Ein Cocker sieht Rot …

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Eigentlich wollte ich schon lange einmal die Geschichte meines Hundes erzählen. Da im Moment das Thema „Kampfhunde“ wieder einmal aktueller ist als je zuvor, denke ich, dass ich mit der Lebensgeschichte meines Hundes deutlich zeigen kann, dass Gefährlichkeit kein Rassespezifikum ist.

„Kampf-Spaniel“
Nun zu meinem „Kampf-Spaniel“. Meine Familie hatte sich dazu entschlossen, sich einen Hund zu nehmen – ich war damals etwa 15 Jahre alt. Wir fuhren ins Tierheim bei uns in der Stadt. Es sollte ein nicht allzu großer Hund sein, so wollten es meine Eltern. Der einzige passende Hund war ein roter Cocker Spaniel-Rüde namens Georgi. Er trat uns freundlich entgegen. Man sagte uns, er sei acht Monate alt und ein ganz lieber Hund. So nahmen wir ihn mit, Impfpass und Papiere sollten in zwei Wochen folgen.

Agressionen gegen Hunde und Kinder
Bald aber stellte sich heraus, dass Georgi jeden anderen Hund und auch Kinder hasste. So besuchten wir beim örtlichen Hundeverein einen Ausbildungskurs, um die Sache in den Griff zu bekommen. Georgi lernte auch tatsächlich, die Hunde in seiner Gruppe zu ignorieren, sogar ein wenig Agility unter Hündinnen war nach einiger Zeit möglich. Wir absolvierten auch erfolgreich die Begleithundeprüfung, und ich lehrte ihn, zumindest Welpen und Hündinnen in Ruhe zu lassen.
In der Zwischenzeit hatten wir mehr durch Zufall und Glück erfahren, dass dieser Hund ursprünglich aus der Tschechei kam, in einem Zoo-Geschäft im Schaufenster gesessen, dann bei einer Frau mit zwei kleinen Kindern gehaust hatte, nie Papiere da waren und er eigentlich schon über ein Jahr war, als wir ihn holten. Leider hatte uns das Tierheim über Georgis wahre Herkunft belogen. Georgi benahm sich äusserst dominant und besitzergreifend. Schließlich kam es zu einigen Zwischenfällen, wobei er meinen Vater und meine Schwester anfiel. Nach langen Gesprächen und Überlegungen ließen wir ihn schließlich mit etwa drei Jahren kastrieren. Seine Dominanz gegenüber meinem Vater und meiner Schwester besserte sich kurz darauf, seine Aggression anderen Hunden gegenüber aber nicht. Einige Zeit ging es dann besser, wir glaubten es endlich geschafft zu haben.

Die Anfälle
Dann begann eine Zeit, in der er wieder öfters Familienmitglieder attackierte. Es fiel auf, dass er dabei nicht er selbst schien. Es war, als würde ein Film ablaufen, als würde er in diesem Moment nicht uns sehen. Er wirkte dabei kurz wie eine Bestie – wurde aber Sekunden später wieder zum Schmusehund.
Intensiv beschäftigte ich mich mit Verhaltenstherapien von Hunden, las zahllose Literatur und stieß eigentlich durch das WUFF-Seminar „Die große Kampfhundelüge“ im Juni 1997 in Salzburg auf Dr. Roger Mugford und seine Bücher. Ich lernte ihn damals persönlich kennen, und er beschäftigte sich mit Georgi. An den zwei Tagen mit Mugford war mein Hund wie ausgewechselt, und ein bißchen hat er auch davon beibehalten. Er hat damals gelernt, dass ihm andere Hunde nicht unweigerlich Böses tun. Er ist zwar auch heute noch ein Raufer, aber durch das Halti oder beim Freilauf (was bis dahin nur bei Nacht oder Regenzeiten möglich war) durch den Maulkorb ist es uns möglich, ihn fast überall hin mitzunehmen.

Panische Angst
Das Verhalten zu anderen Hunden war zwar mittlerweile erträglich, aber innerhalb der Familie wurde es hingegen immer schlimmer. Es kommt noch dazu, dass er wahrscheinlich getreten und geschlagen worden war. Vor dem Darübersteigen oder -beugen hat er panische Angst, sogar bei anschlagenden Türen (wenn sie nicht ganz geschlossen sind) verfällt er in Panik. Jegliche Situation dieser Art wurde daher von der gesamten Familie samt Bekannten vermieden. Auch Spielzeug (in seinem Fall vor allem Stofftiere) wurde weggeräumt, damit er es nicht verteidigen konnte, und als Zeichen der Rangordnung gingen immer zuerst wir, und erst dann der Hund, durch Türen und über Stiegen.
Manchmal schien es schon fast vergessen, dann kam wieder eine seiner Attacken, welche sich bis jetzt immer nur im eigenen Haus abgespielt haben. Als es dann aber erstmals auch zu einem Vorfall im Garten unserer Bekannten, an der Leine, gegen ein Nicht-Familienmitglied kam, waren wir am Verzweifeln. Wir wussten, der Hund kann nichts dafür, aber wir wussten auch, dass es so nicht weitergehen konnte!

