Gib Laut – Leserbriefe WUFF 3/2018

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Langes glückliches Leben auch mit wenig Schlaf!
(Zum Thema „Hunde brauchen 17–20 Stunden Schlaf am Tag“)
Müssen Hunde tatsächlich 17–20 Stunden am Tag schlafen? In Schweden (bin Schwedin, aber wohne in der Steiermark) habe ich vor vielen Jahren gelesen, dass die Hunde viel zu viel schlafen, weil sie eben keine Beschäftigung haben, was für mich logisch klingt. Wie ist es denn mit „Berufshunden“ z.B. Hütehunde, Polizeihunde, Therapiehunde? Die müssen doch zwangsläufig mit weniger Schlaf auskommen. Werden die denn öfters krank oder umgekehrt? In den achtziger Jahren hatte ich eigene Hunde. Sicher haben sie geschlafen, aber keine 17–20 Stunden und sie hatten doch ein gutes Leben. Jetzt bin ich „nur“ Tagesmutter für einen Zwergpudel, der morgens kommt und abends wieder geholt wird. Und der schläft gerne und lange, aber ist auch ungewöhnlich faul. Ich glaube man muss die Hunde individuell nehmen wie sie sind. Vor vielen Jahren wohnte ich auf einem Bauernhof in Schweden. Die Bauernfamilie hatte einen Bordercolliemischling namens Tussie. Sie hatte keine Hüteinstinkte, aber wollte sich in jede Arbeit einmischen. Ihr Lieblingsplatz war an einer Ecke außerhalb des Kuhstalls, genau an der Dorfstraße. Ich habe sie nie schlafen gesehen, sie hielt immer Aufsicht, damit sie ja nichts verpassen würde. Sofort wenn jemand etwas machen würde, Kühe füttern, melken, Pferde aus- und einführen wollten oder auf dem Feld arbeiten, war sie mit vollem Elan dabei. Wenn sie ausnahmsweise nicht dabei sein durfte, war es ihr trotzdem meistens gelungen, sich dorthin zu schleichen. Tussie starb mit 14 Jahren nach einem langen und glücklichen Leben mit wenig Schlaf.
Sylvi Linnaeus

Ausgediente Blindenführhunde zum alten Eisen?
(Zum Artikel „Geliehene Augen – Blindenführhunde“ in WUFF 1/2018)
Seit Jahrzehnten habe ich das Wuff Magazin abonniert. Es ist für mich sehr interessant, da ich Hunde liebe und immer schon Hunde hatte, nach dem Motto: Ein Leben ohne Hund ist ein Irrtum (Carl Zuckmayr). Für die Lektüre der Ausgabe 1/2018 hatte ich vor Weihnachten wenig Zeit. Erst jetzt bin ich dazu gekommen, die Ausgabe genau zu lesen und bin entsetzt. Ich habe immer die Leistungen der Blindenführhunde bewundert und mir wenig Gedanken gemacht, was mit diesen Hunden passiert, wenn sie ins „Rentenalter“ kommen. Habe gedacht, sie können in ihren Familien bleiben. Jetzt habe ich schockiert den letzten Abschnitt der Zusammenfassung gelesen. In Rente wird der Hund in eine neue Familie vermittelt. D.h., er wird wie ein altes Auto behandelt. Man gibt das alte Auto zurück und schafft sich ein neues an, nachdem der Hund seine Augen sein Leben lang dem blinden Menschen geliehen hat. Jeder weiß, wie schwierig es ist, einen alten Hund auf einen guten Platz zu vermitteln. Ein Hund ist kein technisches Gerät, das man bei Bedarf austauscht, sondern ein Lebewesen, das zur Familie gehört, mit dem man im Lauf der Jahre immer mehr zusammen wächst. Das ist zumindest bei uns der Fall. So bedauernswert das Schicksal der Blinden ist, aber ihre Lebensqualität kann doch nicht auf Kosten eines anderen Lebewesens gehen. Da kann ich auch die Tierversuche in der Forschung gut heißen, die auch für die Menschen gemacht werden. Mit Freude habe ich dann den ganzen Artikel gelesen, dass Herr Renato Alfieri seine Hunde behalten hat. Danke!! Ich warte schon auf die nächste Ausgabe, ob auch in anderen Bereichen diese Assistenzhunde so herzlos ausgewechselt werden.
Mag. pharm. Liselotte Kolb

