Enrichment – Modeerscheinung oder sinnvolle Alternative?

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Der Begriff »Enrichment« hat sich in der Hundewelt in den letzten Jahren mehr und mehr etabliert. Enrichment bedeutet übersetzt »Anreicherung«. Was das mit Hunden zu tun hat, erklärt WUFF-Autorin Aurea Verebes.

Hinter dem Begriff steht die Idee, die Umgebung für Zootiere vielfältiger zu gestalten – d.h. anzureichern mit Gegenständen oder Maßnahmen, die bestimmte Verhaltensweisen fördern sollen. Es wurde in Forschungsarbeiten immer wieder gezeigt, dass Tiere in deprivierten Situationen wie dem Zoogehege zu Stereotypien oder anderen abnormal repetitiven Verhaltensweisen neigen, weil ihnen keine neuen Reize geboten wurden, die ihre kognitiven Fähigkeiten stimulierten. Jedes Lebewesen benötigt neue Impulse, neue Reize, die es verarbeiten kann, um nicht zu verkümmern. Die Forschungsarbeiten wurden weiterentwickelt und Enrichment-Programme in verschiedenen Zoos platziert und systematisch dokumentiert, ob und wie sich das Tier entwickelt. Ziel sollte sein, das Tier innerhalb des eigenen Verhaltensrepertoires zu fordern und zu fördern. Ein Elefant erhält zum Beispiel einen großen Reifen, aus dem er das Futter holt, oder ihm werden Baumstämme und Äste ins Gehege gelegt, die er zerkleinern muss, bevor er sie kaut. Er bekommt das Futter also nicht einfach hingestreut, sondern muss es sich erarbeiten, wie es Elefanten in der freien Natur auch tun. Es werden Futterbälle eingesetzt, Baumkonstruktionen für Affen gebaut, um Geschicklichkeit, Balance und Sprungkraft zu fördern und die Muskulatur zu stärken oder Felsformationen für Bären, um ins Wasser zu gelangen.

So werden neue Verknüpfungen im Gehirn angelegt, die Stereotypien vorbeugen oder sie reduzieren können, und der »Wellness-Faktor«, also das Wohlbefinden des Zootieres, steigert sich deutlich.

Was hat das mit dem Hund zu tun?
Während Zootiere, also Tiere in Gefangenschaft, zu wenig Reizen ausgesetzt sind und nicht in ihrer natürlichen Umgebung leben, lebt der Haushund in seiner gewohnten Umgebung, muss aber eine enorme Anzahl von Reizen verarbeiten. Haushund und Zootier stehen sich in ihren Bedürfnissen also diametral entgegen, trotzdem wurde das Konzept »Enrichment« 1:1 auf unsere Hunde umgelegt. Doch warum kann das problematisch sein?

Die Überforderung durch ein Übermaß an Reizen, die ein Hund nicht verarbeiten kann, zeigt sich oft durch unerwünschtes Verhalten wie Bellen, an der Leine Zerren, ein chronisch erhöhtes Erregungsniveau, aber auch durch Allergien oder andere Krankheiten. Viele Hundehalter möchten ihrem Hund etwas Gutes tun, indem sie ihm Enrichment-Maßnahmen anbieten. Aber noch ein Reiz mehr ist nicht zwangsläufig zielführend für einen ausgeglichenen Hund.

Enrichment muss für den Hund deswegen neu definiert werden. Es geht nicht um ein wahlloses Anreichern der Umgebung, sondern darum, die Bedürfnisse des Hundes wahrzunehmen. Viele Hunde bekommen Schnüffelbälle, Knobelaufgaben oder Kongs, die der mentalen Auslastung dienen sollen – prinzipiell eine sinnvolle Idee. Es stellt sich nur die Frage, ob der Hund das genauso sieht. Ziel eines guten Enrichments ist das Wohlbefinden eines Lebewesens zu steigern, also ein Mehrgewinn für den Hund!

Enrichment ist nicht nur eine Anreicherung, sondern auch eine Bereicherung, und Letzteres ist, worauf wir Hundehalter uns fokussieren sollten. Was empfindet mein Hund wirklich als eine Bereicherung? Und was ist für ihn nur Beschäftigung, also ein Zeitvertreib, der ihm aber keinen Mehrgewinn bietet? Es ist also wichtig, zwischen Beschäftigung und Enrichment zu differenzieren, denn allzu oft glauben wir, unserem Hund durch einen Schnüffelball etwas Gutes getan zu haben, das sein Wohlbefinden steigert. Bei genauerem Hinsehen war es aber ein Zeitvertreib, bloß ein weiterer Reiz, der ihn Energie kostet.

