Emotionaler Schmerz

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Rex kam mit 9 Wochen zu ­seiner Familie. Er winselte die ganze Nacht und wurde da­raufhin in eine Box gesperrt. Die Box stand im Flur, weit weg von seiner Familie. Rex war sehr unglücklich. Dann machte er seine Geschäfte in die Wohnung, obwohl die Familie doch 3 x täglich mit ihm Gassi ging. Also schnappte sich der „Alpha“ (= Familienoberhaupt Mann) Rex im Genick und stupste ihn kraftvoll mit der Nase in den Kothaufen. Rex versuchte zu verstehen. Er wurde im Genick gepackt, das machte seine Mama immer, wenn sie ihn trug. Dann in den Haufen getunkt …Sollte er das etwa essen? Keine Ahnung.

Social Pain
Rex wurde älter, und die Probleme änderten sich. Jeden Morgen ging die ganze Familie aus dem Haus. Rex war alleine und rief seine Familie, aber niemand kam. Rex blieb alleine und rief und rief …

Ein Nachbar beschwerte sich bei der Familie. Alles Schimpfen half nicht. Kaum gingen alle weg, rief Rex nach ihnen. Die Familie kaufte ein Anti-Bell-Halsband, was bedeutet, jedesmal wenn Rex bellte, winselte, heulte, bekam er einen Luftstoß auf die Nase. Rex erschrak. Sein Gehirn verknüpfte: Immer, wenn ich meine Familie rufe, bekomme ich diesen „Schlag“ auf meine empfindliche Nase. Rex rief seine Familie nicht mehr – aber er vermisste sie weiter, und weil sein Gehirn das Rufen mit dem Gefühl des Vermissens und dem Schlag auf die Nase verknüpft hatte, lernte Rex, dass es auch ­körperlich weh tut, jemand zu vermissen. Alleine das Unterdrücken des Sich-äußern-Wollens und nicht Dürfens (in diesem Fall Heulen, Bellen) heißt social pain und bedeutet, dass bei seelischem Schmerz das Schmerzzentrum im Gehirn den gleichen Schmerz empfindet wie bei körperlich empfundenem Schmerz. Dieser kam bei Rex noch dazu.

Rex‘ Highlight war das nachmittägliche Toben mit seinen Hundefreunden im Wald. Hier lief er frei und ging jagen. Sehr zum Miss­fallen seiner Familie, aber seine Hundefreunde fanden das toll. Rex hatte so viel Spaß, er wurde von den anderen Hunden gelobt, bekam Anerkennung und kam so in den Genuss, sich absolut gut zu fühlen (social brain). Rex lernte sehr schnell, solange ich jage, geht’s mir gut … Das sogenannte Gefühlsdreieck, bestehend aus Dopamin (sorgt für Antrieb), Oxytozin (wichtig für Resonanz und Bindung – beim Menschen auch „Kuschelhormon“ genannt) und körpereigenen Opiaten feuerten aufs Heftigste.

Unter Strom
Seine Familie fand den Jagdtrieb so schlimm, dass sie sich ein sog. Stromreizgerät besorgten. Rex ging wieder jagen. Er fühlte auf einmal einen wahnsinnigen Schmerz am Hals, schrie auf und brach zusammen. Er zitterte am ganzen Körper, seine Muskeln zuckten einfach so vor sich hin, und er speichelte sehr stark. Als er versuchte sich wieder hinzustellen, taumelte er und war desorientiert … Dabei stand das ­Gerät doch auf niedrigster Stufe.

Rex wurde zu einer Tierärztin gebracht. Selbstverständlich wurde das „Erziehungshalsband“ vor dem Tierarztbesuch gegen ein normales ausgewechselt. Die Tierärztin untersuchte Rex sehr genau und fand am Hals zwei punktförmige Verbrennungen. Nach der Behandlung sprach sie die Besitzer darauf an. Antwort des Mannes: Rex ist dominant und braucht eine starke Hand.

