Ein Österreicher auf Rügen

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Toni fliegt nicht gern im Frachtraum eines Flugzeuges – aufgrund seiner 30 kg Lebendgewicht hätte er nicht im Passagierraum mitfliegen dürfen. Lieber verbringt er die Reise in seiner geräumigen Autobox, die dann auch angetreten wurde. Etwa eine Tagesreise, mit Zwischenstop in Bayreuth, ging es dann über die österreichischen und deutschen Autobahnen knapp an Berlin vorbei nach Stahlbrode. Von dort übersetzten wir mit einer Fähre auf die Insel Rügen. Noch eine gute Stunde Fahrt und wir waren am Ziel: Das Ostseebad Binz, ein echter Kurort, der sich nach der Wende in Deutschland zu einem schicken Ort im alten Bäderstil gemausert hat.

Warum gerade Binz?
Warum Toni gerade nach Binz wollte? Schlichte Mundpropaganda: Da soll es sehr hundefreundlich zugehen, nette Hotels und vor allem auch drei Hundestrände. WUFF wollte mit Toni testen, ob das stimmt. Nebenbei gesagt sei, daß wir uns natürlich nicht als WUFF zu erkennen gaben, da dies möglicherweise das Testergebnis hätte verfälschen können.
Im Hotel Vineta nahe am Strand war Toni nicht der einzige Hundegast – für 12 DM „Hundeaufpreis“ plus 180 DM für ein schönes geräumiges Doppelzimmer, oder 230 DM, wenn man ein kleines Studio mit Balkon haben wollte. Frühstücksbuffet inklusive.

Wo ist da der Hundestrand?
An der Rezeption gleich unsere Frage, ob es denn Hundestrände gäbe? Natürlich, sie seien auch angeschrieben, drei an der Zahl, zwischen 700 Meter und 2 km vom Hotel über die Strandpromenade leicht erreichbar. Diese Promenade ist denn auch eine Art Zentrum von Binz – dort flaniert alles, was zwei und vier Beine hat.
Tatsächlich, Binz scheint ein Kinder- und Hundeparadies zu sein, betrachtet man den Verkehr auf dieser Promenade entlang der bewachsenen Dünen am Strand. Täglich frisch befüllte Automaten mit Kotsäckchen für Hunde wurden auch stets benützt und hielten Stadt und Strand sauber. Die Hundestrände befanden sich an den äußeren Enden der „Normalstrände“, neben den FKK-Stränden. Sie waren also so angeordnet, daß die für Hunde nicht erlaubten Strände am leichtesten erreichbar waren, dann kamen die Strände für die „Nackerten“ und dann die für Hunde. Ob diese Anordnung eine Wertung des Kuramtes darstellt …?

Tollen am Strand
Nun, Hundeleute sind ja längere Spaziergänge gewöhnt, und man/ hund ist ja schon froh, wenn man/ hund überhaupt wo ans Wasser darf. So besuchten wir am ersten Tag den nördlicheren Hundestrand und nahmen ca. 2,7 km Spaziergang auf der Strandpromenade in Kauf. Viele Strandutensilien kann man auf diesem Fußmarsch allerdings nicht mitnehmen … Vorbei an immerhin ca. 45 Strandzugängen, überall das hässliche Taferl mit dem durchgestrichenen Hund. Dann endlich der Hundestrand. Da tollten schon mehrere Hunde, spielten Kinder mit ihren Vierbeinern im Wasser, wurden Ballis geworfen – man fühlte sich gleich am richtigen Platz. Der Hundestrand war für die vielen Hundeurlauber allerdings zu klein, was aber zunächst kein Problem war. Da auf dem daneben angrenzenden Strandbereich für FKK kaum Leute waren, hat sich der Hundestrand sozusagen von selbst etwas zu den Nackerten hin ausgeweitet. Bequem lagen wir auf den Badetüchern, tollte Toni im Wasser, beschnupperten sich einige Hunde, spielten einige miteinander, es war ein Vergnügen.

