Ein Wintermorgen in Venice Beach

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Es ist ein ganz normaler Tag mitten im schneelosen Winter Kaliforniens. So früh am Morgen ist es noch leicht, einen Parkplatz zu finden. Die ersten Sonnenstrahlen finden ihren Weg durch die Wolkendecke, und es wird langsam wärmer. Unser Ziel ist die lange Strandpromenade in Venice Beach, California. Venice in Kalifornien hat heute kaum noch etwas gemeinsam mit dem, was in den frühen 1900er Jahren begann, als der Tabakindustrielle Abbott Kinney hier eine Art kleines Venedig nachgebaut hat, mit Kanälen und Gondeln, aber alles natürlich eingebettet in ein amerikanisches Ambiente. Kinneys Venedig gibt es mittlerweile nicht mehr, und was dieses Venedig mit dem echten in Italien gemeinsam hat, ist nur mehr der Name.

Hunde und Hippies
Es ist nicht selten, dass Menschen, die eine etwas „andere" Ansicht vom Leben haben, sich mit Hunden umgeben. Venice Beach ist da keine Ausnahme. In dieser Stadt, die kürzlich als „the funkiest town of America" bezeichnet wurde, bemüht sich jeder Einwohner derart intensiv um Individualität und Einzigartigkeit, dass es schwer ist, unter den vielen „Individuellen" jemand Individuellen zu finden … Auf eine seltsame Art sind die Hunde hier der einzige Kontakt zum „ganz normalen" Leben.
Kinneys Traum vom amerikanischen Venedig ist ausgeträumt, hauptsächlich seit der Zeit des 1. Weltkriegs, als man hier Öl entdeckte und die anmutige kalifornische Version der italienischen Renaissance den ölfördernden Bohrtürmen weichen musste. Dann verkam die ganze Region, und erst in den 1970ern wurde sie von den Beatniks und Hippies wieder entdeckt, die der Region neues Leben einhauchten. Langsam aber sicher eroberte sich Venice Beach wieder seinen Platz auf der Landkarte, behielt aber weiterhin seine relaxte Hippie-Mentalität.

Jahrmarkt der Eitelkeiten
Venice Beach ist eine Oase inmitten der riesigen Region, die zu Los Angeles gehört, und ein Ziel für die, welche sich gegen das amerikanische Establishment auflehnen. Es ist eine Art riesiges Freiluft-Erlebnis-Einkaufszentrum, wo man mit seinen Rollerblades von Geschäft zu Geschäft schweben kann, um genau die richtige Sonnenbrille oder das gerade modernste und flippigste Skateboard zu finden.

Venice Beach ist DER Ort, wenn es um Körperschmuck geht – ob man einen exzellenten Tätowierer sucht oder einen Experten, der einem die Augenbrauen pierct, oder wenn man seinen Körper mit Henna bemalen lassen möchte. In guter Gesellschaft befinden sich da auch die Handleser und Wahrsager, die denen, die fragen (und zahlen), die Zukunft weissagen. Und an einer 5 Kilometer langen Promenade entlang dem Strand reiht sich eine „Gesundheitspraxis" an die andere, allesamt spezialisiert auf alternative Wellnessmethoden wie Reflexologie, Massage, Kristallenergie usw.. Und die gesunden, vor Kraft strotzenden Körper präsentieren sich dann gleich vor Ort am Strand, und das begeisterte Touristenpublikum applaudiert dem angespannten Bizeps des fast monströsen Bodybuilders. Aber auch die Könner des Basketballs finden dort öffentliche Anerkennung für ihre tollen Korbwürfe, und die Tennisspieler für ihre besten Aufschläge. Und in der Mitte all dieser farbenprächtigen „action" sind die Hunde, die so tun, als ob sie die Menschen – und deren Verrücktheiten – nichts angingen.

