Geliehene Augen – Der Blindenführhund, Serie

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Kein domestiziertes Tier steht uns Menschen so nah wie der Hund. Wie eng so eine ­Beziehung zwischen Mensch und Hund sein kann, zeigen uns eindrucksvoll diejenigen Hunde, die für uns Menschen arbeiten. Hunde, die ihren Menschen im Alltag ­unterstützen. Hunde, die Menschen retten oder kranken Menschen wieder Hoffnung geben. Mit am ­beeindruckendsten jedoch dürfte es sein, wenn Hunde ihrem gehandicapten Halter ihre Augen leihen.

Blindenfürhunde sind heute aus unserer Gesellschaft nicht mehr wegzudenken. Doch ist eigentlich jeder Hund für diese Aufgabe bzw. ­diesen Beruf geeignet? Im Prinzip könnte doch jeder Hund, egal welcher Rasse oder welcher Mischling, zum Blindenführhund ausgebildet werden. An sich ist das tatsächlich der Fall, allerdings sollte der Hund schon eine gewisse Mindestgröße haben. Denn das Problem bei zu kleinen und zu leichten Hunden ist die fehlende Kraft. Ein Blindenführhund muss nämlich bis zu einem gewissen Grad an der Leine ziehen, da ja der Hund den Weg „vorgibt“. Zieht der Hund nicht, geht’s nicht vorwärts. Auch die Stolpergefahr ist bei kleinen Hunden für den Blinden recht groß. Große Hunde hingegen können einen unbeabsichtigten Stoß leichter wegstecken.

Ist der Hund zu groß und schwer, z.B. ein Leonberger oder Landseer, könnte es Probleme in öffentlichen Verkehrsmitteln oder bei der Mitnahme des Hundes in Taxis oder Autos geben. Gut geeignet sind Hunde mit einer Schulterhöhe von ca. 50 - 70 cm und einem Gewicht von ca. 25 - 40 kg. ­Gerne und häufig eingesetzt werden Hunde mit souveränem Grundwesen wie z.B. Labrador Retriever, Golden Retriever, Airedale Terrier oder Schäferhunde.

Renato Alfieri, der an Retinitis pigmentosa leidet, einer bis zur Blindheit fortschreitenden Netzhautdegeneration, wurde viele Jahre von seinem Hund Beroll, einem Collie, geführt. Renato über die Bedeutung der Größe eines Blindenführhundes: „Der Hund sollte, um eine harmonische Führung zu er­reichen, nicht zu klein sein. Eine Harmonische Führung entsteht, wenn der Bügel des Führgeschirrs bei hängendem Arm einen leichten Winkel nach oben hat. Bei Führgespannen mit kleinem Hund und langem Bügel läuft der Hund in der Regel nicht parallel, sondern leicht nach vorne einwärts, was zu Problemen führen kann.“

Einschätzen, erkennen und ­selbständig handeln
Es ist manchmal atemberaubend, zu welchen Leistungen Hunde fähig sind.
Gehen wir einmal mit offenen Augen durch unsere Straßen. Da sind viele, ja oft sehr viele weiße Streifen auf der ­Straße: Parkplätze sind durch weiße Linien rechteckig abgegrenzt, Parkverbotszonen sind mit Zick-Zack-Linien markiert, Abbiegespuren, Mittelstreifen, Fahrrad- und Fußgängerbereiche usw. werden vielerorts durch weiße Linien begrenzt. In dieser Situation zahlloser Linien und Streifen soll der Blindenführhund nun genau einen Zebra­streifen unterscheiden bzw. finden können?

Ja, das kann er. Ein ausgebildeter Blindenführhund kann einschätzen, wie viele weiße Streifen, in welcher Breite und in welchem Abstand einen Zebra­streifen anzeigen, und kann dann so handeln, dass sein Mensch gut über die Straße kommt. Würde ein Führhund seinen Halter über jeden weißen Streifen, der auf der Straße zu sehen ist, führen, könnte das für beide sehr gefährlich werden.

