Giftalarm: Unerlaubtes Futteraufnehmen

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Die Kolumne zum Thema „Alltagsprobleme mit dem Hund“. WUFF-Autorin Yvonne Adler, Tierpsychologin, akademisch geprüfte Kynologin und Hundetrainerin, beantwortet Ihre Fragen. Schicken Sie uns Ihr Alltagsproblem mit Ihrem Hund , kurz formuliert und mit 1 bis 2 Bildern. In dieser Ausgabe möchte eine WUFF-Leserin wissen, wie sie ihren Hund daran hindern kann, Futter vom Boden aufzunehmen.

Liebe Frau Adler,
ich wohne mit meinem ­zweijährigen Rüden Rocket am Stadtrand. ­Leider häufen sich in letzter Zeit die ­Meldungen von Giftködern in unserer Umgebung. Es wird dabei anscheinend nicht nur Rattengift ausgelegt – versteckt in Wurststücken – ­sondern auch mit Rasierklingen oder Nägeln gespickte Fleischteile. Rocket ist ein Jagdhund-Mischling und deshalb rassebedingt mit der Nase sehr viel am Boden. Dazu kommt, dass er auch sehr verfressen ist. Deshalb habe ich große Angst um ihn! Gibt es eine Möglichkeit den Hund darauf zu trainieren, kein Futter vom Boden aufzulesen?
Mit freundlichen Grüßen,
Sabine Tröppler

Antwort von Yvonne Adler:

Liebe Frau Tröppler,
natürlich kann man dem Hund antrainieren, nichts zu fressen, was er ­während des Spazierganges findet. Man darf jedoch nicht außer Acht ­lassen, dass es viele Möglichkeiten gibt einen Hund zu vergiften. Wenn es sich zum Beispiel um Kontaktgift handelt, bringt ein Training, das darauf abzielt „nichts zu fressen“ wenig. Dementsprechend müssen Sie bei Spazier­gängen in solchen Gebieten generell sehr achtsam bleiben. Dennoch ist es natürlich sinnvoll, dem Hund beizubringen nichts aufzunehmen, was herumliegt. Wichtig ist hier in erster Linie, auf die Stimmungsübertragung zu achten. Viele Hundehalter machen den Fehler sehr aufgeregt zu reagieren, wenn der Hund etwas ins Maul nimmt und fressen möchte. Sie rufen laut „Aus“, laufen dem Hund vielleicht sogar nach und versuchen das Fundstück aus dem Maul zu holen. Obwohl diese Reaktion in Anbetracht der derzeitigen Situation aus menschlicher Sicht absolut verständlich ist, ist das Verhalten aus Hundesicht komplett unverständlich. Der Hund weiß ja nicht, dass das Futter für ihn tödlich sein kann, und er versteht „seinen“ Menschen nicht. Er lernt so nur, dass es besser ist, alles möglichst schnell und vielleicht auch noch heimlich zu schlucken, damit es ihm niemand wegnehmen kann. Im schlimmsten Fall kommt es so weit, dass Hunde gar nicht mehr differenzieren, was gefunden wurde, sondern einfach alles abschlucken. Das können dann auch Steine oder Müll sein, die natürlich ebenfalls eine gesundheitliche Beeinträchtigung bedeuten können.

Um hier eine nachhaltige Verbesserung zu erreichen, muss ein erfolgreiches Training die Einstellung des Hundes zu gefundenem Fressen ändern. Der Hund muss lernen, dass die Nähe des ­Menschen immer etwas Positives bedeutet! Die Einstellung „Achtung, gleich wird mir mein Futter weggenommen“ muss sich ändern zu „Schön, von Herrchen oder Frauchen bekomme ich immer etwas viel Besseres!“

Der Trainingsansatz dazu läuft wie folgt ab:
Die erste Übung ist relativ simpel – Rocket erhält eine Kaustange und lernt unter dem Kommando „abgeben“, dass er eine gleichwertige oder sogar bessere Kaustange im Gegenzug bekommt. Der Hund sollte die ­zweite Kaustange zu Beginn noch sehen und riechen können. Das Kommando „abgeben“ sollte dann gesagt werden, sobald sich der Fang von Rocket öffnet. Das richtige Timing ist hier besonders wichtig. Wenn Sie hier erst noch um das Tauschobjekt streiten müssen, lernt der Hund u.a. nur, die Ressource möglichst schnell zu schlucken.

