Entspannte ­Mehrhundehaltung – Expertentipp

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Die Kolumne zum Thema „Alltagsprobleme mit dem Hund". WUFF-Autorin Yvonne Adler, Tierpsychologin, akademisch geprüfte Kynologin und Hundetrainerin, beantwortet Ihre Fragen. Schicken Sie uns Ihr Alltagsproblem mit Ihrem Hund , kurz formuliert und mit 1 bis 2 Bildern. In dieser Ausgabe möchte eine WUFF-Leserin und Mehrhundehalterin wissen, wie sie ihre drei Hunde besser händeln kann.

Hallo Frau Adler,
wir haben folgendes Problem: Wir haben zwei Franz. Bulldoggen, die eine heißt Lotte und ist einfach unser Sonnenschein, sie ist unkompliziert, verträgt sich mit allem und jedem, bei uns Menschen würden wir sagen, ein Gutmensch. Dann ist da Emma. Sie ist auch ein Herz von Hund, nur, wenn es darum geht, neue Hunde kennen zu lernen, ist das ein wenig schwierig mit ihr. Aber sie ist so flexibel, dass, wenn wir einen neuen Hund treffen und zusammen spazieren gehen, sie den anderen Hund akzeptiert und in Ruhe lässt.

Und jetzt das eigentliche Problem. Vor ungefähr einem Jahr haben wir uns noch eine Engl. Bulldogge zugelegt. Luna ist keine übliche Bulldogge, sie ist sportlich, temperamentvoll, ein richtiges Energiebündel. Sie nimmt aber jetzt langsam das Verhalten von Emma an. Bellt und knurrt jeden Hund an, der uns entgegen kommt, auch jedes Kommando wie „aus" oder „sitz" lässt sie kalt. Es ist ein reines Rumgeziehe an der Leine, und Emma gibt ja auch noch ihren Senf dazu in solchen Momenten. Es ist einfach nur noch ätzend und macht keinen Spaß, mit ihnen rauszugehen. Haben Sie ­vielleicht eine Idee, wie wir das Problem in den Griff bekommen können?
Liebe Grüße, Nicole Zink

Antwort von Yvonne Adler:

Liebe Frau Zink,
die Mehrhundehaltung kann für Hunde sehr schön sein; so haben sie ­jederzeit Artgenossen und Spielgefährten um sich, die meist – in der richtigen ­Passung – ihren Alltag bereichern. Während dies für die Hunde sicherlich ein hochwertigeres Leben ist, kann es für die Halter jedoch zu einigen Heraus­forderungen kommen bzw. mehr Arbeit bedeuten als mit einem Einzelhund. Es kann dazu führen, dass die ­Hunde verschiedene Verhaltensweisen voneinander lernen. Dabei handelt es sich jedoch nicht immer nur um positives Verhalten, sondern auch (für den Halter) negative Dinge – wie zum Beispiel das Anbellen und Anknurren von fremden Hunden – können erlernt werden. Um dem vorzubeugen, sollten die bereits vorhandenen Hunde so gut erzogen sein, dass sich der Neuankömmling möglichst keine negativen Verhaltensweisen abschauen und nachahmen kann.

Dementsprechend ist der wichtigste Faktor für eine entspannte Mehrhundehaltung die richtige Ausbildung jedes einzelnen Hundes. Es sollten alle Grundkommandos optimal erlernt sein und jederzeit (auch in schwierigeren Situationen mit vermehrter Ablenkung) sicher und souverän ausgeführt werden können.

Solange ein Hund – wie bei Ihnen Emma – problematische Verhaltens­weisen zeigt, zum Beispiel beim ­Spazierengehen, sollte der neue Hund diese Momente nicht miterleben, um nichts davon zu lernen. Die Stimmungsübertragung von Ihnen und den Hunden zueinander spielt hier auch eine wesentliche Rolle.

Sie sollten also beginnen, Ihre täglichen Spaziergänge aufzuteilen: gehen Sie zum Beispiel zuerst mit Lotte und Luna alleine, da Lotte ja keine Probleme mit anderen Hunden hat und Luna sich somit nichts Negatives, sondern sogar nur Positives abschauen kann. Danach können Sie zum Beispiel mit Emma alleine gehen und diese Zeit für das Training der schwierigen Situationen nutzen. Diese Aufteilung sollten Sie so lange beibehalten, bis Emma entspannt an anderen Hunden vorbeigehen und Luna sich so kein Fehl­verhalten mehr abschauen kann.

