Erste Hilfe à la Mac Gyver

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Tipps für unterwegs

In der Regel gehen Hundehalter mehrmals täglich mit ihren Vierbeinern raus oder unternehmen längere ­Wandertouren durch Wälder und die Natur. Aber was mache ich in ­solchen Situationen, wenn sich mein Hund plötzlich verletzt, ­Kreislaufbeschwerden hat, nicht mehr laufen kann, einen Hitzeschock erleidet, von anderen ­Tieren gebissen wird oder plötzlich eine stark blutende Wunde hat und kein Tierarzt in der Nähe ist beziehungsweise kein steriles Erste-Hilfe-Set zur Verfügung steht?

Welche Hilfsmittel aus der Natur und von meiner Kleidung/Privatbesitz, die ich bei mir habe, kann ich zur Erstversorgung verwenden und wie? Und warum ist es gut, dass Hundehalter beispielsweise immer ein Kondom bei sich tragen sollten? Antworten darauf geben die staatlich ausgebildete Physiotherapeutin und Krankengymnastin für Hunde Patricia Zocholl von der „DOGREHA Dresden“ und der Hundelehrer Torsten Kurz aus Obergurig bei Bautzen, die in Koopera­tionsprojekten Outdoor-Kurse zur Ersten Hilfe leiten.

Interview mit Hundelehrer Torsten Kurz:

WUFF: Herr Kurz, wer hatte die Idee, solche speziellen Erste-Hilfe-Kurse ins Leben zu rufen und warum?
Kurz: Unsere Hundeschule versucht den Kunden immer wieder etwas Neues anzubieten, und so schauten wir, was oft gefragt ist, und entwickelten Ideen, wie dieses Thema spannender gestaltet ­werden kann. So entstand die Idee zum „Mac Gyver Workshop 1. Hilfe“.

WUFF: Was hat denn der Serienstar Mac Gyver mit dem Inhalt des Workshops zu tun?
Kurz: Er war der Ideengeber für diesen Workshop, denn mich hat als junger Mensch die Fernsehserie begeistert, in der aus Nichts etwas Sinnvolles entstand und der Held immer gewann.

WUFF: Welche Materialien würden Sie aus der Natur nutzen, um Erste Hilfe bei einem Hund leisten zu können?
Kurz: Die Natur ist voll mit Hilfsmitteln, die ich nutzen kann, und die meisten Menschen haben Sachen am Körper, die sie im Notfall verwenden können. Der Hund muss getragen werden: „Tragbare Baumstämme durch diese T-Shirtarme stecken und das T-Shirt am Ende noch mit den Schnürsenkeln der Schuhe befestigen.“ Schon kann der Hund auf einer provisorischen Trage getragen werden. Oder Schilfbänder und lange Getreidehalme können zu Hilfsschnüren werden. Natürlich muss man in solchen Situationen versuchen, kreativ zu werden und schauen, was die Natur um einen herum bietet, um es sinnvoll einsetzen zu können. Und dann können ja auch Sachen zum Einsatz kommen wie Socken als Überzieher für Verbände, die vorher aus Unterhemd- und T-Shirtstreifen um den Lauf des Hundes gebunden werden. Kottüten oder Plastik­tüten von Tempotaschentüchern als ­Feuchtigkeitsschutz oder auch Kondome können als Hilfen zur Erstversorgung von Blutungen verwendet werden. Es gibt so viel, was zum Einsatz kommen kann, man sollte es mal kennenlernen und ausprobieren.

WUFF: Was raten Sie Hundehaltern noch, bevor es raus in die Natur geht?
Kurz: Selten machen sich Hundehalter einen Kopf, was beim einfachen Spaziergang passieren kann. Das Handy ist heute wichtiges Hilfsmittel in der 1. Hilfe, aber auch so einfache Infos wie „Wo ist der nächste Tierarzt, die nächste Tierklinik?“. Gerade im Urlaub kann dies Zeit sparen und Hundeleben retten. Ich denke da nur an gefressene Giftköder oder einen Hitzeschlag. Kaum denkt auch ein Hundehalter an den Rückweg bis zum Auto. Aber wenn Sie mal einen 35 Kilo schweren Hund über mehrere Kilometer tragen mussten, wissen Sie, was ich meine.

Interview mit Physiotherapeutin und Krankengymnastin für Hunde, ­Patricia Zocholl:

WUFF: Frau Zocholl, Sie nehmen gern ein Kondom mit, wenn Sie wandern gehen?
Zocholl: Ja, na klar, machen Sie das etwa nicht …? Nein, aber mal im Ernst, speziell wenn ich mit meinem Hund unterwegs bin, versuche ich tatsächlich immer ein Kondom mit mir zu führen, weil es bei Verletzungen sehr nützlich sein kann. In Outdoor-Erste-Hilfe Kursen versuchen wir Hundehaltern zu ver­mitteln, wie sich solche schwierigen und unvorhergesehenen Alltagssituationen bewältigen lassen. Denn die wenigsten Hundehalter haben auf Ihrem Spaziergang ein Verbandsset dabei – im besten Fall liegt das nämlich im Auto. Es gilt also zuerst: Ruhe zu bewahren und dann möglichst rasch eine schnelle, kleine Alternative zu finden, um eine Erstversorgung bewältigen zu können, und dies ist mithilfe eines Kondoms beispielsweise als steriler Wundverband wunderbar zu realisieren! Zudem passt es in jede Hosentasche.