Im zweiten Schritt kann Rocket das Tauschobjekt dann nicht mehr sehen oder riechen. Sie geben das Kommando, und sobald der Hund die ­Ressource fallen lässt, bekommt er ein gleichwertiges oder besseres Futter. Wichtig ist auch, dem Hund das ­ausgespuckte Objekt wieder zurückzugeben, damit dieser fertig kauen darf. So lernt Rocket, dass es kein Problem ist ein Fundstück auszuspucken, weil er es ohnehin auch mal zurückbekommt. Wenn dieses Kommando gut eingeübt ist, sollte es auch bei Spaziergängen geübt werden. Sie können zum Beispiel ein paar Kau­sachen auf dem gewohnten Spazierweg von jemandem verteilen lassen und dann aktiv trainieren. Da Sie wissen, wo sich die Kaugegenstände befinden, können Sie das Kommando „abgeben“ ganz entspannt sagen. Lässt Rocket den Gegenstand liegen oder spuckt ihn aus, bekommt er direkt ein Lob und ein sehr, sehr gutes Leckerchen. So lernt er, dass es sich für ihn auszahlt, gefundenes Futter anzuzeigen oder mit Ihnen auszutauschen. Wichtig ist in diesem Kontext auch, dass sich Stimmung oder Emotionen von Ihnen auf den Hund übertragen können. Sind Sie also weiterhin sehr aufgeregt, wird Rocket das Objekt nicht so gerne ausspucken. Hier ist es wichtig, absolut entspannt zu bleiben. Wenn dies ausreichend trainiert wurde, zeigen Hunde ­gerne her, was sie gefunden haben. Sie können es dann begutachten und entweder von Rocket fressen lassen oder wegräumen. Für dieses Verhalten gibt es in jedem Fall ausgiebiges Lob und für futtermotivierte Hunde immer mal wieder einen besonderen Leckerbissen.

Wie jedes Training, ist der Erfolg immer abhängig vom Mensch-Hund-Team. Diese Trainingsanleitung ist nur eine Kurzfassung und geht nicht auf die individuellen Problemstellungen und Anforderungen ein. Dies ­können Sie noch mit einem Trainer Ihrer Wahl ausbauen und gezielt bearbeiten. Achten Sie bei der Auswahl des Hundetrainers auf jeden Fall darauf, dass im Training richtiges Verhalten von Rocket positiv bestärkt wird. Strikt abzulehnen ist jede Form von Gewalt im Training bzw. die Arbeit mit Schreckreizen. Dies verstößt nicht nur gegen Tierschutzgesetze, sondern Rocket kann dadurch auch nachhaltig verängstigt werden. Da durch solche Methoden u.a. die Vertrauensbasis geschädigt wird, erhöht sich sogar die Gefahr, dass Ihr Hund Fundstücke sofort abschluckt.

Wenn das Training ausreichend geübt wurde, kann es auch während der täglichen Spaziergänge gut eingesetzt werden. Mit der zunehmenden Lern­erfahrung und der Gewöhnung des Hundes steigt die Sicherheit der souveränen Ausführung des Kommandos. Ein Restrisiko wird allerdings immer bleiben, schließlich sind Hunde fühlende und denkende Lebewesen. Sie agieren und reagieren situationsbedingt. Deshalb wird es nicht möglich sein, alle Umgebungen und Umstände so zu trainieren (generalisieren), um dieses Training zu 100% abzusichern.

Ich wünsche Ihnen ein erfolgreiches Training und zukünftig angstfreie ­Spaziergänge!

Herzlichst,
Yvonne Adler

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Yvonne Adler
Yvonne Adler lebt und arbeitet seit mehr als 20 Jahren mit Hunden. Sie schloss das Studium zur Tierpsychologin mit Auszeichnung ab und ist zudem eine von Europas ersten akademisch geprüften KynologInnen. Neben ihrer Tätigkeit als Sachverständige für Hunde, absolviert sie laufend weitere in- und ausländische Aus- und Fortbildungen im Bereich der Kynlogie, um stets auf dem aktuellsten Stand der internationalen Hundewissenschaft zu sein. Kontakt: Yvonne Adler – Adler Dogs® www.adler-dogs.at

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