Ein Gänseblümchen kam, sah und siegte

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Alltagsgeschichten

Geschichten, die das ­Leben schreibt, sind doch am ­interessantesten – und – Liebe auf den ersten Blick? Ja, die gibt es. Das kann ­Petra Nessmann klar und mit voller Überzeugung bestätigen. Dabei war der Start in die neue Hunde­beziehung kein leichter …

Ihren hübschen Terrierkopf mühsam erhoben, bewegte sich die kleine Hündin schwach wedelnd auf mich zu. Sie hatte die für sie bereitgelegte Decke in der hintersten Ecke des Büroraumes verlassen und steuerte in meine Richtung, um sich laut seufzend auf meine Füße fallen zu lassen. Ich blickte die Tierheimleiterin, in deren Büro wir uns befanden, fragend an, woraufhin sie mir mitteilte, dass es sich hierbei um die etwa einjährige Daisy handle, „frisch kastriert und noch nicht ganz wach“. Die Hündin war klein gewachsen; etwa 40 cm hoch. Von vorne betrachtet ohne Zweifel ein (Jagd-)Terrier, allerdings ließ der proportional viel zu lange ­Rücken auf die Beteiligung eines Dackels schließen. Mein Blick ruhte auf dem zusammengekauerten Bündel zu meinen Füßen, das keinerlei Anstalten machte, den eben erworbenen Platz wieder zu verlassen. Mir wurde wohlig warm ums Herz. „Ist sie zu vermitteln?“, wollte ich umgehend wissen. „Nein“, teilte mir die Tierheimleiterin knapp mit. Ein weiterer Hund wurde in den Raum geführt, ein junger Mischlingsrüde von der Größe eines Chihuahuas. Er hüpfte durch den Raum wie ein Gummiball und markierte binnen Sekunden an drei ­verschiedenen Stellen. Ich versuchte den Kleinen mehrmals zu mir zu locken, obwohl mir sofort klar war, dass er nicht der Vorstellung meines zukünftigen Hundes entsprach, wie auch die fünf Hunde vor ihm. Ich blickte wiederum auf das rauhaarige Ende meiner Beine und fragte nach, warum Daisy nicht zu vermitteln sei. So erfuhr ich, dass man für das kleine Gänseblümchen ein spezielles Zuhause suche, da sie ob der entzückenden Optik nicht einfach zu handeln sei und zu den Hunden gehöre, die immer wieder ins Tierheim zurückgebracht werden. Abgesehen davon müsste nun erst einmal die Kastrations-Wunde verheilen.

Ein Hund, der in mein Leben passt?

Mein Herz machte einen Freudensprung und ich vereinbarte einen neuerlichen Termin in ein paar Tagen, um eine ­Gassi-Runde mit „Daisy“ zu unternehmen. WAS an diesem Tier sollte schwierig zu handeln sein? Bei meinem Erscheinen zum vereinbarten Termin fand ich eine Hündin vor, die vor lauter Aufregung und überschüssiger Energie von zwei Mitarbeitern des Tierheims festgehalten werden musste, um ihr Halsband und Leine umlegen zu können. Hatte ich hier den Hund vor mir, der in mein Leben passt? Der während meiner Arbeitszeit entspannt unter meinem Schreibtisch liegen würde? Im Laufe des Spaziergangs bekam ich eine Ahnung davon, was mit „nicht ganz einfach zu handeln“ gemeint war. ­Daisys Körperhaltung signalisierte höchste Nervosität, sie hechelte und keuchte an der gespannten Leine. Sobald sie in der Ferne einen Spaziergeher, Radfahrer oder einen ihr suspekt erscheinenden Gegenstand erblickte, sprang sie wild bellend gegen die Leine. Sozialisierung dürfte im bisherigen Leben der mit einer gehörigen Portion Schärfe ausgestatteten Hündin ebenso wenig wie Leinenführig­keit oder das Erlernen von Grundkommandos eine Rolle gespielt haben. Sie agierte aus ihrer Unsicherheit heraus stets nach dem Motto „besser fressen als gefressen werden“ und wollte nach vorne in die Offensive gehen. Sie schien dauergestresst und ließ sich nur schwer wieder beruhigen.

