Eine Expedition in Hunde-Paralleluniversen

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In der Hundeszene gibt es viele unterschiedliche ­Philosophien von Ausbildung und Training.
Häufig sind es regelrechte Ideologien, natürlich mit eingetragenem Warenzeichen … Während die einen laut gähnend die Gassirunden absolvieren, drillen die anderen ihre Hunde mit brutaler Gewalt.
Und in der Hundezucht schaut es auch nicht besser aus. Wenn der Jagdgebrauchshund Basset kaum mehr gehen kann, ohne über seine überlangen Ohren zu stolpern, man einen Mops schon einige Minuten vorher am Röcheln hört, bevor man ihn sieht, und wenn ein Chihuahua aufgrund seiner abnormen Kleinheit mittlerweile vor einem Zwerghamster Angst haben muss – dann läuft auch in der ­Hundezucht etwas verkehrt. Warum kann man Hunde nicht einfach Hunde sein lassen?
Eine spannende Expedition in verschiedene Hunde-Paralleluniversen, von Sophie Strodtbeck.

Verantwortungsvoller Umgang mit dem Hund – dazu gehört auch, sich von Extremen bei der Ausbildung und Erziehung, wie auch bei der Hundezucht, fernzu­halten. „Hier“ und „Nein“ sind ein Muss, alles andere ist Schnickschnack. Der Hund sollte nicht unter dem übertriebenen Ehrgeiz des Menschen leiden, er sollte nicht als Partner- oder Kinderersatz oder gar als modisches Accessoire dienen müssen und auch nicht als Sportgerät missbraucht werden. Bei der Erziehung sollte man nicht blind ­irgendwelchen selbsternannten Gurus hinter­herlaufen, sondern vieles auch mal hinterfragen. Man sollte sich ein wenig mit der Biologie des Hundes und seinen Bedürfnissen auseinandersetzen und manchmal einfach seinen gesunden Menschenverstand nutzen. Für all das, was unsere Hunde uns geben und wodurch sie unser Leben bereichern, sind wir ihnen das schuldig!

Nach mittlerweile 10 Jahren mit eigenen Hunden an meiner Seite, habe ich erstaunliche, aber zum Teil auch traurige und erschreckende Einblicke in eine bis dahin für mich fremde Welt bekommen – Einblicke in Hunde-Paralleluniversen, die dem hundelosen Rest der Gesellschaft meist zum Glück verborgen bleiben, denn wäre das nicht so, würden ­diese Auswüchse gezwungenermaßen zu einer weiteren Stigmatisierung der Hundehalter und Hundehalterinnen führen.

Hundeschulen – weit weg von PISA
Meine Skepsis begann, als ich vor 10 Jahren auf der Suche nach Hilfe für meinen aus Unwissenheit aus der Türkei zwangsexportierten Canis autisticus durch die Hundeschulen im Großraum München tingelte. Damals bekam ich aus heutiger Sicht haar- und fellsträubende Ratschläge. Angefangen bei einem relativ harmlosen „den Hund kann man nicht ändern, den müssen Sie so nehmen, wie er ist – oder abgeben“ bis hin zu einer Liste mit sogenannten „Dominanz­regeln“, die ich mir an den Kühlschrank heften sollte, um sie auch wirklich zu verinnerlichen. Dort hingen sie auch eine Zeit lang, aber zum Glück sagte mir damals schon recht schnell mein gesunder Menschenverstand, dass das nicht der richtige Weg im Umgang mit einem zutiefst verunsicherten Hund sein kann.

Warum soll ich einen Hund, der endlich anfängt Vertrauen zu zeigen und meine Nähe auf der Couch sucht, von dieser verbannen? Warum soll ich einen Keks essen, bevor ich dem Hund seinen Napf hinstelle, obwohl ich doch nur froh bin, wenn mein anorektischer Hund ein paar Bröckel­chen Futter zu sich nimmt? Wie soll ich meinen Status dadurch festigen, vor dem Hund durch die Türe zu gehen, wenn dieser sich sowieso monatelang weigert, seine sichere Wohnung zu verlassen? Und warum soll ich ständig darauf bestehen, dass der tief schlafende Hund mit völlig kaputten Gelenken aufsteht und mir Platz macht, obwohl er dabei jedes Mal Schmerzen erleidet und ich eigentlich sehr froh bin, dass er mir inzwischen vertraut und nicht jedes Mal hysterisch aufspringt, wenn ich in seine Nähe komme.

Natürlich braucht ein solcher Hund klare Regeln und Strukturen, die ihm Sicherheit geben, aber bitte auf der Basis verhaltensbiologischer Erkenntnisse, und nicht durch pauschale und schlichtweg falsche an den Kühlschrank geheftete Kochanleitungen.

