Gerechtigkeit für Atreju! – Erschossen und entsorgt

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Atreju ist ein Eurasier-Rüde. Er wurde nahe des Wohnhauses ­seiner Familie von Jäger Kurt M. erschossen. Atrejus Familie wurde ­darüber nicht informiert. Atreju sei nach dem Abschuss seine ­Beute, sein Eigentum. Und er müsse die Besitzerin auch nicht informieren, sagt er. Frauchen Gabriele König erlebte eine Horrorwoche mit ­verzweifelter Suche, panischer Sorge und quälender Ungewissheit.

(Anmerkung: Beachten Sie bitte am Ende des Artikels den Hinweis zurPetition für ein generelles Abschussverbot von Hunden und Katzen.)

Sonntag, 8. Januar 2012. Es ist bereits dunkel, als ich mit Gelia und Atreju von der Abendrunde zurückkehre. Ich öffne die Gartentüre und löse gleichzeitig die Leinen vom Geschirr. Dann geht alles sehr rasch. Die Beiden sehen zwei Gärten weiter eine Katze aus dem Garten springen und sprinten los. Zu diesem Zeitpunkt weiß ich noch nicht, dass ich Atreju, meinen lieben Buben, das letzte Mal sehe. Ich gehe pfeifend und rufend hinter den zwei über­mütigen Hunden hinterher. Es ist wenige Minuten nach 19 Uhr, die Hunde sind zwischen den Häusern in Richtung unserer Gassi­wiese verschwunden, da höre ich plötzlich einen Doppelknall. Ein ­Kracher eine Woche nach Silvester, denke ich. Aber auch Angst kriecht hoch – vielleicht ein Schuss? Nein, das kann nicht sein. Aber Gelia wird jetzt sicher sofort kommen, sie fürchtet sich ja vor Knallereien. Und wirklich. Ein paar Minuten später rast sie völlig panisch nach Hause. Froh lasse ich sie in den Garten und gehe gleich wieder Richtung Wiese. Jetzt wird ja wohl auch Atreju bald da sein. Doch unzählige Male bin ich an diesem Abend noch hinausgegangen und habe meinen Hund gerufen, bin Runden mit dem Auto gefahren, bis es sehr spät war. Mit dem Gedanken, dass er in der Früh sicher vor der Gartentüre stehen wird, schlief ich unruhig ein.

Verzweifelte Suche
Montag, 9. Januar, in der Früh. ­Atreju ist nicht nach Hause gekommen. Wir sind geschockt und angespannt. Ich beginne die erste von unzähligen Anrufserien: Melde bei der Polizei, dass Atreju abgängig ist, hinterlasse meine Daten und bitte um Rückruf. Dasselbe bei Tierärzten, Tierkliniken und Tierheimen in Baden und Wien. Dann fahre ich eine Runde im ­weiteren Umkreis, spreche Passanten an, suche an den Straßenrändern nach Hin­weisen auf einen möglichen nächt­lichen Unfall. Nichts.

Dienstag 10. Januar. Seit über 36 Stunden ist Atreju ­verschwunden. Obwohl ich beruflich in diesen Tagen total beschäftigt bin, versuche ich verzweifelt und voll panischer ­Sorge weiter, Atreju zu finden. In einer ­kurzen Pause habe ich bereits Un­mengen von Suchplakaten produziert und hoffe inständig auf die nächste Möglichkeit, auf die Suche zu gehen. Inzwischen haben mein Mann Dieter und ich beschlossen, möglichst alle Freunde und Bekannten über ­Atrejus Verschwinden zu informieren. Eine riesige Welle der Hilfsbereitschaft rollt über uns hinweg.

Mittwoch, 11. Januar. Ein weiterer Anruf bei der Polizei. Nachfrage, ob es mittlerweile Meldungen zu Atreju gibt. Nichts. Dieter beginnt mit einer Internet-Suche, ich beginne mit dem Plakatieren und zahllosen ­Gesprächen. Wir müssen Atreju finden! ­Sternförmig von Zuhause aus plakatiere ich in den Nachbargemeinden, an ­Busstationen, Bahnhöfen, öffentlichen Plätzen, in Reitställen. Freunde in der ­Siedlung werden mit Ideen und Aktionen aktiv. Reiter machen Ausritte und suchen nach unserem Jungen. Viele ­Menschen erkennen unsere rasende Sorge und helfen mit.

