Haben Hunde einen sechsten Sinn?

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Wir haben alle schon einmal Berichte über ganz besondere, außergewöhnliche Fähigkeiten unserer Haushunde gehört oder gelesen. Aber was ist dran an Berichten von Hunden, die ihrem Herrchen über viele Kilometer, manchmal sogar über hunderte Kilometer hinweg gefolgt sind, ohne dass sie den Weg jemals vorher ­gegangen wären? Oder von Vier­beinern, die immer ganz genau wussten, wann ihr Mensch nach Hause kam – und dies, obwohl sie ihn weder sehen noch hören konnten? Oder von Hunden, die zum Grab ihres ver­storbenen Besitzers liefen, obwohl sie noch nie dort gewesen waren, und dann dort sitzen blieben? Oder auch von Hunden, die Naturkatastrophen vorhersagen konnten?

Viele der eingangs erwähnten Schilderungen sind herzer­weichend und anrührend. Oftmals scheint eine logische Erklärung auf der Hand zu liegen, während bei anderen Leistungen doch auf den ­ersten Blick nur eine übersinn­liche Erklärung vorstellbar erscheint. Genauso vielfältig wie die ­Berichte selbst sind auch die möglichen Erklärungen: Telepathie, Empathie, Beobachtung, Vorahnungen, innere Landkarten, der Zufall oder eben: Übersinnliches.

Rupert Sheldrakes morphische Felder
Dieser Phänomene nahm sich in den 1980er Jahren erstmals ­Rupert Sheldrake an. Der heute über 70-­jährige britische Biologe und Autor ­sammelte zahlreiche Berichte über die besonderen Fähigkeiten der verschiedensten Tierarten und versuchte diese zu erklären. Er berichtet sogar von Hunden, die bereits unruhig wurden, wenn ihr weit entfernter Besitzer sich aufmachte oder ­lediglich auch nur daran dachte, nun nach Hause aufzubrechen. Zufall? ­Manchen Be­obachtungen versuchte er eine wissen­schaftliche Basis zu verschaffen, indem er daraufhin eigene ­Studien anstellte.

Das Heimfindevermögen erklärte er mittels einer eigenen Theorie, der der morphischen Felder. Diese, so ­Sheldrake, würden Angehörige einer sozialen Gruppe miteinander verbinden. Er wählte zum besseren Verständnis dessen, was er meinte, das Bild eines unsichtbaren Gummibandes. Grundsätzlich ist er davon überzeugt, dass Tiere über übersinnliche Fähig­keiten verfügen. Seine Hypothesen und Theorien fanden bislang in der Wissenschaft eher wenig Anklang und werden skeptisch beurteilt. Nur ­wenige folgen ihm oder befürworten überhaupt eine Überprüfung seiner Thesen.

Fünf oder mehr Sinne der Hunde
Übersinnliche Fähigkeiten werden bei Mensch und Tier oftmals als siebter Sinn bezeichnet. Doch es müsste eigentlich „sechster“ Sinn heißen, denn klassischerweise unterscheidet man nur fünf Sinne. Diese sind: Sehsinn, Hörsinn, Geruchssinn, Geschmacks- und Tastsinn. Bei unseren vierbeinigen Freunden ist der Geruchssinn bekanntermaßen der wohl ausgeprägteste. Bei uns Menschen ist dies der Sehsinn. Für uns Menschen konnten zwischenzeitlich allerdings noch weitere Sinne lokalisiert werden: Zum Beispiel der Gleichgewichtssinn. Vom sechsten Sinn redet man umgangs­sprachlich oft, wenn man das, was gerade passiert, noch nicht abschließend erklären kann. Manchmal meint man damit aber auch übersinnliche Fähig­keiten. Biologen benutzen den Begriff „sechster Sinn“ neuerdings häufiger im Zusammenhang mit der Fähigkeit bei Tieren, elektrische oder magnetische Umweltreize wahr­zunehmen.

