Elektroschocker oder ­Hundegott? – WUFF-Diskussion über Cesar Millan

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„Phänomen oder Polarisieren als Mittel zum Zweck?" Kaum ein Untertitel eines Artikels war so treffend wie dieser in dem Artikel über Cesar Millan in der vergangenen WUFF-Ausgabe, so sehr hat der US-amerikanische (nach eigener Bezeichnung) ­Hundeflüsterer die Leserinnen und Leser polarisiert, so weit ­auseinander lagen die Reaktionen. War schon die WUFF-Diskussion über die Kastration von Hunden eine äußerst ­kontrovers geführte, so wurde sie von der Diskussion über Cesar Millan und dessen Methoden noch deutlich übertroffen. Lesen Sie selbst!

Hundehalter und Hundeexperten, die den auch bei uns in Europa zunehmend populären Cesar ­Millan ­ablehnen, tun dies in erster Linie wegen der ­Methoden, die er bei Hunden anwendet. Sie seien „obsoleter Starkzwang", und was er Hunden antue sei „­unerträglich". Würden unbedarfte Hundehalter Cesar ­Millans Methoden nachmachen, sei dies sogar gefährlich, so eine WUFF-­Leserin aus Salzburg. Millans Methoden seien auf ­Brutalität bzw. Gewalt und Angst aufgebaut, sagen viele, in den TV-Sendungen könne man dies auch deutlich an den Reaktionen und an der Körpersprache der gezeigten Hunde erkennen.

Der zweite Kritikpunkt der Millan-Gegner betraf den Umstand, dass Cesar Millan „leichtgläubigen Hunde­haltern Sand in die Augen streue". Vor allem manche Frauen würden auf das blendend gestylte Aussehen des Hundeflüsterers „stehen", sich davon täuschen lassen und zu regel­rechten „Jüngerinnen" mutieren. Wenn man den Satz „Cesar Millan ist mein persönlicher Erziehungs-Gott" der ­Leserin Hille H. ernst nimmt, dann gilt der Mann manchen Hundebesitzerinnen tatsächlich als eine Art Messias.

Millan rettet Hunde vor dem Tod
Unter den Befürwortern von Cesar Millan verweisen die meisten in erster Linie auf seinen Erfolg, der „so viele Hunde vor dem sicheren Tod rette", nur wenige gehen auf seine ­Methoden der Ausbildung bzw. Verhaltens­korrektur konkret ein. Man solle doch die vielen verzweifelten Hunde­besitzer in den USA befragen, denen er geholfen habe, so eine ­Reaktion aus Köln. Dass Millan bei uns illegale Mittel wie sog. Elektroschock-Halsbänder verwendet, wird von Isa S. sogar befürwortet: „Elektroschocks – was für ein heftiges Wort für ein bisschen mehr als Vibrieren." Und dass auf einem Foto im Artikel, das Millan auf Rollschuhen mit mehreren ­Hunden zeigt, die Ohren der Hunde „auf Halbmast" stünden, wie in der Bildlegende vermerkt, sei ­Zeichen dafür, dass sich die Hunde ­„einfach nur konzentrieren" und nicht, dass sie sich nicht wohlfühlten. Man solle auch darauf hinweisen, dass sich Cesar Millan für Straßenhunde in den USA und in Mexiko einsetze, dass er ­Hunde rette und ­weiter vermittle, so in einigen ­Reaktionen. „Ich bewundere, wie Cesar Millan seine Pitbulls im Griff hat", so Gregor Z., das ­würde wohl kein anderer Hunde­trainer schaffen.

Heiligt der Zweck die Mittel?
Während es in der Diskussion also einerseits um die eingesetzten Methoden des Cesar Millan geht, die von seinen Kritikern vehement abgelehnt werden und bei uns teilweise sogar gesetzlich verboten sind (wie Stachelhalsband und Elektroschock-Halsbänder), wird von seinen Befürwortern v.a. auf die großen Erfolge bei der Verhaltenskorrektur und auf die Rettung von Hunden vor der Einschläferung hingewiesen. So schreibt Roman K., ein Befürworter Millans, dass es klar sei, dass „es Menschen nicht so toll finden, wie er mit den Hunden umgeht." Seine Methoden „mögen anfangs fragwürdig, vielleicht sogar unmenschlich erscheinen", doch genau da liege das Problem. Menschen würden dazu neigen, alle Tiere zu vermenschlichen, so Roman K. Und Alexandra K. und Beate K. schreiben: „Jeder gerettete Hund ist ein ­Argument pro Cesar Millan!"

