Expertendiskussion Hüftdysplasie

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Dipl.-Ing. Dr. Hellmuth Wachtel:

Zu den nachfolgenden Ausführungen von Univ.-Doz. Dr. Köppel möchte ich Folgendes anmerken. Köppel schrieb: „Die Hüftdysplasie (HD) ist eine genetisch bedingte Erkrankung. Neuere molekulargenetische Untersuchungen gehen davon aus, dass eine größere Zahl von Genen an ihrer Entstehung beteiligt ist, die zu einer Vererbbarkeit von 90% führen dürfte".

HD ist jedoch nicht nur genetisch bedingt, sondern in beträchtlichem Anteil auch durch Umweltfaktoren. Die Vererblichkeit wird daher in der Literatur mit 20–85% angegeben, ist also je nach den Umweltbedingungen und der Population stark schwankend. Besonders die Ernährung wirkt stark ein. In einem Versuch mit Labrador Retrievern, von denen die Hälfte nach Belieben Futter aufnehmen konnten, die andere davon minus 25%, hatten die letzteren nur sehr wenig HD-Beschwerden im Vergleich mit den ersteren und lebten dazu wesentlich länger. Das ändert aber nichts an der genetischen Ursache der Krankheit und der fast allgegenwärtigen Präsenz der HD-Defektallele.

Diese Bedingungen führten dazu, dass es jetzt schon zwei Bücher gibt, in denen behauptet wird, HD sei gar nicht genetisch bedingt, und die das Röntgenisieren etc. als „Abzockerei" hinstellen, was seinerzeit große Aufregungen hervorgerufen hat. Das ist keineswegs richtig, denn die Grundursache sind Defektgene, die zur Wirkung kommen, wenn eine Schwelle überschritten wird. Doch die Umwelt spielt dabei zweifellos eine bedeutende Rolle.

Zur Aussage von Doz. Köppel, „Die HD kommt weltweit bei allen Rassen vor, auch Windhundrassen sind davon betroffen, ebenso frei lebende Caniden wie z.B. Wolf, Schakal, Kojote und echte Wildhunde", ist Folgendes zu sagen.

Zunächst ist die Häufigkeit in den Rassen sehr verschieden und das Auftreten nimmt u.a. mit der Größe stark zu. Kleine Rassen sind meist wenig betroffen. Windhundrassen sind ebenfalls nur wenig betroffen, ebenso – im Gegensatz zum Deutschen Schäferhund – die belgischen Schäferhunde, sowie z.B. Langhaar- und Border Collie. Grundsätzlich ist das Auftreten in Rassen, die noch auf Gebrauch gezüchtet werden, der viel Laufarbeit erfordert, wesentlich geringer als bei Schaurassen oder Schaulinien der Gebrauchsrassen. Bei wilden Caniden wie Wolf etc. ist HD äußerst selten, dürfte aber in der Gefangenhaltung zunehmen. Was ist mit den erwähnten „echten Wildhunden" gemeint? Etwa Dingos, die seit 5000 Jahren verwildert sind? Oder auch Parias und sonstige verwilderte Hundepopulationen? Oder die übrigen hundeartigen Raubtiere wie Füchse etc.?

Doz. Köppel schrieb: „Die HD ist keine ‘neue’ Gelenkskrankheit, schon Knochenfunde aus der späteren ‘Stillfried-Zeit’ (Jungsteinzeit, etwa 600 v. Chr.) zeigen HD-Veränderungen am Becken domestizierter Wölfe." Gemeint ist wohl 6000 v. Chr. Die Tiere dürften jedoch Hunde gewesen sein, denn Wölfe wurden schon vor 15–17.000 Jahren domestiziert.

Der Sinn des folgenden Satzes ist mir unklar: „Die Häufigkeit des Auftretens der Erkrankung liegt unabhängig von deren Grad und der Rasse zwischen 16–60 Prozent in einer Population." Die Häufigkeit und der Grad der Erkrankung hängen sehr wohl auch von der Rasse ab. Dies zeigt zum Beispiel das Ergebnis der HD-Untersuchungen in Finnland: Beachtenswert an dieser Statistik ist die niedrige Zahl beim Hovawart als relativ großer Rasse, offenbar eine Folge der langjährigen Zuchtwertselektion bei dieser Rasse.

