Einmal im Jahr: Hundefest in Nepal

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Tihar ist eines der wichtigsten Feste im Himalaya-Staat Nepal. Der zweite Tag des fünftägigen Festes heißt „Kukur Tihar“. An diesem „Tag des Hundes“ werden selbst Straßenhunde wie Könige gefeiert. Doch die Verhältnisse, in denen die zahlreichen Streuner an den restlichen Tagen des Jahres leben, sprechen eine andere Sprache.

Häuser sind mit Lichterketten und Kerzen beleuchtet, jeder Straßenstand bietet Süßig­keiten und Früchte im Überfluss feil und selbst die Straßenhunde ­tragen heute Blumenketten. Es ist der zweite Tihartag im Himalaya-Staat Nepal. Das Lichterfest der Hindus ist hier eines der wichtigsten Feste des ­Jahres. Familien kommen ­zusammen, ­schmücken ihr Zuhause mit ­Blumen und Lichtern und heißen so die Göttin des Wohlstands, Lakshmi, ­willkommen.

Auf dem Nayatapola Square in der alten Königsstadt Bhaktapur herrscht heute großes Getümmel – der Tiharmarkt ist in vollem Gange. Vor dem fünfstöckigen Pagodentempel, der den Platz überragt, klettert ein ­kleines Mädchen breit grinsend auf einen mit frischen Äpfeln gefüllten Jute­sack, während die Mutter auf dem Markt um den Preis ihrer Mandarinen feilscht. Am nächsten Stand sitzt ein magerer alter Herr mit tief gefurchtem Gesicht und einer Blume hinter dem Ohr, er verkauft Bilder der Göttin Lakshmi in verschiedensten Aus­führungen und Größen. Er wird heute besonders viel Ware loswerden, denn Lakshmi ist die Patronin des Lichterfests.

Die Legende besagt, dass Göttin Lakshmi einst einen König davor bewahrte zu sterben, indem sie die Schlangen, Boten des Gottes der Unterwelt Yama Raj, überzeugte, dass des Königs Stunde noch nicht geschlagen hatte. Der König lebte weitere 70 Jahre. Seither wird das Lichterfest zu Ehren Lakshmis und der Diener der Unterwelt zelebriert.

Tag des Hundes
Der zweite Tag des Lichterfests ist Kukur-Tihar, der Tag des Hundes. Die Vierbeiner werden heute als Hüter des Hauses, Beschützer und Freunde des Menschen geehrt. Auch gelten sie als Bewacher des Tores zur Unterwelt, die Zerstörung und Schaden vom Menschen fernhalten. Am Morgen werden sie deshalb mit einer roten Tika gesegnet. Dabei bekommen sie rote Reispaste auf die Stirn und eine süß duftende Blumenkette um den Hals. Während der Zeremonie ­sprechen die Menschen Segnungen für die Hunde, und zum Abschluss des Rituals erhalten sie eine reichhaltige Mahlzeit.

Lakshmi-Pooja heißt der dritte und wichtigste Tag des Festivals. Während morgens noch Kühe, die heiligen Tiere der Hindus, mit Blumen bekränzt und mit Mahlzeiten bedacht werden, so gehört der Abend und die Nacht ganz der Göttin des Wohlstands, Lakshmi. Um Mitternacht, heißt es, macht die Göttin auf dem Rücken einer Eule eine Reise um die Welt, um zu sehen, wie sie verehrt wird. Die Häuser ­erstrahlen hell im Kerzenschein und sind mit bunten Lichterketten geschmückt, Blumen in knalligem Gelb, kräftigem Orange und Pink dekorieren die Eingänge, und kleine Pfade aus roter Farbe mit gelben Klecksen weisen Lakshmi den Weg in die Altarräume der Häuser, wo sie Glück und Wohlstand verbreiten soll.