Gael – ich leihe dir meine Augen
Auch die Höhen und Breiten einer Oberfläche muss ein Führhund einschätzen und richtig zuordnen können. Passt mein Frauchen/Herrchen unter der Markise oder dem Sonnenschirm hindurch? Ist die Türe hoch genug, der Durchgang breit genug für uns beide? Der Hund muss abwägen können, ob etwas hoch genug hängt, sodass Frauchen/Herrchen sich nicht stößt. Bei Durchgängen muss der Hund sogar noch seine eigene Körperbreite hinzurechnen und richtig beurteilen, denn nun muss ja Mensch UND Hund da durch.

Der Weiße Schäferhund Gael führt um Hindernisse herum, durch ­niedrige Türen oder über unebenen Boden und vieles mehr. Ihr Halter, Renato Alfieri, erklärt: „Mein Hund muss ca. 40 Hörzeichen beherrschen. Dies reicht von Grundkommandos wie Fuß, Sitz, Platz bis zu Aktionswörtern wie z.B. ­„Umkehren“, „Links“ und „Rechts“ abbiegen, „schnell“ und „langsam“ gehen. Mein Hund muss die Gesamtstruktur von Zeichen, z.B. beim Zebrastreifen, erkennen, er darf nicht jeden Streifen auf der Straße mit einem Zebrastreifen verwechseln. Er muss Treppen anzeigen und Lichtsignale (z.B. Ampel) erkennen. Ebenfalls muss er lernen, wie ein Briefkasten oder ein Ticketautomat aussieht, und dies zuverlässig anzeigen.“

Blindenführhunde-Mischausbildung
Die Ausbildung zum Blindenführhund findet in mehreren Abschnitten statt. Die ersten Monate seines Lebens verbringt der Hund in einer Paten­familie. Dort soll eine gute Basis für das Alltagsleben im Haushalt, mit Kindern und ­anderen Hunden gelegt werden. Die Pateneltern erarbeiten die Grundaus­bildung in Unterordnung, die Grundkommandos und einen guten Grundgehorsam, und sie stehen in regelmäßigem Kontakt mit dem zukünftigen Ausbildungszentrum.

Im Alter von ca. 18 Monaten geht der Hund dann in das Ausbildungszentrum. Ein Ausbilder vermittelt dem Hund nun die wichtigsten Basics für seine spätere Arbeit. Er lernt u.a. an Straßen stehen zu bleiben und Hindernisse zu umlaufen. Der Hund muss Treppen und Bordsteine anzeigen, da dort große Sturzgefahr für blinde Menschen besteht. Er muss Höhen erkennen und die Bodenbeschaffenheit beurteilen, ob Frauchen/Herrchen darauf sicher laufen kann.

Nicht zuletzt – weil sehr wichtig – muss der Hund lernen, ein gegebenes Kommando auch einmal zu verweigern, wie Renato Alfieri erklärt: „Kommandoverweigerung ist ein wichtiges Ausbildungsziel. Wenn ich z.B. den Hund dazu auffordere, vorwärts zu gehen, sich auf unserem Weg jedoch ein Hindernis, in Form von z.B. Schranke, Abgrund oder Höhenhindernis befindet, oder ein Auto kommt, muss der Hund das Voran-Kommando verweigern, einen anderen Weg suchen, ggf. sogar umdrehen.“

Den letzten Ausbildungsabschnitt meistern Ausbilder, Hund und zukünftiges Frauchen/Herrchen gemeinsam. Die Führarbeit wird nun an die individuellen Bedürfnisse des blinden Halters angepasst. Ist der Halter noch berufs­tätig, muss der Hund den Weg zur Arbeit bewältigen. Bahnhofseingänge finden, Zugtüren anzeigen, Menschen und Hindernissen ausweichen.

Alltagsleben
Ist die Ausbildung abgeschlossen, muss der Hund ein zuverlässiger Partner im Alltag sein, ist doch das Frauchen oder Herrchen ganz und gar auf den Hund angewiesen. In der Stadt darf sich der Hund z.B. nicht von verlockenden Gerüchen ablenken lassen, auch wenn die Currywurst am Kiosk noch so verführerisch duftet.