Bis heute schäme ich mich furchtbar, dass ich einen anderen „Tipp“ aus Unwissenheit ausprobiert habe. Und zwar, die Ängste des Hundes (die ja angeblich ein Fehlverhalten sind!), zu ignorieren. Was heißt Angst? Im Falle meines Dönertieres war es die pure Panik. Schon der Anblick eines Chihuahuas in einem Kilometer Entfernung reichte aus, dass dieser Hund schreiend, zitternd, mit schneeweißen Schleimhäuten und dem Schock nahe in der Schleppleine hing, während ich auf der Leine stand, den Hund seinem Schicksal überließ und Wolken zählte, um ja nicht auf seine Ängste einzugehen und diese zu bestärken. Glücklicherweise war mir auch da schnell klar, dass das nicht zielführend sein kann, und inzwischen weiß ich, dass Gefahrenabwehr Leittiersache ist, und versuche stets für meine Hunde ein verlässlicher Partner zu sein. Inzwischen sind es meine Hunde, die entspannt Wolken zählen, während ich es bin, der versucht, brenzlige Situationen zu regeln. Und ich habe weit mehr Erfolg, indem ich mich vor meine Hunde stelle, anstatt vor ihnen Kekse zu essen!

Begegnungen der merkwürdigen Art
Ein paar Jahre später wunderte ich mich, dass mich das Spazierengehen an der frischen Luft wider Erwarten nicht fit machte, sondern ich, ganz im Gegenteil, immer müder wurde, bis mir auffiel, dass sämtliche Hunde­besitzer auf einmal demonstrativ ­gähnend durch die Gegend liefen – und das steckt ja bekanntlich an.

Ziel der gähnenden Massenbewegung war, auf „hündisch“ zu beschwichtigen. Dass sich der Kangal, über dessen Gartenzaun man gerade klettert, oder der im Schutzdienst geführte Mali, der am Arm hängt, davon anstecken lässt, wage ich allerdings zu bezweifeln. Und da bin ich zum Glück nicht die Einzige!

Zur selben Zeit – und leider bis ­heute – wurden Hunde mit rosafarbenen, linksdrehenden Wattebäuschchen beworfen. Wehe man setzte bei den eigenen Hunden klare ­Abbruchsignale ein, dann wurde einem von vielen Seiten mit dem Tierschutzverein gedroht. Wer weiß, vielleicht würden meine Hunde auch schon längst zum Telefonhörer greifen und Hilfe holen, wenn sie wüssten, wie das geht! Aber die Abbruchsignale, die sie unter­einander zeigen, sind klar, unmissverständlich und nicht unbedingt nett – trotzdem habe ich sie noch nie darüber diskutieren gehört.

Ich bekam gesagt, dass Hunde, die am (weichen, breiten!) Halsband geführt werden, tote Augen bekommen – von massiven Halswirbelsäulenschäden nicht zu reden. Erstaunlich, dass ­meine Hunde noch leben und sich bester Gesundheit und lebendiger Augen erfreuen. Vielleicht liegt es daran, dass man die Leinenführigkeit üben sollte, bevor der Hund in den Brunnen fällt?!

Ich sah Männer beim Spaziergang über die Markierungen ihrer Hunde pinkeln und hatte bei aller Verwunderung Respekt für deren Blasen­volumen.

Mir begegneten Menschen, die beim Versuch, ihren Hund nach Schema F spielend zu motivieren, furcht­erregende Laute von sich gaben, so dass ich, nachdem ich mein Fremdschämen überwunden hatte, überlegte, die Männer mit den unbequemen, weißen Jacken zu rufen, um die Allgemeinheit zu schützen. Aber ich sorgte mich umsonst, denn es handelte sich nur um Anhänger von in der Hundeszene weit verbreiteten ­Philosophien bzw. fast schon Ideologien (natürlich mit eingetragenem Warenzeichen!), die sich komplett lächerlich machten – nicht nur vor dem nicht Hunde haltenden Teil der Bevölkerung, sondern vermutlich auch vor ihren eigenen Hunden.

Auf Bäumen wachsende Würstchen
Bisweilen wunderte ich mich auch, Sonntag morgens plötzlich im Wald Bäume vorzufinden, die wunderhübsch mit Würstchen und Käsestückchen dekoriert waren. Aber hier hatte nicht die Abschlussklasse des Weihnachtswichtelkurses geübt, nein, es war ein ernstgemeinter Versuch, Hunde vom Jagen abzuhalten.

Andere Mitglieder der Subspezies Hundehalter dagegen glauben bis heute, durch symbolisches „mit dem Hund jagen“ (aber der Hund jagt hinter einem!) dessen Bindung an sich zu stärken, obwohl die zugrundeliegende Überlegung durch verhaltensbiolo­gische Arbeiten längst widerlegt ist.

