Go, Husky! Go!

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Die acht Hunde vor dem Schlitten werden von drei Helfern gehalten. Der Musher steht hinten am Schlitten und gräbt mit seinem vollen Gewicht die Metall-Brems-Krallen in den Schnee. Die Hunde zerren. Sie wollen rennen. Sie springen. Sie reißen ihr Maul auf, als wollten sie Löcher in die Luft beißen. Die Leinen sind gespannt, wie die Nerven des Mushers. Five. Four. Three. Two … Gooooo! 32 Pfoten krallen sich in den Schnee, ziehen, zerren, rennen … Ab geht's!

Wildkogeltrail
Zuschauer applaudieren. TVKameras „surren“, Fotoapparate klicken … binnen weniger Minuten ist das Gespann aus dem Blickfeld und begibt sich auf die 40 km-lange Reise beim Wildkogeltrail in Neukirchen/Großvenediger bei Mittersill. Schon kommen die Hunde in den „Trab“. Ein gleichförmiges Spiel der Körper – wie eine Welle. Wenn ein Team so eingespielt ist und so schnell läuft, daß es gerade eben nicht galoppiert, dann sind Top-Zeiten sicher. Kondition der Hunde und des Mushers vorausgesetzt. Nasser, tiefer Schnee ließen heuer „nur“ Durchschnitts-Geschwindigkeiten von knapp 20 km/h zu. Auf der Ebene. Denn die Auffahrt zum Wildkogel
in fast 2.200m Seehöhe war wegen eines Fönsturms nicht möglich. Im Jahr zuvor schafften die Sieger die Strecke auf den Berg in weniger als 2 Stunden. 1.400 Höhenmeter sind dabei zu überwinden. Die Musher laufen die meiste Zeit mit oder schieben die Schlitten, um die Hunde zu entlasten – alles mit ca. 20 km/h im Mittel. Walter Treichl, ehemaliger Longtrail-Europameister und nun Rennleiter: „Wennst mit den Hunden den Wildkogel geschafft hast, dann ist das, wie wenn man mit dem Rad den Großglockner gefahren ist.“

Heulende Klangwolken
Bei guten Wetterbedingungen und hartem Trail sind bei einer Schlittenhunde-Sprint-WM (wie in Annaberg/NÖ Mitte Februar) Durchschnitts-Geschwindigkeiten von um die 30 km/h drinnen – auf 10-12 km. Wie gesagt: Durchschnitt. Das bedeutet Spitzen-Tempi von mehr als 40 km/h. Da treibt's einem bei der Kälte die Tränen aus den Augenwinkeln. "Tränen“ auch bei romantischen Besuchern. Man stelle sich vor: 1.000 Huskys in einem flachen Tal bei Annaberg, die zeitig in der Früh alle zugleich zu heulen beginnen. Eine imposante Klangwolke, die für Hundefreunde durch nichts zu überbieten ist. Kalte Schauer jagen einem über den Rücken. Ganslhaut.

Yukon Quest: Härtestes Rennen der Welt
Nicht nur kalte Schauer, sondern auch extreme Kälte bei den Rennen in Alaska und im Yukon: Bei minus 27 Grad warten wir in Dawson City auf die ersten Musher des Yukon Quests. Von den 1.600 km mit wenigen Check-Points kommen rund um Mitternacht die ersten Teams zum Zwischenstopp: Schon 2 km früher sieht man das Licht ihrer Stirnlampen in der Nacht, wie sie am Yukon-River in die Stadt fahren. Die letzten 430 km waren Musher und Hunde auf sich alleine gestellt. Bei jedem Wetter. Die 300 unermüdlichen Leute, die im Februar 2000 auf die Teams warteten (inkl. Live-TV!), applaudieren. Gleich dahinter das zweite Licht einer Kopf-Lampe. Es ist jenes von Aliy Zirkle, die zu dieser Zeit in Führung liegt. „Arctic Circle“ wird sie in Musher-Kreisen genannt, weil diese starke Frau jeder Witterung trotzt.