Bedeutet das also, dass der Zweck die Mittel heiligt? Darf man Hunden Starkzwang und Schmerzen zufügen, wenn man dadurch Selbst- oder Fremdgefährdung verhindern und Hunde retten kann? Oder gibt es wirksame „humane" Methoden? Trifft es zu, dass – wie kritische Hundeexperten sagen – Millans Methoden nicht nachhaltig seien und die Hunde nur in seiner Anwesenheit „parieren" würden? Stimmt es, dass starke verhaltensproblematische Hunde nur mit den Methoden Millans resozialisierbar und damit vor der Einschläferung zu retten seien, wie Millan-Befürworter sagen? Und dass die modernen (auf Motivation statt Gewalt und Schmerzen beruhenden) Methoden der Hunde­ausbildung und Verhaltenskorrektur bei „selbstbewussten und körperlich starken Hunden" oder den sog. „Rote Zone"-Hunden versagen würden, wie einige Leser meinen?

Schon sind wir nun mitten in der Diskussion, lesen Sie selbst.
(Hinweis: Die Diskussionsbeträge mussten aufgrund ihrer Länge durchwegs gekürzt werden).

– Contra Millan

Ein Dompteur, der Hunde plan schleift?
Drei TV-Sendungen von Cesar Millan habe ich mir dereinst angetan. Was dieser Mensch den ihm ausgelieferten Krea­turen antut, ist unerträglich. Wie er Leichtgläubigen Sand in die Augen zu streuen vermag, schlichtweg grauenvoll. Nicht einmal der Gebrauch eindeutig tierschutzrelevanter ­Methoden konnte die Kritikfähigkeit der anwesenden Hunde­halter aus ihrem Tiefschlaf erwecken. Voraussichtlich wird dieser Dompteur bis zum Sankt Nimmerleins-Tag ­Hunde plan schleifen und gutgläubigen Ratsuchenden nach dem Munde reden, anstatt die Ursache vermeintlichen Fehlverhaltens zu beseitigen. Leider tummeln sich auch hierzulande „Hunde­flüsterer", die aus dem Stand umsteigen würden, wäre die Dressur von Mehlwürmern ebenso spektakulär und gewinnbringend wie das Bezwingen von scheinbar „echten Gegnern." Ich befürchte, dass vorwiegend WUFF-Leser die Bereitschaft zeigen, auch aus Negativbeispielen zu lernen, während jene, bei denen Aufklärung bitter Not täte, weiterhin Eiapopeia-Blättchen konsumieren. Die Menge der Menschen, die unsere Mitgeschöpfe auch als solche begreift, scheint verschwindend gering zu sein.
Margret Janus

+ Pro Millan

Elektroschock – nur ein bisschen mehr als Vibrieren!

Zu der Beißerei zwischen den Pitbulls: Der kurze Ausschnitt aus You Tube ist aus dem Zusammenhang gerissen. (Ich habe diese Folge gesehen) Genial fand ich schon damals, wie das Team um Cesar Millan damit umgegangen ist. Statt panisch die Hunde auseinander zu zerren, wurden sie hochgehoben und abgewartet, bis sie den Biss lockerten. Dann der Absatz zur Arbeit mit Strom: Für den Leser, der Cesar Millan nicht kennt, hört sich das schön abschreckend an: „Cesar Millan trägt versteckt in seiner Hand das Auslösegerät." Natürlich versteckt! Damit der Hund es nicht mit dem Menschen verknüpft! Und weiter: „… und verpasst dem Hund sehr häufig Elektroschocks." Was für ein heftiges Wort für ein bisschen mehr als Vibrieren. Da ballert einem der Stromzaun an unseren Pferdekoppeln einiges mehr um die Ohren! Es wird in dem Bericht nicht mal erwähnt, dass sich Cesar Millan für Straßenhunde in den USA und Mexiko einsetzt, dass er Hunde rettet, trainiert und weitervermittelt, dass er ganz viele Erfolge aufweisen kann, damit die sog. „Red-Zone-Hunde" nicht immer gleich eingeschläfert werden.
Isa Scholz

– Contra Millan

Gedemütigte Hunde
Zunächst habe ich wegen des Covers angenommen, dass nun sogar schon die WUFF für diesen für mich dubiosen „Hundeflüsterer" wirbt. Doch für diese klare Analyse und Stellungnahme kann ich nur danken. Leider kommen zu diesem „Vorbild" ja noch zahlreiche regionale Gurus hinzu. Geflüstert wird da eher wenig und trauriger Weise stören sich viele Menschen nicht an dem Bild gedemütigter Hunde. Es ist zu hoffen, dass der Artikel manche Hundehalter kritischer werden lässt gegenüber dieser Form der „Korrektur" an seinem Lebenspartner Hund.
Christine Frauchiger

+ Pro Millan

Jeder gerettete Hund ist ein Argument pro Millan
Man mag zu Millans Methoden stehen wie man will, nur, so lange die Amerikaner Hunde massenhaft per Todesspritze entsorgen, stellt sich für uns nicht die Frage, wie wir Cesar Millan finden. Jeder gerettete Hund ist ein Argument pro Cesar Millan.
Alexandra Klokow und Beate Kettenburg