Am vorletzten Tag kehrt ein jeder in sich, um sich selbst Respekt zu er­weisen. Mha Pooja ist ein ­ruhiger Tag der Selbstreflexion. Zum Abschluss des Lichterfests wird Bhai Tika gefeiert. Brüder besuchen heute ihre Schwestern, und die familiären Bande werden gefestigt. Die Schwestern beten für ihre Brüder, über­reichen ihnen Blumenketten, Süßigkeiten und malen ihnen einen gelben Strich mit sieben bunten Punkten auf die Stirn, eine heilige Zahl im Hinduismus. Im Gegenzug erhalten die Schwestern Geldgeschenke.

Streunerpopulationen
Tihar ist nun vorbei, Blumen, ­Lichter und Malereien wurden von den ­Häusern entfernt, und auch der ­Nayatapola Square ist wieder leer. Während noch vor drei Tagen sogar Straßenhunde wie kleine Könige behandelt wurden, sehe ich heute, wie eine Frau, die gerade den Müll wegbringt, den dort schnüffelnden Streuner mit Füßen tritt. Der Tag des Hundes ist eine große ­Ausnahme in Nepal. Von den 35.000 Straßenhunden Nepals leben 20.000 im ­Kathmandu-Tal. Es ist eine große Aufgabe, die die Regierung hier vor sich hat, denn jährlich werden etwa 16.000 Menschen von Hunden gebissen. Noch vor zwölf Jahren wusste sich die Regierung nicht anders zu helfen, als jährlich bis zu 10.000 Hunde mit Strychnin zu vergiften. Langfristige Populations­reduktion konnte so jedoch nicht verzeichnet werden.

Seit 2004 kooperiert die Regierung nun mit dem der NGO Kathmandu Animal Treatment Centre (KAT). Das Zentrum wurde von der ­Engländerin und Nepalliebhaberin Jan Salter gegründet, um humane Methoden zur Reduktion der Straßenhundepopula­tion im Kathmadu-Tal einzuführen.

Die Hundeambulanz KAT
Es ist ein sonniger Sonntagmorgen, und nach einer holprigen Busfahrt, begleitet von schriller indischer Popmusik aus dröhnenden Lautsprecherboxen, komme ich im 15 Kilometer vom Zentrum Kathmandus entfernten Budhanilkantha an. Das Viertel grenzt an den Shivapuri Nationalpark, am nördlichen Ende Kathmandus. Hügel in sattem Grün umgeben die Region, und mein Weg zum Hundebehandlungszentrum KAT führt mich an kleinen Teebuden und exotisch duftenden Gewürzständen vorbei. Bereits aus der Ferne höre ich Hundegebell. Als mir das große metallene Tor zum Gelände des Zentrums geöffnet wird, empfangen mich rund zwanzig Hunde mit wedelnden Schwänzen und lautstarkem Gebell – Gute Laune ist da vorprogrammiert.

Das Kathmandu Animal ­Treatment Centre ist ein Rettungsdienst und Behandlungszentrum für ­Straßenhunde, das seit Mai 2004 in Kathmandu und Umgebung arbeitet. Da das Center erst vor Kurzem umgezogen ist, befinden sich die Hundezwinger noch im Bau. Alle gesunden Hunde streunen folglich frei durch die grüne Anlage und folgen neugierig dem menschlichen Neuankömmling in ihrem Revier. Eine Weile muss ich noch auf Richi, ehrenamtliche Mitarbeiterin des Zentrums, warten. Ich erkunde das Gelände. Neben den im Bau befindlichen Einzelzwingern für kranke Hunde befindet sich ein großräumiger Käfig mit Pflanzen und kleinen Holzhütten. In der Mitte des Grundstücks steht ein dreistöckiges Haus, in dem sich das Büro befindet und die wechselnden Freiwilligen wohnen. Zwei Rettungswagen stehen in der Einfahrt, ein großer schwarzer Stoffhund schmückt das Dach eines der Fahrzeuge. Entspannt liegen vier Hunde auf dem von der Sonne aufgewärmten Steinboden und genießen den warmen Vormittag.

