Gefahrenquelle – Hundetraining im Fernsehen

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Fernsehserien über Hundetraining unterhalten nicht nur. Sie sorgen für Gesprächsstoff, schaffen Bewusstsein für hundliches Problemverhalten und öffnen so den Markt für die Verhaltensberatung. Die laufende Diskussion um Hundeflüsterer Cesar Millans Methoden bietet eine gute Gelegenheit, televisiertes Hundetraining und seine ­Effekte näher zu thematisieren. In ihrer Abschlussarbeit des Universitätslehrganges für Angewandte Kynologie an der veterinärmedizinischen Universität Wien erläutert die Wiener Hundetrainerin Barbara „Sunny“ Benett die von televisiertem Hundetraining ausgehenden Gefahren und mögliche Präventionsmaßnahmen.

Als aktive Hundetrainerin werde ich regelmäßig auf verschiedenste TV-TrainerInnen angesprochen, allen voran der in vergangenen WUFF-Ausgaben ohnehin umfassend diskutierte Selfmade-Trainer Cesar Millan. Aufgrund meines eigenen langjährigen Medienhintergrundes sind TV-Formate, die sich meiner Profession widmen, und die darin gezeigten Methoden von ­besonderem Interesse für mich. So war es mir von Anfang an ein Anliegen, mögliche Gefahren solcher Serien vor allem unter Berücksichtigung der Medienwirksamkeit zu thematisieren.

Besonders problematisch ist, dass es noch keine Studien zur Wahrnehmung und Rezeption von televisiertem Hundetraining – also regelmäßig ausgestrahlte Hundetrainingsserien im Fernsehen – gibt. Von großem Interesse wäre, inwieweit ZuschauerInnen den Einsatz körperlicher Interventionen überhaupt als gewaltsam wahrnehmen und wie das Ausdrucksverhalten der Hunde gedeutet wird. Orientiert man sich an den Stimmen in diversen Hundeforen und -gruppen, so erscheint mir Aufklärungsarbeit dringlicher denn je. Wichtig war mir, nicht nur den unmittelbaren Forschungsbedarf auf dem Gebiet televisierten Hundetrainings aufzuzeigen, sondern auch eine solide Basis dafür zu liefern.

Televisiertes Hundetraining unter der Lupe
Meine Arbeit „Erfassung und Prävention der von televisiertem Hunde­training ausgehenden Gefahren“ (gratis Download-Link siehe Kasten) beginnt mit einer umfassenden Literaturrecherche. Anhand einschlägiger Literatur aus den Bereichen Verhaltens- und Kognitionsforschung, Psychologie, Recht und Kommunikationswissenschaften beleuchte ich Hundetraining an sich. Zunächst erläutere ich, wie Lernen stattfindet, welche Auswirkungen Strafen haben kann und weshalb moderne Trainingsmethoden auf Belohnung basieren. Ich thematisiere sowohl Disstress und artenübergreifende Kommunikation als auch jene Elemente des hündischen Ausdrucksverhaltens, die Unwohlsein ausdrücken. Dominanz bei Hunden widme ich ein eigenes kurzes Kapitel, um anschließend auf die österreichische Rechtslage und die 2012 eingeführte Trainerverordnung einzugehen. Vor diesem Hintergrund betrachte ich televisiertes Hundetraining genauer anhand einer peniblen Inhaltsanalyse einer typischen Folge der international beliebten Serie „Dog Whisperer With Cesar Millan“.

Millan als Beispiel für veraltete Trainingsmethoden
Meine Auswahl fiel deshalb auf eine Hundeflüsterer-Folge, weil ­Millans Serie international und auch im deutschsprachigen Raum am weitesten verbreitet ist. Letztendlich dient Millan jedoch lediglich als Beispiel für verschiedenste TV-TrainerInnen, die als ExpertInnen auftreten und auf veraltete, möglicherweise nachhaltig schädliche und/oder gar ­strafbare Methoden zurückgreifen. Dabei ging es mir nicht darum, Extreme wie beispielsweise den von Marc Bekoff diskutierten Fall des ­beinahe ­strangulierten Huskys Shadow (s. WUFF 11/2013) aufzuzeigen. Vielmehr wollte ich mich subtileren Einsätzen von Strafe widmen, die nur dem geschulten Auge auffallen, während normale (Nicht-)Hunde­halterInnen einfach einen braveren Hund wahrnehmen.

