Gefühle bei Tieren – Ein Paradigmenwechsel

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Dr. Marc Bekoff, emeritierter Universitätsprofessor und vielfacher Buchautor sowie auch WUFF-Autor, fordert in der Frage nach der Existenz von Gefühlen bei Tieren eine Beweislast­­umkehr. Diejenigen, die behaupten, dass Tiere unfähig zu Schmerz oder Empfindung seien, müssten den Nachweis ihrer Behauptung erbringen. Bis dahin gelte die (in der Alltagserfahrung tagtäglich erlebbare) Annahme, dass Tiere sehr wohl Empfindungen und Gefühle haben.

In Diskussionen darüber, ob Tiere Gefühle haben und empfindsam sein können, tauchen typischerweise schwierige und auch frustrierende Fragen auf. Dieser Artikel soll ein unkonventioneller werden, und ich hoffe, dass er zu einer positiven Diskussion anregt und dass nicht das, worüber ich schreibe, abgetan wird mit der Bemerkung, dass ich meinen Verstand verloren habe. Ich versichere Ihnen, ich habe ihn nicht verloren. Jedenfalls glaube ich das. Ich möchte nur ganz einfach einige Ideen vorstellen, die manche für kontrovers halten mögen. Aber es ist gut, von Zeit zu Zeit „die Lage zu peilen“, um sich neu zu orientieren. Das bringt uns dazu, in unserem Verstand und in unserem Herzen nachzuforschen, wer wir sind und was wir denken. Und so manches Mal landen wir dann außerhalb unseres komfortablen Daseins … Konflikte sind dabei oft unvermeidlich, aber, wie schon Martin Luther King betont hat, gehört zu jedem Konflikt die Versöhnung dazu.

Ein Paradigmenwechsel
Ich trete für einen Paradigmenwechsel darin ein, wie wir die Gefühle und die Empfindungsfähigkeit von Tieren erforschen und was wir mit den Informationen tun, die wir bereits haben, seien dies wissenschaftliche Daten oder Wissen aus der Alltagserfahrung (mit unseren Hunden und anderen Tieren). Es ist an der Zeit für eine Beweislastumkehr! Diejenigen müssen Beweise vorlegen, die behaupten, dass Tiere keine Gefühle hätten oder nicht wirklich Schmerz empfinden könnten. Und bis solche Beweise auf dem Tisch liegen, wollen und müssen wir davon ausgehen, dass viele Tiere wirklich ein reiches Gefühlsleben haben und verschiedene Formen von Schmerz empfinden können.

Das Thema ist aus mehreren Gründen von großer Bedeutung. Zum Einen, weil es unseren Umgang mit Tieren beeinflusst (denken Sie nur an sich und Ihren Hund!) und, zum Anderen, weil Studien über die Gefühle von Tieren zahlreiche Fragen über die Bedeutung der Wissenschaft als solche aufwerfen. Und schließlich können wir auch viel über uns selbst lernen, wenn wir über die Art und die Qualität von Gefühlen bei Tieren nachdenken.

Wissenschaft und Erkenntnis
Sind wir wirklich die einzigen Lebewesen, die eine große Vielfalt von Gefühlen empfinden? Für mich ist es die eigentliche Frage, warum sich in einigen Tieren Gefühle entwickelt haben, und nicht, ob sie sich entwickelt haben. So ist es zum Beispiel Zeitverschwendung, die Frage zu stellen, ob Hunde oder Schimpansen solche Gefühle wie Freude, Trauer, Wut und Eifersucht empfinden können. Diese Frage ist schon längst beantwortet: Diese Gefühle der Tiere dienen als sozialer Kitt und als soziale Katalysatoren. Und, ihre Gefühle und Stimmungen berühren uns! Es scheint so, als ob manche Tiere ausrufen „Wow!“ oder „Mein Gott, was geschieht da mit mir?“, während sie ihre Tage voll Freude verbringen, oder aber auch anhaltende Schmerzen und Leiden durch die Hände von Menschen erdulden. Es ist wichtiger zu studieren, was Tiere fühlen, als welche Behandlung der Tiere gerade noch zulässig ist. Im Zweifelsfall müssen wir zugunsten der Tiere entscheiden! (Mehr zum Thema „Im Zweifel für das Tier“ im nächsten WUFF!)

Schwierige Fragen
Welches sind denn nun einige der schwierigen Fragen beim Studium von Gefühlen und der Empfindungsfähigkeit der Tiere? Ist Wissenschaft die „einzig wahre“ Methode, dieses Feld zu erforschen? Oder gibt es auch weitere Wege, Erkenntnisse zu gewinnen, und welche wären das?