Kastration: Gedankenlose und obskure Gesetzesauslegung
(Zum Artikel „Kastration – bequem, aber für wen?” in WUFF 11/2017)
Mit Ihrer November-Ausgabe las ich zum ersten Mal WUFF und habe mich dort mehrfach wiedergefunden. Besonders der Artikel „Kastration: Bequem, aber für wen?“ liegt mir sehr am Herzen. Meinen ersten Labrador übernahm ich von einer VDH-Züchterin. Der Hund war damals 14 Monate alt, und ich musste ihn kastrieren lassen, um ihn übernehmen zu dürfen! Heute wäre mir das nicht passiert. Auch mein jetziger Hund durfte nicht auf die privat geführte Hundewiese, weil er nicht kastriert war (da war dieser Hund erst 7 Monate alt!). Die Begründung: Wenn alle kastriert sind, kommen sie bestens miteinander aus, unkastrierte Hunde würden attackiert. Wir haben dann auf diese Hundewiese verzichtet, und ich bin auch mit den Worten gegangen, dass wir ja demnächst auch unsere Kinder kastrieren lassen sollten, um keine Pubertätsprobleme zu bekommen. Die Menschen müssen anfangen nachzudenken und nicht voreilig Meinungen von sogenannten Fachleuten übernehmen. Hin und wieder mal etwas infrage stellen! Mein Hund ist jetzt vier Jahre alt und unkastriert. Er kommt übrigens bestens mit beiden Geschlechtern aus, kastriert oder unkastriert.
Nicola Kuhlmann

Unkastrierte hormongesteuerte Rüden wollen nicht nur spielen …
(Zum Artikel „Kastration – bequem, aber für wen?” in WUFF 11/2017)
Ja, ich bin eine von DENEN, den „Skurrilen“ (WUFF 11/2017), die den Tierhändlern in die Hände spielen (ich verstehe die Kausalität immer noch nicht ganz) und seit vielen Jahren im Tierschutz tätig ist. Und Vielhundehalter, alles Nicht-Intakte, mit ganzem Herzen und aus Überzeugung, kann auch ich dann provokant sagen.

Und meine Erfahrungen mit der von Ihnen hochgelobten „Natur!“ sehen auch etwas anders aus: In Deutschland gibt es derzeit ca. 7 Millionen Hunde1 und ca. 300.000 Tiere werden jedes Jahr in Tierheimen abgegeben2. Dazu kommen die Hunde, die bei verschiedenen Organisationen unterkommen und nicht statistisch erfasst sind.

Und, ja, Herr Pisacane, ich habe die Erfahrung gemacht, dass die Halter durchaus den Hund so akzeptieren wie er ist: Denn ich treffe die Hunde regelmäßig – ohne Halter wohlgemerkt – wenn Rüden während der Saison wild in unsere Gruppe laufen, auf der Suche nach der läufigen Hündin, die wohl vor uns den Weg beschritten hat. Und wir sind not amused, wenn das arme Tier, hormongesteuert, nicht mehr die Umwelt wahrnimmt, außer einen anderen Caniden – einen von meinen – sei er oder sie nun kastriert oder nicht: Frohgemut wird alles besprungen, ob Rüde oder Hündin und nein, das dient nicht dem friedlichen Miteinander. Selbst freilaufende läufige Hündinnen – ohne Halter wohlbemerkt – begegnen uns mit großer Regelmäßigkeit. Diese versuchen meine Rüden zu becircen und möchten gerne mit uns nach Hause gehen – und nein, auch das dient nicht dem friedlichen Miteinander.