Verein(t) im Unglück
In ein ganz anderes gefährliches Hunde-Paralleluniversum durfte ich vor ein paar Jahren durch ­Feldstudien vor Ort einen tieferen Einblick gewinnen. Nachdem mir jahrelang von verschiedensten Beaglebesitzern erzählt wurde, dass man Beagles eh nicht erziehen könne (und es als logische Konsequenz am besten gar nicht erst versucht!), beschloss ich, mich mit meiner Beagledame Andra an der Begleithundeprüfung (BH) zu versuchen. Nicht, dass ich der Meinung bin, dass die BH irgendetwas mit dem Leben außerhalb eines eingezäunten Hundeplatzes zu tun hat, aber es war ein Anfang, und außerdem spielte ich mit dem Gedanken, irgendwann ­spaßeshalber an einem Agilityturnier teilzunehmen, was ohne BH leider nicht möglich ist.

So landete ich auf dem Platz einer Ortsgruppe eines großen (des größten!) deutschen Gebrauchs- und ­Rassehundevereins, wo ich mit ­großem Erstaunen und ungläubigen Blicken mit den Worten „Isch des a Beagle? Was wollt ihr denn hier??“ begrüßt wurde. Auf meine wahrheitsgemäße Antwort, dass wir die BH machen wollen, hörte ich schon ­wieder „die kann man doch nicht erziehen!?“. Das reichte, um meinen (an sich nur sehr rudimentär vor­handenen) Ehrgeiz zu wecken, und sie vom Gegenteil überzeugen zu wollen.

Noch schlimmer als die Anwesenheit eines Beagles war aber der Clicker, den ich bei mir trug und bei dessen Anblick den anwesenden Herren fast der Bierkrug aus der Hand fiel. Während um mich herum die Schäfer­hunde am Stachelhalsband ihren Freiflugschein machten, fand Andra großen Gefallen an der Unterordnung und tanzte im perfekten „Fuß“ freudig neben mir her. Keine Kunst, denn auf dem Hundeplatz findet man selten Hasen. Und das war es auch, was mich zuversichtlich stimmte, denn ohne Hasen hatten wir eine reelle Chance, uns auch am Tag der Prüfung nicht zu blamieren.

Trotzdem war ich an dem Tag weiß wie eine Wand und aufgeregt wie seit der mündlichen Abiprüfung nicht mehr! Ich wusste ja, dass der gesamte Verein zur Prüfung anwesend war und nur darauf wartete, mich mit wehenden Fahnen untergehen zu sehen – und den Gefallen wollte ich ihnen nicht tun!

Doch meine schlimmsten Albträume wurden an diesem Tag Realität: nach einem ordentlichen Start an der Leine folgte die Freifolge. Und mitten drin merkte ich, wie mein Beaglechen auf einmal stocksteif wurde, beinahe Steh­ohren bekam und vorstand. Ein Blick nach vorne, und auch ich sah, was Andra schon längst entdeckt hatte: ein Eichhörnchen tummelte sich am Ende des Platzes! Ich konnte die hämischen Blicke in meinem Rücken förmlich spüren, und auch ich war mir in diesem Moment sicher, dass das das Ende der Prüfung sein würde und ich mich erst mal auf Beaglesuche begeben dürfte. Ich stieß ein „FUSS“ aus, in das ich all meine Verzweiflung legte – und da war er wieder, der freudig neben mir her tanzende Beagle! Ich hätte sie knutschen können! Habe ich auch. Wenn es darauf ankommt, kann ich mich tatsächlich auf meine Andra verlassen, das hat sie mir inzwischen schon mehrfach bewiesen.

Den zugehörigen „Wesenstest“ schafften wir natürlich mit Links. Im Gegensatz zu den teilnehmenden Schäferhunden ist Andra ja durchaus alltagstauglich. Und die Gesichter der Skeptiker, als der Richter besonders hervorhob, dass es eine tolle Leistung ist, wenn ein Beagle trotz Anwesenheit eines Eichhörnchens freudig mitarbeitet und so ein tolles Sozialverhalten an den Tag legt, werde ich nie vergessen! Diesmal kamen die hämischen Blicke von mir – und wer zuletzt lacht, lacht bekanntlich am besten!