Eiweissreduzierte Diät
In Mugfords Büchern hatte ich bereits über die Cockerwut gelesen – zu diesem Zeitpunkt kam mir der Zufall zur Hilfe und ich bekam einen Zeitungsartikel in die Hände, der sich mit Mugfords Studie über 60 Cockerspaniel befasste. Dabei hatte er festgestellt, dass eiweißreduziertes Futter das Verhalten der Cocker beeinflussen könne. Sofort lief ich am nächsten Tag zu unserem Tierarzt, um ihm das zu erzählen. Und seither bekommt Georgi eiweißreduziertes Futter (Futter mit wenig Rohproteinen) und – ich möchte nichts verschreien – seit fast zwei Jahren kam es nie wieder zu einer derartigen Attacke.
Sicher, Georgi wird nie ein ganz normaler Hund werden und Vorsicht wird immer geboten bleiben. Aber das sind Dinge, die mittlerweile zu unserem Alltag gehören. Kommt Besuch, muss Georgi ins Körbchen. Wir lassen keine Dinge herumliegen, die er verteidigen könnte, wir beugen uns nicht über ihn usw …

Wenn man nur will
Ich will damit nur sagen: Wenn man WILL, dann kann man auch mit so einem – sagen wir mal gehirnkranken – Hund leben, denn man muss es wirklich als Krankheit sehen. Ich weiß aber auch, dass er heute vielleicht nicht mehr leben würde …! Doch daran will ich gar nicht denken. Trotz der Narben, die man noch heute an uns sehen kann, lieben wir ihn. Und ich weiß auch, dass dazu nicht alle Eltern bereit sind, sich sozusagen ein drittes und noch dazu schwerbehindertes „Kind“ aufzulasten.
Heute ist Georgi 8 Jahre alt, liebt Autos, Kleintiere und Pferde, und ist ein richtiger Schmusehund. Es stimmt mich traurig, wenn ich darüber nachdenke, was Menschen aus ihm gemacht hatten: Sowohl durch die „Zucht“ (oder besser Vermehrung) bedingt, wie auch durch die zu frühe Wegnahme von der Mutterhündin, um noch möglichst jung im Schaufenster der Zoohandlung zu landen, und schließlich durch die Misshandlungen, die er offensichtlich erfahren hatte. Und wenn ich ihn heute so neben mir liegen sehe, bin ich froh, dass wir nicht zu früh aufgegeben haben!

>>> WUFF – INFORMATION

Cockerwut: Verhaltensproblem oder Krankheit?

Viele Tierärzte kennen den Begriff der „Cockerwut“, aber es gibt in Wirklichkeit kein exaktes Verständnis dieser Erkrankung, die vornehmlich bei roten Cocker Spaniel auftritt. Einige Experten meinen, dass es sich hier um eine Extremform der Dominanzaggression handelt, die bei einigen Rassen, u.a. auch dem Cocker Spaniel, auftritt. Andere wiederum halten dies nicht für ein übersteigertes Aggressionsverhalten, da sich die Hunde im Anfall in einem gestörten Bewußtseinszustand befinden. Ob dies durch eine Störung im Stoffwechsel des Gehirns bedingt ist oder eine andere Ursache hat, ist unklar. Für das Vorliegen einer Erkrankung anstatt eines „bloßen“ Problemverhaltens spricht auch die genetische Komponente. Es scheint sich um eine epilepsoide Anfallserkrankung handeln.

Der Name Cocker“wut“ leitet sich davon ab, dass der Hund aus einem ganz normalen Zustand heraus sich plötzlich von einer Sekunde auf die andere verändert und alles und jeden, auch seinen Besitzer, ohne erkennbaren Anlass, attackiert. 

>>> WUFF – INFORMATION

Wenn Sie mit der Autorin dieses Berichtes in Kontakt treten wollen:
E-mail: georgi@kstp.at
http://members.e-media.at/dietipsy

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