Die sog. Impulskontrolle ist unter anderem also ein vorrangiges Ausbildungsziel. Nicht nur bei Gerüchen, sondern auch bei Artgenossen oder Spielzeug muss sich der Führhund absolut und immer unter Kontrolle haben und darf sich nicht ablenken lassen.

In Menschenmengen muss der Hund gut gemeinte „Spontan-Streichler“ genauso ignorieren wie das leider oft vorkommende Behindern des Hundes. Da ­stellen sich Menschen in den Weg, ­drängeln sich an Türen oder Aufzügen vor. Ja, es geht sogar so weit, dass der Hund weggeschubst oder gar getreten wird.

Nervenstark und sich nicht ablenken lassen. Gian, der Gael ablösen wird, wenn dieser „in Rente“ geht, ist gerade in Ausbildung. Renato Alfieri erklärt: „Neben Nervenstärke ist auch körper­liche Gesundheit beim Führhund sehr wichtig. HD (Hüftdysplasie), ED ­(Ellenbogendysplasie) oder Augenerkrankungen schließen einen Hund von der Ausbildung aus. Der Hund sollte auch neugierig und vom Grundwesen her leichtführig sein. Von anderen Hunden, spielenden und lärmenden Kindern, Fressbarem auf dem Boden usw. darf er sich in seiner Konzentration nicht ablenken lassen.“

Auch Führhunde haben Freizeit und Feierabend
Zwei ehemalige und den aktuellen Führhund von Renato Alfieri konnte ich nun schon über viele Jahre ­beobachten. Es ist immer wieder verblüffend, wie schnell die Hunde von „Dienst“ auf „Freizeit“ umschalten können. Alle Hunde wissen genau, wann sie im Führgeschirr arbeiten müssen und wann der Dienst beendet ist.

Werden die Hunde aus dem Führgeschirr genommen, benehmen sie sich wie ganz normale Hunde, sie spielen, buddeln, schwimmen oder chillen einfach nur. Und die Führhunde von Renato Alfieri durften sogar Spaß-, Spiel- und Trickkurse bei mir in Oberammergau machen. Die Qualität ihrer Arbeit hat darunter nie gelitten.

Wenn die Rente kommt
Im Regelfall führt ein Blindenführhund bis zu seinem 9. - 10. Lebensjahr. Die Führarbeit ist für die Hunde sehr anstrengend. Im fortgeschrittenen Alter kann es sein, dass der Hund unzuverlässig wird. Sehkraft und Hörvermögen können beim Hund nachlassen, weshalb man die Hunde relativ „jung“ aus dem Dienst nimmt.

Offiziell bzw. rein rechtlich bleibt der Führhund immer im Besitz des Ausbildungszentrums. Geht der Hund in Rente, wird er in der Regel vom Zentrum in ein neues Zuhause vermittelt. Das klingt sehr „kaltherzig“, macht jedoch Sinn.

Der blinde Mensch braucht natürlich weiterhin einen zuverlässigen Partner und bekommt daher einen neuen Hund an die Hand. Blinde Menschen, die ­alleine leben, können sich jedoch nicht um zwei Hunde kümmern. Deshalb geht der Hund in eine neue Familie in Rente.

Im Fall von Renato Alfieri jedoch konnten die Führhunde auch in Rente bei ihm bleiben. Denn seine Frau Verena übernimmt die Verantwortung für sie. Wie erwähnt, wird Gael bald von Gian, ebenfalls ein Schweizer Weißer Schäferhund, dem neuen Führhund, abgelöst. Gael wird in der Familie Alfieri bleiben. Verena über die Zukunft von Gael: „Ich besuche mit unserem Rentner unterschiedliche Hundesportkurse. Wir machen Tricks, tanzen miteinander, haben Spaß beim Fun-Obedience und machen Intelligenzspielchen. Im Ruhestand möchten wir zwei vor allem Spaß und Freude haben“.

