Eine bessere Welt für die Straßenhunde in Sarajevo

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Obwohl der Krieg in Bosnien und Herzegowina seit fast 20 Jahren vorbei ist, sind die Spuren davon immer noch zu sehen. Für die Straßentiere vor Ort ist der Krieg jedoch nicht vorbei. Täglich kämpfen sie gegen Hunger, Durst, Kälte, Krankheiten und auch gegeneinander, weil nur der Stärkste überleben kann.

Von der Bevölkerung werden Hunde im besten Fall ignoriert, oft aber mit Steinen verjagt oder zum Spaß misshandelt oder überfahren und dann einfach liegengelassen. Kastration ist hier kein Thema. Die Hunde hängen meist an Ketten und Hündinnen werden mehrfach von streunenden Rüden gedeckt. Die Welpen werden dann einfach auf der Straße oder in Müllcontainern entsorgt. Die wenigen überlebenden Welpen sterben dann oft noch an den Krankheiten wie ­Parvovirose und Staupe oder an Unterernährung. ­Hunde werden hier immer noch als reine Nutztiere gesehen, als bewachende Kettenhunde oder für die Jagd. Versorgt werden sie meist ausschließlich mit altem Brot, und tierärztliche Behandlung kann sich niemand leisten.
Es gibt auch Hundefabriken, in denen Rassehunde in Massen produziert werden. Diese Hunde werden von den Menschen gern als lebendiges Geschenk gekauft, um ihre Kinder kurzzeitig glücklich zu machen. Sobald das Interesse nicht mehr besteht, landen sie auf der Straße. „Den Leuten fehlt gänzlich das Verantwortungsgefühl; mit ein Grund sind sicher auch die geltenden Gesetze, denn ein Tierquäler oder jemand, der einen Hund aussetzt, hat keinerlei Konsequenzen zu befürchten," erklärt die Österreicherin Nicola Mair. Der 38-jährigen Tirolerin schwirrten – nach einem Besuch in Sarajevo – ständig die Bilder der leidenden Straßenhunde im Kopf herum, bis sie selbst beschloss, einen Tierschutzverein zu gründen. Zusammen mit Natascha und Sejla gründete die Universitätsangestellte den Tierschutzverein S.A.R.0.

S.A.R.O.
S.A.R.O. steht für Sarajevo Animal Rescue Organisation. Der Verein ist eine Vereinigung von Tierfreunden aus Österreich und Bosnien-Herzegowina, die dem unermesslichen Tierleid auf den Straßen nicht mehr zusehen können. Obwohl es seit April 2009 ein Tierschutzgesetz gibt, erfolgt die Umsetzung sehr langsam. Daher haben es sich diese Menschen zum Ziel gesetzt, die Straßentiere zu ­kastrieren, zu impfen und medizinisch zu versorgen. Es macht wenig Sinn, Tausende Hunde zu uns zu bringen, wenn sich vor Ort nichts ändert. Daher kooperieren sie auch mit den örtlichen Behörden und Tierschutzvereinen, weisen die Bevölkerung auf das Elend hin und unterstützen Projekte, die Tierschutzunterricht in den Schulen machen.

Einfangen, kastrieren, freilassen
Mehrmals im Jahr führt S.A.R.O. Kastrationswochen durch, in denen 20 bis 30 Tiere pro Woche eingefangen und kastriert werden. Es ist das einzige Mittel, um auf längere Sicht die Anzahl der Streuner zu reduzieren. Die Anzahl der Straßentiere bleibt trotz hoher Sterberate konstant. Durch das Aussetzen von unkastrierten Welpen und erwachsenen Tieren können sich diese ungehindert vermehren. Die Tierfreunde von S.A.R.O. fangen die Hunde ein, lassen sie kastrieren und setzen sie nach ein paar Tagen Genesung in menschlicher Obhut wieder in ihrem Revier frei. Die kastrierten Hunde werden auch entwurmt und geimpft sowie mit einer Ohrmarke versehen, die sie als kastrierte Tiere kennzeichnet. Die kastrierten Tiere besetzen weiterhin ihr Revier, sodass keine neuen zuwandern können, da die bereits vorhandenen ihr Revier verteidigen. Da sie aber kastriert sind, bleibt die Anzahl konstant und verringert sich sogar im Lauf der Jahre, was aber längerfristig gesehen werden muss und sich nicht von heute auf morgen ändern kann. Das erbarmungslose Jagen und Einfangen der Hunde durch Hundefänger hingegen, führt zu keiner Verkleinerung der Population, weil andere Hunde nachkommen.

