Editorial WUFF 4/2021

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Zu viel oder zu wenig?

Liebe Leserin, lieber Leser!

Nicht selten klagen wir darüber, dass wir zu viel Arbeit hätten oder dass uns die Arbeit über den Kopf wachsen würde. Erst kürzlich habe ich eine gute Freundin gefragt, wie es ihr ginge, und erhielt als Antwort ein einziges Wort: Stress! Dabei rollte sie vorwurfsvoll die Augen. Jeder weiß, was unter einem solchen Ausruf zu verstehen ist. Zu viel Arbeit, zu viel Druck, zu wenig Zeit und so fort. Und auf meine Nachfrage sagte sie auch genau das: Zu viel Arbeit. Der Job, die Kinder, der Haushalt, der Hund und der Mann. Übrigens, sie sagte es genau in dieser Reihenfolge.

Aber versuchen wir doch einmal, die Perspektive zu wechseln und die Frage anders zu stellen. Haben wir vielleicht nicht primär zu viel Arbeit, sondern vielmehr zu wenig Erholung und Entspannung? Sollten wir also nicht besser einfach das Zuwenig an Erholung problematisieren als das Zuviel an Arbeit? Die meisten von uns haben in ihrem Job ein vorgegebenes Pensum an Arbeit zu verrichten. Wenn daran nicht allzu viel veränderbar ist, so gibt es dennoch ein Schräubchen, an dem gedreht werden kann. Nämlich an der Erholung. Es ist nämlich nach meiner Meinung Stress primär ein Mangel an Erholung und Entspannung.

Wie oft wird gerade auch die freie Zeit nicht zur Entspannung und Erholung genutzt, sondern für Dinge, die ihrerseits einen gewissen Druck bedeuten. Ein Beispiel: Ich kann zur Entspannung und Erholung etwa laufen gehen, dies in einem angemessenen Tempo, bei dem ich mir den Kopf frei laufen kann. Die körperliche wie psychische Spannung lösen, Abstand gewinnen von Anforderung und Druck. Das Resultat wird sein, dass ich nach dem Laufen müde bin, aber entspannt. Ich kann andererseits das Laufen aber auch als Leistungsanforderung an mich betrachten, indem ich etwa eine bestimmte Distanz in einer bestimmten Zeit laufen möchte. Jetzt abgesehen von Zeiten einer Trainingsvorbereitung für einen Wettbewerb – ist diese Art zu laufen die Erfüllung einer Leistung, die ich von mir selbst fordere. Ich mache Freizeit zu einer Art Arbeitszeit.

Für viele ist es Gewohnheit geworden, ihre freie Zeit mit Leistungsanforderungen an sich zu füllen. Manche schaffen es kaum mehr, etwas zu tun, das sie nicht messen können. Ich gehörte selbst ein bisschen in diese Kategorie. 10 To Do‘s pro Tag abzuarbeiten – ein Laufpensum zu absolvieren, 15 Minuten für dies und 30 für das aufzulisten. Selbst die 15 Minuten für Dehnungsübungen gehörten zu diesen »Aufgaben«. Reduzieren wir bewusst unsere selbst gemachten To Do-Listen gerade in unserer freien Zeit und nutzen sie zur wirklichen Erholung und Ent-Spannung. Und selbst wenn es »nur« ein ruhiger, langsamer Spaziergang mit unserem Vierbeiner ist, bei dem wir nicht sofort umdrehen und nach Hause gehen, wenn er seine Geschäfte verrichtet hat.

Viel Freude – und Entspannung – mit diesem neuen WUFF!!

Es grüßt Sie ganz herzlich
Ihr Dr. Hans Mosser, WUFF-Herausgeber
und WUFF-Redaktionshund Pauli

 

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Der Arzt und Theologe Mag. Dr. Hans Mosser ist Mitbegründer und Herausgeber von WUFF und arbeitet im Hauptberuf als leitender Arzt und ­Professor in einem Universitätsklinikum.

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