HD-Werte in Prozent der Schweregrade C/D/E
Finnland 2005
Deutscher Schäferhund 45,2 Tibetdogge 50,0 Langhaarcollie26,1Bull Mastiff91,5Boxer44,2Bernhardiner78,1Tervueren13,3Hovawart17,3Malinois6,5Berner Sennenhund56,1(aus „Koiramme", 5/2006, der Zeitschrift des Finnischen Kennel Clubs)


Univ.-Doz. Dr. Ewald Köppel antwortet:

Der ausschließlich genetische Hintergrund der HD dürfte nach den aktuellen molekulargenetischen Untersuchungen zweifelsfrei erwiesen sein. Die in der Literatur angegebenen Prozentsätze für die Vererbbarkeit basieren auf ausschließlich populationsgenetischen Berechnungen – Heritabilität. Dieser Heritabilitätswert liegt zwischen 0,20 und 0,85. Er ist ein Maß für den genetischen Anteil eines Merkmals in einer Population und sagt so einiges über die genetische Variation in der Rasse aus. Seine Information über den Anteil der HD-Defektgene am gesamten Genom ist jedoch gering.

Demnach können Umweltfaktoren wie Ernährung, Bewegung etc. mit hoher Wahrscheinlichkeit nur auf der Basis eines erkrankten Genotyps zur HD führen. D.h. bei „gesundem" Erbgut können die Umweltfaktoren zwar Arthrosen in den Hüftgelenken entstehen lassen, jedoch nicht Anlass für eine HD sein. In Abhängigkeit vom Zustand des Genotyps können Umweltfaktoren also den Grad der HD-Erkrankung beeinflussen.

Die Aussage, dass die Häufigkeit in den Rassen sehr verschieden und das Auftreten mit Zunahme der Körpergröße zunimmt, lässt sich ebenso wenig bestätigen wie, dass kleine Hunderassen „meist wenig betroffen" sind. So finden wir bei z.B. Zwergschnauzer, Englischem Cockerspaniel und zahlreichen anderen Rassen die HD ebenso häufig wie bei großwüchsigen Hunden. Dazu existiert eine Fülle von Publikationen. Tatsache ist aber, dass kleine Hunde aufgrund des Körpergewichtes einerseits und der Haltungsbedingungen andererseits (nur selten sportliche Leistung) auch bei dysplastischen Hüftgelenken in den seltensten Fällen Krankheitssymptome erkennen lassen.

Ebenso trifft es nicht zu, dass „Gebrauchslinien" innerhalb einer Rasse seltener an HD erkranken als die so genannten „Schaulinien". Die HD-Statistiken nicht nur des Deutschen Schäferhundes, sondern auch der Border Collies, der Retriever, der Englischen Vorstehhunde, der Rottweiler usw. sprechen eine diesbezüglich sehr eindeutige Sprache.

Die Hüftgelenksdysplasie ist leider nicht nur eine Erkrankung der hundeartigen und hundeähnlichen Säugetiere. Sie ist bei Katzen, Wiederkäuern, Pferden etc. ebenso wie auch beim Menschen längst bekannt. Die durchschnittliche Prozentzahl von HD in frei- und wildlebenden Populationen von Wölfen, Schakalen, aber auch Dingos wird mit 16% angenommen. Auch der asiatische Wildhund – Rothund –, ein so genannter echter Wildhund, ist nicht HD-frei.

Die Knochenfunde aus der späteren „Stillfried-Zeit" beziehen sich tatsächlich auf den Zeitraum 700–600 vor Chr. Das entspricht der Zeit der großen Gräberkulturen in der Bronzezeit. Die Knochenfunde wurden von den Paläozoologen des Naturhistorischen Museums in Wien domestizierten Wölfen zugeordnet. Diesbezüglich sind weitere Untersuchungen in Vorbereitung. Unabhängig vom Grad der HD-Erkrankung liegt ihre Häufigkeit in den untersuchten Populationen, ungeachtet der jeweiligen Rassezugehörigkeit, zwischen 16 und 60%.

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