Editorial WUFF 7/2017

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Wie ticken Hunde?

Liebe Leserin, lieber Leser!

Manchmal haben wir das Gefühl, wir wissen, wie Hunde ticken. Dies vor allem dann, wenn wir vielleicht gerade einen guten Fortbildungskurs absolviert haben, in dem wir über Erkenntnisse der Kognition und des Verhaltens von Hunden informiert wurden. Außerdem haben wir auch unsere Erfahrungen mit unserem Wuffi gemacht. Im Grunde ist es ähnlich wie damit, dass wir meinen zu wissen, wie bestimmte Menschen ticken. Beim Menschen glauben wir dies u.a. dann und deshalb, wenn wir ähnlich empfinden, d.h. uns etwa über die gleichen Dinge freuen oder ärgern usw. Nicht selten können wir voraussagen, wie jemand in einer bestimmten Situation reagieren wird.

Da nun, wie bekannt ist, Menschen und Hunde eine in Vielem ähnliche soziale Organisation haben, können wir gerade auch bei unseren Vierbeinern, v.a. wenn wir sie schon lange kennen, voraussagen, wie sie bei diesem oder jenem reagieren werden. Natürlich wissen wir, wie unser Wuffi tickt, wenn wir seine Neigung kennen, bspw. bei Hundebegegnungen keiner Rauferei auszuweichen oder sie gar herauszufordern, oder dass er sich unter bestimmten Konstellationen bedrängt fühlt und darauf so oder so reagieren wird.

Und doch – so wie wir manchmal bei Menschen von einer ­Reaktion überrascht werden, die wir nicht erwartet haben, so gilt dies genauso für unseren Hund. Da kommt dann der berühmte Ausruf „Das hat er aber noch nie getan!“.

Zu sagen, ich weiß, wie jemand oder wie mein Hund tickt, ­verrät aber vielleicht mehr als ich vermuten mag. Mich erinnert es an das Ticken einer Uhr, mit der zu Beginn der philosophischen Strömung des Rationalismus im 17. Jh. ­Lebensvorgänge auf rein physikalisch-mechanische Prinzipien reduziert und mit der Mechanik einer Uhr verglichen wurden. Damit wurde das Lebensprinzip, das, was den menschlichen Körper zur individuellen Person macht und den vierbeinigen zumindest zu einer Persönlichkeit, verneint und Lebewesen wurden gewissermaßen auf eine Ansammlung von Mole­külen reduziert, die nach vorbestimmten (von wem eigentlich?) ­Prinzipien automatisch so und nicht anders ablaufen. Tatsächlich aber können sie eben auch anders ablaufen als gedacht, wie Erfahrung und Alltagswissen zeigen. Konsequent zu Ende gedacht, führt eine solche mechanistische Ansicht zur Leugnung des freien Willens, was dann natürlich entscheidende Auswirkungen auf die Ethik hat. Denn wer sollte noch verantwortlich sein für etwas, das in ihm automatisch abläuft?

Zurück zum Hund. Wann waren Sie das letzte Mal von einer Reaktion Ihres Vierbeiners überrascht? „Das hat er aber noch nie getan!“ Nun, Wuffi tickt nicht immer so, wie wir denken – weil er keine Uhr, sondern ein Lebewesen ist. Und ein gewisses Maß an Unvorhersagbarkeit gilt für alle! Dessen müssen wir uns immer bewusst sein, und es ist auch eine Sache der Verantwortung, die wir für unseren Hund haben, dem wir neben unserer Freundschaft auch ein hundegerechtes Leben bieten müssen, was wir ja ohnehin wollen. Die Verantwortung erstreckt sich darüber hinaus auch auf den Umgang unseres Vierbeiners mit anderen Lebewesen – aber das wissen Sie ja ohnehin.

In dieser neuen Ausgabe gibt es wieder eine geballte Ladung WUFF. Ich wünsche Ihnen viel Nutzen daraus und Freude damit!

Es grüßt Sie ganz herzlich
Ihr Dr. Hans Mosser, WUFF-Herausgeber,
und Bruno, der WUFF-Redaktionshund

Pdf zu diesem Artikel: editorial_07_2017

 

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Dr. Hans Mosser
Der Arzt und Theologe Mag. Dr. Hans Mosser ist Mitbegründer und Herausgeber von WUFF und arbeitet im Hauptberuf als leitender Arzt und ­Professor in einem Universitätsklinikum.

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