Das sagen doch nur die Männer …
WUFF: „Hi, Aliy! Du hast gerade 900 km allein durch die Wildnis zurückgelegt. Du strahlst, bist locker und Deine Hunde scheinen zu fragen, ob es nicht bald weitergeht. Alle sind völlig entspannt. Bist Du Dir bewußt, daß Du drauf und dran bist, das härteste Schlittenhunderennen der Welt zu gewinnen?“ Aliy: „Oh God! Das mit dem härtesten Rennen, das sagen doch immer nur die Männer …!!!“
Aliy hat Tage später das Rennen als erste Frau gewonnen. 1.600 km mit nur 9 Check-Points. Etwas mehr als 10 Tage hat sie dafür gebraucht. Danach meinte sie: „Paul, Dein Aufkleber von der Austrian Rettungshundebrigade auf meinem Race-Book hat mir offenbar Glück gebracht!“ Professionell hielt sie, die kurz darauf zum „Musher of the Year“ gekürt wurde, ihr Race-Book in die Kameras. Für die „Österreichische Rettungshundebrigade / Güssing“ macht sie gerne unbezahlte PR: „Ich finde das ganz toll, was ihr und all die Rettungshunde-Leute auf der Welt machen. Good luck!“ Heuer startet Aliy beim Iditarod, dem zwar längsten, wenngleich nicht schwierigsten Rennen. 1.800 km durch Alaska. Neun (!) Tage, das ist der Rekord. Ein Rekord, den Aliy brechen will, wenn das Wetter paßt. Rennen, rennen, rennen – aber nie zum Schaden der Hunde.

Nie zum Schaden der Hunde
Und hier muß ein kleiner Zwischeneinschub gemacht werden: Rennen mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 30 km/h. Rennen über 1.600 km oder gar 1.800 km … Tierquälerei? Truppen von internationalen Tierärzten stehen bei den großen Long-Trail-Rennen bei jedem Check-Point und kontrollieren. Jeder Hund wurde schon 2 Wochen vor dem Start voll durchgecheckt. Blutproben, Harn, etc. Wenn auch nach 1.000 km nur ein Wert wesentlich von den Testwerten vor dem Rennen abweicht, dann wird der Musher gesperrt, disqualifiziert. Das ist nicht nur eine normale Strafe – das bedeutet Sperre bei anderen Rennen. Und! Es bedeutet Ächtung bei den anderen Mushern. Das ist die härteste Strafe.

Der Hund zählt!
Vergangenes Jahr ist ein Hund (einer von 400) beim Yukon Questgestorben. Das Herz. Der Musher kam mit dem toten Hund am Schlitten ins (Zwischen-)Ziel. Der Hund wurde sofort mit einem kleinen Flugzeug in die nächste Tierklinik geflogen. 700 km entfernt. Alle Untersuchungen ergaben: Es wurde nicht geschunden. Wäre dies der Fall gewesen – Disqualifikation, Ächtung. Der Chef-Tierarzt gab deshalb vor 30 internationalen Journalisten eine Pressekonferenz und begann – wirklich – mit Tränen in den Augen, stockend so: „Ladies and gentleman. This night wie lost o­ne athlet.“
Genau das ist es: Der Hund zählt. Er ist der „Athlet“. Man hat einen Athleten verloren …
Auch die Regeln der großen Rennen im Yukon sind klar: Kaum ein Mensch wird sein Leben riskieren, um im Notfall einem Musher zu retten. Wenn ein Musher weiß, es geht nicht mehr, dann hat er seine Hunde freizulassen, denn sie werden sicher eher gefunden und gerettet.

Clique von Individualisten
Doch zurück zu den Rennen in Europa: Bei jedem Wettbewerb stehen sie: Die Wohnmobile, die Zelte, die Hundeanhänger. Der Troß der Musher lebt mit den Hunden, die sich im Freien auch einschneien lassen. Es ist eine besondere Clique von Individualisten. Eine Gruppe von Menschen, die aus allen Berufssparten kommen und in jedem Alter zu finden sind: Die Tierärztin. Der Beamte, der zu mushen begann, um abzunehmen. Der Aussteiger, der das Abenteuer sucht. Das junge Mädchen, das sonst mit dem Hund joggt. Oder der Selbständige, der Abwechslung sucht. Und immer dabei: Kinder, Kinder, Kinder. Sie spielen mit den Hunden, die sich von jedem streicheln lassen (aber bitte niemals füttern!). Ja, es gibt sogar ganz kleine Schlitten, mit denen sich 4- oder 6-Jährige schon als Musher üben.

