Ein Hund klagt an

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Acht Jahre lang lebt ein Hund ohne Aufsehen, ohne Probleme, von allen in der Nachbarschaft geliebt, in Wiesbaden. Durch die Aufstellung einer Hundeverordnung macht die Behörde aus diesem Hund, weil er einer bestimmten Hunderasse zugehörig ist, plötzlich einen gefährlichen Hund. Der geforderte Wesenstest wurde nur zum Teil bestanden. Der Prüfer gibt zwar zu, der Hund sei ausnehmend freundlich zu Menschen, gegenüber ihn ankeifenden Schäferhundrüden habe er aber unakzeptierbar aggressiv reagiert. Damit sei Gefahr in Verzug (nach 8 problemlosen Jahren!!) und der Hund sofort einzuschläfern, was dann von Dr. F. – entgegen dem deutschen Tierschutzgesetz und entgegen dem tierärztlichen Berufsethos – sofort durchgeführt wurde.
Ein vom Herausgeber des Hundemagazines WUFF an das Ordnungsamt Wiesbaden gerichtetes Schreiben um Stellungnahme wurde – verspätet, aber immerhin – mit einem unbefriedigenden Fax beantwortet, in dem mitgeteilt wurde, daß Frau S., Frauchen von Baxter, der Einschläferung zugestimmt habe. Tatsächlich aber hat Frau S., die ob der entsetzlichen Information, daß ihr 8jähriger Rüde, Spielgefährte ihrer Kinder, trotz seiner bewiesenen Menschenfreundlichkeit vernichtet werden sollte, in völlige Panik geriet, nicht der Tötung zugestimmt. Sie hat vielmehr gebeten, wenn denn ihr geliebter Vierbeiner von Amts wegen schon getötet werden müsse, dies wenigstens bei ihrem eigenen Tierarzt durchgeführt werden könne, damit für den Hund die letzten Stunden seines Lebens nicht auch noch von Panik erfüllt seien. Beinhart wurde dies abgelehnt: Es werde ein anonymer Tierarzt den Hund töten. Die Bitte von Frau S. wurde in dem Antwortfax des Ordnungsamtes Wiesbaden dann zynisch als „Zustimmung zur Einschläferung“ ausgelegt. WUFF liegen die Klagsschriften in dieser Sache vor, u.a. auch gegen Tierarzt Dr. F. , sowie gegen den „Wesensprüfer“, Herrn B.

Lebensverachtend
Die ganze Sache klingt so unglaublich, daß wir als Beweis der Freundlichkeit des Hundes zwei Dokumente veröffentlichen. Einerseits die Aussage einer Zeugin dieses Wesenstests und andererseits ein von Mietern des Hauses, in dem Baxter immerhin seit 8 Jahren gewohnt hat, unterzeichnetes Dokument, das die Problemlosigkeit des Hundes beweist (s. Kästen).
Das Schreckliche und Unfassbare an dem Ganzen ist, daß der lt. Ordnungsamt Wiesbaden nach VDH-Richtlinien durchgeführte „Wesenstest“ durch einen VDH-Gutachter dem Hund Menschenfreundlichkeit bescheinigt. Nur weil sich der alte Hund bei drei selbst keifenden Schäferrüden aufregt, wird er der Familie S., den Kindern, SOFORT weggenommen und eingeschläfert. Die Art und Weise, wie hier mit einem lebendigen Geschöpf und dessen Besitzern umgegangen wird, zeugt nach Ansicht vieler WUFF-Leserinnen und -leser von einer lebens- und letztlich auch menschenverachtenden Einstellung.

Wo bleiben VDH-Funktionäre?
Wie schon in der letzten WUFF-Ausgabe berichtet, bläst den höchsten Funktionären des Verbandes für das deutsche Hundewesen (VDH) nun ein kalter Wind entgegen. Hundehalter fühlen sich verunsichert, fühlen sich nicht mehr vertreten, fühlen sich im Stich gelassen und manche deutsche WUFF-Leser richten sogar heftige Angriffe an den VDH und unterstellen dem an Geld und Macht einflußreichen Verband, daß ihm die ganzen Hundeverordnungen gar nicht ungelegen kämen, daß er sogar daran verdiene (siehe Wesenstests, die teuer bezahlt werden müssen, siehe Hundeführerscheine, siehe Ausrottung mehrerer nichtdeutscher Rassen usw.).