Pfff – und raus war die Luft …
Plötzlich kam ein Grüppchen junger Leute, die Fußball spielen wollten, was ihnen vermutlich auf dem Normalstrand untersagt war. Sie waren ziemlich nahe bei uns, was sich sehr schnell als Fehler entpuppte. Denn Toni liebt Bälle leidenschaftlich. So liegt er dann auch nur mehr im Sand und blickt immer wie fixiert nach dem Ball, immer am Sprung, man spürt förmlich seine Spannung. Aber Herrchen sagt Toni stets „Nein“, sonst wär’s aus mit dem Ball gewesen. Die Sportbegeisterten rücken uns nun aber immer näher an den Pelz und die Sache beginnt etwas lästig zu werden. Wie der Ball wieder einmal so ganz nahe bei uns vorbeifliegt, hört Toni vom Herrchen ein leises „Lauf“, macht wie ein Torpedo plötzlich einen Sprung, wir hören nur ein „Pfff“ – und aus war es mit dem schönen Lederfußball. Wir entschuldigen uns natürlich bei den Sportlern, die dafür auch Verständnis haben – schließlich sind wir ja am Hundestrand … Jaja. Mit dem luftleeren Lederball spielten Sie dann noch Wasserball, aber in sicherer Entfernung zu Toni und es kehrt wieder Ruhe ein.

Privatsheriff am Hundestrand
Zu früh gefreut, plötzlich naht sich uns eine Dame in kurzen Hosen, die am Gürtel lässig ein Handy verankert hat. Sie fragt zunächst, ob dieser Kampfhund (sie meinte Toni) zu uns gehöre. Nun, Toni gehöre zwar zu uns, sei aber ein sehr lieber Hund, der niemandem etwas zu Leide täte, und vor allem sei er nicht das, was Sie sich unter Kampfhund offenbar vorstelle. Nun denn, die Dame, die auf Befragen zwar mitteilte, sie sei von der Wasserrettung, aber sonst sich weigerte, Namen zu nennen oder ihre Kompetenz als Strandsheriff nachzuweisen, meinte dann, daß sie ja auch nichts gegen Toni habe, aber – wortwörtliches Zitat: „Sie wissen ja, die Propaganda …“ . Offenbar noch gedrillt aus alten Zeiten, wo Propaganda die Wahrheit sein mußte.
Nun, es ging ihr dabei aber gar nicht um Kampfhunde, das hat sie nur so nebenbei gemeint. Noch wichtiger war ihr, daß sich da mehrere Leute mit Hunden außerhalb der Anzeigetafel befanden, also am FKK-Strand (wo kaum Leute waren), darunter auch wir mit Toni. Unseren Hinweis, daß sie ja sehen müsse, dass der Hundestrand zu klein sei und die paar „Nackerten“ auch absolut nichts gegen uns Hundler hatten, ganz im Gegenteil, beantwortete sie nur mit dem Hinweis auf die Tafel. Sie besuchte dann auch alle anderen „ungehörigen“ Hundeleute, wobei sie aber keinerlei Erfolg ihrer Bemühungen erreichte, da sie sich nicht kompetent ausweisen konnte, in welchem Auftrag sie eigentlich unterwegs war. Wir – und vor allem Toni – ließen uns durch dieses Intermezzo nicht verdriessen und genossen die tolle Atmosphäre und den schönen Hundestrand.

Strandbekanntschaften
Am nächsten Tag begutachteten wir den nähergelegenen, kleineren Hundestrand, auf dem sich sogar ein Lagerfeuerplatz befand. Dort ging es ruhiger zu, ein Herrchen tobte mit seinem Setter im seichten Wasser, neben uns lag ein älteres Ehepaar mit ihrem Dackel, wobei sich vor allem letzterer sehr für unsere vierbeinige Begleitung interessierte. Immer wenn wir Toni ein Stöckchen oder sein Balli warfen, machte auch der Dackel Anstalten, mitzulaufen, ließ aber gleich wieder von seinem Vorhaben ab, da Toni sehr viel rascher das Ziel erreichte. Da das Interesse des Dackels an unserem Stafford aber keine Erwiderung fand, beschloß der Nachbarshund, Toni zu besuchen und wackelte vorsichtig an Toni heran. Der ließ sich beschnüffeln, was offenbar die Neugier des Dackels befriedigte und er wieder zurück zu seinen Leuten trabte.
Auffallend war, daß die Hundestrände die saubersten von Binz waren, das immerhin über 5 km wunderbaren Sandstrand verfügt. Während auf den für Hunde unerlaubten „Normalstränden“  Zigarettenkippen, Dosen und anderer Müll verstreut lag (wenngleich nicht in übermäßigem Ausmaß – das sei auch angemerkt), waren die Hundestrände topsauber. Die überall vorhandenen Automaten mit den Kotsäckchen und Entsorgungsmöglichkeiten wurden auch stets benutzt. Hatte einmal ein Hundebesitzer das Geschäft seines Vierbeiners „übersehen“, wurde er sofort von einem anderen daran erinnert. So übersah der Setterbesitzer zunächst auch die Hinterlassenschaft seines Vierbeiners. Unser Strandnachbar, das Herrchen vom oben erwähnten Dackel, stand sofort auf, nahm eine – wie es dort heißt – „Kottüte“ und brachte sie dem Setterbesitzer, der auch ohne Gegenwehr davon Gebrauch machte …