Weitere Sinne bei Tieren
Wie orientieren sich Zugvögel bei ihren langen Flügen von einem Konti­nent zum anderen? Die Möglichkeit, dass sie dabei ihren Magnetsinn benutzen, wurde erstmals in den 1960er Jahren untersucht. Auch heute ist man noch nicht ganz genau dahinter gekommen, wie dieser Sinn wirklich funktioniert. Möglicherweise befinden sich bestimmte Moleküle in der Netzhaut der Vögel oder es gibt im Bereich des Schnabels empfindliche Strukturen für Magnetismus. Bei Tauben vermuten einige Wissenschaftler eisenhaltige Sinneszellen im Schnabel, und bei Regenbogenforellen konnten erst vor kurzem Magnetsinneszellen in der Riechschleimhaut festgestellt werden. Auch andere Tierarten wie Meeresschildkröten, Wale, Haie, ­Bienen oder Fledermäuse orientieren sich an den Magnetfeldern der Erde. Erst 2008 sorgte eine Studie für Auf­sehen, bei der herauskam, dass Rinder und Hirsche vor­wiegend in Nord-Süd-Richtung grasen, sofern nicht Hochspannungsleitungen „dazwischenfunken“. Und Füchse sollen ihren sogenannten Maussprung ebenfalls bevorzugt nach dem Erd­magnetfeld ausrichten. Ob es sogar ein spezielles Gen bei den Tieren gibt, das die Einlagerung des Magnetits steuert, will man nun herausfinden.

Ein Magnetsinn bei Hunden?
Januar 2014 war es, als eine Mitteilung die Hundegemeinde aufhorchen ließ: Zoologen der Universität Duisburg-Essen (UDE) hatten zusammen mit Kollegen von der Tschechischen Agraruniversität Prag erstaunliche Beobachtungen gemacht (s. ­Kasten auf Seite 49): Hunde, die sich unangeleint so hinhocken konnten, wie sie es wollten, machten ihr Geschäft bevorzugt mit einer Körperausrichtung entlang der magnetischen Nord-Süd-Achse. Immer? Nein, bei der ersten Auswertung der Daten sah es nämlich gar nicht so aus, als gäbe es hier eine Regelhaftigkeit. Und dann kam den Forschern der entscheidende Gedanke: Sie werteten die Daten erneut aus und glichen sie mit den natürlichen Schwankungen des Erdmagnetfeldes ab: Immer dann, wenn das Magnetfeld ruhig war, standen die Hunde beim Entleeren von Blase und Darm in Nord-Süd-Ausrichtung. Heißt das also, dass sie einen Sinn für das Magnetfeld der Erde haben?

Noch weiß man nicht wirklich viel über den Magnetsinn der Hunde und welche Rolle er spielt. Es kann aber angenommen werden, dass dieser Sinn ihnen auch bei der Orientierung hilft. Eine Erklärung für das teilweise ­„unerklärliche“ Heimfindevermögen wäre hiermit gegeben.

Unerklärliches erklärbar?
Unerklärliches wird somit erklärbar. Aber es gibt nicht nur neu entdeckte Sinne bei unseren Hunden. Auch die bereits bekannten haben einiges an Potenzial, das wir von unserer Menschenwarte aus oftmals für übersinnlich halten: Zum Beispiel sind sie einfach hervorragende Beobachter. So schnuppern sie an unserer Hose und wissen genau, ob wir vorhaben, das Haus mit oder ohne sie zu verlassen, ob wir gleich in den Garten gehen oder uns aufs Sofa lümmeln wollen. Die jeweilige Hose trägt Geruchsmoleküle an sich, die ihnen darüber Auskunft geben. Ihr Geruchssinn ist ohnehin ihr wichtigster Sinn: Je nach Rasse besitzen sie 125 Millionen bis 225 Millionen Riechzellen, der Mensch hat in seiner Riechschleimhaut nur schlappe 10-30 Millionen Riechzellen. Ausgebildete Hunde bringen es in ihrer jeweiligen Spezialdisziplin (Drogen-, Sprengstoff-, Mantrailing-Suche etc.) auf erstaunliche Leistungen, die uns oft schon übersinnlich erscheinen. Das liegt auch an ihrer Fähigkeit, Duft­moleküle selektiv wahrzunehmen.

