Expertentipp: Hundebegegnung an der Leine

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Die Kolumne zum Thema „Alltagsprobleme mit dem Hund". WUFF-Autorin Yvonne Adler, Tierpsychologin, akademisch geprüfte Kynologin und Hundetrainerin, beantwortet Ihre Fragen. Schicken Sie uns Ihr Alltagsproblem mit Ihrem Hund , kurz formuliert und mit 1 bis 2 Bildern. In dieser Ausgabe geht es um eine negative Verknüpfung von an-der-Leine-Gehen und anderen Hunden.

Hallo, liebe Frau Adler!
Unsere Elly ist 18 Monate alt und eine fröhliche und verspielte Hündin. Sie ist eine Mischung aus Eurasier und Irish Setter, sie sieht aber aus wie ein Schafpudel. Fremden gegenüber ist sie von Anfang an skeptisch und vorsichtig gewesen. Wir haben sie von klein auf von einer Bekannten, die Eurasier züchtet, und dort kam es auch zu einem „Unfall". Wir lieben sie und sie lernt schnell und mit Eifer. Intelligenzspiele sind kein Problem für sie und sie macht auf Kommando kleine Aufgaben, zum Beispiel räumt sie Spielzeug in die Kiste. Auf fremde Hunde ging sie von Anfang an neugierig, aber vorsichtig und passiv (Blickkontakt meidend, beschwichtigend) zu, und lotet zuerst aus, wie es so mit Spielen wäre.
Nun haben Nachbarn von uns einen sogenannten „Kofferraumhund" angeschafft, sie erziehen den Hund nicht und geben sich auch sonst nicht liebevoll mit dem Hund ab. Aufgrund verschiedener Vorfälle war auch schon der Tierschutz vor Ort. Nun hat genau dieser Hund unsere Elly schon zweimal angefallen, sich Gott sei Dank nur in ihrem dicken Fell verbissen. Er entwischte vom Grundstück, als wir auf der anderen Straßenseite gingen.
Seitdem wird das an-der-Leine-Laufen immer schwerer. Ich leide schon an Gelenk- und Rückenschmerzen deswegen. Sie wiegt immerhin 25 kg!
Wir üben nun schon gut ein Vierteljahr nach dem Buch „Lockere Leine", ­merken aber kaum Erfolge.

Da sie nicht unsere erste Hündin ist, sind wir auch nicht ganz unerfahren.Aber nun gehen uns die Ideen aus, und in manchen Hundeschulen wird auch unglaublich viel Quatsch erzählt, und unser Vertrauen in leider oft selbst­ernannte Hundeversteher ist doch sehr erschüttert. In unserer Not geben wir ihr jetzt Bachblüten gegen Ungeduld und Unruhe, für mehr Gelassenheit. Mittlerweile wird jeder Hund verbellt, und an der Leine flippt sie dann völlig aus. Wie kann ich ihr aus dieser Lage helfen?

Haben Sie für uns hilfreiche Tipps zur gewaltfreien Erziehung in ­speziell unseren Problemen (an der Leine ­ziehen und anderen Hunden wieder trauen können)? Leider gibt es in unserem Ort fast nur Hundehalter, die sich aus dem Weg gehen, so kommen wir nicht in die Lage, unserer Elly zu zeigen, dass der Hund gegenüber nicht immer beißt. Viele Hundehalter verstehen auch nicht, warum Elly zuerst mal furchtbar bellt und dann doch wirklich nur spielen will.

Über Nachricht von Ihnen würde ich mich wirklich sehr freuen.
Mit freundlichen Grüßen,
Sabine Bailer

Antwort von Yvonne Adler:

Liebe Frau Bailer,
leider scheint Elly durch den Angriff des Nachbarhundes verknüpft zu haben, dass andere Hunde etwas Schlechtes bedeuten, wenn sie sich an der Leine befindet. Bevor also hier mit dem tatsächlichen Leinenführigkeitstraining gestartet werden kann, muss Ihr Hund erst wieder lernen, dass andere Hunde etwas Gutes bedeuten – auch wenn Elly sich selbst an der Leine befindet. Denn solange Ihr Hund Angst und Unsicherheit empfindet, sobald ein Artgenosse sich nähert, wird sie eine gute Leinenführigkeit nicht umsetzen können. Dies sollte erst im zweiten Schritt bearbeitet werden.

Ich rate Ihnen deshalb zu folgendem Vorgehen: anfangs sollten Sie mit Elly eine große Distanz zu Artgenossen einhalten. Sie müssen sich dazu in einem Radius bewegen, in dem Ihr Hund noch gar nicht auf den anderen reagiert. Dies bedeutet, dass Elly den anderen Hund wahrnimmt, aber noch kein Angst- bzw. Aggressionsverhalten zeigt. Es wäre die Distanz ideal, in der Elly noch ein neutrales, ­aufgewecktes Verhalten zeigen kann. Zusätzlich sollten Sie sich mit besonders guten Leckerchen ausstatten. Sobald Elly den Artgenossen erblickt und sich dabei neutral verhält, geben Sie ihr ein Kommando wie bspw. „ein Freund" und ­viele, gute Leckerchen. Für das erfolgreiche Training ist wichtig, dass sie wirklich VIELE Leckerli bekommt und dabei den anderen Hund sieht. Richten Sie sich also gleich eine große Menge her, die Sie in dieser Situation verfüttern können. Außerdem muss Elly in dieser Situation kein anderes Kommando wie etwa „Sitz" oder „Platz" ausführen. Sie soll einfach die Gelegenheit haben, den anderen Hund aus großer Distanz zu beobachten, ruhig zu bleiben und dafür etwas für sie Positives (Leckerchen) zu erhalten. Danach ist die Trainingseinheit sofort beendet.