Hundefreundliche Lokale
Zum Abendessen besuchten wir verschiedene Restaurants, alle mit schönen Terrassen, viele davon an der langen Strandpromenade. Toni lag brav bei Tisch, wurde auch in allen Restaurants anstandslos akzeptiert, häufig wurde freundlich gefragt, ob man eine Schüssel Wasser bringen solle.
Abendlich gab es für Toni vor dem Zubettgehen das obligate Duschen, da der feine Sand allein durch Bürsten nicht aus dem Fell zu kriegen war und wir Sand am Strand mehr schätzten als im Zimmer (und womöglich im Bett). Nun, angeblich liegt ja nur bei sehr wenigen Hundebesitzern und auch da angeblich nur im Einzelfall der Hund im Bett – falls dies doch geschieht (man muß ja nicht immer aufwachen, wenn hund sich ins Bett schleicht), haben manche Hundebesitzer ein eigenes Leintuch mit, auf dem sie (und der Hund) schlafen, damit es keinen Ärger mit dem Hotel gibt.

Da wir keine reinen Strandratten sind, haben wir, zum Teil auch mittels Zug (auch da durfte Toni natürlich mit), die Insel erkundet und sind zum nördlichsten Punkt mit einem berühmten Leuchtturm gefahren. Toni erklomm mit uns die vielen Stufen des vom berühmten Berliner Architekten Schinckel erbauten Leuchtturms. Von oben sah man weit aufs Meer hinaus, wobei allerdings wir Menschen dies mehr genossen als unser vierbeiniger Begleiter. Eine weitere Attraktion auf Rügen ist die berühmte Schmalspurbahn „Rasender Roland“, die noch heute von einer Dampflokomotive gezogen wird. Sie verbindet die wichtigen Orte im Osten Rügens und ist – auch ohne bestimmtes Reiseziel – ein Erlebnis für sich, was Toni mit Anhang auch genoss. Für großes Gelächter sorgte Toni, der wie ein Wolf zu heulen begann, als die Dampflok laut pfeifend in den Bahnhof einfuhr. Als Toni allerdings bemerkte, daß er mit seinem Heulen die wohlwollende Aufmerksamkeit aller Wartenden erregte, wollte er damit gar nicht mehr aufhören und setzte immer wieder von Neuem zum Heulen an … Ähnlich verhielt es sich, als die Schiffe an der Binzer Seebrücke laut tutend anlegten.

Nicht zu heiss
Wettermäßig ist Rügen sehr angenehm, nicht zu heiß – gelegentlich ein kurzer Regenschauer, das Meer sicher nicht so warm wie in Italien, aber für uns Menschen doch angenehm und für den Hund sowieso das ideale Wetter.
Natürlich verschluckt der Hund beim Toben im Wasser immer wieder mal Salzwasser, was zu gelegentlichen Durchfällen führen kann. Der Meeresstrand ist sehr langsam abfallend, weshalb man relativ weit hinaus gehen kann, ohne daß das Wasser tief wird. Für Hunde und vor allem für Familien mit Kindern sehr angenehm. Zusätzlich werden die meisten Strände (nicht aber der Hundestrand) durch die Wasserrettung überwacht.

Das Resumee
Als Resumee unseres Testbesuches des Ostseebades Binz können wir diesen Kurort durchaus empfehlen. Die meisten Hotels, Restaurants und sonstigen Einrichtungen sind hundefreundlich gesinnt, die Hundestrände sind wirklich schön, wenngleich zu klein und leider auch ohne die typischen Ostsee-Strandkörbe, die an den anderen Stränden sehr wohl zu mieten sind. Eine Anregung an die Kurverwaltung!
Da die hundlichen Urlauber an Zahl gar nicht gering waren, dürften sie doch weiterhin das Interesse der Tourismuswirtschaft von Binz finden und diese sollte verhindern, daß solche oben erwähnten selbsternannten „Strandsheriffs“ Probleme schaffen, wo vorher keine waren. Und auch nicht so sehr auf die Propaganda hören …

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