WUFF: Was eignet sich noch als ­Erste-Hilfe-Material zur Erstversorgung?
Zocholl: Haargummi, Gürtel, Schnür­senkel, Kotbeutel – es sollte versucht ­werden mit fast allen Mitteln, die man zur Verfügung hat, Verbände zu ­kreieren, um Blutungen stoppen zu können. Wichtig ist dabei immer: Diese Varianten sind NOTVERBÄNDE, denn sie bringen ein hohes Infektionsrisiko mit sich! Mit diesen Utensilien zu agieren ist wirklich nur im äußersten Notfall sinnvoll. Hunde­halter sollten die richtigen Techniken in Kursen erlernen, Notfallsituationen zu Hause immer mal wieder durchspielen und Notfallverbände mit Strumpf, Shirt und Co. regelmäßig üben, damit das Erlernte in schwierigen Situationen gut und sofort abrufbar ist.

WUFF: Bald wird es wieder wärmer draußen. Wie erkenne ich einen Hitzeschock? Und welche Gegenmaßnahmen sollte ich bei der Ersten Hilfe vor Ort treffen?
Zocholl: Das Wichtigste ist die Erkennung eines SCHOCKzustandes! Neben Hitze gibt es hier viele andere Ursachen wie Insektenstiche, Allergien, Blutungen, Dehydrierung, Unfälle. Um diesen zu erkennen und richtig zu handeln, sollte jeder Hundehalter die Körpertemperatur, Puls, Atemfrequenz, Schleimhautfarbe seines Hundes kennen und wissen, wo man diese misst. Auch das wird in speziellen Kursen vermittelt. Wichtige Maßnahmen sind die richtige Seitenlagerung, bei der es ein paar Besonderheiten gibt. Prinzipiell auf rechts, damit die linke Seite oben ist und bei Herzversagen die Herz-Druckmassage eingeleitet werden kann. Bei großflächigen offenen Wunden oder Brüchen wird aber die verletzte Seite nach oben gelegt, damit man die Blutung stoppen kann und das Infektionsrisiko minimiert. Es gilt also, die Situation gut einschätzen zu können. Also prinzipiell auf rechts und bei mehreren Verletzungen mit der schwerer verletzten Seite nach oben – dass der Hund atmen kann und die Wunde versorgt werden kann. Des Weiteren ist wichtig, die Sauerstoffversorgung sicherzustellen, freie Atmung zu kontrollieren und im Falle des Hitzschlages das LANGSAME(!) Abkühlen in Form von feuchten Handtüchern, Pfoten mit kaltem Wasser spülen oder den Hund in kühlere Umgebung bringen. Bitte nicht den Gartenschlauch einfach draufhalten.

WUFF: Was tue ich, wenn mein Hund plötzlich stark humpelt und/oder plötzlich nicht mehr laufen kann, vielleicht sogar ein eventueller Knochenbruch vorliegt und mein Auto kilometerweit entfernt steht?
Zocholl: Bei einem lahmenden Hund gilt es erstmal zu checken, ob es wirklich so schlimm ist oder ob der Hund nur ­besonders stark leidet weil sich Herrchen/Frauchen dann so herzzerreißend kümmert (das ist nämlich meistens der Fall). Wenn die Kraft es zulässt, kann man den Hund zum Auto tragen. Mögliche, den eigenen Rücken schonende Techniken können hier umgesetzt werden. Offene Brüche bitte niemals selbst versuchen zu schienen oder Gliedmaßen abbinden! Ein selbst hergestellter Druckverband mit Taschentüchern und Stofffetzen kann hier vor dem Verbluten schützen. Wenn ich den Hund nicht tragen kann und ich keine andere Möglichkeit habe, „schnell“ eine Trage bauen zu können oder von jemand im Auto mitgenommen zu werden, muss er laufen! Die wenigsten Hunde bleiben mit Verletzungen an den Gliedmaßen liegen. Ein Hund kann auch mit drei Beinen laufen. Am besten wäre natürlich ­jemanden anrufen, der einen holen kann.

WUFF: Es gibt Kröten aber auch ­andere Tiere wie Schlangen, die ein Sekret verspritzen, das für Hunde giftig sein kann. Was raten Sie in solchen Fällen?
Zocholl: Gifte auf der Haut mit klarem Wasser abspülen! Dafür kann gern, wenn man kein Trinkwasser zur Verfügung hat, Wasser aus dem Fluss oder notfalls auch Regenwasser zum Einsatz kommen.

Pdf zu diesem Artikel: erste_hilfe

 

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