Einige Käfige beherbergen verletzte Hunde. Einen besonders traurigen Anblick bietet Tumeric, einer der Hunde, die momentan im Zentrum behandelt werden. Seine Geschichte ist bezeichnend für das zwiegespaltene Verhältnis zwischen Hund und Mensch in Nepal, berichtet mir Richi, die seit einem Jahr ehrenamtlich für KAT arbeitet. Ein besorgter ­Bewohner Kathmandus kontaktierte das KAT-Center, nachdem er ­einige Tage vergebens selbst versucht hatte, die Wunden des ­Hundes zu behandeln. Ein frustrierter Anwohner ­Swayambus (ein Stadtteil ­Kathmandus), der sich durch Tumerics Anwesenheit belästigt fühlte, hatte ihn mit ­Säure ­übergossen. Ram, der den Hund ­verletzt und vor ­Schmerzen ­wimmernd auf der Straße fand, fasste sich ein Herz und behandelte den leidenden Hund. So kam Tumeric auch zu seinem Namen. In Nepal ein alt­bewährtes Hausmittel bei kleinen Wunden, streute Ram ein Gewürzpulver auf die Wunde des Streuners. Nachdem sich nach einigen Tagen ­keine Besserung zeigte, kontaktierte er das KAT-Center.

Im Schnitt beherbergt das Center 40 Hunde gleichzeitig. Die durchschnittliche Behandlungsdauer beträgt etwa zwei Wochen. In dieser Zeit werden nicht nur akute Krank­heiten und Verletzungen behandelt, sondern die Tiere werden auch ­kastriert und erhalten alle nötigen Impfungen. Unter diesen ist vor allem die Tollwut-Impfung hervorzuheben, welche nicht nur für die Vierbeiner von großer Bedeutung ist. Auch die Menschen in Nepal profitieren immens von geimpften Tieren, denn mehr als 200 Bewohner Nepals sterben jährlich an Tollwut. Nach der Behandlung werden die Hundre zurück an ihren Heimatort transportiert.

Das Programm
Das Programm des Zentrums setzt an drei Punkten an. Zum Einen werden Tiere Stadtviertel für ­Stadtviertel ­kastriert, um die Population auf humane Weise klein zu halten. Zum Anderen werden kranke und verletzte Tiere im Center behandelt und erhalten alle notwendigen Impfungen. Besonders die Krätze ist unter den streunenden Hunden weit verbreitet.

Zusätzlich startet das Zentrum regelmäßig Programme und Aktionen zur Aufklärung über Straßenhunde und den Umgang mit ihnen. So ­besuchen die Mitarbeiter beispielsweise ­Schulen, Waisenhäuser und Märkte, um dort Aufklärungsarbeit zu leisten.

Innerhalb von 4 Jahren sank durch die Arbeit von KAT die Zahl der ­Straßenhunde im Kathmandu-Tal von 31.000 auf 22.500; 40 Prozent aller ­weiblichen Straßenhunde sind kastriert, folglich wird die Zahl der ­Straßenhunde in der kommenden Generation voraussichtlich weiter massiv sinken.

Einige der Hunde im KAT-Center, vor allem Welpen, können adoptiert werden. Für Einheimische ist die medizinische Betreuung der adoptierten Hunde ein Jahr lang kostenlos. Jeder Hund ist geimpft, Nepalreisende, die einen Hund mit in ihr Heimatland nehmen möchten, werden vom Zentrum beraten und müssen lediglich die Transportkosten und den Bluttest für die Einreise ins Heimatland selbst zahlen. Da die Aufklärung bezüglich Hundehaltung im Land nicht sehr groß ist, führt das Center ausführliche Interviews mit den Adoptierern. Es wird sichergestellt, dass die Hunde nicht, wie leider in Nepal gang und gäbe, ganztägig angekettet sind oder in kleinen Käfigen gehalten werden. Und bis zu 3 Monate nach der Adop­tion finden Hausbesuche statt, um das Wohlergehen der Hunde zu kontrollieren.