ÖKV gegen Rasselisten
Das öffentliche Lob der sächsischen Hundeverordnung durch den VDH-Präsidenten Fischer auf der Hundeausstellung in Leipzig Anfang September wird von vielen ebenfalls als Zeichen einer bewußten Politik des VDH interpretiert, da damit erstmals ganz konkret Rasselisten akzeptiert würden. Im Gegensatz zu dieser Politik hat in Österreich der ÖKV in allen Gesprächen und Diskussionen Rasselisten stets abgelehnt. Man könne sich nur auf dem Boden der Wissenschaft bewegen, welche in mehreren Gutachten bewiesen hätte, daß Gefährlichkeit stets ein Individualmerkmal, jedoch nicht ein Rassespezifikum sei. ÖKV-Präsident Dr. Kreiner und ÖKV-Pressemann Mag. Weiss haben diese Linie konsequent und eindrucksvoll durchgesetzt.

VDH: Können uns nicht durchsetzen
Der VDH und mit ihm die größte Verbandskörperschaft, der Verein Deutscher Schäferhunde (SV), können sich nicht durchsetzen? Folgendes Statement des VDH spricht für sich: „Der VDH als kompetenter Fachverband ist nach wie vor gefragt – auch wenn er sich jetzt vor dem Hintergrund einer gesellschaftlichen Hysterie inhaltlich zunächst nicht durchsetzen kann.“ Dafür macht sich der Verband aber für ein lukratives Geschäft stark, einen „VDH-Hundeführerschein“. Der WUFF vorliegende Brief eines kritischen deutschen Hundefreundes: „Hat der VDH noch immer nicht kapiert, daß Hunde keinen Führerschein brauchen, sondern die Halter? Und wer soll diesen Schein abnehmen? Exklusiv VDH-Schutzhundler mit Methoden von vorgestern etwa?“

Scharfe Warnung an WUFF
Daß dieses Thema, daß eine Kritik am „heiligen VDH“ offenbar wirklich brandheiss ist, zeigen E-mails, die WUFF-Herausgeber Dr. Mosser als Reaktion auf den Artikel „Hundehysterie: Was tun ÖKV und VDH?“ im letzten WUFF bereits erhalten hat. Dr. Mosser wird darin gewarnt, es sich mit dem VDH oder gar dem SV anzulegen: „… daß ich es für äußerst unklug hielte, wenn Sie den VDH und den SV angriffen. Dies wäre politisch ein absoluter Mißgriff. … Ich bin mir sicher, daß Ihre Angriffe von keinem der Vereine gebilligt werden würden.“
Auf den Hinweis Dr. Mossers, daß der ÖKV gezeigt habe, daß man sehr wohl bei entsprechendem Engagement für alle Hunde, auch die inkriminierten Rassen, eintreten könne, kam die inhaltlich völlig falsche Antwort: „Ihr Vergleich zum ÖKV hinkt. Ich wüßte nicht, was der ÖKV bisher gemacht hat. … Mir klagten österreichische Kampfhundebesitzer immer wieder, wie sehr der ÖKV pennt.“ Es mag schon stimmen, daß der zuständige Rasseverein für den AmStaff in Österreich „pennt“, aber wenigstens und gottseidank tat und tut dies in dieser Frage nicht der ÖKV.

Stellungnahme? Der VDH tut gar nichts
Zum Abschluß sei noch die Frage gestellt, was denn der VDH auf die per E-mail geschickte Anfrage von WUFF-Herausgeber Dr. Mosser um Stellungnahme tut? Die Antwort spricht für sich: Der VDH tut gar nichts. Wir haben bis dato nämlich keine Reaktion erhalten.



>>> WUFF – INFORMATION


Baxter nur als lieber Hund bekannt

Bestätigung der Mieter, dass Baxter immer nur als lieber Hund bekannt war.



>>> WUFF – INFORMATION


Die Zeugin des Todesurteils:

Hiermit möchte ich, Frau H… U…, schriftlich bestätigen, dass der Hund Baxter auf Grund dessen, weil er sich stark erregte, da Frau K. S… ihn an einem Kombi mit drei Schäferhunden hochziehen musste, die Prüfung nicht bestand: Todesurteil. Ich war an der Prüfung, die höchstens 10 Minuten ging, anwesend. Der Prüfer und Frau S… holten Baxter aus dem Auto, wo auch ich mich befand. Ich beteiligte mich an der Prüfung (zog Baxters Maulkorb aus, so wie es der Prüfer verlangte), …

Todesurteil des VDH-Prüfers: „Ihr Hund ist menschenfreundlich, aber …“
Ich bezeuge hiermit die Worte des Prüfers: „Ihr Hund ist Menschen gegenüber vorbildlich und es könnte gar nicht besser sein, aber er hat Hunden gegenüber Aggressionen gezeigt und somit müssen wir ihn als gefährlich einstufen“.