Meine Selektion fiel auf die dritte Episode der fünften Hundeflüsterer-Staffel, „Rock’n’Roll Bulldog“. Sie zieht ZuschauerInnen durch ihre Stargäste, den schwangeren Popstar Ashlee ­Simpson und ihren Partner, den ­Bassisten Pete Wentz, besonders in ihren Bann. Das Filmmaterial wurde auf reine Interaktionen zwischen dem Trainer und den beiden Hunden gekürzt und in weiterer Folge mit einem Computerprogramm einer genauen Analyse unterzogen.

Tier- und Konsumentenschutz ­dringend notwendig
Während HundefreundInnen gerne und berechtigterweise den Aspekt der Tierschutzrelevanz von Millans Methoden hervorheben, präsentiert sich der Verbraucherschutz als dringlich zu thematisierender, zentraler Punkt meiner Arbeit. In Hundetrainingskreisen wird die Gefahr der Nachahmung immer wieder am Rande erwähnt. Tatsächlich präsentiert sie sich aus wissenschaftlicher Sicht als durchaus realistisch, denn televisiertes Hundetraining fällt nicht nur ins Genre des Affektfernsehens, sondern auch in die Kategorie Coaching-TV. Affektfernsehen besticht durch Personalisierung, Authentizität, Intimisierung und Emotionalisierung. Coaching-TV präsentiert einen Experten, der praktische Lebenshilfe bei alltäglichen Problemen liefert. Es zielt darauf ab, dass sich die ZuseherInnen mit den gezeigten Problemen identifizieren. Erscheint die Problemlösung effizient und erfolgreich, wird die Nachahmung aufgrund der kombinierten Wirkung von Affektfernsehen und Coaching-TV durchaus wahrscheinlich. Zwar warnt ein gelegentlich eingeblendeter Hinweis vor dem Imitieren der gezeigten Methoden, doch erfüllt er eher rechtliche als tatsächlich RezipientInnen-schützende Zwecke. Denn wenn die Probleme scheinbar die gleichen sind und es im Fernsehen so gut funktioniert, wofür braucht man dann überhaupt die im Hinweis empfohlene Unterstützung eines Profis?

Warum so anspruchslos?
Um in Österreich das staatliche Gütesiegel zum „Tierschutzqualifizierten Hundetrainer“ zu erwerben, muss man sich einer theoretischen und praktischen Prüfung unterziehen. Dabei werden sowohl die Trainingsmethoden als auch die Sachverständigkeit der TrainerInnen von einem Gremium überprüft. Cesar Millan wurde nicht nur in vergangenen WUFF-Ausgaben, sondern bereits seit Jahren von der internationalen Fachwelt aufgrund seines mangelhaften Fachwissens und insbesondere der von ihm verbreiteten Fehlinformationen über Dominanz kritisiert. Wenn also sogar das freie Gewerbe des Hundetrainings gewisse Grundvoraussetzungen erfüllen muss, sollte man von FernsehexpertInnen nicht zumindest den gleichen ­Wissensstand erwarten können?

Belohnungsorientiertes Training, Konditionierung und Bestechung
Sämtliche Wirbeltiere verfügen über eine Art internes Belohnungssystem in ihrem Gehirn. Dieses muss aktiv sein, damit Lernen stattfinden kann. Mit dem Hund haben wir aber noch viel mehr gemeinsam als nur eine geteilte Grundvoraussetzung fürs Lernen: Aktuelle wissenschaftliche Studien weisen nach, dass die emotionale Kompetenz von Hunden mit der zweijähriger Menschenkinder vergleichbar ist. Konditionierung findet prinzipiell immer statt, wenn einem bestimmten Ereignis ein bestimmter Stimulus folgt. Eine erfolgreiche Belohnung führt zu einem angenehmen Gefühl und der Bereitschaft, gerne zusammenzuarbeiten. Während man in der Humanerziehung schon längst von Strafen absieht, ohne deshalb notwendigerweise ins Antiautoritäre oder gar in Bestechung abzudriften, wird belohnungsorientiertes Training in Hundekreisen nach wie vor in Frage gestellt. Und das, obwohl die Wissenschaft und die Arbeit mit Wildtieren nahezu täglich aufs Neue beweisen, dass positive Bestärkung die besten Trainingsergebnisse erzielt. Moderne Trainingsmethoden erzeugen durch Belohnung von erwünschtem Verhalten positive Assoziationen und halten den Stresslevel des Hundes gering, um optimale Lern­erfolge zu verzeichnen.

