Geräuschempfindlichkeit – Tipps für „Lärmtage“ …

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Mit dieser Ausgabe starten wir eine neue Kolumne zum Thema „Alltagsprobleme mit dem Hund" .
Die Tierpsychologin, Hundetrainerin und WUFF-Autorin Yvonne Adler beantwortet Ihre Fragen. Schicken Sie uns Ihr Alltagsproblem mit Ihrem Hund — kurz formuliert und mit 1 – 2 Fotos.

In dieser Ausgabe geht es um das Thema ­Geräuschempfindlichkeit, beispielsweise zu ­Silvester.

Liebe Frau Adler!

Ich blicke jetzt schon voller Sorge auf Silvester. Mein Rüde Charly ist bald 2 Jahre alt und immer schon etwas schreckhaft. Bei jedem plötzlichen oder lauteren Geräusch zuckt er zusammen und ist sehr verunsichert. Ich ver­suche ihn dann immer zu beruhigen und streichle ihn, bis er sich ­wieder gesammelt hat. Nun überlege ich mir schon, ob ich zu ­Silvester die Stadt verlassen und auf eine stille Hütte ­fahren sollte, um meinem Hund diese Belastung zu er­sparen.
Was kann ich jetzt schon – vorbereitend – tun, um ihm bei seinem Geräuschproblem zu helfen?
Besten Dank, Wolfgang Löffler.

Lieber Herr Löffler!

Es scheint so, als wären Sie mit Charly sehr vertraut und haben eine gute Beziehung zu ihm. Um Charly bei plötzlichen Geräuschen Sicherheit zu geben, streicheln Sie ihn wahrscheinlich und beruhigen ihn mit Ihrer Stimme. Dabei dürfen Sie jedoch nicht vergessen, dass oftmals ­weniger mehr ist! Sie dürfen Charlys Verunsicherung nicht ignorieren, aber wenn Sie zu sehr auf seine Empfindlichkeit ein­gehen, dann kann sich die Unsicherheit dadurch noch verstärken. Wenn Sie sich plötzlich vermehrt mit ihm beschäftigen und Ihre Stimme dabei vielleicht sogar un­sicher oder nervös wird, dann denkt der Rüde möglicherweise, dass die Situation tatsächlich schlimm und die Angst berechtigt war! Um dem entgegenzuwirken, können Sie schon jetzt bei den täglichen Spaziergängen üben: Wenn ein plötzliches Geräusch ertönt, sprechen Sie souverän und ruhig mit Charly, so etwa nach der Art: „Ist okay, ich hab’s auch gehört, alles in Ordnung", und gehen entspannt mit ihm weiter. Beobachten Sie dabei mal sein Verhalten, ob sich dadurch etwas verändert, und wenn ja, was?!

Hunde beobachten genau und sind sehr empfänglich für Stimmungen – sie deuten diese und handeln dann danach.

In Ihrem speziellen Fall gäbe es die Möglichkeit, ein Training mit Charly zu starten, um sein Selbstbewusstsein zu stärken. Zusätzlich könnte man eine systematische Desensibilisierung auf Geräusche durchführen. Dabei wird der Rüde behutsam an Geräusche herangeführt, er lernt damit umzugehen und merkt, dass er sich davor nicht fürchten muss. Hier ist es von essentieller Bedeutung ein/e qualifizierte und erfahrene Hunde­trainerIn zu haben, da sich eine ­Geräuschsensibilität auch zu einer echten Angst bis hin zur Panik entwickeln kann, wenn man den Hund im Training überfordert oder vom ­Trainer Fehler gemacht werden.

Ein Trainer würde Ihnen dann sicherlich noch unter ­anderem folgende Fragen stellen, um Informationen zu erhalten, ­welche mir auch noch fehlen, um genauer auf Ihre ­Situation eingehen zu können. Seit wann lebt Charly bei Ihnen?
Wie lange bleibt der Rüde in seinem unsicheren Verhalten? Wirkt sich das auf sein ganzes Wesen aus? Ist Ihre und/oder ­Charlys Lebensqualität durch diese Unsicherheit eingeschränkt? Haben Sie schon einmal ein Training versucht?
Gibt es durch diese Unsicherheit auch körperliche (orga­nische) Beein­trächtigungen, welche vom Tierarzt ­therapiert ­werden ­müssen bzw. vielleicht schon chronisch sind ­(Durchfall, ­Gastritis, etc.)?

Da Silvester vor der Tür steht und somit die Zeit zu knapp ist, um Ihr und Charlys Problem wirklich lösen zu können, halte ich es für eine gute Idee, die Stadt während des Jahres­wechsels zu verlassen und auf die stille Hütte zu fahren. Da dies aber vielen Menschen nicht möglich ist, hier ein paar Tipps, die Silvester erträglicher machen können, wenn man nicht „fliehen" kann.