Mobilität und Freiheit
Ein Führhund bedeutet für blinde Menschen Mobilität und Freiheit. Die Selbständigkeit des blinden Menschen wird weitestgehend aufrechterhalten, er kann Arbeitswege allein bewältigen und auch einmal eigenständig Besorgungen machen. Auch Freizeitaktivitäten, wie z.B. Wanderungen, können mit einem Führhund unternommen werden. Der blinde Mensch ist nicht immer auf eine Hilfsperson angewiesen, er bekommt bzw. behält dadurch ein großes Maß an Freiheit, die ohne Hund nicht möglich wäre.

Ich selbst konnte es auch schon einmal erleben: Im Rahmen einer Jubiläumsfeier wurden mir die Augen verbunden. Dann gab mir Renato seinen Gael im Führgeschirr an die Hand. Ich danke ihm heute noch für diesen riesengroßen Vertrauens­beweis. Blinde Menschen geben ihre Hunde nicht so gern aus der Hand. Und dann ging es los: Renato flüsterte mir die richtigen Kommandos ins Ohr und Gael führte mich in das Hotel, in dem wir logierten. Gael zeigte mir die Treppe an, führte mich zum Zimmer und zeigte die Tür an. Zurück ging es zum Lift, bei dem mir Gael mit seiner Nase den Knopf anzeigte. Er führte mich sicher in den Aufzug und auch sicher wieder hinaus. Unten im Speisesaal angekommen, führte Gael mich souverän und sicher zurück zu meinem Stuhl.

Ich bin ein Mensch, der eigentlich nicht so nah „am Wasser gebaut“ ist. Nach diesem Erlebnis jedoch liefen mir die Tränen nur so die Wangen runter. Es war ein unglaubliches Gefühl, sich auf einen Hund in dieser Intensität verlassen zu können.

Zusammenfassung

Facts zum Berufsbild des Blindenführhundes
Wenn Sie gerade nur ein geringes Zeitbudget haben, finden Sie hier das Wichtigste dieses Artikels in Kürze zusammengefasst. Durchschnittliche Lesezeit dieses Artikels: 7 Min., 20 Sek.

Welche Rassen sind geeignet?
Als geeignet gelten mittelgroße- bis große Rassen, wie z.B. Labrador Retriever, Schäferhund, Collie, Großpudel, Airedale Terrier, Riesenschnauzer usw. Die Schulterhöhe sollte nicht geringer als 50 cm und nicht höher als 70 cm, und das Gewicht nicht leichter als 20 kg sein.

Welche Voraussetzungen soll der Hund mitbringen?
Der Hund darf keinesfalls ängstlich oder schreckhaft sein, sondern muss in kritischen Situationen Wesens­stärke zeigen, d.h. bspw. er darf an stark frequentierten Orten wie Bahnhöfen oder Fußgängerzonen die Nerven nicht verlieren und sich nicht ablenken lassen.

Welche Ausbildung muss der Hund absolvieren?
In der Regel geht der Blindenführhund durch eine sog. „Mischausbildung“. Die ersten 18 Monate verbringt er in einer Patenfamilie. Er besucht eine Hundeschule, lernt den Alltag kennen und ist regelmäßig zu Vorbereitungskursen im Ausbildungszentrum. Ab dem 18. Lebensmonat geht der Hund dann in das Ausbildungszentrum, wo er die Grundlagen der Führarbeit erlernt. Im Alter von ca. 2 Jahren kommt der Hund zu seinem blinden Menschen und wird mit Unterstützung des Ausbildungszentrums auf die individuellen Aufgaben mit seinem Menschen vorbereitet. Nach ca. ­­6 Monaten gemeinsamer Arbeit wird das Mensch-Hund-Team geprüft und der Hund nun offiziell als Blindenführhund eingestuft.

Wie lange dauert die Ausbildung?
Die Ausbildung zum Blindenführhund dauert ca. 2,5 - 3 Jahre.

Wie lange kann ein Hund diesen Beruf ausüben?
Ca. bis zu seinem 9. - 10. Lebensjahr, dann geht er in „Rente“.

Wie sieht die „Rente“ des Hundes aus?
In der Regel wird der Hund nach seiner Führtätigkeit vom Ausbildungszentrum in eine neue Familie vermittelt.

Pdf zu diesem Artikel: blindenfuehrhund

 

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