Epilepsie: Gewitter im Gehirn des Hundes

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Das Vorkommen von ­erb­licher Epilepsie ist ein ­Problem vieler Hunderassen. Häufig wird das Thema aber unter den Tisch gekehrt. 
Der Grund: es könnte das An­sehen der Rasse oder den Welpenabsatz beeinträchtigen. Dass man durch ein solches Verschweigen die Ausbreitung der Krankheit aber nur begünstigt, scheint man in Kauf zu nehmen.
Was die Epilepsie jedoch für das Leben eines ­betroffenen ­Hundes und das seiner ­Familie bedeutet, schildert Anja Kläne, eine Züchterin von Samojeden, die ihre Zucht nun deswegen vor­läufig beendet hat.

Es kam und kommt über­raschend, ohne Vorwarnung, aus ­heiterem Himmel. Keine dunklen ­Wolken kündigen das Er­eignis an. Keine ­Chance sich irgendwie ­darauf vorzubereiten. Am 31. März 2010, kurz nach der morgendlichen Fütterung, steht unsere Gjoya vom Dösen auf, dreht sich ein paar Mal um die eigene Achse und blickt Richtung Rute, als wäre dort eine Fliege, die sie verscheuchen wollte. Ich spreche sie an, sie solle sich wieder hinlegen, sie reagiert aber nicht, geht ein paar Schritte weiter. Dann klappen ihre Beine seitlich weg und sie fällt um. Sie macht ein Hohlkreuz, überstreckt den Nacken, ihre Beine strampeln wild in der Luft herum, sie speichelt stark und blickt mit starrem Blick und weit aufgerissenen Augen ins Leere. Auf Ansprache oder Berührungen reagiert sie nicht im Geringsten. Panik steigt in mir hoch, es dauert gefühlt endlos, bis es aufhört. Kurz benommen bleibt sie noch liegen, dann springt sie auf, läuft unruhig hin und her. Sie ist wieder ansprechbar, doch deutlich verwirrt. Nach einigen Minuten beruhigt sie sich wieder und legt sich erschöpft hin. Wie wir heute wissen: Gjoya hatte einen epileptischen Anfall.

Tierärztlich alles in Ordnung
Der sofortige Tierarztbesuch brachte keine Erkenntnisse. Alles ­normal, wir sollten erst mal ab­warten, ­vielleicht wäre es eine einmalige Sache. ­Hoffnungsvoll und etwas ­beruhigt ging es wieder nach Hause. Zur ­Vorsicht ließen wir aber noch eine Blutuntersuchung machen, auch da war alles normal, also tatsächlich eine einmalige Sache. Leider war das ein Irrtum …

12 Tage später, knapp vor Mitternacht, ging es wieder los. Wir waren im Bett und gerade eingeschlafen, da polterte es. Aufgeschreckt und sofort beim Hund fanden wir ­Gjoya schrecklich heftig krampfend. Sie strampelte wie wild, speichelte ­heftig, Kot und Urin gingen ab. Nach zwei Minuten schrak sie hoch, lief fiepend und orientierungslos hin und her. Sie kam zwar immer her und ließ sich streicheln, aber nach wenigen Sekunden ging sie wieder weg und lief umher. Wir verabreichten ihr das vom Tierarzt mitgegebene Diazepam, worauf sie sich wieder beruhigte. Den Rest der Nacht war an Schlaf nicht mehr zu denken. Jedes Pfotenkratzen ließ auch nur die geringste Müdigkeit sofort im Keim ersticken. Hatte sie wieder einen Anfall?

Hilfe beim Spezialisten?
Am nächsten Tag telefonierte ich mit einem Epilepsiespezialisten in Wiesbaden, den ich übers Internet gefunden hatte. Er nahm sich viel Zeit, erklärte und fragte viel, und wir vereinbarten einen Termin in einer Woche. Die Nächte bis dahin waren alles andere als erholsam, immer ein waches Ohr auf die Hunde (Gjoyas 10-jährige Mutter Chaju lebt auch noch bei uns). Vorsichtsmaßnahmen wurden getroffen, wenn wir die ­Hunde mal allein lassen mussten. Wo war der sicherste Raum, in dem Gjoya sich nicht verletzen konnte, falls sie umfiel und krampfte und wir nicht da sein sollten. Wir entschieden uns für die obere Etage, die Treppe mit einem Kindergitter versperrt.

Zwei Tage vor dem Termin beim ­Spezilaisten, genau an ihrem 3. Geburtstag, kam das ­„Gewitter“ schon wieder. Diesmal mittags im Wintergarten. Wieder dauerte es schrecklich lange zwei Minuten. Danach hatte sie diesmal deutlich stärkere Bewusstseinsstörungen. Sie reagierte zwar auf Ansprache, konnte aber wohl nicht richtig sehen. Den Nachbarn, der in seinem Garten am Fenster vorbeilief, bellte sie ängstlich mehrere Minuten an. Oh je, trat jetzt etwas auf, was ich im Internet ­gelesen hatte? Viele Hunde erkennen ihre Umgebung nicht mehr, sind panisch, greifen in Panik ihre eigenen Be­sitzer oder die anderen Familienhunde an. Manchmal wird der krampfende Hund vom zweiten Hund angegriffen. Das wollen wir nicht, müssen wir die Hunde nun trennen? Chaju kam zwar immer dazu, wenn Gjoya krampfte, ließ sich aber immer wegschicken. Doch was, wenn die beiden allein sind? Den Gedanken schoben wir erst ­einmal zur Seite.