Rex galt mittlerweile als Problemhund. Sein Verhalten be­gründete sich auf dem erlittenen sozialen und physischen Schmerz. Sein Schmerzzentrum hat gelernt: Schmerz als Reaktion auf soziale Ausgrenzung (Einsperren in die Box, später alleine in der Wohnung lassen). Sein Körper „produzierte“ zu wenig „Glückshormone“. Er befand sich – im wahrsten Sinne des Wortes – permanent „unter Strom“. Es ist bewiesen, dass schon eine ein- bis dreimalige Schmerzempfindung ausreicht, um Nerven zu veranlassen, bei einer gleichen oder ähnlichen Situation autark den Schmerzreiz an das Gehirn zu melden und somit auch zu empfinden.

Spiegelneurone
Rex wurde abgegeben und vermittelt. Sein neuer Besitzer ist sehr ruhig, bewegt sich gerne und lacht viel. Rex entspannt sich in seiner Nähe immer mehr. Das Halsband wurde durch ein Geschirr ersetzt. Rex geht wieder gerne spazieren, die Erinnerung an das Erlebte, u. a. ausgelöst durch das Tragen des Halsbandes, verblasst langsam. ­Dafür dass Rex nicht mehr Wild jagt, sorgt jetzt eine Schleppleine. Wenn Rex Leckerchen jagt, freuen sich Rex und sein neuer Besitzer. Da feuern die Glückshormone um die Wette. Überhaupt übernimmt Rex viel von seinem Besitzer. Wenn beide gemächlich durch die Stadt schlendern, läuft Rex genauso langsam wie sein Herrchen. Wenn Herrchen Rex zum Spielen auffordert und dabei mit den Armen schlenkert, wird Rex auch ganz hibbelig und springt rum. Wenn Herrchen ein Leckerchen „aufstöbert“ und dabei ein bisschen Erde wegkratzt, fängt Rex an zu buddeln, und als sich letztens abends ein Betrunkener in Herrchens Garten verlief, war Rex genauso wütend wie sein Herrchen und knurrte und bellte noch lauter als Herrchen schimpfte.

Dafür, dass die beiden das gemeinsam erleben können, sind Spiegel­neurone zuständig. Spiegelneurone sind – vereinfacht ausgedrückt – Nervenzellen im Gehirn,die es uns ermöglichen, etwas mitzuerleben, was andere erleben. Wir ­sehen etwas und erleben es mit. Wenn z. B. ein trauriger Film läuft und die Darsteller etwas Trauriges erleben, weint oft das halbe Kino mit.

Rex ist in seinem Verhalten viel sicherer und ruhiger geworden. Wenn er heute mal über die Stränge schlägt und Herrchen schimpft, wird seine Stimme viel tiefer, oder er versperrt Rex den Weg oder – wenn’s mal ganz arg ist – wird auch mal ein Schnauzengriff angesetzt. Rex versteht das – der Griff zwickt zwar, aber sein Körper und seine Seele schmerzen nicht mehr.

Anmerkung des Autors:
1. Der Name Rex ist frei gewählt, der Werdegang des Hundes leider nicht.
2. Der Einsatz von Reizstrom­geräten ist (mit wenigen Ausnahmen) in Deutschland und Österreich verboten.

WUFF HINTERGRUND

Quellen

• Joachim Bauer, Warum ich fühle, was Du fühlst, Hoffmann & ­Campe, 2005

• Pritzel/Brand/Markowitsch, ­Gehirn & Verhalten, Spektrum Verlag, 2003

• Harry Siegmund, Schmerz­gedächtnis, Spiegelneurone und social pain und ihre Bedeutung für die psychologische Schmerzbehandlung, Vortrag, 2007

WUFF STELLT VOR


Der Autor
Jörg Tschentscher ist ausgebildeter Tierpsychologe (IK) und verfügt über die Zulassung zur Abnahme des Sachkundenachweises in NRW. Die fachliche Orientierung hat den Schwerpunkt auf der Psychologie & Neurologie des Hundes mit dem Hauptaugenmerk auf kommunikative Signale.

• Kontakt: Jörg Tschentscher, http://www.hundesprache.net

• Tel.: +49 (0)172/263 45 25

• Aktuelles Buch: „Tierpsychologie & Hundesprache", zu beziehen über den Autor (in Österreich auch über WUFF zu bestellen), Preis: 6,50 Euro (+ Versandkosten).

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