Wo sind sie nun die Halter? Telefonierend sehe ich sie in der Distanz, nicht wahrnehmend, dass ihr Vierbeiner sie lange verlassen hat und gerade bei uns Asyl beantragt. Oder, in großer Entfernung rufend: „Ach der Lümmel, der will nur spielen!“ Nein, der Lümmel möchte nicht spielen, sondern seinem evolutionär verankertem Fortpflanzungstrieb nachkommen. Und nein, es interessiert den Doggenrüden auch nicht, ob die läufige Hündin nun ein Dackelchen ist.

Und dann, wenige Monate später, kommen wir ins Spiel: „Da ist wohl ein Dilemma passiert“ aber kümmern kann sich keiner, weil, beide Halter sind ja berufstätig und überhaupt, also so war das nicht geplant. Also entweder irgendwo abkippen oder die Hündin entsorgen, oder ganz fix bei ebay einstellen. Von Welpenversorgung hat man keine Ahnung (man wusste meist noch nicht einmal, dass die Hündin läufig war: „sie war doch noch sooo jung“;“ sie hat doch noch geblutet“), die Welpen sind weder geimpft noch tierärztlich untersucht – da fallen ja Kosten an – und auch nicht sozialisiert, denn im Laufstall in der Waschküche gibt es nicht viel zu erleben.

Also, von welcher „Natur“ sprechen wir hier bitte: sollen die Hunde Ihrem natürlichen Trieb nachkommen dürfen? Bitte, wenn Sie zu diesem Thema schreiben, dann erläutern Sie auch die problematischen Seiten: Abgesehen davon, dass wir viel zu viele unerwünschte Hunde haben, leben unsere Hunde nicht mehr natürlich: Die meisten existieren in Einzelhaltung, in kleinen Wohnungen, gehen am Leinchen im Stadtpark spazieren und haben wenige oder unangemessene Sozialkontakte. Und der Sexualtrieb ist genau das: ein Trieb, dem jedes Tier nachkommen will – das lässt sich nicht mal eben mit ein bisschen Erziehung unterbinden.

Und ja, für viele Hunde ist das purer Stress. Für die Rüden wie für die Hündinnen. Lebten wir in Kamtschatka könnten wir das argumentieren – aber hier? Es ist für die Tiere unmöglich bei unserer Populationsdichte den, ach so reizenden, Gerüchen zu entkommen.

In Bezug auf Frühkastrationen, wie sie in vielen Ländern bspw. den USA praktiziert werden, halte auch ich diese für bedenklich, dies ist jedoch bei uns der Ausnahmefall. Auch belesene Tierschutzmenschen kennen die Risiken einer Frühkastration wie eunuchoidem Hochwuchs, und werden diese vermeiden.

Zudem sollten auch die Gesundheitsaspekte nicht einfach abgebügelt werden: Kastrierte Hunde neigen weniger zu kongenitalen Krankheiten wie aortischen Stenosen, frühem Katarakt, Mitralklappendefekten, oder Portossystemischen Shunts3. Sie haben ein geringeres Risiko von Kardiomyopathien und gastrisch dilatativem Volvulus bei Rüden3. Bei Hündinnen treten Erkrankungen der Ovarien und sexualsteroidabhängige Erkrankungen wie Metropathien, glandulärzystische Hyperplasie und Pyometra nicht auf4. Die meisten der benignen Vaginal- und Gebärmuttertumoren können sich nach einer Ovarektomie nicht mehr entwickeln, und es wird davon ausgegangen, dass sich durch eine Kastration eine Reduktion des Mammatumorrisikos ergibt4.

Der Nicht-Kastrationswahn ist in voller Fahrt – wir harren der Konsequenzen – nicht nur für das EINE, das unsrige Tier – nein, für die Population im Ganzen und deren kommende Haltungs- und Lebensbedingungen, wie es bereits in anderen Ländern anschaulich zu sehen ist – und ich spreche hier nicht von Rumänien, sondern bspw. den USA, denen wir ja auch sonst auf allen Gebieten nacheifern (außer der Kastrationspflicht). Wenn sich auch bei uns irgendwann die Euthanasie durchsetzt ist die Kastrationsdebatte eh hinfällig.

