Güclü: Sind Hunde die besseren Menschen?

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Güclü hatte als einer der sog. „Halver Kistenhunde" ein Vorleben, wie man es sich für einen Hund ärger nicht vorstellen kann. Dass sein Verhalten dann zunächst nicht dem eines ­„lieben" ­Hundes entsprechen konnte, war eigentlich normal. Das ­Schicksal brachte Güclü mit Judith Maiwald zusammen, die alles tat, um dem sozialaggressiven Hund einen neuen Start in ein besseres Leben zu ermöglichen. Dass sie mit einem solchen Staffordshire Terrier-Bullterrier-Mix natürlich Klischees einer sensationsgierigen Öffentlichkeit bediente, war vorauszusehen. Nicht nur einmal hieß es mehr oder weniger aggressiv, „so ein Hund" gehöre eingeschläfert. Doch Judith Maiwald und ihre Familie waren der Meinung, bei Lebewesen gehören Probleme gelöst anstatt entsorgt. Leicht war es allerdings nicht, wie man der folgenden Geschichte entnehmen kann.

Es war im Winter 2004, als eine Hundeausführerin des Tierheims mit Güclü, einem Staffordshire-Bullterrier-Mix, zum ersten Mal zur Hundeschule kam. Die Dame ­erzählte mir, dass Güclü einer der „Halver ­Kistenhunde" sei. Das Ganze war damals durch die Presse gegangen. Das Ordnungsamt hatte 14 sogenannte „Kampfhunde" aus einem Abbruchhaus in Halver (Märkischer Kreis, NRW) befreit. Die Hunde hatten dort unter unvorstellbaren Bedingungen gelebt, jeder einzelne war eingesperrt in einer Hundetransportbox, wie sie für den Flugverkehr benutzt wird, und jeder Hund stand knietief im eigenen Kot. Die geretteten Hunde wurden dann in Tierheime der Umgebung aufgeteilt. Und nun stand er auf unserem Hundeschulgelände.

Andere Hunde – und vieles mehr – mag er nicht

Güclü war kein schöner Hund, durch die Mischung von Bullterrier und American Staffordshire Terrier sah er eher aus wie ein kleines Schweinchen. Dazu hatte er viele Narben, Haut­erkrankungen und Knochendeforma­tionen. Außerdem machte er der Übersetzung seines Namens alle Ehre. Güclü bedeutet so viel wie der ­Stärkste, und das wollte er in der Hundeschule auch kräftig beweisen. Andere Hunde mag er nicht. Und was man im Tierheim sonst noch herausgefunden hatte: Chiplesegerät – mag er nicht, Handyklingeln – mag er nicht, Regenschirme – mag er nicht, Fotografieren – mag er nicht. In all diesen Fällen reagierte er sofort mit gezielten Beißattacken.

Ich weiß nicht warum, aber dieser Hund hatte dennoch mein Herz er­griffen und es nicht mehr losgelassen. Jedesmal, wenn ich ihn im Tierheim besuchte, fiel es mir schwerer, wieder zu gehen. Die argen Lebensbedingungen, die er hinter sich hatte, und der Umstand, dass er auch im Tierheim nicht gerade zu den Lieblingen ge­hörte – ich konnte an fast nichts anderes mehr denken. Wie könnte ich diesem kleinen durchgeknallten Kerl helfen?

Zu diesem Zeitpunkt hatte ich vier eigene Hunde zu Hause und eine Integration in mein Rudel war so gut wie ausgeschlossen. Güclü wollte ja jeden, den er sah, gleich „fressen". Und vorrangig war natürlich die Sicherheit meiner Familie.

Spontane Entscheidung

Als ich wieder ins Tierheim kam, musste ich ansehen, wie ein Mitarbeiter Güclü in seinem Zwinger mit einem Wasserschlauch drangsalierte. Immer und immer wieder hielt er den Wasser­schlauch auf den Hund. Güclü war bereits extrem erregt und biss wütend in den Strahl, bellte und sprang am Gitter hoch. Der Tierheimmitarbeiter hatte sichtlich großen Spaß daran, den Hund zu ärgern. Ohne weiter nachzudenken ging ich sofort ins Büro und sagte dem Tierheimleiter, dass ich Güclü nun mitnehmen würde.