Schlittenhundesport: Wie fängt man an?
Doch wie fängt man mit dem wunderbaren Sport eigentlich an? Walter Treichl, der seit 17 Jahren auf den Kufen seines Schlittens steht, 3x beim wichtigsten Longtrail-Rennen Deutschlands, dem Thüringia, unter den ersten 4 war, kennt die Anfänger-Fehler. Wichtigster Punkt: Die Auswahl des Hundes! Meist, so Treichl, der in dem noch eher unbeachteten Sport mit „Alpina-Brillen“ sogar einen eigenen Sponsor hat, kaufen sich Leute einen „schönen Husky“. Show-Hunde, die aber sehr selten für Rennen geeignet sind. Erst dann kommt der Wunsch, auch im Winter mit einer Pulka (siehe Kasten) oder einem Schlitten und mit mehreren Hunden zu fahren. Tipp vom Profi: „Man muß sich bei der Hundeauswahl selbst die Frage stellen: Was will ich in Zukunft mit dem Hund machen? Hat der Hund das genetische ‘desire to go’ – also den Drang zu rennen?“ Doch die Auswahl des Hundes ist nicht einfach. Man sollte sich lange Zeit nehmen, sich lange vorbereiten. Im Klartext: „Rennen besuchen. Mit Mushern reden, reden, reden. Dann bei Wettbewerben mithelfen.“ Nur so lernt man über die richtigen Hundezüchtungen, die richtige Ausstattung – und kann Fehler von Anbeginn an großteils vermeiden. Das kann Jahre dauern, ist aber schlauer, als wenn man falsch beginnt. Und noch was sollte man nie vergessen: Die Zeit. Um halbwegs erfolgreich zu sein, muß man pro Woche ca. 20 Stunden mit den Hunden arbeiten, trainieren. Ein Halbtags-Job also – zusätzlich zum echten Beruf, den man braucht, um nicht nur die Hunde zu kaufen, sie zu füttern, ihnen die tierärztliche Betreuung zu garantieren. Geld, das man für Pulka oder Schlitten braucht; für Geschirre, Leinen – und für das richtige Auto (meist Wohnmobil) bzw. Hundeanhänger, etc.

Das Glück auf dem Schlitten
Doch das ist alles nebensächlich, wenn man einmal den Virus in sich hat: Wenn man einmal das Heulen der Hunde hörte. Wenn man die Freude miterlebte, wenn die Hunde zum Start kommen. Wenn man draußen am Trail alleine ist.
Sebastian Schnülle, deutscher Aussteiger im Yukon/Kanada, und Yukon-Quest-Teilnehmer sagt: „Wenn Du da draußen bist, dann vergißt Du alles um Dich herum. Du schaust nur auf die Hunde, freust Dich, wenn's ihnen gut geht. Es gibt keine Sorgen mehr, keine Vergangenheit – nur das Glück mit ihnen allein in der Natur zu sein.“ Ein Virus also, mit allen – persönlichen – Risiken und Nebenwirkungen …



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Informationen rund um den Schlittenhundesport

Pulka und Schlitten
Schlittenhunderennen werden in mehrerenKategorien gefahren. Generell unterscheidet man zwischen Pulka (Skandinavier) und Schlitten. Die Pulka ist ähnlich einem kleinen schmalen Schlitten. Vorne hängen ein bis drei Hunde und hinter der Pulka der Musher auf Langlaufskieren. In Schweden gibt es 300.000 Pulka-Fahrer. Eine Pulka kostet (inkl. aller Leinen, Geschirre für die Hunde) ca. ÖS 15.000.–/DM 2.000.–. Schlitten gibt es in diversen Ausführungen: Sprint-Schlitten sind sehr leicht und schmal, Longtrail-Schlitten sind länger, schwerer. Schlitten kosten ab ca. ÖS 10.000.–/DM 1.500.– Im Sommer erfreuen sich Wagenrennen zunehmender Beliebtheit. Solche Wagen, die von Schlittenhundlern im Sommer auch als Trainingswagen eingesetzt werden, kosten ca. ab ÖS 15.000.–/DM 2.000.–

