Editorial WUFF 9/2017

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Wie Hunde ticken

Liebe Leserin, lieber Leser!

Manchmal glauben wir zu wissen, wie Hunde ticken. Vor allem, wenn wir vielleicht gerade von einem guten Fortbildungskurs ­zurückgekehrt sind oder einen wissenschaftlichen Artikel über die Kognition bei Hunden gelesen haben. In analoger Weise ­haben wir ja auch oft das Gefühl zu wissen, wie dieser oder jener Mensch tickt. Und auch im allgemeinen Sprachgebrauch wird der Begriff des Tickens gerne verallgemeinernd gebraucht – wenn etwa gerne gesagt wird, dass Männer und Frauen unterschiedlich ticken würden. Aber was ist eigentlich mit diesem Begriff des Tickens gemeint?

Ganz offensichtlich kommt dieser Begriff von der Uhr. Ohne jetzt genauer in die Analyse einer Uhr zu gehen, lässt sich zumindest feststellen, dass ihr Ticken eine Folge mechanischer Vorgänge im Uhrwerk ist. Und damit sind wir schon beim Punkt. Es wird in der analogen Verwendung des Begriffs Ticken bei Hunden oder Menschen also ein mechanischer Aspekt auf das Verhalten eines Lebewesens angewandt. Es bedeutet beispielsweise, man könne mehr oder weniger voraussagen, wie ein anderer Mensch oder wie mein Hund in einer bestimmten Situation reagiert.

Allerdings – auch wenn vordergründig hierbei tatsächlich eine Ursache-Wirkungsbeziehung im Spiel zu sein scheint –, so hat es wenig mit Mechanik zu tun. Unser Gefühl zu wissen, wie andere ticken,ist meiner Meinung nach eine Folge von zwei Dingen: Erstens, von unserer Fähigkeit zu Empathie, also des Vermögens, uns in einen anderen einfühlen zu können. Das können wir nicht nur gegenüber Menschen, sondern, wie wir als Hundefreunde ja sehr gut wissen, auch gegenüber unseren Vierbeinern. Dass dies möglich ist, ist unsere unbestreitbare Alltags­erfahrung, und warum dies möglich ist, ist eine Frage der Psychologie, Soziologie und Kognition bei Mensch und Hund, auf die ich hier nicht näher eingehen kann.

Aufgrund unseres Einfühlungsvermögens also, in Kombination mit – zweitens – den Erfahrungen, die wir mit unserem Vierbeiner gewonnen haben (Empathie setzt natürlich Erfahrung voraus), können wir in bestimmten Situationen wissen, wie er reagieren wird. Weil aber Lebewesen nun mal keine mechanischen Uhren sind, funktioniert das nicht immer. Sie kennen den Ausspruch „Das hat er noch nie getan …“. Der gilt übrigens nicht nur für Hunde, sondern genauso auch für Menschen.

Es gibt nun einmal Situationen, wo aus uns nicht einsichtigen Gründen Mensch oder Hund anders reagiert als sonst. Das kann in der Situation selbst gelegen sein, die vielleicht für uns unmerklich doch anders ist als unsere Einschätzung. Es kann aber auch im Subjekt liegen, das gerade heute vielleicht anders drauf ist, ohne dass wir das merken, oder aber in beidem. Und so ist in der Summe die Reaktion eine andere als wir erwartet haben.

„Das hat er noch nie getan!“ Bei allem Vertrauen zu unserem Vierbeiner, er ist kein mechanisches Uhrwerk, das immer gleich tickt. Es liegt daher in unserer Verantwortung, unseren Hund immer so in unserem Einflussbereich zu haben, dass er auf ­unseren Zuruf rasch zu uns kommt, wenn er einmal anders tickt als wir glauben.

Das soll uns aber nicht daran hindern, unserem Vierbeiner den Freiraum zuzugestehen, den er braucht.

Viel Freude mit diesem neuen WUFF!

Es grüßt Sie ganz herzlich
Ihr Dr. Hans Mosser, WUFF-Herausgeber,
und Bruno, der WUFF-Redaktionshund

Pdf zu diesem Artikel: editorial_09_2017

 

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Dr. Hans Mosser
Der Arzt und Theologe Mag. Dr. Hans Mosser ist Mitbegründer und Herausgeber von WUFF und arbeitet im Hauptberuf als leitender Arzt und ­Professor in einem Universitätsklinikum.

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