„Fuß“, „Fuhuuuß“, „Fussssjetzt!!!“,

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„GehFußDudickköpfiger Blubberko…*+#+**##*!“

Jeder kennt das auf irgendeine Weise. Man freut sich auf einen Spaziergang und der Hund flippt aus, zieht wie eine Dampflokomotive an der Leine, macht, was er will. Bei Finley, meinem ­Rüden, stand das täglich auf seiner To-Do-Liste.

Als Finley bei mir einzog, hatte ich keine Ahnung, was Leinenführigkeit eigentlich bedeutet. Und wie ich bald feststellen sollte, verstand auch jeder Hundetrainer etwas anderes darunter. Kleine Zusammenfassung: Bei Fuß gehen, auf der linken Seite, auf der rechten Seite, ohne zu schnüffeln oder Schnüffeln erlaubt, den Hundeführer anschauen oder in die Ferne, Pinkeln ist böse, Bedürfnis­erledigung nach vorherigem Freigabe­signal okay. Hund läuft an langer, lockerer Leine, vor, neben oder hinter Dir, hinter Dir, aber niemals vor Dir, während des Laufens mit dem Hund reden, nicht quatschen, bei Fehlverhalten ein deutliches NEIN raushauen oder lieber ein sanftes SCHADE säuseln, alternativ ignorieren und dann, wenn Wohlverhalten folgt, großes Kino und loben, loben, loben. Leinenführigkeit, die Geißel aller Hundehalter.

Auf meiner verzweifelten Suche nach dem Schalter, den ich bei meinem Hund umlegen musste, damit er gewillt war, ordentlich an der Leine zu gehen, entdeckte ich vor allem meine ungeahnte Fähigkeit, Schmerzen zu ertragen. Wenn 36 Kilo Muskelmasse in die Leine gehen, dann zwiebelt das – und wie. Dass die Lösung nichts mit 0815-Drill zu tun haben würde, ich sie bei mir und meinem Hund finden und es mit Verstehen und Verständnis zu tun haben würde, habe ich erst später entdeckt.

Vorher begann für mich eine ­Odyssee durch unzählige Hundeschulen. Ich musste mit einem am Kurzführer ­hängenden, empörten Finley 45 Minuten im Stechschritt auf- und ablaufen. „Der gibt schon irgendwann auf“, brüllte der Platzchef. Pustekuchen, nicht mein Rüde!

Der nächste Trainer verlangte von mir, ein Baum zu sein. Ich sollte jedes Mal, wenn ich Zug auf der Leine spürte, ­konsequent stehen bleiben und erst dann weitergehen, wenn mein Rüde lockerließ. Freiwillig, *grins! Raten Sie mal – richtig! Finley und ich verbrachten die Unterrichtsstunde im Stehen, während die anderen Teilnehmer und ihre Streberhunde um uns herumflanierten.

Die nächste Trainerin war ein Geheim­tipp in unserer Vorstadt. Gisela, ehemalige Sozialpädagogin, sagte: „Du musst Deinen Hund zuerst im Universum treffen.“ Ich soll was? Ach, was soll’s, dachte ich. Ich war verzweifelt, zu allem bereit, wenn ich nur einmal 100 schmerzfreie, entspannte Meter mit diesem Hund schaffen könnte, würde ich mich dafür auch in den Orbit schießen. Gisela weiter: „Wir bauen jetzt Deine Chakren auf.“ Sie gab mir die Anweisung, die Arme auszubreiten, über den Platz zu schreiten und dabei folgende Sätze zu skandieren: „Ich KANN das“ und „ICH bin das Universum!“ Ziel war es, dass Finley von mir so hingerissen sein sollte, dass er mir fortan bedingungslos folgen würde. Also stolzierte ich wie eine bekiffte Sektenchefin, kurz bevor sie ihre Anhänger in den kollektiven Selbstmord trieb, über das grüne Gras. Derweil hatte sich mein Rüde am Rasenrand niedergelegt und betrachtete mich skeptisch. Bedingungsloses Folgen, keine Spur.