Gruselige Begegnung mit dem Alpha-Weibchen des Hunde­vereins …
Ein Jahr später wagte ich mich erneut in die Höhle des Löwen, und zwar mit Piccolo, seines Zeichens Chihuahuamix und der Canis etepetetus. Diesmal war der Löwe allerdings wesentlich größer, der Hund deutlich kleiner. Wir waren nämlich auf einem anderen Platz, und dort war es nicht nur Skepsis, sondern beinahe schon offene Feindschaft, die uns erwartete. Aber mit Piccolo hatte ich nie Zweifel, dass uns Eichhörnchen oder sonst irgendwas einen Strich durch die Rechnung machen könnten, denn sein Lebensinhalt ist es, es mir recht zu machen – und wenn er dafür sein großes kleines Hundehirn ausschalten und ein stupides Schema laufen muss, dann tut er auch das. Und er tat es, mit Bravour! Und trotzdem wurde ich als große blonde Frau mit kleinem Chihuahua in eine Schublade gesteckt und nicht mehr hinaus gelassen.
Als wir vom Platz gingen sagte das Alpha-Weibchen des Vereins zu mir, ich solle jetzt endlich mein kleines Schoßhündchen auf den Arm nehmen, denn sie lässt jetzt ihren Hund aus dem Auto, das sei ein g‘scheiter Hund – zwar schon 12 Jahre alt, aber sie könne ihn nicht halten und er töte alles, was nicht schnell genug auf dem Baum ist …
AHA?? So sehen also „g‘scheite ­Hunde“ aus, g‘scheite Hunde, die das Beißen gelernt haben, aber offenbar in der Stunde, als das „Aus“ dran war, gefehlt haben. Wenn ich daran denke, wird mir bis heute ganz anders! Vielleicht kann man beinahe von Glück reden, dass diese Hunde meist so gut wie kein hundegerechtes Leben außerhalb von Zwinger und Hundeplatz haben? Zumal die diesem merkwürdigen „Sport“ zugrundeliegende Annahme, der Hund müsse ­seinen „Schutztrieb“ ausleben, aus der Mottenkiste der Verhaltensbiologie stammt und eher zum Gegenteil, nämlich zu kaum kontrollierbaren Aggressionsjunkies führen kann.
Ein Jahr später habe ich mich übrigens noch mal getraut und bin mit Herrn Meier die BH gelaufen – allerdings hat er deutlich gezeigt, was er von diesem Haufen hält, nämlich nichts, denn er hat während der Prüfung erst mal auf den Platz geschissen! Braver schlauer Beagle …

(Un-)Zucht
Aber auch deutsche Hundeverbände treiben ihr Unwesen. Auf Ausstellungen werden Bassets, die qualgezüchteter nicht sein könnten, als „Best of Show“ prämiert. Ursprünglich eine Jagdgebrauchshunderasse, die aber leider ihre Nase nicht mehr auf den Boden nehmen kann, weil sie sonst über ihre eigenen Ohren stolpert – so sie denn mit ihren kurzen, krummen Beinchen und dem überlangen Rücken überhaupt noch laufen kann. Und wenn sie dazu doch noch in der Lage sind, sehen sie vermutlich nicht mehr wohin, denn das ist mit einer chronischen Bindehautentzündung, verursacht durch Lider, die bis zu den Lefzen hängen, schwierig bis unmöglich.
Man hört röchelnde Möpse schon einige Minuten, bevor man sie dann endlich ums Eck biegen sieht – dem Kaiserschnitt sei Dank! Denn ohne diese Möglichkeit wäre die Rasse, so wie sie zur Zeit offenbar von Zuchtverbänden und Endverbrauchern gewünscht wird, schon längst ausgestorben! Beim Anblick einer solch armen Kreatur fallen mir aus Empathie und Solidarität auch die Augen aus dem Gesicht.
Wenn man Glück hat, sieht man sogar ab und zu einen Chihuahua, dem sogar Zwerghamster gefährlich werden können. Aber die sieht man wirklich nur sehr selten, denn deren Lebensraum sind inzwischen diverse, mit Strasssteinchen besetzte Täschchen geworden – natürlich farblich auf das Outfit der Besitzerin abgestimmt. Aber wen wundert das, wenn sogar komplette Hunde passend zu den Farbtrends der Saison eingefärbt werden.

Warum kann man den Hund nicht einfach Hund sein lassen? Trotz allem Spaß, den ich (und meine Hunde!) bei Agility, Unterordnung (welch furchtbares Wort!), Tricktraining und Co haben, gibt es für mich keinen schöneren Anblick, als wenn sie einfach Hund sein dürfen!! Wenn sie mit­einander spielend über die Felder um die Wette rennen, in Mauselöchern verschwinden oder sich meinetwegen sogar in Aas wälzen – dann bin auch ich glücklich!

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Strodtbeck, Tierärztin, vierfache Hundehalterin und WUFF-Lesern durch mehrere
Artikel bereits gut bekannt. Verhaltensmedizinische Beratungen gemeinsam mit
PD Dr. Udo Ganslosser. Website: www.einzelfelle.de, www.strodtbeck.de

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