Mein Herz verloren …

Da sie mir nun unverblümt ihr Wesen offenbart hatte, erbat ich einige Tage Bedenkzeit. Ich besuchte Daisy ­mehrere Male und begann alsbald meine Wohnung hundefreundlich zu gestalten. Mein Herz hatte ich längst verloren; es gab kein Zurück mehr; ich wollte mich der Herausforderung stellen und diesem speziellen Hund ein Zuhause bieten. Nach einer Woche war es soweit, die Verträge waren unterzeichnet und ich durfte Daisy mit nach Hause nehmen. Durchaus mit einem mulmigen Gefühl in der Magengegend. War ich den Eigenheiten dieses Energiebündels gewachsen? Schneller als mir lieb war musste ich mir eingestehen, dass ich es nicht mit ein paar wenigen, sondern einer ganzen Menge Baustellen zu tun hatte. Es fiel Daisy sehr schwer zur Ruhe zu kommen. Sobald sie den geringsten Grund zur Aufregung erahnte, begann sie sich minutenlang im Kreis zu drehen und in den eigenen Schwanz zu beißen. Dieses Problem ließ sich mit entsprechender körperlicher Auslastung bald in den Griff bekommen. Weitaus schwieriger zu bekämpfen waren ihr Argwohn und ihre Unsicherheit gegenüber allem ihr unheimlich Erscheinenden. Und das war eine ganze Menge: Menschen mit Kopfbedeckung, Kinder, Plakate, Mülltonnen u.v.m. Den ersten Spaziergang bei Regen musste ich aufgrund der ­Spaziergeher, die uns mit Regenschirmen entgegenkamen, nach kurzer Zeit abbrechen und meinen völlig panischen Hund wieder nach Hause bringen. Sie verhielt sich sehr territorial und akzeptierte nur Hunde, denen bereits von weitem ihre Ängstlichkeit anzusehen war. Diese Tiere stellen für sie keine Bedrohung dar. Ihr immenser Jagdtrieb stellte mich vor eine weitere Herausforderung; Freilauf war nur sehr begrenzt möglich.

Tägliches Training

In den ersten Monaten nach ihrem Einzug verschlang ich Dutzende Hunde-­Ratgeber und scheute nicht davor zurück, mir professionelle Hilfe in Form verschiedenster Hunde-Trainer zu suchen. Aus der Fülle an Informationen aus Literatur und praktischen ­Trainer-Tipps filterte ich heraus, was mir für mich und meinen Hund richtig erschien. Ich übte täglich, wobei die Trainingseinheiten wohldosiert werden mussten. Ein zu hohes Maß an Aktivität wirkte sich negativ aus; Daisy überdrehte und anstatt sich zufrieden und ausgelastet zu präsentieren, kam sie gar nicht mehr zur Ruhe. Ich beschloss, sie ihrem Naturell entsprechend in geordnete Bahnen gelenkt jagen zu lassen, was ihr die allergrößte Freude ­bereitete. Sie durfte auf Kommando ­fliegenden ­Gegenständen nachhetzen, diese ­„reißen“, apportieren und buddeln.

Zu meinem großen Glück entpuppte sich Daisy als Arbeitshund, der gefordert und gefördert werden wollte und eine große Portion „will to please“ mitbrachte. Sie akzeptierte mich schnell als ihren Menschen, der bestimmte Regeln und Grenzen festsetzt und liebt es heute wie damals mit mir zu arbeiten und mir alles recht zu machen. Sie begann in den Auszeiten immer mehr zu entspannen. Mit wachsendem Vertrauen mir gegenüber verschwand auch ihre Tendenz, offensiv nach vorne zu gehen immer mehr. Sie akzeptierte die von mir angebotenen Lösungsansätze wie ein Apportierspiel, mit entsprechendem Sicherheitsabstand ruhig an der potenziellen Gefahrenquelle vorbeizulaufen u.s.w.

Ich teile mein Leben nun seit sechs ­Jahren mit diesem wunderbaren Hund, der mir jeden Tag aufs Neue zeigt, dass sich der Aufwand gelohnt hat. Geht nicht gibt’s nicht! Danke, mein Gänseblümchen, nie und nimmer möchte ich Dich missen.

Und dann kam Sheila. Aber das ist eine andere Geschichte …

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