Untersuchungsmarathon
Dann am 19.4.2010 der Besuch beim Facharzt. Ein ausgiebiger neurologischer Test zeigte keine Auffälligkeiten. Wir besprachen die weiteren Untersuchungsmöglichkeiten. Auch, weil Gjoya aus unserer eigenen Zucht stammt, war es uns wichtig zu ­wissen, ob es sich um eine primäre, also erbliche, oder um eine sekundär durch eine Krankheit erworbene Epilepsie handelt. Weitere Blutuntersuchungen wurden gemacht. Vielleicht hatte sie ja Toxoplasmose, das kann Krämpfe auslösen. Katzenkot gehört leider zu ihren Lieblingsspeisen und kann Toxoplasmose übertragen. Diese „Hoffnung“ wurde uns schnell genommen. Ein an Toxoplasmose erkrankter Hund würde schwere Symptome zeigen.

Herzuntersuchung: alles ok, hätte mich auch gewundert, Gjoya ist ja ein fitter Sporthund. Wir entschlossen uns dazu,  eine Untersuchung des Liquors (Gehirn- und Rückenmarksflüssigkeit) sowie weitere Urinuntersuchungen machen zu lassen. Alle Möglichkeiten, die Krämpfe auslösen könnten, sollten abgeklärt werden. Das hielten wir auch aus züchterischer Sicht für sehr wichtig. Wenn der Befund dem Zuchtklub gemeldet wird, muss man auch eine gesicherte ­Diagnose haben.

Gjoya wurde in Narkose gelegt und durch eine Punktion der Liquor sowie durch einen Blasenkatheter der Urin entnommen. Der Liquor wurde vor Ort untersucht (unauffälliger Befund), Blut und Urin wurden ins Labor ­eingeschickt. Sollten auch ­diese ­Werte in Ordnung sein, bliebe als ­letzte Untersuchungsmethode noch eine MRT (Magnetresonanztomo­graphie) vom Kopf.

Da drei Anfälle innerhalb von 14 Tagen lt. Tierarzt zu viel sind, bekam Gjoya zunächst ab sofort ein Antiepileptikum. Man nahm sie auch in eine Medikamentenstudie auf, in der ein neues Epilepsie-Medikament im Vergleich zum üblicherweise ­ver­abreichten Phenobarbital ­getestet wird. Die Wirksamkeit des neuen Medikamentes wurde schon in einer ersten Studie gezeigt, jetzt ging es um die Untersuchung der ­Nebenwirkungen. Erste Ergebnisse zeigten keine Nebenwirkungen, wogegen Phenobarbital erhebliche Nebenwirkungen haben kann. Leider durfte man in der Studie nicht aussuchen, ob man das neue Medikament oder Phenobarbital  bekommt, sondern musste eine von zwei versiegelten Boxen wählen. Wir zogen Phenobarbital. Etwas enttäuscht war ich zunächst schon, aber trotzdem sollte man so eine Studie unterstützen, und Hauptsache ist ja auch erst mal, dass es wirkt und die Hündin keine Anfälle mehr bekommt. Ein Anfallstagebuch muss geschrieben werden und alle 4 Wochen müssen wir zur erneuten Untersuchung kommen. Dafür ist das Medikament 1 Jahr lang kostenfrei. Nach fast 5 Stunden Untersuchungsmarathon ging es ­wieder nach Hause. Viele Informationen waren zu verarbeiten.

Die nächsten Tage wurden wir ruhiger. Die Tabletten würden schon helfen! Einige Tage später kamen die Ergebnisse der Blut- und Urinuntersuchungen, alles normal, kein Krankheits­befund. Die letzte Möglichkeit, die jetzt noch für eine Krankheit als Ursache der Anfälle in Frage kam, war die nicht sehr schöne Vorstellung eines Tumors im Gehirn. Doch einen ­kleinen Tumor könne man heute operativ entfernen, hieß es, und diese winzige Hoffnung ließ uns zu dem Entschluss kommen, das teure MRT an der Uni in Gießen machen zu lassen.