Es gibt auch Hundeenthusiasten in Nepal, besonders beliebt sind bei ihnen Rassehunde, wie beispielsweise der Deutsche Schäferhund. Nur fünf Prozent der nepalesischen Hunde­halter zeigen Interesse daran, einen Hund von der Straße zu adoptieren, berichtet mir Richi. „Die meisten Hunde­halter in Nepal wissen leider nicht, wie sie einen Hund artgerecht halten können. Es besteht auch in dieser Sache großer Aufklärungs­bedarf, um zu verhindern, dass Hunde geschlagen oder den ganzen Tag in einem engen Käfig oder an der Kette gehalten werden. Uns fehlt leider die Kapazität dazu, auch Hundetrainings abzuhalten.“

Hundetraining in der Königsstadt Bhaktapur
In der Stadt Bhaktapur, etwa 40 Minuten Fahrweg von ­Kathmandu, lebt und praktiziert der Tierarzt Pranav Raj Joshi. Seine ­Tierarztpraxis entspricht annähernd westlichen Standards, und von seinen Einnahmen fließen regelmäßig 30 Prozent an die von ihm gegründete Organisation Bhaktapur Animal Welfare Society. Sie kümmert sich seit April 2009 um Straßenhunde und -katzen.

Anfang 2009 brachte ein Anwohner dem jungen Tierarzt einen ­verletzten Straßenhund und bat ihn darum, diesen zu behandeln. Der Streuner befand sich in einer sehr kritischen Lage und es war nicht klar, ob er überleben würde. Nachdem es Joshi gelang, den Hund wieder auf die ­Beine zu bringen, war er so berührt von den Ereignissen, dass er beschloss, mit ­Hilfe von Freunden die Bhaktapur ­Animal Welfare Society zu gründen.

Ähnlich wie das KAT-Center ­behandelt und kastriert auch die Bhaktapur ­Animal Welfare Society Straßenhunde, um sie danach wieder freizulassen. Die Besonderheit dieser Organisation ist, dass sie auch Hundetrainings durchführt. Bisher einzigartig in Nepal.

Besonders wichtig ist es dem 34-jährigem Joshi bei den Hundetrainings, den Besitzern nahezubringen, dass ein Hund genügend Freilauf benötigt und auch besser gehorcht, wenn er ausgelastet ist. „Unsere Hundetrainings setzen beim Basiswissen an,“ erklärt Joshi. „Die Hundebesitzer wissen in der Regel nicht, wie sie ihre vierbeinigen Freunde zu füttern haben oder dass sie nicht den ganzen Tag angekettet sein sollten. Erst wenn dieses Wissen beim Besitzer angekommen ist, gehen wir zur Hundeerziehung über“. Es gibt kaum Hundetrainer in Nepal, weshalb die Bhaktapur Animal Welfare ­Society regelmäßig nach Hundetrainern aus dem Ausland sucht, die bereit sind, einige Zeit ehrenamtlich mit der ­Organisation zu arbeiten.

Noch ist das Verhalten gegenüber Hunden in Nepal von Wider­sprüchlichkeiten geprägt, und es ist noch ein weiter Weg für die Vier­beiner, um nicht nur am Tag des ­Hundes respektiert zu werden, doch die Arbeit der Hilfsorganisationen trägt langsam Früchte. Es bleibt zu hoffen, dass die positiven Effekte von Bestand sind.

HINTERGRUND

Sowohl das KAT-Center als auch die Bhaktapur Animal Welfare Society sind für ihre Arbeit auf Freiwillige, Sach- und Geldspenden ­angewiesen. Sollten Sie Interesse haben, die ­Organisationen zu unterstützen, ­können Sie Kontakt aufnehmen.

Kathmandu Animal Treatment (KAT)-Centre
Die Bankverbindung und Spendenmöglichkeit via PayPal finden Sie auf der Website:

■  http://www.katcentre.org.np
Kontakt für Spenden:
■  [email protected]

Bhaktapur Animal Welfare Society
Die Organisation freut sich über freiwillige Hundetrainer und Fellspezialisten, sowie Futterspenden, Medizinspenden, oder Geldspenden. Sollten Sie sich für eine Geldspende entscheiden, so können Sie die Organisation via E-Mail kontaktieren, um zu bestimmen, für welchen Bereich Ihre Spenden eingesetzt werden.

■  http://www.bawsbhaktapur.blogspot.com
    Kontakt für Spenden:
■  [email protected]

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