Deshalb mein dringender Appell auch an Sie Herrn Rückert: schauen Sie sich vor Ort um, sehen Sie sich die Haltungsbedingungen der vielen ungewollten Welpen an, die mangelnde Kontrolle in Bezug auf genetische Krankheitsbilder (bekannt und oft durch – nicht verpflichtende – Gentest verifizierbar), die Qualzuchten, die immer noch auf jeder Ausstellung zu sehen sind, und die Sie sicher auch in Ihrer Praxis haben  – das sind tierschutzrelevante Themen. Und hier kann durch verpflichtende Kastration, oder gerne auch Sterilisation, etwas verändert werden.

Würde unser Umgang mit den Tieren sich ändern wäre Kastration vielleicht auch kein Thema mehr. Die Alternative eines Monate-oder jahrelangen Aufenthalts in einem Tierheim hat mit artgerechter Haltung,  „Natur“ und Tierschutz nichts zu tun. Das unkontrollierte Vermehren „aus Versehen“ oder aufgrund eines veraltetem Glauben die Hündin müsse einmal werfen, hat mit artgerechter Haltung, „Natur“ und Tierschutz nichts zu tun. Das Verschachern von Welpen auf ebay und ähnlichen Portalen, die überraschenderweise entstanden sind, weil sich Halter einen intakten Rüden und eine intakte Hündin ins Haus holen, hat mit artgerechter Haltung, „Natur“ und Tierschutz nichts zu tun. Kastration ist ein Weg die Hunde zu schützen und sei es nur die nächste (dann nicht-existente) Generation. Genetisch kranke Hunde mit denen trotzdem gezogen wird, weil es einfach nicht kontrolliert wird und die dann bei uns aufgrund der Behandlungskosten landen, hat mit artgerechter Haltung, „Natur“ und Tierschutz nichts zu tun. Vielleicht braucht es auch eine weibliche Meinung zum Thema. Und bitte: Gehen Sie doch einfach mal ins Tierheim – oder schauen Sie sich die Vermehrer bei uns an, die „Welpenstuben“ und Tierhandlungen (bei denen man sich fragt, was mit den Hunden passiert, wenn sie nicht mehr klein und süß sind) – da brauchen wir nicht ins Ausland schauen, ein Blick in die gängigen Portale und Beschlagnahmungen der Amtsveterinäre reicht vollkommen aus. Wenn der Mensch sich ändert, Verantwortung übernimmt, sich eine gewisse Sachkenntnis aneignet und der Hund nicht mehr als Wegwerfartikel bzw. wirtschaftliche Einkunftsquelle gesehen wird, dann können wir gerne noch einmal über die Zeitmäßigkeit von Kastration sprechen.

P.S. an die Herren der Schöpfung: Wenn es denn für die Ästhetik oder das Wohlbefinden unerlässlich ist: Es gibt Implantate.

Sandra Foltin

Quellen:
1 Quelle: Heimtierstudie „Wirtschaftsfaktor Heimtierhaltung“ Zur wirtschaftlichen Bedeutung der Heimtierhaltung in Deutschland Prof. Dr. Renate Ohr, Universität Göttingen, 2014.
2 Quelle: Peta (https://www.peta.de/tierheimhunde#.WgrqtkriaUk)
3 Quelle: Belanger JM, Bellumori TP, Bannasch DL, Famula TR, Oberbauer AN: Correlation of neuter status and expression of heritable disorders. Canine Genet Epidemiol. 2017 May 26;4:6. doi: 10.1186/s40575-017-0044-6. eCollection 2017.
4 Quelle: Arlt S, Wehrend A, Reichler IM: Kastration der Hündin – neue und alte Erkenntnisse zu Vor- und Nachteilen. Tierärztliche Praxis Kleintiere 4/2017 Schattauer Verlag.

Pdf zu diesem Artikel: leserbriefe_0318

 

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