– Contra Millan

Aber nett sind sie, und so fesch …
Gefährlich finde ich Cesar Millans TV-Sendungen auch deshalb, weil unbedarfte Leute diese Methoden unter Umständen nachmachen. Allgemein habe ich den Eindruck, dass in der Hundeszene der Trend wieder zurück in die „strenge" Richtung geht. Auch im Salzburger Raum arbeitet ein Team von Hundeabrichtern in ganz ähnlicher Manier. Aber nett sind sie und so fesch! Ich habe mir nur einige Sendungen des „Hundeflüsterers" gegeben, aber bspw. der wasserscheue Labi, der genau dazu ausersehen war, dem Menschen ­seine Runden im Chlorwasser des Pools unterhaltsamer zu machen, zeigte, dass die Bedürfnisse des Hundes völlig egal sind!"
Monika Rammer


+ Pro Millan

Sein Erfolg spricht für sich!
Über die Methoden des Hundeflüsterers mag man streiten oder nicht, sein Erfolg spricht für sich. Man sollte die vielen verzweifelten Hundebesitzer in Amerika befragen, denen er geholfen hat. Wir haben hier auch einen Hundetrainer, der im TV Prominenten-Hunden hilft und deren Besitzern Führungsqualitäten beibringen möchte – allerdings habe ich dort noch nie eine körperlich starke Rasse wie etwa Rottweiler, Schäferhunde, sog. „Kampfhunde" etc. gesehen. Dieser Trainer ist ein super Entertainer, aber was die Problematiken bei extrem selbstbewussten Hunden anbelangt, habe ich bis dato noch nichts Überzeugendes von ihm gesehen. Die Charaktere der Hunde bestimmen den Lösungsansatz: Ein Schäferhund, Dobermann, Riesenschnauzer etc. ist anders zu nehmen als ein softer Collie oder ein „will to please"-Retriever. Natürlich ist in unserer Gesellschaft alles verpönt, was nicht positiv bestärkt verändert werden kann. Meine Hunde laufen zu 90% ohne Leine, weil ich weiß, wenn ich sie rufe, sind sie da. Und sorry, das habe ich nicht durch Tauschgeschäfte, Leckerchengabe etc. erreicht, sondern durch einen souveränen Führungsstil. Die Vierbeiner können sich auf mich verlassen und müssen nichts selber regeln. Herr Millan setzt Stachelhalsbänder ein – ja, ich weiß, die sind auch verpönt. Was ist für einen Hund und dessen Halswirbelsäule schlimmer? Ein ständiger Zug oder eine kurze korrekt durchgeführte Korrektur durch ein Erziehungshalsband? Dass natürlich dieser Einsatz dosiert und professionell durchgeführt werden sollte und nicht geeignet ist für einen dauerhaften Spaziergang, das versteht sich von selbst. Nebenbei gesagt, kennen wir nicht alle Einschränkungen? Ich kann auch nicht alles machen, was ich möchte. Das Leben ist schließlich kein Wunschkonzert.
M. Allendorf

– Contra Millan

Verärgert übers WUFF-Titelblatt
Mir gefiel an Euch immer besonders Eure Affinität zum Tierschutz und Eure Berichterstattung über aktuelle ­Themen, gerade auch mit wissenschaftlichem Hintergrund. Dass Ihr nun einem Hunde­trainer wie Cesar Millan, der den Einsatz von Stachelhalsbändern und anderen Starkzwangmethoden ausdrücklich empfiehlt, Euer Titelblatt gebt, ärgert mich wirklich sehr!
Katrin Koch

+ Pro Millan

Mein persönlicher Erziehungs-Gott!
Seit 38 Jahren habe ich große, problematische Hunde. Die Tipps von Cesar Millan sind äußerst hilfreich. Er ist mein persönlicher Erziehungs-Gott! Natürlich geht er ab und an mit der „Bremse ran". Wer das nicht versteht, hat noch nie einen „rote Zone"-Hund gehabt. Eines sollte man nie vergessen: Cesar Millan gibt allen Hunden eine Chance! Wer tut das hier bei den Sokas? Kaum einer. Deshalb – Cesar ist der Beste! Wie viele Menschen haben Probleme mit Yorkie & Co? Ich rede von Hunden mit richtigen Problemen!
Hille H.

Fazit
Auch wenn die hier vorgestellten Reaktionen nur einen kleinen Ausschnitt der in der Redaktion eingegangenen darstellen, so zeigen sie doch sehr deutlich die beiden ­völlig gegensätzlichen Positionen der Befürworter und der ­Kritiker des US-amerikanischen Hundetrainers. Aufgrund des großen Interesses wird die Diskussion über den Artikel von Thomas Riepe über Cesar Millan in WUFF fortgeführt, auch der bekannte Kognitionsbiologe Marc Bekoff wird zu Wort kommen und auch Sie haben noch Gelegenheit, sich zu äußern. Schreiben Sie Ihre Meinung, beteiligen Sie sich an dieser Diskussion.

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