Suche beim Jägerstammtisch
Bereits sehr, sehr müde beschließe ich, auch noch im Gasthaus Minatant in Schranawand (bei Ebreichsdorf, NÖ) ein Suchplakat aufzuhängen. Denn dort ist ein Jägerstammtisch und ich möchte auch die Jäger über Atrejus Abgängigkeit informieren. Sie kennen uns und unsere Hunde, sie wissen von ihrem sanften Wesen und dass ­Atreju niemals wildern würde. Sie sollen mich bei einer Sichtung meines ­Hundes sofort anrufen. Einer der Jäger nimmt – im Nachhinein offensichtlich heuchlerisch – meine Telefonnummer entgegen und verspricht, mich zu informieren, wenn er etwas höre …

Donnerstag, 12. Januar, der vierte Tag nach Atrejus unerklärlichem Verschwinden. Seit sechs Uhr in der Früh ist ein Rettungshundeführer mit seinem Hund auf der Suche nach Atreju. Vielleicht liegt er ja verletzt oder verhakt mit seinem Geschirr im Unterholz gefangen, oder er ist in einen unge­sicherten Schacht gefallen. Unsere Horrorvorstellungen scheinen unendlich. Viele Menschen können unsere panische Angst und Sorge verstehen und helfen mit! Über Tage hinweg wird das gesamte Gebiet durchsucht. (Tausend Dank der tapferen Maggie und ihrem Herrchen!)

Ich nehme auch Kontakt mit Wolfgang und Sylvia vom Dogtalking-Team auf, die mich mit ­Tierkommunikation und einem Suchhundeteam zur Fährten­suche unterstützen. Ich weite die Plakatsuche aus, während Dieter sämtliche Lokalmedien on- und offline mit der Suchanzeige informiert. Das Wiener Tierschutzhaus, das ­Magistrats­amt in Wien, Online Suchplattformen, die Animaldata Tiersuche. Und Mails gehen an alle Tierärzte im Umkreis von 100 Kilometern. Unzählige Gespräche mit Freunden, ­Bekannten und Fremden – die schreckliche Geschichte immer wieder wieder­holen. Vielleicht ist es genau das eine Mal erzählt, das uns Atreju zurückbringt, das Rätsel seines unerklär­lichens Verschwindens löst.

Hoffnungsschimmer: Atreju ­gesichtet?
Freitag, der 13. Januar 2012. ­Unsere Bemühungen laufen noch immer auf Hochtouren! Andrea hat uns mit einer Suchanzeige in der Kronen­zeitung unterstützt, ich setze nun einen Finderlohn aus. Und dann ein Anruf: Atreju sei in Perchtoldsdorf gesehen worden. Fast unmöglich! Trotzdem fahre ich sofort los. Es beginnt heftig zu schneien und ich fahre stundenlang durch die Gassen, die Weinberge und die Umgebung Perchtoldsdorfs und versuche im dichten Schneetreiben verzweifelt meinen Jungen auszumachen. Erfolglos. So hänge ich nun auch hier Plakate auf und informiere Tierkliniken. Erschöpft und verzweifelt überlegen wir wieder und wieder, was noch getan werden könnte. Atreju fehlt uns so.

Samstag, 14. Januar. Es ist tief­winterlich, überall liegt Schnee. Ich lasse neue Suchplakate ­produzieren, jetzt mit Finderlohn und neuen Fotos. Und überall in Mauer, Rodaun, Perchtoldsdorf und Laab beginnt ebenfalls die Suche nach unserem kleinen Burschen.

Verzweiflung und leere Kilometer
Kein Ergebnis, viele leere ­Kilometer, viele Telefonate und Gespräche. Müdigkeit, Resignation und Kampfwille und eine ganz starke Hoffnung wechseln einander ab, machen diese Tage unglaublich anstrengend und lange! Dieter hat einen herzzerreißenden Aufruf und eine Bitte um Aushang der Suchanzeige an alle ­Gemeinden verfasst, von Bruck/Leitha bis ­Wiener Neustadt, vom Leithage­birge im Osten bis zu den Gemeinden im Westen rund um Baden. Und nun machen wir auch google- und ­Twitter-Postings. Wir hoffen so sehr! Die große Anstrengung muss doch damit belohnt werden, dass wir ­unseren lieben Kerl ­wieder daheim umarmen können!

Sonntag,15. Januar. Es ist wieder ein eiskalter, winterlicher Tag und es bläst ein eisiger Wind. Ich fahre in die umliegenden Ortschaften Moosbrunn, Grammatneusiedl und Mitterndorf. Überall Gespräche mit den wenigen Passanten, die trotz des heftigen und eiskalten Windes unterwegs sind. Reiter und Hundebesitzer. Niemand hat unseren Jungen gesehen. Ich habe Gelia bei mir, und gemeinsam bringen wir auch im Gelände rund um die Ortschaft Schranawand Plakate an. Immer habe ich das seltsame Gefühl, dass Atreju hier irgendwo ist. Auf ­Bäumen, Brücken und an Weggabelungen hänge ich die Suchplakate auf.