Ich war erschöpft, Finley auch, wir brauchten eine Pause. Ich begann, mir die richtigen Fragen zu stellen. Was war mir wichtig im Zusammenleben mit meinem Hund? Was davon entsprach auch Finleys Charakter? ­Kadavergehorsam war von ihm nicht zu erwarten und den wollte ich auch nicht. Ich musste lernen, ihn besser zu verstehen, dann würden wir gemeinsam einen Weg finden. Zahlreiche Seminare zum Thema Hundeverhalten, Lern­theorien und Jagdverhalten folgten. Dort lernte ich die Signale meines Hundes zu deuten, seine Aufmerksamkeit bei mir zu halten. Und je besser ich ihn verstand, desto kooperativer wurde Finley. Und viel wichtiger, wir hatten plötzlich viel Spaß miteinander.

Diese Erfahrung ist für mich heute ein zentraler Ausgangspunkt meiner Arbeit als Hundetrainerin. Ich bin sehr offen für die Nöte und Emotionen anderer Hundehalter. Ich schaue immer zuerst, was ich dem Menschen abverlangen kann. Ich versuche, den Menschen zu stützen, nicht zu demoralisieren. Schließlich ist er das halbe Team. Dann betrachten wir gemeinsam den Hund. Welche Möglichkeiten und Hypotheken bringt er mit? So entstehen für jedes Team individuelle Trainingsstrukturen.

Für Finley und mich gilt inzwischen leben und leben lassen. Es ist nicht mehr von Bedeutung, ob er neben, vor oder hinter mir läuft. Wichtiger ist, dass ich jederzeit seine Aufmerksamkeit erlangen kann, und das klappt gut. Die übrige Zeit darf er schnuppern, sich ­lösen und in die Ferne gucken. So konnte auch Finley sich entspannen. Wir sind jetzt ein Team, kämpfen nicht mehr gegeneinander. Unser Fazit: Der Begriff Leinenführigkeit ist dehnbar. Er bedeutet genau das, was ein Team braucht, um zufrieden zusammen leben zu können. Es gibt nicht nur den EINEN Weg. Die Suche nach dem richtigen schweißt zusammen. Finley und ich sind dann mal unterwegs, in unserem Universum ….

Wer ist Birgit Jaklitsch

Die Journalistin, Bloggerin und Hundetrainerin Birgit Jaklitsch lebt in Hamburg. Sie ist Inhaberin von Goodfellows Mensch & Hund-Coaching. Arbeitsschwerpunkte sind Alltagstraining, Hundeverhalten und Jagdtrieb. In ihrem Blog schreibt sie über Alltagserlebnisse und andere Hundethemen. http://www.goodfellows-coaching.de

Wir beginnen ein paar Sätze, die Birgit Jaklitsch vervollständigt:

Mit meinem Hund mache ich am liebsten … Ferien an der Nordsee. Toben ohne Leine, schwimmen bis zur nächsten Sandbank und Finley apportiert alles vom Dummy bis zum angeschwemmten Fisch-Skelett.

Mein tollstes Erlebnis mit meinem Hund war … puhhh, wenn ich das wüsste. In den letzten acht Jahren gab es so viele tolle Erlebnisse mit Finley. Um es mit meinem Lieblings-Ex-Nationalspieler Lukas Podolski zu sagen: „Eines davon hervorzuheben, wäre nicht fair gegenüber den anderen.“

Wenn ich einen Wunsch frei hätte …, würde ich mich zu einem Klönschnack mit meinem Hund zusammensetzen. Und dann, bei frischem Wasser, Käsekuchen und einem Ochsenziemer erfahren wir Dinge voneinander, die wir nicht für möglich gehalten hätten.

An Hunden fasziniert mich … ihre Fähigkeit zur Empathie, ihr feines Gespür für die Stimmungen ihres menschlichen Gegenübers und ein wenig auch ihre Fähigkeit, die gewonnenen Erkenntnisse in zielgerichtete Manipulationsversuche umzusetzen.

An anderen Hundehaltern ärgert mich am meisten …, der oft fehlende Wille mit anderen Hundehaltern zusammenzuarbeiten, dieser unerschütterlich gelebte My-Dog-First-­Egoismus, die mangelnde Fähigkeit, Kritik zu reflektieren und …

Pdf zu diesem Artikel: leserblog_11_2017