Ist das, was wir Wissenschaft nennen, wirklich der einzige und der beste Weg, an Erkenntnisse über das Wesen der Gefühle und der Empfindungsfähigkeit von Tieren zu gelangen, oder spielen auch andere Erkenntniswege wie bspw. gesunder Menschenverstand oder Intuition eine Rolle, gerade auch um das Wesen dieser Phänomene erklären, verstehen und schätzen zu können? Es handelt sich hierbei um eine empirische Frage, für die es keine vergleichbaren Daten gibt – trotz des Anspruchs, dass Wissenschaft und Objektivität besser seien. Es zeugt nicht gerade von großer Gelehrsamkeit, sich ohne unterstützende Daten für eine einzige Methode zu entscheiden und andere auszuschließen. Wir dürfen auch nicht vergessen, dass viele Erklärungen zur Evolution mehr oder weniger wahre „Geschichten“ sind.

Ist Wissenschaft wirklich wertfrei?
Welche Weltanschauung und welche Werte stehen hinter der Art und Weise, wie von Menschen Wissenschaft durchgeführt wird und wie die Daten interpretiert werden? Sind Wissenschaftler wie gefühllose Automaten, die keinen eigenen Standpunkt haben, keine Weltanschauung, keine ideellen Werte, die ihre Forschung beeinflussen?

Wenn man kritische Fragen zur Wissenschaft stellt, so bedeutet das nicht, dass man gegen Wissenschaft ist. Ist anekdotische Evidenz (einzelne Berichte) wirklich für eine Erkenntnis nutzlos? Ist Anthropomorphismus wirklich so schlecht? Ist Subjektivität denn Ketzerei? Sollten wir uns dafür entschuldigen, wenn wir den Tieren, die wir erforschen, Namen geben? Haben individuelle Tiere einen eigenen Wert – unabhängig von dem instrumentellen Wert, den wir ihnen zugestehen? Was wissen wir wirklich über die Gefühle und die Fähigkeit von Tieren, zu empfinden? Was denken wir, wie die taxonomische Verteilung der Empfindungsfähigkeit im Tierreich ist und warum das so ist? Sind die Antworten auf diese Fragen so von Bedeutung, dass es unseren Umgang mit den Tieren beeinflussen kann und soll? Wird das, was wir über Gefühle und Empfindungsfähigkeit von Tieren wissen, in unser Handeln einfließen – im Interesse der Tiere?

Sollen wir so weitermachen?
Was fühlen diejenigen von uns, die bei ihrer Arbeit mit Tieren zu tun haben, oder diejenigen, die Tiere benutzen? Sind wir stolz darauf, was wir Tieren antun oder für sie tun? Welche Worte benutzen wir und wie erklären wir die Gefühle und Leiden von Tieren, die wir gebrauchen und missbrauchen – für unser und nicht für ihr Wohl? Wer wird von wem bezahlt, und warum scheinen so viele Schlachthofarbeiter ihre Jobs nicht zu mögen und suchen psychologische Beratung? Und Tieren mit Absicht weh zu tun, das kann mit Sicherheit nicht gut für das eigene psychische Wohlbefinden sein. Dies alles gehört zu den praktischen Dingen, die man bedenken muss.

Was gibt uns Hoffnung?
Einige positive Dinge geschehen schon, so wie etwa die Existenz der Organisation „Compassion in World Farming“ (http://www.ciwf.org.uk; https://www.compassionlebensmittelwirtschaft.de), bei der es um das humane Mitempfinden in der globalen Landwirtschaft geht. Eine Konferenz dieser Organisation hat mich zu diesem Artikel angeregt. Ich glaube, dass wir die Hoffnung nicht aufgeben dürfen, aber die Zeit läuft uns davon. Wir befinden uns in einem rasanten gesellschaftlichen Umbruch, und wir müssen die Menschen aufklären und sie dazu bringen, sich schwierigen Fragen zu stellen, denen man eher gerne ausweicht.

Wohin gehen wir von hier aus? Wie klären wir auf und öffnen Verstand und Herzen? Was können wir gemeinsam tun, um die Welt zu einem besseren Ort für alle Lebewesen zu machen? Wir alle wissen, dass sich die jetzige Situation ändern muss. Wie also können wir unsere Ziele erreichen, die wir uns gesteckt haben?

Unsere Pflicht
Um das zu erreichen, unterstütze ich das Statement, auf das sich die Delegierten der oben genannten Konferenz geeinigt haben:

„Diese Konferenz ruft die UNO, die Welthandelsorganisation (WTO), die World Animal Health Organisation (www.oie.int) und die Regierungen unserer Mitgliedsländer auf, sich uns anzuschließen und anzuerkennen, dass empfindungsfähige Tiere leiden können, und dass wir alle die Pflicht haben, den Lebensraum wilder Tiere zu bewahren und grausame landwirtschaftliche Erzeugersysteme sowie Handel und Praktiken zu beenden, die Tieren Leiden zufügen.“

