Ein Hund am Kilimandscharo: Barneys letzter Halbmarathon

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Seit vielen Jahren läuft ein sportlicher Schnauzer den Halbmarathon am Kili-
mandscharo mit – zur großen Begeisterung der anderen Teilnehmenden. Nun geht er in Rente. Wir haben ihn bei seinem letzten Lauf begleitet.

Fellige Tatzen fliegen über den heißen Asphalt. Zwischen tausenden Laufschuhen hält ein Schnauzer Schritt; seine Zunge flattert genauso im Laufwind wie sein zotteliges Fell. Auf seinem neongelben Trikot prangt in blauen Buchstaben sein Name – Barney. Gemeinsam mit tausenden Menschen nimmt der Schnauzer heute am Kilimandscharo-Halbmarathon teil.
Es ist das größte Sportevent Tansanias. Jährlich treten in der Stadt Moshi knapp 12.000 Läufer vor der Kulisse des höchsten Bergmassivs Afrikas in unterschiedlichen Distanzen gegeneinander an – ambitionierte Sportler aus ganz Tansania genauso wie Touristen aus aller Welt. Zwischen all den Menschen läuft nun zum achten Mal auch Barney mit. Nach sieben erfolgreichen Teilnahmen ist es in diesem Jahr für ihn ein letztes Schaulaufen. Ausnahmsweise trägt er keine Startnummer und steigt erst fünf Kilometer vor dem Ziel ins Rennen ein. Mit 13 Jahren ist es für den Schnauzer allmählich Zeit, in den Laufruhestand zu gehen.

Hunde im Marathonsport
Ein Hund, der einen Halbmarathon läuft – geht das? »Ein trainierter Hund kann 21 Kilometer locker in der Geschwindigkeit laufen, die ein Mensch läuft«, sagt Tierärztin Viola Hebeler. Sie ist spezialisiert auf Sportmedizin beim Hund. Schädlich für die Gesundheit eines Hundes seien Langstreckenläufe prinzipiell nicht. Aber es kommt natürlich auf die Rasse an: »Die brachycephalen Rassen, die eingeengte Atemwege haben, wie Möpse oder Pekingesen, sind nicht zum Laufen geeignet.« Der Lauf um den Kilimandscharo ist aber vor allem auch wegen der äußeren Bedingungen anspruchsvoll. Obwohl es noch früh am Morgen ist, zeigt das Thermometer in Moshi schon 26 Grad – bis zum Zieleinlauf am Mittag wird es noch deutlich wärmer.

Temperaturen über 20 Grad können für Hunde zu einem Problem werden, erklärt Hebeler: »Wenn Hunde Muskelarbeit verrichten, dann heizt sich die Körpertemperatur auf. Und Hunde können nicht schwitzen, sie müssen alles weghecheln. Wenn sie in der Hitze laufen, muss man aufpassen, dass man sie abkühlt.«

Beim Kilimandscharo-Marathon ist das kein Problem, in regelmäßigen Abständen stehen Sprühanlagen, die für Abkühlung bei Barney und seinem Herrchen sorgen. Seit 15 Jahren arbeitet der irische ­Geschäftsmann Dewar Twist in der tansanischen Küstenmetropole Daressalam. Schon bevor er nach Ostafrika auswanderte, hielt er verschiedene Hunde – und das wollte er auch in Tansania fortsetzen. Barney wurde in Frankreich geboren, wo Twist seinen Zweitwohnsitz hat. Mit fünfzehn Monaten kam der junge Schnauzer dann nach Ostafrika.

Ausreichendes Training
Hunde als Haustiere zu halten, ist in Tansania sehr ungewöhnlich, meist dienen sie nur als Wachhunde. Auch Barneys Äußeres fällt auf: ohne Schwanz, mit großen zotteligen Pfoten und von den Haaren verdeckten Augen. »Gerade, dass man seine Augen nicht sehen kann, macht einigen Tansaniern Angst. Manche halten ihn gar für eine Art magischen Hund«, so Herrchen Twist.

Kurz nachdem Barney in Tansania ankam, begannen Hund und Herrchen auch, das erste Mal gemeinsam zu laufen. Langsam steigerten sie sich von fünf Kilometern auf immer längere Distanzen. Dewar Twist war dabei allerdings immer vorsichtig: »Wenn Barney irgendein Zeichen von Stress zeigte, haben wir sofort aufgehört.« Genauso muss man einen Hund trainieren, sagt Tierärztin Hebeler: »Ich kann nicht meinen Hund von der Couch ziehen, nur weil er die richtige Rasse hat, und sagen, ‚Ich laufe jetzt mal 20 Kilometer‘. Das geht nicht. Man muss sie langsam auftrainieren, dann sind sie der Belastung auch gewachsen.« Wichtig ist auch die Gesundheit des Hundes. Bevor man anfängt, längere Strecken mit seinem Hund zu laufen, sollte man beim Tierarzt checken, dass er keine Probleme, beispielsweise mit dem Herzen oder der Lunge habe, meint Hebeler.