Eigene Hundewelt unter Menschen
Neben einem großen Sportgeschäft, das auf Skooter spezialisiert ist, liegt ein Weimaraner. Durch seine halbgeschlossenen Augen beobachtet er das rege Treiben um sich herum, wie die potenziellen Käufer die grellbunten „flashigen" Skooter testen und darüber heftig diskutieren. Er wirkt wie ein Teil der Szenerie und rührt keine Muskelfaser. Aber nur solange kein anderer Hund in seiner Nähe vorbeiläuft … Es sind nicht allzu viele Hunde, die hier frei herumlaufen. Sie gehören meist den Inhabern oder Angestellten der Geschäfte und „patroullieren" regelmässig durch „ihr" Territorium. Die meisten Hunde aber haben einen Menschen am anderen Ende der Leine, laufen entweder hinter ihrem joggenden oder rollerbladenden Besitzer her oder warten brav im Geschäft, während Herrchen sich massieren oder Frauchen sich im Schönheitssalon das Gesicht richten lässt. Die Hunde leben in einer anderen Welt, sie sehen, was wir nicht sehen, und riechen, was wir nicht riechen. Die Vierbeiner sehen und riechen vor allem einander und so ganz nebenbei sozialisieren sie sich auch. Sie lassen sich vom Rummel nicht beeindrucken, und was für ihre Menschen faszinierend ist, lässt sie völlig kalt.

Hunde sind cool
Hunde hält man in Venice Beach für „cool" – und das bedeutet, dass man mit ihnen Geld verdienen kann. Es gibt Postkarten mit Hunden, Hundebilder, Sticker, Ringe, einfach alles, wo zumindest ein Hundekopf draufpasst. Reihenweise stehen vor den Geschäften Hundefiguren, die mit dem Kopf wackeln können und ihren Platz auf der Hutablage in den Autos finden sollen. Hundeleinen, Halsbänder mit glitzernden Steinchen und sogar Hundebekleidung.
Zwei American Cocker Spaniels tragen spezielle Sonnenbrillen (die es auch für Katzen gibt) und kleine Sonnenhüte, die mit lustigen Logos verziert sind. Die Dame, der das Geschäft gehört, verkauft ihre Ware mit Hilfe der herausgeputzten Hunde recht gut. Es ist gar nicht so einfach, mit den Cocker Kontakt aufzunehmen, sie scheinen das Interesse der Käufer und der Spaziergeher und die Blitzlichter der Kameras völlig zu ignorieren.
Es gibt hier am Ocean Front Walk, der Strandpromenade, mehrere verschiedene „Cliquen", und die Menschen pflegen ihre gesellschaftlichen Kontakte überwiegend nur innerhalb dieser Gruppen. Da ist kaum eine Vermischung untereinander. Beispielsweise bilden die Geschäftsleute, die hier Produkte und Dienstleistungen anbieten, eine eigene „Clique", und die, welche hier wohnen und leben, eine andere. Eine weitere Gruppe sind die Menschen, die zwar woanders wohnen, aber immer wieder hierher kommen, um sich zu zeigen und hier das Publikum für ihre tatsächlichen oder vermeintlichen Vorzüge und ihre Aktivitäten finden. Und dieses Publikum und die Touristen stellen wiederum eine eigene Gruppe dar. Und dann ist da natürlich auch noch die „Hunde-Clique" …

Irgendwie hat Venice Beach etwas Attraktives, etwas ganz Besonderes, vor allem entlang der Strandpromenade, die Menschen von Nah und Fern anzieht. Aber in dieser Jahreszeit, einem ganz normalen Morgen mitten im kalifornichen Winter, wirkt alles etwas entspannter als in der schrillen Sommerzeit. Hunde mit Sonnenbrillen und verrückten Hüten sind zu dieser Jahreszeit in Venice Beach doppelt „cool". Phantasie oder Realität, Phantasie inmitten von Realität, oder Realität mitten in der Phantasie – entscheiden Sie selbst …




>>> WUFF – HINTERGRUND


Venice Beach, California – the „funkiest town"

Am 4. Juli 1905 gründete Abbot Kinney, ein Tabakindustrieller und Immobilienmagnat, ein Ressort am Strand des Pazifiks in der Region um Los Angeles. Angelegt im Stil des italienischen Renaissance, mit Kanälen und Gondeln, hat sich damit der Milliardär den Traum eines amerikanischen Venedigs erfüllt. Kürzlich als „funkiest town of America" bezeichnet, ist Venice ein Schmelztiegel verschiedener Lebensweisen. Vor allem leben hier viele Künstler und Musiker, Entertainer, „Visionäre" und Menschen, denen solches gefällt.

Eine webcam zeigt stets aktualisierte Bilder von Venice Beach unter folgender Adresse:
http://www.westland.net/beachcam
Weitere Informationen über Venice Beach auf folgender website:
http://www.westland.net/venice


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