Gesagt getan. Nach dieser unüberlegten Aktion stand ich nun mit meinem Güclü plötzlich auf der Straße und überlegte, wie ich das jetzt wohl meinem Mann und den Kindern beibringen sollte. Und wie würden meine anderen Hunde reagieren? Um es kurz zu machen, es gelang mir letztlich, meinen Mann zu überzeugen, dass Güclü bei uns bleiben müsse.

Erste Katastrophen

Die erste Nacht war eine Katastrophe. Wir hatten zwar alle Sicherheitsvorkehrungen getroffen (Handys und alle elektrischen Geräte ausgeschaltet und die anderen Hunde eine Etage höher platziert), aber Güclü zeigte uns, auf was er noch alles mit Aufregung reagierte. Fernseher ging gar nicht, da wollte er gleich hineinspringen, Radio und Musik mochte er überhaupt nicht, ein Spielzeugauto zerlegte er gleich in alle Einzelteile. Dazu setzte er sich dann mitten auf den Wohnzimmerteppich und legte dort erstmal einen Haufen hin. Und am ­nächsten Morgen stand Güclü mitten auf ­unserem ­Esszimmertisch und fraß das Frühstück, das ich für meine Familie vorbereitet hatte. Mein Mann stand kurz vor dem Ausrasten. Ich versuchte ihn damit zu beschwichtigen, dass der Hund ein Leben im Haus wohl noch nicht kannte. Damit sich alle Gemüter wieder beruhigen konnten, ging ich mit Güclü erstmal eine Runde spa­zieren.

Doch draußen ging es genauso weiter. Wir trafen auf den ersten Hund, und Güclü schoss nach vorne in die Leine und machte dabei so ein Theater, dass allen angst und bange wurde. Ich versuchte, so cool als möglich zu bleiben und tat in dem Moment wohl nicht das Richtige, als ich auf Güclü ein­zureden begann, um ihn damit zu beruhigen. Zum Dank drehte sich der Hund um und packte mich am Hosenbein inklusive eines Teils meines Unterschenkels. Als er mich nach einiger Zeit wieder losließ, humpelte ich mit ihm weiter. Damit hatte ich absolut nicht gerechnet. Vor allem durfte ich davon zu Hause nichts erzählen, mein Mann hätte Güclü sofort ins Tierheim zurück gebracht. Nun hatten die Leute wieder etwas zu reden von wegen Kampfhund und „guck dir sowas mal an". Güclü hatte allen gezeigt, was sie sehen wollten. Doch niemanden interessierte es, wie der Hund vorher leben musste, was ihm widerfahren war und warum er vielleicht so reagierte.

Geräuschempfindlicher Zerstörer

Nach einigen weiteren Vorfällen im Haus beschlossen wir, für Gücli ­unseren ehemaligen Hundezwinger im Garten auszubauen. Damit konnte im Haus wieder ein normales Leben einkehren und Güclü hatte sein eigenes Reich. Ordnungsamt und Veterinäramt gaben ihr Okay und Güclü zog um. Zwar hatte ich ein schlechtes Gewissen, weil meine anderen Hunde im Haus leben durften, doch Güclü selbst hatte das geringste Problem damit. Offenbar war für ihn im Vergleich zu seinem früheren Leben, das er ständig in einer Flugtransportbox verbringen musste, ein 16 qm großer Zwinger mit Auslauf in den Garten purer Luxus. Der hintere Teil des Zwingers war mit einem Teppich ausgelegt und meine Nachbarn hatten eine Hundehütte für ihn spendiert. Diese galt es nun in den Zwinger zu bringen.