Erbliche Epilepsie
Einige Tage später war es soweit, Gjoya musste wieder in ­Narkose. Ganz genau wurde mit dem ­Epilepsiefacharzt besprochen, welche Narkosemittel sie bekommen dürfe, denn einige sind bei einem Epileptiker krampfauslösend. Unruhig ließ ich Gjoya nach dem Einschlafen zurück, gut 1 Stunde später konnte ich ­wieder zu ihr und die Aufwachphase bei ihr verbringen. Alles war zum Glück gut gegangen, es hatte keinen Anfall gegeben. Wir bekamen eine CD mit den MRT-Aufnahmen ihres Gehirns mit, der Befund lautete aber auch hier: o.B., ohne Befund, also auch hier alles in Ordnung. Natürlich waren wir froh, aber nun lautete die Abschlussdiagnose des Tierarztes: Primäre, also erb­liche Epilepsie! Alle anderen Ursachen waren ausgeschlossen.

Wie kann das sein? Keiner von ­Chajus Welpen außer Gjoya hat bisher ­Epilepsie, die Ältesten sind fast 8 Jahre alt. Auch von der väterlichen Seite her war uns nichts bekannt. Und ­Gjoya hatte im Herbst 2009 ihren ersten Wurf. Aber wir haben es nicht wissen können, es gab ja keinerlei Hinweise auf Epilepsie, und wer weiß schon, dass Epilepsie auch beim Samojeden ein Thema ist? Doch inzwischen sind wir schlauer, die Suche nach Samojeden, die ebenfalls Epilepsie haben oder hatten, war ­leider erfolgreich. Die Annahme ­einiger Züchterkollegen, Gjoya sei eine Ausnahme, ein dummer Zufall, hat sich leider als Irrtum herausgestellt.

Zunehmende Nebenwirkungen
Leider hatten wir nach Beginn der Medikamentengabe nur 4 Wochen lang Ruhe, dann hatte sie gleich 4 weitere Anfälle innerhalb von nur 14 Tagen. Die Dosierung wurde ­daraufhin verdoppelt. Schon drei Tage später beim nächsten neurologischen Test zeigte sie als erste Nebenwirkung des Phenobarbital Koordinations­störungen. In schnellen Kurven rutschte sie hinten weg, lief ab und zu mal gegen Möbel und „eierte“ beim Spaziergang durch die Gegend. An Agility, ihre Lieblingssportart, die sie super beherrscht, war und ist im Moment nicht zu denken. Sie ­findet keinen Absprung, rennt überall da­gegen und kann ihre Bewegungen nicht koordinieren. Die Verletzungsgefahr ist einfach zu groß. Letzte Woche zeigte sie bei der Begegnung mit zwei Hunden Angstverhalten. Absolut ungewöhnlich für sie, die immer fröhlich und frei auf andere Hunde zuging.

Zu Beginn der Einnahme von Phenobarbital war die Hündin unendlich müde und lustlos. Kein Hund konnte sie zum Spielen auffordern, sie wirkte richtig depressiv. Wo war da unser immer aktiver, fröhlicher und zu stundenlangem Spiel aufgelegter junger Hund? Das ging zum Glück nach einigen Wochen wieder weg, aber dann kamen leider auch wieder die Anfälle. Leider sagt die Statistik, dass nur 30% der Epilepsiehunde nach der Medikamenteneinstellung anfallsfrei werden, bei weiteren 30% erreicht man eine geringere Anfallshäufigkeit und/oder kürzere Anfälle, und 40% der Hunde sind überhaupt nicht einstellbar. Die Angst, dass Gjoya vielleicht zu dieser letzten Gruppe gehört, ist immer da. Denn dann ist es, wie es heißt, irgendwann vorbei; dann wird sie Serien­anfälle (Status epilepticus) bekommen, aus denen sie nicht mehr allein rauskommt, bei denen Gehirnzelllen absterben und aus denen man sie dann erlösen muss. Eine Horrorvorstellung, die schreckliche Angst macht.

Das Leben ändert sich
Ich möchte mit diesem Bericht aufzeigen, wie furchtbar Epilepsie ist und wie sie das Leben des Hundes und seiner Besitzer beeinträchtigt. Ich möchte damit erreichen, dass Züchter, Besitzer und eigentlich alle, die sich mit Zucht und Haltung betroffener Hunde – in meinem Fall handelt es sich um Samojeden – beschäftigen, nachvollziehen können, was für ein Leid dahinter steckt. Ich möchte auch sensibel dafür machen, welche qualvolle Angst das auch für den Besitzer ist, der nie weiß, ob sein Hund diesen Anfall übersteht. Und das Leid des Hundes, der zwar im Anfall selber davon nichts mitbekommt, besteht im Danach. Er kommt zu sich, hat furchtbare Angst, er weiß nicht, wo er sich befindet, wer die Personen und die Hunde um ihn rum sind, er weiß nur, dass etwas Schlimmes passiert ist. Diese weitaufgerissenen Augen, die einen angstvoll und hilfesuchend ansehen … Dieses hektische Umherlaufen, Fiepen, alles Beschnüffeln, um sich neu zu orientieren. Und dann die grenzenlose Erschöpfung, die sehr lange anhält, je nach Schwere und Dauer des Anfalls.

Wenn Sie sich für das weitere Befinden von Gjoya interessieren, können Sie dies auf folgendem blog nachlesen:http://www.samojedenonline.de/index.htm

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