Editorial WUFF 3/2019

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Ein Kind, ein Engel und ein Hund

Liebe Leserin, lieber Leser!

Der Eurovisions Song Contest in Tel Aviv ist ja nun schon wieder eine Weile her und mit einem für unser Land nicht so rühmlichen Ergebnis, als dass man noch einmal darüber schreiben müsste. Aber es ist ja auch nicht dieser Gesangswettbewerb, um den es mir jetzt geht. Vielmehr gilt Tel Aviv als hundefreundlichste Stadt der Welt, wie Martina Stricker dies für WUFF recherchiert hat. Als ich diesen Artikel gelesen habe, ist mir die biblische Geschichte über den Juden Tobit und seinen Sohn Tobias eingefallen. Darin findet sich ein fast nebensächlich scheinender, aber dennoch irgendwie rührend ­anmutender Hinweis über die Bedeutung, die Hunde im antiken Nahen Osten hatten. Zur Erklärung: Den Islam, in dem Hunde als unrein gelten, gab es damals noch nicht. Diese Religion ist dort erst viele Jahrhunderte später entstanden.

Diese biblische Geschichte erzählt das Schicksal der Familie des Tobit, eines Juden, der, nachdem er erblindet war, seinem kleinen Sohn Tobias den Auftrag erteilte, aus der weit entfernten Stadt ­Medien einen dort von ihm hinterlegten Geldbetrag zu holen. Die Mutter macht dem Vater weinend Vorwürfe, den Sohn auf diese gefährliche Reise zu schicken, zumal »Geld braucht nicht zu unserem Geld hinzuzukommen« und »was uns vom Herrn zu leben ­gegeben wird, ist genug«. Doch der Vater beruhigt sie: »Mach dir keine Sorge! Unser Kind bricht wohlbehalten auf und wird wohlbehalten zu uns zurückkommen … Ein guter Engel wird mit ihm gehen« (Tobit 5, 19-22).

Und nun kommt die Passage mit dem Hund: »Da ging der Knabe hinaus und der Engel mit ihm, auch der Hund kam mit ihm hinaus und zog mit ihnen zusammen los« (Tobit 6,1). Ich halte diesen Satz für bemerkenswert deswegen, weil er zweierlei erkennen lässt. ­Einerseits hat offensichtlich der Hund beim Kind im Haus gelebt, da ja beide »hinaus« gingen, und andererseits zog er mit dem Kind und dem Engel »zusammen« los. Die beiden in der dem hebräischen ­Urtext sehr nahe stehenden EInheitsübersetzung der Bibel verwendeten Begriffe zeigen deutlich, dass zwischen dem Kind und seinem Hund eine Freundschaft bestand, der offenbar eine so große ­Bedeutung eingeräumt wurde, dass diese eigentliche Nebensächlichkeit eigens erwähnt wurde. Denn der Hund selbst hat in dieser biblischen Erzählung dann keine weitere Bedeutung. Er kommt später auch nur mehr ein Mal vor, wo es heißt, »auch der Hund lief mit« hinter ihnen (Tobit 11,4).

Vielleicht halten Sie diese Geschichte für banal, aber irgendwie hat sie mich – gerade vor dem Hintergrund heutiger Hundefeindlichkeit – in ihrer Beiläufigkeit und Selbstverständlichkeit der Darstellung einer Beziehung zwischen einem Kind und einem Hund vor rund 2.500 Jahren berührt, dass ich das mit Ihnen teilen möchte.

Viel Freude mit der neuen Ausgabe!

Es grüßt Sie ganz herzlich
Ihr Dr. Hans Mosser, WUFF-Herausgeber
und WUFF-Redaktionshund Pauli

Pdf zu diesem Artikel: editorial_0319

 

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