Eine Grundregel lautet: Beschäftigung wird oft vom Menschen eingefordert und/oder initiiert, Enrichment wird oft vom Hund eingefordert/initiiert. Es gibt einige Fragen, die bei dieser Differenzierung und der Analyse helfen können:

• Wie wird der Hund aktuell beschäftigt/ausgelastet?
• Welche Kau-Sachen bekommt er und wie oft? Welches Training und wie lang? Ob und wie wird gespielt? Gekuschelt? Spaziert?
• Welches Verhalten zeigt er bei der aktuellen Beschäftigung von sich aus und macht er besonders gerne?
• Kaut er besonders gerne Knochen oder lieber etwas Weicheres? Ist das Training für ihn mit Freude verbunden oder eher Pflichtprogramm? Kuschelt er lieber auf dem Boden oder auf der Couch? Wenn er gerne schnüffelt, was schnüffelt er gerne?
• In welchen Situationen ergreift er die Eigeninitiative?
• Fordert er selbst zum Spielen auf? Kommt er von sich aus und kuschelt?
• Welches Verhalten zeigt er wiederholt?
• Buddelt er öfter? Wartet er häufig vor dem Schrank, wo vielleicht ein Knochen aufbewahrt wird, in der Hoffnung, dass sich selbiger von allein in seinen Fang manövriert? Kommt er häufig und fordert zum Spielen auf?
• Welche Gegenstände oder Interaktion sucht er von sich aus?
• Mag er Bälle lieber oder Stöcke? Macht er gerne Tricks oder läuft er lieber in »seiner Welt« nebenher?

Ich werfe meinem Hund immer wieder Leckerchen in die Wiese, die er suchen darf. Er sucht sie, weil er Futter liebt, aber nicht, weil ihm das Schnüffeln am Boden Freude bereitet. Für ihn ist das Beschäftigung. Enrichment wäre für ihn die Suche mit hoher Nase. Das habe ich herausgefunden, indem ich ihn beobachtete.

Ein Beispiel zur Veranschaulichung
Hund Frido bekommt regelmäßig einen gefüllten Kong. Er nimmt ihn ohne Anstalten und beginnt ihn auszuschlecken. Bis der Kong geleert ist dauert es ca. 20 Minuten. Danach steht Frido auf, wandert durch die Wohnräume und legt sich wieder hin. Es lohnt sich, einen genaueren Blick auf die Situation zu werfen. Frido ist ein ungeduldiger Hund. Er nimmt Leckerchen manchmal auch zu schnell und zwickt dabei in die Finger. Er liebt jegliche Form von Futter. Die Halter wissen, dass er futtermotiviert ist und möchten ihm etwas geben, womit er sich an Regentagen beschäftigen kann. Frido bekommt einen Kong, bei dem er viel Durchhaltevermögen zeigen muss. Seine Geduld wird sehr strapaziert, bei manchen Hunden kann das zu Frust führen.

Ist diese Form der Auslastung nun Enrichment oder Beschäftigung? Die Antwort lautet: Es ist KEIN Enrichment! Warum? Es bietet dem Hund keinen Mehrwert. Im Gegenteil, es kostet einiges an Energie, an den Inhalt des Kongs zu gelangen. Er ist beschäftigt, aber nicht bereichert. Was wäre also die Lösung? Genau hinzuschauen! Wenn ein Hund ungeduldig ist und keine große Frustrationstoleranz hat ist es sinnvoll, ihm etwas zu geben, bei dem er schnell Erfolge erzielen kann. Das kann eine Kaustange oder etwas zum Abschlecken sein.

Die schönste Möglichkeit für den Hund ist es, selbst wählen zu dürfen, d.h. ihm unterschiedliche Gegenstände, Kaustangen und Co. auf den Boden zu legen. So kann man recht sicher sein, dass es für ihn bereichernd ist – gesunde Hunde nehmen das, was ihnen gut tut. Eine gute Grundlage für ein umsichtiges Enrichment und noch mehr, denn unseren Hunden die Möglichkeit zu geben, selbst zu wählen in ihrem maximal fremdbestimmten Alltag, ist ein Geschenk. Selbstbestimmtes Handeln stärkt das Selbstbewusstsein und unterstützt Hunde dabei, Lösungen zu finden, Erfolgserlebnisse zu verzeichnen – ein Glücksgarant, ein Mehrgewinn, also Enrichment.

Aus der Sicht des Hundes
Während Auslastung in Form von Beschäftigung zu Frust führen kann, weil der Kong nicht schnell genug leer ist, weil das Training nicht kleinschrittig genug war oder eine Spieleinheit völlig überdreht abgebrochen werden muss, hat die Auslastung in Form von Enrichment das Ziel, ausgleichend zu wirken. Der Hund erhält eine bedürfnisorientierte Auslastung und zwar nicht das, was WIR unter bedürfnisorientiert verstehen, sondern aus der Sicht des Hundes.
Enrichment ist aber mehr als das kognitive, bedürfnisorientierte Auslasten. Es kann das Kuscheln sein, sofern es der Hund von sich aus anbietet – auch da hat der Hund wieder die Wahl, zu seinem Menschen zu gehen oder auf seinen Platz. Geht er zu seinem Menschen, erfüllt er damit sein Bedürfnis nach Nähe – in diesem Moment ein Mehrwert für den Hund! Gehe ich zu meinem Hund, um mit ihm zu schmusen, ist das in den meisten Fällen kein Enrichment, nicht nur, weil Hunde körperliche Einschränkungen per se oft unangenehm finden, sondern auch, weil es durch den Menschen initiiert wurde und somit nicht intrinsisch motiviert war.