Ebenso kann ihr verändertes Verhalten bei Erdbeben oder Vulkanausbrüchen erklärt werden: Sie nehmen Aerosole wahr, die aus dem Erdinnern emporsteigen und erspüren mit ihren Tasthaaren Vibrationen. Auch ihr Gehör ist unserem überlegen: Sie können Schallquellen genauer orten, hören viel mehr als wir und viel differenzierter. Ihr empfindlichster Frequenzbereich liegt etwa zwischen 1 bis 16 kHz mit einem Bestwert bei 8 kHz. Bei uns Menschen ist es ein Bereich von 2,5 bis 5 kHz mit einem Bestwert bei 3,5 kHz. Der gesamte Frequenzbereich beträgt vermutlich 20 Hz bis mindestens 50 kHz. Damit können sie sehr tiefe Frequenzen, z.B. Motorengeräusche, Kompressoren und ähnliches hören. Ob sie auch Infraschall, das sind Frequenzen unter 16 Hz, wahrnehmen können, ist noch nicht eindeutig belegt. Wenn dem so wäre, hätte man damit eine Erklärung dafür gefunden, warum sie auf viele Naturphänomene wie ­Lawinen, Erdbeben, Vulkanausbrüche etc. mit einem veränderten Verhalten, z.B. Flucht, reagieren. Infraschall breitet sich nämlich über große Entfernungen aus, ist also weithin spürbar. Fönwinde in den Alpen und Donner sind jedenfalls Infraschallquellen. Am anderen Ende des Frequenzspektrums liegt der Ultraschall. Quiekende Mäuse im Erdboden zu hören, ist für sie gar kein Problem. ­Hochfrequenzpfeifen entfalten ja genau deshalb auch ihre Wirkung. Insgesamt sind Hunde in der Lage, Geräusche sehr schnell wahrzunehmen und gut voneinander zu unterscheiden. Der Hundehalter, der sich draußen auf der Straße dem Zuhause nähert, ist anhand seiner Schritte ziemlich eindeutig und frühzeitig zu identifizieren.

Es bleibt offen
Hunde besitzen eine Reihe von Sinnen, die sie dazu befähigen, uns staunen zu lassen. Ob es dabei übersinnlich zugeht, sei dahingestellt. In jedem Fall aber schadet es nichts, sie genauer zu beobachten, sowie ihnen Gelegenheit zu geben, ihre vielfältigen Sinne regelmäßig nutzen zu können. Manches in der menschlichen Umwelt kann sie möglicherweise aber auch unter Dauerstress stellen, so zum Beispiel Geräusche, die wir aufgrund ihrer Frequenz selbst gar nicht wahrnehmen, etwa die Schwingungen der Energiesparlampen.

LITERATUR

■  Rupert Sheldrake: Der siebte Sinn der Tiere. Warum Ihre Katze weiß, wann Sie nach Hause kommen, und andere bisher unerklärte Fähig­keiten der Tiere. (Original­titel: Dogs That Know When Their Owners Are Coming Home.), Fischer Scherz, 2012.
■  Hart, V., Nováková, P., Malkemper, E. P., Begall, S., Hanzal, V., Ježek, M., … & Burda, H. (2013): “Dogs are sensitive to small variations of the Earth’s magnetic field”. Frontiers in zoology, 10(1), 80.
■  Brigitte Rauth-Widmann: Die Sinne des Hundes. Wie Hunde ihre Welt wahrnehmen. Kosmos Verlag, Stuttgart, 2014.

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Karin Joachim studierte Germanistik und Anglistik an der Universität Bonn und leitete lange Jahre ein archäologisches Museum in Rheinland-Pfalz. Heute veranstaltet sie Kultur- und Naturführungen, Familienwanderungen und thematische Stadtbesichtigungen für Mensch und Hund in und um Bad Neuenahr-Ahrweiler unweit von Bonn. Zur Zeit begleitet sie Airedale Terrier Hündin Lina. www.forum-mensch-hund.de 

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