Da die Hütte nicht durch die Zwinger­türe passte, musste mein Mann sie auseinanderschrauben. In dem Moment, als mein Mann den Akkuschrauber ansetzte und der Elektromotor zu surren begann, brach in Güclü wieder das „wilde Tier" durch und er ging auf meinen Mann los. Geistesgegenwärtig warf er den Akkuschrauber in die nächste Ecke und Güclü stürzte sofort dem Gerät nach. Innerhalb weniger Sekunden hatte er es zerstört. Nach diesem Schreck hielt ich es für das Beste, mit Güclü eine Runde spazieren zu gehen, während mein Mann mit dem zweiten Akkuschrauber einen neuen Versuch startete, die Hütte in den Zwinger zu bekommen.

Viele Erlebnisse dieser Art ­folgten, Güclü attackierte erstmal alles: Rasenmäher, Rasensprenger, Zementmischmaschine, Bandschleifer, alles, was auch nur ansatzweise Geräusche machte. Im Sommer zerlegte er den CD-Player meiner Tochter fach­gerecht in Einzelteile, als diese im ­Garten Musik hören wollte, er zerlegte unseren Swimmingpool, weil er das Geräusch der Pumpe nicht mochte, zerbiss einen Reifen unseres Mopeds, als wir die Luft kontrollieren wollten, weil er das Zischen nicht mochte, und vieles mehr.

Ich begann dann mit ihm konkret an seinen Problemen zu arbeiten, und nach und nach bekamen wir auch alles gut in den Griff. Leider ­konnte ich mit Güclü aber nur diejenigen ­Probleme angehen, die wir kannten. Kamen plötzlich neue Situationen oder Geräusche auf uns zu, die er vorher noch nicht gehört hat, musste man jederzeit damit rechnen, dass Güclü wieder in sein altes Verhalten fiel.

Rückfall bei Scankasse

Nachdem Güclü nun bereits zwei Jahre bei uns wohnte und ich viele seiner Probleme im Griff hatte, besuchte ich mit ihm erstmals einen Baumarkt. Ich musste Farbe holen und wollte den Hund nicht einfach im Auto lassen. Ich war überzeugt von Güclü, dass er diesen „Test" auch prima meistern würde. Anfangs lief auch alles Klasse. Er ging mit mir brav durch die Gänge, blieb schön vor dem Regal sitzen, bis ich die Farbe ausgesucht hatte, er war ein ganz prima Junge.

Leider hatte ich nicht an die Scankassen im Ausgangsbereich und deren Geräusche gedacht. Als wir an der Kasse in der Schlange standen, bemerkte ich, wie mit jedem Piep der Kasse Güclüs Augen größer wurden. So ein Mist, daran habe ich im Vorfeld nicht gedacht. Dieses Piepen klang ähnlich wie das Piepen eines Chiplesegerätes, und das konnte Güclü absolut nicht leiden. Er verband damit wohl immer eine vermutlich sehr schlechte Erfahrung.

Noch bevor ich etwas tun ­konnte, stieg Güclü auf die Hinterläufe, fing wie ein Verrückter zu bellen an. Selbstverständlich hatte ich nun die volle Aufmerksamkeit aller Kunden im Laden und auch im anliegenden Cafe starrte alles auf mich. Toll, wieder mal die Klischees über solche Hunde bedient …

Kein Schweinefleisch für Güclü?

Doch gibt es auch Lustiges über Güclü zu berichten. Mit der Zeit hatten sich meine unmittelbaren Nachbarn an den Hund gewöhnt und gemerkt, dass sie eigentlich keine Angst vor ihm zu haben brauchten. Eines Tages kam meine eine Nachbarin mit einem Ring Fleischwurst in der Hand zu mir ­herüber, sie wollte die Wurst „für den türkischen Hund" bringen. Darüber habe ich mich richtig gefreut. Trotzdem wollte ich sie ein wenig necken und sagte: „Der Hund ist doch ­Moslem, der frisst kein Schweinefleisch." Mit offenem Mund starrte mich die ­Nachbarin an und meinte: „Oh mein Gott, daran habe ich nicht gedacht. Ja klar, das ist ja ein türkischer Hund." Dann lachten wir beide.