Enrichment kann kleinschrittiges Training sein, wenn dem Hund Strategien vermittelt werden, wie er selbst Lösungen finden kann. Es kann ein Kooperationssignal sein, bei dem der Hund von sich aus anzeigt, wann es ihm zu viel ist und wir so Überforderung und Frust vorbeugen können. Eine enorme Bereicherung kann der Spaziergang sein, wenn man dem Hund Freiraum gibt, sich auszusuchen, wo er gerne schnüffeln, rennen oder buddeln möchte – alles Verhaltensweisen, die er von sich aus zeigt. Immer wieder erlebe ich Hunde, die selbst nicht mehr in der Lage sind zu wählen. Die verlernt haben, eigene Lösungen zu finden und umzusetzen. Für diese Hunde kann das »Wahl lassen« zu Stress führen, weil sie damit überfordert sind. Da gilt es, sie behutsam an diese neue Sichtweise zu gewöhnen. Der Effekt, wenn sie es einmal begriffen haben, ist aber enorm und wird durch unzählige glückliche und ausgeglichene Hunde bestätigt.

Für viele meiner Seminarteilnehmer ist es gar nicht so leicht, zwischen Beschäftigung und Enrichment zu differenzieren, und es erfordert ein bisschen Übung und Beobachtungsgabe. Deswegen empfehle ich, sich zwei Listen zu machen. In den meisten Fällen stellt sich heraus, dass die Liste auf der Seite der »Beschäftigung« deutlich länger ist. Das sorgt für überraschte Gesichter, weil es zeigt, wie wenig wir wirklich auf unsere Hunde eingehen.

Ich beschreibe Enrichment als kleine Tankstellen, an denen unsere Hunde wieder Energie auftanken können, und sie sind wichtig, weil unsere Vierbeiner jeden Tag Unmengen an olfaktorischen, haptischen, akustischen und visuellen Reizen verarbeiten müssen und der »Sprit« schnell ausgehen kann. Enrichment ist also nicht nur ein Geschenk, sondern auch eine Präventivmaßnahme, um einem hippeligen, frustrierten und unausgeglichenen Hund vorzubeugen. Häufig höre ich das Argument »Mein Hund ist aber völlig entspannt! Dem fehlt nichts.« Sicher fehlt ihm augenscheinlich nichts, weil er nichts anderes gewohnt ist. Ich vergleiche das gerne mit der Entwicklung von Frau M. Sie ist ein Arbeitstier, 17-Stunden-Tage waren ihr Alltag. Sie liebte ihre Arbeit und ging darin auf, trotzdem waren die Akkus irgendwann leer und Erschöpfungssymptome zeigten sich. Sie begann mit autogenem Training. Kurze Einheiten über den Tag verteilt – kleine Tankstellen, die sie als Energiespender nutzte. Sie fühlte sich deutlich vitaler, war ausgeglichener und leistungsfähiger. Ihr hat vor Beginn ihres persönlichen »Enrichment-Programms« offenbar nichts gefehlt, sie kannte nichts anderes. Der enorme Mehrgewinn für sie und die Auswirkung auf ihre Gesundheit und das Wohlbefinden stellten sich erst ein, als sie das autogene Training für sich entdeckte. Analog zu der Situation von Frau M kann Enrichment für unsere Hunde ähnlich wirken.

Die Definition vom klassischen Enrichment aus der Zootierhaltung hat mit dem Enrichment für unsere Hunde also wenig zu tun, wenn man es unter dem Aspekt des Mehrgewinns betrachtet. Ich möchte nicht, dass das Modewort »Enrichment« zum Unwort wird, weil Konzepte aus einem völlig anderen Kontext in den Alltag unserer Hunde übertragen werden, ohne sich vorher zu überlegen, wie man dieses Konzept anpassen oder neu anlegen kann. Es ist sehr spannend, den eigenen Hund genauer zu betrachten, aufzuschreiben, welches Verhalten er von sich aus zeigt, was er besonders gerne mag. Ich bin mir sicher, dass viele Hundehalter überrascht sein werden, was sie im Umgang mit den Bedürfnissen ihres Vierbeiners Neues entdecken.

Pdf zu diesem Artikel: enrichment

 

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Aurea Verebes ist Autorin der Kinderbuchreihe »Verstehen, Staunen, Trainieren, Entdecken, Bd. 1-3«. Sie schreibt aktuell ihr neues Buch »Warum beißt ein Hund die Menschen, die er liebt?«, das im August im Canimos Verlag erscheint. Sie ist Referentin für Bissprävention und begleitet Familien mit Problemstellungen zwischen Zwei- und Vierbeinern im familiären Kontext.

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