Die Folgen von Strafe
Der Einsatz von Interventionen mit der Stimme (beispielsweise Millans Zischlaute oder Schimpfen), oder durch Stöße mit den Händen oder Füßen, ist lerntheoretisch als Strafe einzuordnen. Bezeichnend ist, dass Millan in den zehn Minuten andauernden Interaktionen der analysierten Episode insgesamt 89 Mal interveniert – und lediglich drei Mal ­positiv bestätigt.

Seine Methoden sind somit nachweislich und eindeutig im Bereich des veralteten, strafbasierten Trainings einzuordnen. Strafbasierte Methoden hemmen ­unerwünschtes Hundeverhalten. Was auf dem Papier ganz brauchbar wirkt, wird durch Studien aus den Bereichen der Verhaltens-, Kognitionsforschung und Psychologie der letzten 50 Jahre allerdings ins Verhältnis gerückt. Der Einsatz von Strafe führt zu Disstress, d.h. negativem Stress, der sowohl gesundheitsschädlich sein kann, als auch Lernverhalten negativ beeinflussen kann. Darüber ­hinaus kann der ­Einsatz von Strafe unter anderem zu Verunsicherung, mehr Meideverhalten, anderem ­Problemverhalten, gesteigerter Aggression gegenüber Artgenossen, erlernter Hilflosigkeit, erhöhter Reaktivität und verstärktem Angstverhalten führen. Dies ist die Grenze, an der unzureichender Verbraucherschutz in Tierschutz­relevanz und möglicherweise Strafbarkeit übergeht.

Die Gefahren und ihre Vermeidung
Die Hauptgefahr von televisiertem Hundetraining – und zugleich sein größtes Potenzial – ist die Möglich­keit der Nachahmung. Solange strafbasierte Methoden ausgestrahlt werden, können sie die Interaktion der ZuschauerInnen mit ihren Hunden negativ beeinflussen. Nachahmung kann auch dazu führen, dass mögliche Folgen strafbasierten Trainings wie beispielsweise gesteigerte Aggression zu Hause – oder gar in der Öffentlichkeit, wo möglicherweise auch Andere zu Schaden kommen – auftreten. Um diesen möglichen negativen Auswirkungen entgegenzuwirken, könnten verschiedene Maßnahmen gesetzt werden. An erster Stelle steht die Aufklärung der HundehalterInnen über die Konsequenzen von Strafe und insbesondere über Qualitätskriterien für HundetrainerInnen im Fernsehen und in der Realität durch Tierschutzorganisationen, Ministerien und Medien.

Darüber hinaus könnten ProgrammgestalterInnen die Wahrscheinlichkeit negativer Konsequenzen minimieren, indem sie künftige TV-­TrainerInnen anhand tierschutzqualifizierter ­Qualitäts- und Ausbildungskriterien auswählen. Auch ein Umdenken in der Gestaltung und dem Inhalt solcher TV-Produktionen unter besonderer Berücksichtigung des ­Bildungs- und Coaching-Aspektes wäre mehr als wünschenswert.

Die Debatte um die Kompetenzen verschiedener TV-TrainerInnen ist gut und wichtig. Dennoch wird kaum eine Änderung eintreten, solange TV-­Sender und Programmgestalter nicht in die Verantwortung genommen werden. Um dies zu erreichen, muss dringend ein Qualitäts­bewusstsein bei den ZuschauerInnen geschaffen ­werden.

INFORMATION

Download-Tipp
Sunny Benetts Abschlussarbeit „Erfassung und Prävention der von televisiertem Hundetraining ­ausgehenden Gefahren“ können Sie  gratis downloaden unter http://dogsinthecity.at/content/downloads

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