, lieber Leser!

Als Ergänzung zu meinem Editorial und dem Artikel über den Hundetrainer Cesar Millan in der vorigen Ausgabe (WUFF 1/2020) würde ich sagen, dass zwar jede Gewalt zugleich auch mit Zwang verbunden ist, nicht aber ist jeder Zwang immer identisch mit ­Gewalt. Als Beispiel lassen sich hierfür gut Neujahrsvorsätze nehmen (übrigens – haben Sie die Ihren bis heute gehalten?). Denn jeder Mensch, der sich zu Neujahr für die kommende Zeit Vorsätze vornimmt, muss oder sollte diese einhalten, was natürlich nicht immer ohne Überwindung gehen wird. Sich überwinden müssen ist jedoch nichts anderes als eine (freiwillige) Zustimmung, sich seinem Vorsatz zu unterwerfen – hat also mit Zwang zu tun. Sportler legen sich selbst Zwänge auf, um Ziele zu erreichen. Abnehmwillige legen sich Zwang auf, um ihr Wunschgewicht zu erreichen usw. Zwang im weitesten Sinn ist also ein ganz normaler Aspekt unseres Lebens, und dies nicht nur insoweit er selbstauferlegt ist. Auch im Berufsleben gibt es meist Vorgesetzte oder die Firmenleitung, deren Regeln man sich »gezwungenermaßen« zu unterwerfen hat, soweit sie die berufliche Tätigkeit betreffen, will man nicht eine Kündigung riskieren.

Vielleicht könnte man das Wort Zwang auch ersetzen durch den Begriff Gehorsam. D.h., ich bin meinen Vorsätzen gehorsam, um dieses oder jenes Ziel zu erreichen. Abnehmwillige gehorchen ihrem Abnehm-Plan, Sportler ihrem Trainingsplan. Wenn nur dieser Begriff Gehorsam nicht so unmodern wäre, so antiquiert klingt. Gegenüber Hunden hingegen schaut das etwas anders aus. Denn dass wir von Hunden Gehorsam einfordern müssen, um bestimmte Ziele zu erreichen, ist wohl kaum zu bestreiten. Und dass Gehorsam mit Zwang im oben besprochenen Sinne verbunden ist, wohl ebensowenig. Nicht jedoch muss Zwang mit Gewalt ­verbunden sein. Und insofern ist meine Formulierung im Editorial der ­vorigen Ausgabe missverständlich, in der ich das »richtige Maß« in der Hundeausbildung als die Mitte zwischen übertriebener Sanftheit (à la antiautoritäre Erziehung) und starker Gewalt bezeichnet habe. Diese Mitte wäre dann wohl mäßige Gewalt, also jedenfalls Gewalt, worauf mich eine kritische Stimme aufmerksam gemacht hat und was ich tatsächlich aber so nicht gemeint habe. Vielmehr habe ich als rechtes Maß eine Art erforderlichen Gehorsam ­gemeint, wie immer man das nun sonst noch nennen kann. Bevor ich mich da jetzt in den nächsten »Strudel« hineinrede, verweise ich auf die Diskussion in der kommenden Ausgabe (WUFF 3/2020). ­Sowohl Experten als auch »ganz normale Hundehalter« sind herzlich ­eingeladen, darüber mitzudiskutieren. Schreiben Sie mir bitte einen knappen (!) Beitrag mit Ihrer Meinung über Gewalt, Zwang, Gehorsam etc. gegenüber Hunden in Erziehung und Ausbildung sowie auch bei unerwünschtem, ggf. auch gefährlichem Verhalten ([email protected]).

Bis dahin viel Freude und einen großen Nutzen mit dieser neuen Ausgabe!

Viel Freude mit dem neuen WUFF!

Es grüßt Sie ganz herzlich
Ihr Dr. Hans Mosser, WUFF-Herausgeber
und WUFF-Redaktionshund Pauli

Pdf zu diesem Artikel: editorial_0220

 

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Dr. Hans Mosser
Der Arzt und Theologe Mag. Dr. Hans Mosser ist Mitbegründer und Herausgeber von WUFF und arbeitet im Hauptberuf als leitender Arzt und ­Professor in einem Universitätsklinikum.

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