Zara und Zelda
Die Hundewelpen Zara und Zelda repräsentieren ein sehr häufiges Bild, nämlich das Bild von sich selbst überlassenen Straßentieren in Sarajevo. Im März 2014 wurden die beiden von Hundefängern auf brutale Weise mit der Fangschlinge eingefangen. Beide waren in einem sehr schlechten Zustand. Sie hatten generalisierte Demodikose, waren nur noch Haut und Knochen und kaum noch am Leben. Zara und Zelda sollten wegen ihres Zustandes getötet werden. Doch eine Tierärztin vor Ort nahm mit dem Verein S.A.R.O. Kontakt auf und wollte die Einschläferung nicht durchführen. Die Obfrau Nicola war zu dieser Zeit selbst einige Tage in Sarajevo und holte die Welpen sofort ab. Die Behandlung, die aus Medikamenten, Vitaminzusätzen und gutem Futter sowie Salben für die wunde Haut bestand, konnte beginnen. Der Kampf hat sich gelohnt und die beiden Hündinnen sind mittlerweile acht Monate alt und nicht mehr in Lebensgefahr. Leider sind die beiden wegen der brutalen Fangmethode schwer traumatisiert und ängstlich, besonders Zelda, und daher wahrscheinlich kaum zu vermitteln. Die beiden Mädchen bleiben jedoch ihr ganzes Leben lang in der Obhut des Vereins und müssen nicht mehr auf die Straße zurück.

Milow
Doch die Hilfe kann auch ganz anders aussehen. Milow tauchte zum ­ersten Mal im Frühling 2013 in Sarajevo auf. Er war sehr zutraulich und die Vermutung lag nahe, dass er ­einfach ausgesetzt wurde. Der Verein kastrierte, impfte ihn und versah ihn mit einer Ohrmarke, um ihn wieder auf die ­Straße zu entlassen. Obwohl es seit 2009 ein Tierschutzgesetz in Bosnien-­Herzegowina gibt, sind immer noch vor allem nachts Hunde­fänger unterwegs, um Hunde zu fangen, egal, ob sie eine Ohrmarke tragen oder nicht. Vor allem zutrau­liche Hunde sind leichte Opfer, und so landete Milow in einem öffentlichen Tierheim der Stadt, wo grauenhafte Zustände ­herrschen und viele Hunde sterben oder spurlos verschwinden. Vereinsmitglieder vor Ort suchten ihn wochenlang, fanden ihn schließlich dort und befreiten ihn umgehend. Milow konnte dann auch ein neues Leben mit eigener Familie in Tirol anfangen.

Unterstützung
Hauptaugenmerk von S.A.R.O. liegt auf den Kastrationen und Hilfe vor Ort. Daher benötigt der Verein ­Spenden und Sponsoren, um seine Arbeit weiter ausführen zu können. Die Tierschützer vor Ort haben die Erfahrung gemacht, dass die Hunde, wenn sie kastriert sind und regelmäßig Futter bekommen, allgemein fried­licher und ausgeglichener sind und so eher von der Bevölkerung akzeptiert werden. Auch Patenschaften sind dringend notwendig – ­derzeit leben über 20 Hunde in der von S.A.R.O. betriebenen ­Pension, die verletzt oder krank sind oder mit dem Leben auf der Straße nicht zurecht­kamen, da sie ursprünglich einen Halter hatten und ausgesetzt wurden. Die Pension kostet pro Hund und pro Monat 50 Euro, und gerade erwachsene und ältere Tiere sind sehr lange dort, weil sie schwer zu ver­mitteln sind und jemanden brauchen, der ihnen den Aufenthalt sichert. Tier­ärzte, die ­Kastrationsprojekte ­durchführen ­wollen, sind sehr willkommen. Die Obfrau Nicola Mair hat schon weitere Pläne und wünscht sich ein privates Tierheim in Sarajevo, wo regelmäßig Kastrationen durchgeführt werden können und junge, verletzte, kranke und alte Tiere Zuflucht finden. Doch die größte Errungenschaft überhaupt wäre es, wenn mehr Akzeptanz und das Übernehmen von Verantwortung für die Tiere in diesem Land endlich in den Köpfen der Menschen landete. Zusätzlich würden strengere Tierschutzgesetze und Bestrafungen für Tierquäler eine große Signalwirkung für die Bevölkerung haben. Aber solange das noch nicht gegeben ist, kämpft der Verein S.A.R.O. für eine bessere Welt für die Straßentiere in Sarajevo.

WUFF-Information:
Kontakt zu S.A.R.O
Sarajevo Animal Rescue ­Organisation
Meiergasse 3
A-6424 Silz[email protected]Spendenkonto:
IBAN: AT852050303301131714
BIC: SPIHAT22XXX

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