Keine Antwort …
Zuallerletzt drehen wir schon knapp vor der Dunkelheit völlig durchfroren eine Runde durch den Ort. Gelia ist auf einmal quietschlebendig, springt übermütig herum, wenn ich nach Atreju rufe. Irgendwie glaube ich, dass ihn hier vielleicht jemand in ­seinem Haus oder Garten versteckt. Ich weiß, dass er mit seinem typischen Antwortbellen sofort Bescheid geben würde. Aber es kommt keine Antwort. Ohne Erfolg kommen wir zum Auto zurück. Da kommt uns die Wirtin des Gasthaues Minatant entgegen. Mit­leidig spricht sie mich an und meint, dass ich mir einen kleinen Welpen nehmen soll. Wie sie so redet, wird mir ganz komisch. Ich kann meine verwirrten Gefühle nicht erklären, will nur weg, nach Hause, bin völlig verzweifelt. Mein Gefühl habe ich zu diesem Zeitpunkt nicht verstanden, aber es hat mich nicht getäuscht.

Montag, 16. Januar. In der Früh bringe ich Dieter zum Bahnhof Ebreichsdorf. Wieder diskutieren wir auf der ­kurzen Fahrt, was wir noch tun können. Wir glauben jetzt, dass vielleicht jemand Atreju bei sich eingesperrt hat, ­vielleicht weil er denkt, der Hund sei ausgesetzt worden.

Anzeige gegen Unbekannt
Am Bahnhof angekommen steigt ­Dieter aus. Überall hängen Such­plakate von Atreju und gedanken­verloren bleibe ich im Auto sitzen. Und dann auf einmal die Idee – ich mache eine Anzeige gegen Unbekannt! Sofort fahre ich los. Auf der Polizei zeige ich mein Suchplakat und will zu erzählen beginnen. Da unterbricht mich der Polizist und sagt, dass er letzte Woche erfahren hat, dass ein Jäger Sonntag Abend einen husky­artigen Hund abgeschossen habe. Völlig geschockt erstarre ich und kann nicht glauben, was ich höre. Der Polizist ruft nun den Jäger M. an und schickt ihm per Mail ein Foto Atrejus zur Identifikation. Der Jäger bestätigt, dass es dieser Hund gewesen sein könnte. Er habe sowieso Meldung gemacht, und der Hund sei nicht gechipt gewesen, wie die Tierärztin M. aus Leithaprodersdorf, zu welcher er den Hund gebracht hat, festgestellt habe.

Warum in quälender Ungewissheit gelassen?
Ich beweise mit der Petcard, dass mein Hund sehr wohl gechipt war. Der Beamte erstellt einen Bericht für die Bezirkshauptmannschaft und ich verlasse völlig entsetzt die Polizei­wache. Völlig verzweifelt frage ich, warum mich niemand informiert hat.

Von zuhause aus rufe ich die Tier­ärztin an, die mir sofort sagt, sie würde schon seit einer Woche an mich ­denken. Doch warum hat sie sich dann nicht bei mir gemeldet? Am ­Dienstag, dem 10. Januar, ­zwischen 14 und 15 Uhr, habe ihr der Jäger M. den toten Hund zur Identi­fikation ge­bracht. Sie habe den Chip gar nicht ausgelesen, da die ­Adresse des Besitzers und der Name des ­Hundes ohnehin am Geschirr befestigt waren. Sie habe diese Daten für den Jäger aufgeschrieben mit der An­weisung, die Besitzer, die sich sicher sehr ­sorgen würden, sofort zu informieren. Doch informiert hat uns niemand. Weder der Jäger, der Atrejus Tod auf dem Gewissen hat, noch die Tier­ärztin, noch die Polizei. All’ die Sorgen, ­Ängste … Und jetzt kommt neu dazu die Frage, wo ist mein toter Junge jetzt? Entsorgt auf einer Sammelstelle …

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Hintergrund

Jäger betrachtet Atreju nach Abschuss als sein Eigentum

Atrejus Frauchen hat den Jäger, der ihren Hund erschossen hat, bei der Staatsanwaltschaft angezeigt. Ver­treten wird sie von Mag. Gahler von der Wiener Rechtsanwaltskanzlei Heller & Gahler (www.ra-heller.at). Der Anwalt ist selbst Hundebesitzer und in recht­lichen Hundefragen erfahren. WUFF hat recherchiert.