Welche Distanzen?
• Sprint: ca. 7 – 15 km (je nach Anzahl der Hunde)
• Mid-Distance: ca. 20-30 km
• Longtrail: ab 35 – 40 km pro Tag – mehrere Tage, bis zu 1.800 km beim Iditarod

Welche Hunderassen?
Man unterscheidet zwischen reinrassigen Hunden (Siberian Huskys, Malamutes, Samojeden und Grönlandhunden) und nicht-reinrassigen (von der FCI nicht anerkannt), den Alaskan Huskys, die als Formel 1 unter den Schlittenhunden gelten. In Europa gibt es fast ausschließlich Rennen für reinrassige Hunde (vorwiegend Siberian Huskys) – in Kanada/Alaska rennen mehr als 90% Alaskan Huskys. Hunde, die nur auf Kraft, Ausdauer und Wesen gezüchtet werden.

Wie lernt man es?
Richtige „Schlittenhunde-Schulen“ gibt es nicht. Der Sport ist relativ einfach zu erlernen, wenn man ein wenig Kondition und Balance-Gefühl hat. Schwierig ist „lediglich“ die Verständigung zwischen Musher und Leithund. Nicht jeder Leithund „kann“ mit einem Musher und umgekehrt. Es dauert Monate, bis die Kommunikation zwischen den beiden stimmt (was nicht immer der Fall sein muß). Der beste Leithund „funktioniert“ nur bei seinem Musher, selten bei einem anderen. Ein wichtiger Punkt bei der Auswahl des Hundes.



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Reisetipps und Renntermine


"Schnuppern"
Im Internet (siehe auch Internet-Adressen) findet man zahlreiche Angebote für Schlittenhunde-Urlaube. Doch Vorsicht! Oft handelt es sich nur um absolut kommerzielle Unternehmen, deren Mitarbeiter sich kaum um Gast und Hunde kümmern. Die „Qualität“ der Hunde entspricht oft jener der Pferde in sehr „touristischen“ Aus Reitställen in billigen Tourismusregionen.

Reisen
• In Österreich bietet ÖAMTC-Reisen Schlittenhundetouren im Yukon an.
Reise-Hot-Line: 01/71991463
• In Deutschland hat u.a. FTI-Touristik Reisen in den Yukon und Alaska im Programm. Weitere Angebote sind meist über die Homepages im Internet unter „Reisen“ oder „Links“ zu finden.

Renntermine
Um einmal die „Rennluft“ zu schnuppern bzw. um Musher kennenzulernen, kann man auf den Internetseiten alle Termine in der jeweiligen Umgebung finden. Die wichtigsten Termine der noch ausständigen Rennen für 2001:
• 3.3.2001: Start Iditarod / Anchorage/Alaska
• 3/4.3. 2001: Thomatal / Lungau / Salzburg/ Husky-Cup
• 3/4.3.2001: Frauenau / D
• 10/11.3.2001: Postalm / Salzburg / Husky-Cup
• 10/11.3.2001: Innerkrems / Österreich



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Schlittenhunde im Internet

• Die Österreichische Schlittenhundeseite:
http://www.schlittenhund.at
• Der Österreichische Schlittenhundesportclub (ÖSHS)
http://www.schlittenhundesport.at
• Österr. Club für Nordische Hunderassen und Schlittenhunde
http://www.nordische.at
• Deutsche Schlittenhunde-Page
http://www.schlittenhunde.de
• Deutscher SchlittenhundeSport-Verband e.V.
http://dssv.org
• European Sled Dog Racing Association
http://www.esdra.net

Wichtige Sites für Schlittenhundesport
http://www.sleddogcentral.com
http://www.workingdogweb.com/SledDogs.htm
http://www.webheads.co.uk/cgi/mushing.cgi

Schlittenhundereisen:
Im Kleinen Walsertal an der Ö/D-Grenze:
http://www.walsercompany.at
In Schweden:
http://www.funny-trail-adventures.de
Im Yukon:
http://www.bluekennels.de
Allgemein:
http://www.klondike.ch

Große Rennen:
Iditarod
http://www.iditarod.com
Yukon Quest
http://www.yukonquest.yk.ca
Trans Thüringia/D
http://www.trans-thueringia.de

Suchmaschine:
http://www.google.com
(unter dem Stichwort „Schlittenhund“ 1.080 Links / unter dem Stichwort
"Sleddog“ 4.530 Links)

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