Soll nun die Empfindungsfähigkeit, wie im obigen Text, der Schlüsselfaktor sein, und wenn ja, warum? Genügt nicht allein schon das Leben an sich, um Tiere in Frieden zu lassen? Es gibt immer schwierige und frustrierende Fragen, und sie werden nicht verschwinden, wenn wir Vogel Strauß spielen und den Kopf in den Sand stecken. Wir müssen unsere Einstellung und unsere Herzen verändern – und die Zeit drängt. Viel zu vielen Tieren wird unseretwegen jede einzelne Sekunde tagtäglich weltweit Leid zugefügt, „im Namen der Wissenschaft“ oder für dies oder das. Wir sind wirklich eine aufdringliche Spezies, ein Störfaktor in der Natur, die anderen Lebewesen viel zu viel Schmerz und Leid bringt, indem wir sie gebrauchen oder missbrauchen und indem wir die Natur für unsere Zwecke „umgestalten“. Wenn jemand Tiere wirklich liebt, wie kann er sie dann essen, besonders wenn sie aus grausamen Tierfabriken stammen?

Zur eigenen Entscheidung stehen
Warum tun wir das, was wir tun? Entscheidungen für Gebrauch und Missbrauch von Tieren sind individuell, und niemand von uns sollte behaupten, dass wir Dinge tun, weil „andere uns dazu zwingen“. Anderen Lebewesen Leid zuzufügen oder sie gar zu töten, das ist eine persönliche Entscheidung. Es ist viel zu einfach zu sagen „Ich wollte dem Tier kein Leid zufügen, aber ich musste es tun, ich wurde gezwungen“. Wenn wir alle zu unserer persönlichen Entscheidung stehen, so glaube ich wirklich, dass die Welt ein friedlicherer Ort werden wird. Und welch armseliges Beispiel für unsere Kinder ist dieser „Oh, jemand anders hat mir das befohlen!“- Rechtfertigungsversuch! Jeder von uns ist für seine eigenen Taten verantwortlich, und es ist natürlich bequem, anderen die Schuld in die Schuhe zu schieben – besonders ­großen anonymen Gesellschaften. Doch diese Haltung sollte nicht ermutigt ­werden. Individuelle Verantwortung ist schwierig. Es ist eine gute Idee für uns alle, unsere Bequemlichkeit zu verlassen und zu wachsen; unseren Horizont zu erweitern, indem wir daran arbeiten, Grausamkeit durch Mitgefühl zu ersetzen und tief in unsere Herzen zu schauen. Eine wichtige Frage, die wir uns stellen sollten, ist „Würden wir das, was wir tun, noch einmal tun?“, und wenn ja, warum. Und wir brauchen einen Paradigmenwechsel in der Art und Weise, wie wir Gefühle und Empfindungsfähigkeit von Tieren erforschen.

Aufklärung verändert das Bewusstsein
Erkenntnisse über die Gefühle und die Empfindungsfähigkeit von Tieren haben eine große Bedeutung. Welches sollten unsere Richtlinien sein? Vielleicht gibt es einige Arten von Studien, die man schlicht und einfach nicht durchführen darf. Ich glaube, dass gute oder rechtschaffene Menschen Tieren schreckliche Dinge antun können oder sie ihnen antun lassen, weil sie ihr Herz nicht genau genug befragt haben oder weil sie schlicht und einfach nicht Bescheid wissen. Daher müssen wir sie aufklären, und das ist etwas, das wir tun können.

Die Grundrichtung ist, dass wir das Bewusstsein und die Herzen verändern müssen, und die Zeit drängt. Viel zu vielen Tieren – Milliarden, wenn man wagt sich das vorzustellen – wird Leid zugefügt. Jede einzelne Sekunde, jeden einzelnen Tag, weltweit. Wenn wir das Bewusstsein und das Fühlen verändern können und besonders auch aktuelle Praktiken, bei denen Tiere gebraucht und missbraucht werden, dann machen wir Fortschritte, und es gibt Hoffnung.

Pdf zu diesem Artikel: gefuehle_bei_tieren

 

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Dr. Marc Bekoff
Der Autor Marc Bekoff ist Professor a.D. für ­Ethologie und Evolutionäre Biologie an der Colorado Universität in Boulder USA. Für seine wissenschaftliche Arbeit hat er viele Auszeichnungen erhalten, darunter auch die Guggenheim ­Mitgliedschaft und den»Exemplar Award« für lange Beiträge von musterhafter Beispielhaftigkeit der Animal Behavior Society. Bekoff hat über 30 Bücher und drei Enzyklopädien veröffentlicht, schreibt regelmäßig über ­Hunde, Kognition und Gefühle von Tieren sowie Naturschutz für das Online-Portal Psychology Today. Zudem betreibt er die Internetpräsenzen www.marcbekoff.com und, zusammen mit der Primatenforscherin Jane Goodall, www.ethologicalethics.org.

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