Lt. § 64 (2) des niederösterr. Jagd­gesetzes dürfen Jäger wildernde Hunde töten. Nach Ansicht des Rechtsanwaltes liegen allerdings bei Atreju die Voraussetzungen, welche die Erschießung des Familienhundes rechtfertigen würden, nicht vor. In der Sachverhaltsdarstellung, die der Anwalt der Staatsanwaltschaft übermittelte und die WUFF vorliegt, legt er dies dar. Zudem fallen darüber hinaus einige Ungereimtheiten auf. Demnach sei Atreju, der erst zwei Tage später vom Jäger zur Tierärztin gebracht wurde, von dieser als „komplett zerfetzt" beschrieben worden. Dieser Umstand und weil der Jäger den Hund dann auch rasch selbst der Vernichtung zuführte, würde den Verdacht aufkommen lassen, dass der Jäger möglicherweise eine verbotene Waffe oder Munition bei der Erschießung Atrejus verwendet haben könnte.

Atrejus Körper wird samt Geschirr Eigentum des Jägers
Dass der Jäger den Hund nicht bei der Tierärztin ließ, die das Weitere veranlasst und den toten Hund ­seiner Familie übergeben hätte, ist zwar ungewöhnlich, ergibt sich aber daraus, dass der Jäger den Hund nach dem Abschuss als „seine Beute" betrachtete und damit samt Geschirr als sein Eigentum. Aber ist das überhaupt zulässig, dass ein Familienhund, der (im Gegensatz zu etwa einem Fuchs oder Marder) einen Besitzer hat, dann, wenn er beim (angeblichen) Wildern von einem Jäger erschossen wird, samt Leine und Geschirr automatisch dessen Eigentum wird? Im niederösterreichischen Jagdgesetz steht nichts davon! Ja, das stimme, aber dennoch sei dies „ständige Rechtsprechung", erklärt der Geschäftsführer des niederösterr. Landesjagdverbandes, Dr. Lebersorger, auf Anfrage des Österreichischen Hundehalterverbandes. Lebersorger hält diese Rechtsprechung auch für „angemessen" und begründet dies damit, dass Tierschutz nicht beim Hund aufhöre.

„Barbarisch und vorgestrig"
Die Staatsanwaltschaft hat das Er­mittlungsverfahren Ende März 2012 eingestellt. Doch Atrejus Frauchen kämpft weiter um Gerechtigkeit für ihren Hund. Nun sind auch zivilrecht­liche Schritte geplant. WUFF wird ­weiter berichten.

Hundehalterverband: „Das sind wir Atreju schuldig!"
Zudem verstärkt der österreichische Hundehalterverband (ÖHV) seine schon im Vorjahr begonnene bundes­weite Initiative, mittels Novelle des Tierschutzgesetzes oder anderer rechtlicher Maßnahmen den Abschuss von (vermeintlich) wildernden Familien­hunden durch Jäger zu verbieten. „Das sind wir Atreju und allen anderen von Jägern erschossenen Hunden und deren Familien schuldig!", sagt Dr. Hans Mosser, Präsident des ÖHV. Und ein Mitglied des ÖHV-Expertenrates, Univ.-Prof. Dr. Kurt Kotrschal, weltweit anerkannter Biologe und Verhaltensforscher sowie Leiter des Wolf Science Centers, zu Atrejus Fall: „Es ist ein unhaltbarer Zustand, dass Jäger „wildernde" Hunde – tatsächliche oder angebliche – abschießen dürfen. Denn erstens ist es schwierig nachzuvollziehen, ob der Hund tatsächlich Wild verfolgte, zweitens sind Hunde ganz wichtige Sozialpartner für ihre Menschen und sie einfach abzuschießen bedeutet eine beispiellose Geringschätzung der Gefühle anderer. Der Abschuss des Eurasierrüden ist daher auf jeden Fall barbarisch und vorgestrig."

In der nächsten Ausgabe beginnt eine Diskussion über den Fall ­Atreju, damit zusammenhängende Fragen sowie generell über Jäger und vermeintlich oder tatsächlich wildernde Familienhunde.
Wie ­denken Sie darüber? Schreiben Sie uns! (redaktion@wuff.eu)

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Der Österreichische Hundehalterverband (ÖHV) hat eine Petition für ein generelles Abschussverbot von Hunden und Katzen gestartet. Bitte unterstützen Sie diese Forderung mit Ihrer Unterschrift. Hier gehts zurInfoseite.

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