Ordnungsamt Wiesbaden: Sofort beschlagnahmt
Von diesem Augenblick an wurde Baxter beschlagnahmt und Frau S… musste ihn an einen Zaun binden. Der Familie S… wurde kurz und bündig (so nebenbei) erzählt, dass der Hund noch am gleichen Mittag von einem anonymen Tierarzt eingeschläfert würde. Ich persönlich kann nur sagen, dass Baxter ein liebenswürdiger und vertrauensvoller Hund war.
Unterschrift: H…. U….
29. August 2000



>>> WUFF – INFORMATION


Reaktionen von Hundehaltern
(Aus Sorge vor Repressalien durch die lokalen Ordnungsämter oder denunzierende Nachbarn baten viele Leserbriefschreiber darum, ihren Namen nicht zu veröffentlichen – ein aktuelles Bild der Lage! WUFF legt Wert auf die Feststellung, daß uns die Namen aller Briefschreiber bekannt sind, es sich hier also nicht um anonyme Schreiben handelt, aber daß die Namen auf Wunsch natürlich dem rechtlichen Schutz des Redaktionsgeheimnisses unterliegen).

• VDH akzeptiert Bauernopfer?
Die Tatsache, daß in Hessen unsachliche Wesenstests von angeblichen VDH-Sachverständigen vorgenommen werden, ist leider nicht neu. Daß der VDH in diesem Zusammenhang von WUFF angesprochen wird, ist absolut zu befürworten. Ich befürchte allerdings, daß keine Stellungnahme des VDH zu erwarten ist. Bereits die am 5.7. veröffentlichte Stellungnahme „Was tut der VDH?“ fiel durch ihren Alibi-Charakter auf. Es wäre hier angebracht, den Druck zu erhöhen, denn schon seit einiger Zeit geht das Gerücht herum, der VDH hätte in der laufenden Hundediskussion bereitwillig verschiedene Rassen als Bauernopfer akzeptiert.
Thomas Kosak, E-mail aus Deutschland

• VDH-Engagement fragwürdig
Ein krimineller deutscher Psychopath hat die derzeit grassierende Hundehass-Welle ausgelöst und unsere feindbildgeile Sensationspresse ist willig auf dieselbe aufgesprungen. Das Mindeste, was der mächtige VDH tun kann, ist zu versuchen, das ins Wanken geratene Bild unseres treuesten Freundes wieder gerade zu rücken! Die Diskriminierung einiger der menschenfreundlichsten Hunderassen ist sicher nicht der richtige Weg. Angesichts der vielen (zahlenden) Schäfchen, die dieser Verein zu betreuen verspricht, erscheint mir das Engagement doch etwas dürftig bis hin zur Fragwürdigkeit.
Claudia R., E-Mail aus Deutschland

• Unverantwortlich & inkompetent
Ich finde das Verhalten des VDH extrem unverantwortlich und inkompetent. Es gibt kein kampfhundespezifisches Verhalten. Sogar ein Dackel kann aggressiv anderen Hunden gegenüber sein. Wenn man solche „kompetente“ Leute weiterhin solche VDH-Wesenstets durchführen läßt, wird bald die Hälfte unserer Hunde eingeschläfert.
Viktor W., Düsseldorf

• VDH hilft nicht
Wo bleibt der VDH? Das frage ich mich seit Jahren, nachdem ich rausbekommen habe, daß der VDH es zuläßt, daß gesunde Welpen um die Ecke gebracht, ersoffen, oder wie man so schön sagt, eingeschläfert werden – alles mit Wissen des VDH! Aber das steht auf einem andern Blatt. Jetzt haben wir diese Landeshundeverordnungen, und der VDH tut wieder nichts. Ich habe kürzlich beim VDH um Prospektmaterial gebeten, weil ich ehrenamtlich mit 3 Rottweilern, 1 Schäferhund und 1 Pudel in Kindergärten gehe und den Kindern den richtigen Umgang mit Hunden vermittle. Wenn der VDH nicht einmal dabei helfen kann, wie soll er uns dann im Kampf gegen behördliche Willkür helfen? Ich schlage vor, es treten alle aus dem VDH aus!
Andrea Freidank, E-mail aus Deutschland

• VDH-Wesenstester
Wir verstehen schon lange nicht mehr, warum VDH-Richter, die bisher Schutzdienst beim Schäferhund mit „kampftriebstarkem Biss“ bewerteten, nun Wesenstests abnehmen. Nicht-verbandsangehörige Hunde haben hiebei noch viel schlechtere Karten. Wir verwehren uns gegen diese Wesensteste und fordern weg mit den VDH-Richtern und weg mit dieser Art von Wesenstests. Wir haben am 11.11.2000 in Volkmarsen-Lüthersheim, Gasthaus Schaake, um 10:30 Uhr eine Gründerversammlung für Rassehunde-Zuchtverbände Deutschlands. Wir wollen gegen den Wesenstest in dieser Form und gegen VDH-Richter bei Wesenstests vorgehen.
Iris Schäfer, IGRZV e.V., LG Nordhessen

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