Barney Twist, Französisch, 28
Dewar hatte vor Barney bereits einige Hunde – längere Strecken ist er aber mit keinem von ihnen gelaufen. »Anfangs haben die mich hier für verrückt gehalten – der Weiße, der mit seinem Hund laufen geht.« Während in europäischen Großstädten Jogger mit ihren Hunden bereits fest zum Stadtbild gehören, war er in Daressalam eine Ausnahme. Barney liebte es aber zu laufen und es tat dem Hund gut.

Bereits 2010 lief Dewar Twist beim Kilimandscharo Marathon mit – damals allerdings die volle Distanz und ohne Hund. Ein Jahr später war nun auch Barney bereit für den Lauf. Seinen Hund einfach »illegal« ohne Anmeldung mitzunehmen, kam für Dewar Twist aber nicht in Frage. Stattdessen füllte er auch für Barney die normalen Formulare aus. Name: Barney Twist, Nationalität: Französisch, Alter: 28. »Barney war damals vier Jahre alt – also nahm ich sein Alter einfach mal sieben«, erinnert sich Dewar Twist. Dass Barney aber ein Hund ist, erfuhren die Organisatoren erst beim Rennen: »Wo sollte ich das denn angeben? Ich wurde ja auch nicht gefragt, ob ich ein Mensch bin.«

Als die beiden schließlich an den Start gingen, konnten es die Zuschauer kaum glauben – ein Hund mit einer Startnummer? Die Organisatoren freuten sich aber über den ungewöhnlichen Teilnehmer. Selbstverständlich bekamen dann sowohl Hund als auch Herrchen im Ziel ihre Medaillen und Siegershirts: »Wir waren ja auch beide angemeldet und standen beide in der Bestenliste.«

Heimlicher Star des Marathons
Seitdem startete Barney fast jedes Jahr mit seinem Herrchen und der Trubel um die beiden wurde immer größer. Wie bekannt sein Hund geworden ist, ist Dewar Twist insbesondere 2016 aufgefallen: »Damals habe ich am Halbmarathon einmal ohne Barney teilgenommen und mich haben plötzlich fremde Leute angesprochen und gefragt, wo denn mein Hund sei. Barney ist hier eben ein Star.«

Um Bestzeiten ging es Dewar Twist allerdings nie – sein einziger Vorsatz war es immer, ins Ziel zu kommen: »Hier sind viele Leute, die sind gerade einmal ein Viertel so alt wie ich und schaffen den Halbmarathon nicht. Da ist mir meine Zeit komplett egal.« Sowieso gebe Barney immer das Tempo vor. Zur Sicherheit sei Barney darauf trainiert, vor ihm zu ­laufen – so ist das Risiko gering für Dewar oder andere Läufer, über die Leine zu fallen. Allerdings steht so die Rangordnung auch von Anfang an fest: »Er schlägt mich immer um eine Nasenlänge«, antwortet Dewar Twist auf die Frage, wer denn der stärkere Läufer sei.

Bei einem vollen Marathon sind die beiden zusammen allerdings nie angetreten – das wäre für Dewar Twist auch nicht in Frage gekommen: »Wenn ich einen Halbmarathon laufe, dann läuft er ja schon einen Marathon – 21 Kilometer mit den Vorderbeinen und 21 Kilometer mit den Hinterbeinen.« Selbst jüngeren Schnauzern würde er einen vollen Marathon nicht zumuten.

Verdiente Rente
Dass Barneys Marathon-Karriere zu Ende gehen wird, merkte man schon 2019. Zwar schafften es Hund und Herrchen auch ein siebtes Mal gemeinsam ins Ziel – Barneys Tempo war nun aber deutlich gemächlicher als vorher üblich. »Nach all den Rennjahren merkt man schon, dass er nach Läufen etwas steif wird. Er wird halt älter«, sagt Dewar Twist. Mittlerweile lege sich Barney auch immer wieder einfach mal hin, wenn er zu müde ist. »Er kennt seine Grenzen ganz gut im Vergleich zu manchen Menschen,« so Dewar Twist.

Seinen letzten Lauf legt Barney heute allerdings ohne Zwischenstopp zurück. Unter Applaus treffen die beiden im Ziel ein und verschwinden im kühlenden Schatten der Zelte. Nach ein wenig Erholung und Wasser ist Barney kurz darauf aber schon wieder gefragt: Viele Läufer schauen beim berühmten Marathonhund vorbei und fragen nach einem Foto. Im nächsten Jahr ist Barney wohl wieder dabei – dann aber nur noch als Zuschauer.

 

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