Vielleicht hat Charly in jungen Jahren bemerkt, dass Sie sich vor einem plötzlichen und lauten Geräusch ­erschrocken haben (z.B. ein vorbeifahrender LKW). Der junge Hund hat daraus gelernt, dass man bei Geräuschen vorsichtig sein sollte. Es könnte aber auch sein, dass Ihr Rüde in seiner ­Sozialisierungsphase kaum Erfahrungen mit Geräuschen gemacht bzw. vielleicht auch zu „extreme" Geräusche oder zu viel Lärm gehört hat. Eine anfängliche Unsicherheit kann sich gerade bei Geräuschen schnell dahingehend entwickeln, dass der Hund später durch alles verunsichert wird, was „komisch oder neu" klingt.

Tipps für „Lärmtage"

Da die Knallerei zum Jahreswechsel meist früher beginnt und leider erst einige Tage später endet, sollten Sie Ihr Silvester-Programm ebenfalls früher beginnen und etwas länger beibehalten. Unsere Tiere leiden bei der Knallerei nicht nur durch die lauten Geräusche, sondern auch durch die plötz­lichen „Blitze" am Himmel, den Geruch von Schwarzpulver etc. Dabei werden gleich mehrere Sinne zugleich überreizt und völlig überstrapaziert. Zusätzlich ist die Stimmung meist zu der Silvesterzeit sehr „geladen" – der Mensch fiebert auf den einen Moment hin und die Anspannung wird bis 24 Uhr immer stärker. Dies und noch einiges mehr nehmen unsere Hunde natürlich wahr, deuten dies und reagieren ent­sprechend. Wichtig ist an diesen Tagen vor allem, dass Sie Zeit für sich und Ihren Hund einplanen! Aufwändige Vorbereitungen und Parties stressen Sie sicherlich, während Sie doch Ihrem Hund besser Ruhe und Entspannung vorleben sollten. Die Gelassenheit muss wirklich echt sein, vorgetäuschte Gefühle werden von Hunden sofort durchschaut. Nehmen Sie sich ein Buch, das Sie schon immer mal lesen wollten, ver­dunkeln Sie die Fenster, legen Sie entspannende, beruhigende klassische Musik auf und genießen Sie die gemeinsame Zeit voll Ruhe und Entspannung. Bauen Sie sich z.B. am Boden ein gemeinsames Kuschel-Nest für Sie, Ihre Familie und Charly. Alle können dort gemeinsam Zeit verbringen, dösen oder schlafen – aber müssen dies nicht. Auch hier ist weniger mehr – der Hund darf nicht bedauert werden, falls doch ein Knall zu hören sein sollte. Auch permanentes Streicheln und Beruhigen hilft wenig, da sonst die Unsicherheit (wie oben schon erwähnt) möglicherweise noch verstärkt wird. ­Sollte dies zu viel Nähe für Ihren Charly sein, dann sollten Sie ­seinen bekannten Schlafplatz so platzieren, dass er sich in Ihrer Nähe hinlegen kann. Am besten genießen Sie den ­täglichen, langen Spaziergang schon zeitig in der Früh und/oder spät am Abend, um der Knallerei auszuweichen. Dadurch, dass Sie mit dem „Silvesterprogramm" schon Tage vorher ­starten und dieses ein paar Tage beibehalten, kann Charly wirklich zur Ruhe kommen und sich auch an die entspannte ­Atmosphäre gewöhnen. Wenn Sie dieses „Programm" nur für den ­Silvesterabend planen, durchschaut der Hund dies und es hilft vielleicht nicht so gut. Die körperliche Grundspannung, die Gedanken und die Hektik des Alltages brauchen Zeit, um zur Ruhe zu kommen. Auf Knopfdruck kann man sich nicht entspannen und es braucht einfach etwas Zeit, um wirklich ruhig und gelassen zu werden, um dies dann auch ehrlich und echt dem Hund vorleben zu können. Ich wünsche Ihnen, Ihrer Familie und Charly eine ruhige und entspannte Silvesternacht sowie alles Gute und viele erfolgreiche Momente für Ihr gemeinsames Training!

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Yvonne Adler
Yvonne Adler lebt und arbeitet seit mehr als 20 Jahren mit Hunden. Sie schloss das Studium zur Tierpsychologin mit Auszeichnung ab und ist zudem eine von Europas ersten akademisch geprüften KynologInnen. Neben ihrer Tätigkeit als Sachverständige für Hunde, absolviert sie laufend weitere in- und ausländische Aus- und Fortbildungen im Bereich der Kynlogie, um stets auf dem aktuellsten Stand der internationalen Hundewissenschaft zu sein. Kontakt: Yvonne Adler – Adler Dogs® www.adler-dogs.at

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