Güclü „auf Kröte"

In der feuchten Jahreszeit tauchten im Garten an allen Ecken und Enden Kröten auf. Das Problem war, Güclü fraß sie. Als ich das zum ersten Mal mitbekam, lief ich fast Amok. Ich wusste nicht, ob Kröten giftig sind, und rief sofort den Notdiensttierarzt an. Der konnte mir aber auch nichts sagen, denn es sei ungewöhnlich, dass Hunde Kröten fressen. Normalerweise seien sie von dem Geruch dieser ­Tiere angewidert. Auch in der Tierklinik wusste niemand Bescheid, offenbar hatte noch nie ein Hund eine Kröte gefressen.

Zwischenzeitlich fing Güclü an, wie ein Reiher zu erbrechen. In meiner Panik wandte ich mich an die Giftnotrufzentrale. Dort sagte man mir, dass man eigentlich für Menschen zuständig sei, geholfen haben sie mir aber trotzdem. Das Gift der Kröte würde keine tödliche Wirkung haben, es seien für den Hund in den nächsten Tagen wahrscheinlich nur ­Magen-Darm-Probleme zu erwarten. Ich war beruhigt und verbrachte den Rest des Tages ständig bei Güclü, der nach dem Fressen der Kröte zum ersten Mal in seinem Leben absolut relaxed war. Ihn störte plötzlich kein Rasenmäher, keine Musik und selbst das Martinshorn der Feuerwehr ließ ihn kalt. Güclü war offenbar „auf ­Kröte", und das machte ihn cool.

Sozialaggression und ­gedanken­lose Hundehalter

Nach viel Training klappte es auch nach einiger Zeit, dass wir auf der Straße an anderen Hunden vorbei gehen konnten, ohne dass Güclü sich aufregte. Ich war richtig stolz auf den Jungen. Eines Tages ging ich mit ihm auf einem Waldweg spazieren und eine Dame mit einem freilaufenden Border Collie kam mir entgegen. Schon von Weitem rief ich ihr zu, sie möge bitte ihren Hund an die ­Leine nehmen. Die Dame dachte nicht daran. In dem Moment stieg mein Blutdruck und ich musste mich stark auf meinen Hund konzentrieren, der anfing, den immer näher kommenden Border Collie zu fixieren. Als der Border dann bis auf 50 cm ran kam, flippte Güclü aus. Ich konnte gerade noch die Leine stramm ziehen und ihm ins Halsband fassen, um zu verhindern, dass sich Güclü auf den Border ­stürzte. Die Folge war, dass Güclü in seiner Erregung versuchte, mich zu packen. Ich drückte ihn mit dem Kopf zu Boden und hielt ihn dort, bis die Frau mit dem Border ein Stück weg war. Als ich hörte, wie sie sagte „Scheiß Kampfhunde, die sollten alle getötet werden", wurde ich nur noch zorniger. Wie konnte ich auch nur erwarten, dass diese Dame Verständnis dafür aufbrachte, was da jetzt gerade ­passierte. Auch war ihr natürlich nicht klar, dass sie mir mit ihrem Verhalten 6 Monate Arbeit kaputt gemacht ­hatte. Nach dieser Attacke konnte ich mit Güclü wieder von ­vorne anfangen.

Wer sind die besseren ­Men­schen?

Sieben Jahre erlebten wir mit Güclü alle Aufs und Abs, die es geben kann. Es waren viele Aufs dabei. Ich ­konnte ihn später mit meinen Hündinnen zusammen laufen lassen und er war mir eine erstklassige Hilfe, als unsere Boxerwelpen zur Welt kamen. Es war einfach nur toll zu sehen, wie der einst so böse „Kampfhund" sich liebevoll um die Welpen kümmerte.

Im Sommer 2010 erlag Güclü 12-jährig seinem Krebs und einem Epilepsie­leiden. Ich werde ihn nie vergessen. Wenn es ein Hund schafft, seine Meinung über Menschen zu ändern, obwohl man ihm wirklich Schlimmes angetan hat, frage ich mich, warum können wir Menschen das nicht auch. Angeblich sind wir doch die höher entwickelten Lebewesen. Oder sind Hunde vielleicht doch die besseren Menschen?

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