Dieser Trainingsansatz beinhaltet eine sogenannte „Gegenkonditionierung", die viel Zeit und Ausdauer verlangt, da Elly ja schon negative ­Erfahrungen gesammelt hat. Erst durch viel Übung überragen dann die „guten ­Erfahrungen" von Elly mit anderen Hunden, und die „negativen Erfahrungen" beginnen zu verblassen. Sie vermitteln Ihrem Hund damit, dass Artgenossen immer „Leckerchen und Wohlfühlen/Sicherheit" bedeuten. So können Sie langfristig die Emotionen und die Erwartungshaltung ändern, die Ihr Hund in dieser Situation empfindet. Elly wird sich nach einiger Zeit des Trainings nicht mehr vor einem Angriff fürchten, sondern eine positive ­Emotion und Sicherheit empfinden, wenn sie einen anderen Hund erblickt.

Bitte gestalten Sie die Trainingssituation so, dass der andere Hund auf keinen Fall die Distanz verringern kann, damit Sie bei jeder Trainingseinheit ein Erfolgserlebnis mit Elly haben können. Jede für Sie problematische Begegnung, bei der sich Ihr Hund aufregt, bedeutet wieder einen Rückschritt. Die Entfernung ist hier also der wichtigste Punkt! Eine Annäherung (Distanz­verringerung) sollte erst „step by step" mit dem Lernfortschritt erfolgen.

In diesem Kontext ist es von großer Bedeutung, dass Sie auf Ihre eigene Körperspannung und Emotion achten. Sind Sie vielleicht auch schon angespannt, wenn Ihnen ein anderer Hund entgegen kommt? Fürchten Sie sich vielleicht vor einem neuerlichen Angriff oder davor, dass die Leute Sie „schief" ansehen, wenn Elly an der Leine zerrt und bellt? Es ist natürlich auch für den Halter und die Halterin meist eine einschneidende Erfahrung, wenn der eigene Hund attackiert worden ist. Dennoch sollten Sie versuchen, diese Emotionen langsam im Training abzubauen bzw. komplett abzulegen. Auch Sie müssen an sich arbeiten. Denn jegliche Gefühle, Spannungen etc., die wir fühlen, übertragen sich auf den Hund. Elly merkt also, dass Sie vor einer Hundebegegnung angespannt sind, und könnte daraus folgern, dass diese Situation doch wirklich schlimm sein muss. Umso mehr wird auch sie sich aufregen.

Achten Sie bitte darauf, dass Sie die Leine möglichst locker halten und der Abstand groß genug ist, dass die Gesamtsituation entspannt bleibt. Versuchen Sie auch das Kommando möglichst weich und ruhig zu geben. Außerdem sollten Sie nicht hektisch nach Leckerchen kramen müssen, wenn ein Artgenosse zu sehen ist, sondern diese möglichst schnell und in Ruhe griff­bereit halten. Rufen Sie sich auch selbst in Erinnerung, dass Ihnen und Ihrem Hund nichts passieren kann = Sie und Elly sind in Sicherheit! Alle diese Dinge können die Grundstimmung der Übungssituation schon positiv beeinflussen und so zu einem schnelleren Trainingserfolg führen.

Wenn Sie das Training in Ihrer Umgebung einige Zeit durchgeführt haben und den Abstand zu Artgenossen schon gut verringern konnten, empfehle ich Ihnen, auch an anderen Orten zu trainieren. Hunde lernen stark ortsbezogen, d.h. nur weil Elly in Ihrer Wohngegend wieder Vertrauen zu anderen Hunden gefasst hat, gilt dies noch lange nicht für andere Umgebungen. Um die Erfahrung generalisieren zu können – also auf andere Orte zu übertragen – müssen diese Situationen auch an verschiedenen Plätzen geübt werden. Bitte gehen Sie erst wieder an dem Nachbarshund auf der anderen Straßenseite vorbei, wenn Elly schon durch das Training sehr, sehr viele gute Erfahrungen sammeln konnte.

Zusätzlich zum oben erklärten Training rate ich Ihnen zum Besuch eines Gruppenkurses in einer guten Hundeschule. Hier hat Elly die Gelegenheit andere Hunde in einem positiven Kontext kennenzulernen und vielleicht auch mit einigen, netten Artgenossen zu spielen. Achten Sie bei der Auswahl der Hundeschule und des Kurses darauf, dass dieser von einer qualifizierten Fachkraft in einer Kleingruppe angeleitet wird. Das Training sollte über positive Bestärkung durchgeführt werden. Ein ­verständnis- und vertrauensvoller Umgang mit Mensch und Hund sollte im Vordergrund stehen. Schreckreize, physische oder psychische Gewalt haben in der Hundeerziehung nichts zu suchen.

Ich wünsche Ihnen schnelle Trainingserfolge und wieder viele schöne und ruhige Spaziergänge mit Ihrer Hündin!
Ihre Yvonne Adler

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Yvonne Adler
Yvonne Adler lebt und arbeitet seit mehr als 20 Jahren mit Hunden. Sie schloss das Studium zur Tierpsychologin mit Auszeichnung ab und ist zudem eine von Europas ersten akademisch geprüften KynologInnen. Neben ihrer Tätigkeit als Sachverständige für Hunde, absolviert sie laufend weitere in- und ausländische Aus- und Fortbildungen im Bereich der Kynlogie, um stets auf dem aktuellsten Stand der internationalen Hundewissenschaft zu sein. Kontakt: Yvonne Adler – Adler Dogs® www.adler-dogs.at

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