Um dies bei Emma zu erreichen, sind mehrere Trainingsetappen in einer sogenannten Gegenkonditionierung und systematischen Desensibilisierung zu absolvieren, welche Sie am besten unter kontrollierten Bedingungen mit einem/einer geschulten und erfahrenen HundetrainerIn erreichen könnten. Damit erleichtern Sie nicht nur sich selbst das Leben, sondern auch Emma, da diese so entspannt spazieren gehen lernen kann und nicht ständig durch andere Hunde in Stress gerät. Achten Sie bei der Auswahl der Trainerin/des Trainers in jedem Fall darauf, dass die Arbeit über positive Bestärkung erfolgt. Es ­sollte auf ­keinen Fall mit Schreckreizen, physischer oder psychischer Gewalt gearbeitet ­werden, da diese Trainingsmethoden das Problem verschlimmern und den Hund sogar unsicherer machen können.

Außerdem sollten ab sofort einzelne Trainingseinheiten für jeden Hund eingeplant werden. Nehmen Sie sich dazu jeweils 5 bis 10 Minuten für jeden einzelnen Hund Zeit und üben Sie Grundkommandos wie Sitz, Platz, Komm usw. Während dieser Zeit sollten Sie sich absolut auf den jeweiligen Hund konzentrieren können, also jede Störung vermeiden. Auch die anderen beiden Hunde sollten so gesichert sein, dass das Training nicht unterbrochen wird. Wenn diese Grundkommandos in ruhiger Umgebung, also in Ihrem Haus und/oder Garten gut funktionieren, beginnen Sie die Trainingseinheiten auf andere Orte zu verlegen, um so die Kommandos auch in „stressigeren" Situationen abrufen zu können.

Für alle 3 Hunde empfehle ich Ihnen außerdem ein Kommando anzutrainieren, das die Hunde dazu bringt, den Blick und ihre Aufmerksamkeit auf Sie zu richten. Wenn die Hunde zu Ihnen schauen, statt zum Beispiel auf einen entgegenkommenden Artgenossen, wird das Fehlverhalten des Anbellens oder Anknurrens nicht mehr möglich sein und so durch ein positives, antrainiertes neues Verhalten ersetzt. Bitte beachten Sie aber, dass bei diesem Kommando die Grundeinstellung und Emotion des Hundes zu dem entgegenkommenden Hund nicht verändert wird und dies daher nur eine Managementmaßnahme darstellt, welche einem im Alltag das Leben erleichtern kann. Für die Lösung der Verhaltens­ursache von Emma benötigen Sie unbedingt, wie oben beschrieben, ein Training zur Gegenkonditionierung und systematischen Desensibilisierung.

Um nun das neue Kommando zum Ansehen anzutrainieren, nehmen Sie ein Leckerchen so offensichtlich in die Hand, dass der Hund weiß, in welcher Hand es sich befindet. Dann halten Sie die Hand mit dem Leckerchen ausgestreckt von sich weg. Ihr Hund wird natürlich zuerst den Blick auf die Belohnung richten. Sobald der Hund dann aber kurz zu Ihnen blickt, sagen Sie ein Kommando wie „Schau", „Schau mich an" oder „Look" und Ihr Hund bekommt seine Belohnung. Dies üben Sie so lange, bis vom Hund verstanden wurde, dass das Kommando bedeutet, Sie anzusehen. Danach dehnen Sie den Zeitraum ein bisschen aus – also Ihr Hund bekommt das Leckerchen zum Beispiel erst, wenn er Sie zwei Sekunden lang angesehen hat. Diese Zeit sollten Sie so verlängern, bis Ihre Hunde es einzeln schaffen, Sie über einen längeren Zeitraum anzusehen. Wenn dieses Kommando auch beim Spazierengehen einzeln klappt, so können Sie beginnen, mit mehreren Hunden gleichzeitig das Kommando zu üben. Das Zusammensetzen des „alleinigen Trainings" der Hunde und das souveräne Ausführen des Kommandos auch mit den anderen Hunden gemeinsam ist ein wichtiger Bestandteil, damit man in weiterer Folge auch wieder mit allen drei Hunden gemeinsam gehen kann. Durch dieses Kommando können Sie nun während eines Spaziergangs die Aufmerksamkeit der Hunde bei sich behalten.

Ich hoffe, meine Ratschläge waren ­hilfreich, und ich wünsche Ihnen bald entspannte und angenehme, gemeinsame Spaziergänge!
Ihre Yvonne Adler

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Yvonne Adler
Yvonne Adler lebt und arbeitet seit mehr als 20 Jahren mit Hunden. Sie schloss das Studium zur Tierpsychologin mit Auszeichnung ab und ist zudem eine von Europas ersten akademisch geprüften KynologInnen. Neben ihrer Tätigkeit als Sachverständige für Hunde, absolviert sie laufend weitere in- und ausländische Aus- und Fortbildungen im Bereich der Kynlogie, um stets auf dem aktuellsten Stand der internationalen Hundewissenschaft zu sein. Kontakt: Yvonne Adler – Adler Dogs® www.adler-dogs.at

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