Haftungsfragen in der Hundehaltung

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Aus Sicherheitsgründen sollte der Aufforderung, Hunde im Reitstall an die Leine zu nehmen, Folge geleistet werden. (Foto © AdobeStock)

Der Hund im Reitstall – Rechtsprechung in Deutschland

In den meisten Stallordnungen findet sich folgender Satz: „Hunde sind an der Leine zu führen“. Sehr unterschiedlich ist jedoch die Handhabung dieser Vorschrift. In manchen Vereinen wird penibel auf die Einhaltung geachtet und jeder Verstoß sanktioniert, andere Ställe strafen diese Regel mit Nichtachtung. Dabei ist ersteres keine unnötige Schikane, sondern letzteres für alle Beteiligten ein nicht ungefährliches Spiel.

Unsere Rechtsordnung kennt neben der Verschuldenshaftung in bestimmten Fällen eine Verantwortung für die Gefährdung anderer auch ohne eigenes Verschulden. Dazu zählt auch das „Halten von Tieren“, insb. wenn es sich um „Luxustiere“ handelt. Verantwortlich und damit schadensersatzpflichtig ist grundsätzlich der Halter des Tieres.

Tierhalter ist, wer über das Tier bestimmen kann, aus eigenem Interesse für die Kosten des Tieres aufkommt und das Risiko seines Verlustes trägt. Als „Luxustierhalter“ gelten zum Beispiel der Privatreiter hinsichtlich seines Sportpferdes oder der gemeinnützige Reitverein hinsichtlich seiner eigenen Pferde (BGH, Urteil vom 12.1.1982, VI ZR 188/80), ebenso wie der private Hundehalter oder Katzenfreund.

Die Haftung setzt jedoch voraus, dass der Schaden durch ein tier-typisches Verhalten des Tieres verursacht worden ist. Die Tiergefahr muss sich in einem willkürlichen (LG Gießen, Urteil vom 01.01.1995, 1 S 437/94), der tierischen Natur entsprechenden unberechenbaren und selbständigen Verhalten des Tieres realisieren (ständige Rechtsprechung seit BGHZ 67, 129), dieses fehlt, wenn ein Pferd stolpert und es hierdurch zu einer Verletzung des Reiters kommt (LG Hagen, Urteil vom 14.12.2001).

Das Risiko des Luxustierhalters ist sehr groß, weil er auch für Schäden haftet, die er kaum abwenden kann. Erforderlich ist nur, dass sich die Tiergefahr realisiert, auf eine Schuld des Tierhalters kommt es überhaupt nicht an. Der Halter haftet – wie der Halter eines Kraftfahrzeuges – unabhängig von seinem Verschulden im konkreten Fall, weil er eine Gefahr (das Tier) „geschaffen“ hat, sein Verschulden ist also das Schaffen einer Gefahrenquelle.

Gegenüber dem schadensersatzpflichtigen Tierhalter muss sich der Geschädigte unter Umständen eine Reduzierung seines Anspruchs gefallen lassen.

Den Geschädigten kann aber eine eigene Mitverantwortung am Schaden treffen.

Wird ein frei umher laufender Hund von einem Pferd getreten, einem anderen Hund gebissen oder von einem Auto erfasst, so muss sich der Hundehalter dies anrechnen lassen, mit der Folge, dass seine Ansprüche gegen den Halter des schädigenden Tieres oder Autos – je nach den Umständen des Einzelfalles – bis auf Null gemindert werden können.

Nach Ansicht des LG Mainz (Az. 3 S 8/04) oder des OLG Frankfurt (Urteil vom 12.01.2007, AZ: 19 U 217/06) haften alle Hundehalter zu gleichen Teilen für den Schaden, der bei einer Massenbalgerei entsteht. Dabei kommt es nicht darauf an, welcher Hund den Schaden verursacht hat. Gegenüber Dritten haften Tierhalter gemeinsam, wenn ihre Tiere als eine Art Herde oder Rudel ein einheitliches Hindernis (OLG Saarbrücken, Urteil vom 17.01.2006, 4 U 615/04) oder eine sich gegenseitig aufschaukelnde Gefahr bilden.

Zu den Pflichten eines Tierhalters gehört die Sorge für die Verwahrung des Tieres. Daher muss er zumutbare Vorkehrungen treffen, um einen Ausbruch oder eine Flucht, insb. durch Überspringen, Untergraben oder Zerbeißen, zu verhindern.

Lässt ein Hundehalter seinen ungeduldigen Vierbeiner vor dem Überqueren einer Straße von der Leine und stürzt dieser sodann auf die Straße um schnell zu seiner Spielweise zu kommen, trifft aber unterwegs mit einer Radfahrerin zusammen, so dass diese stürzt und schwere Kopfverletzungen erleidet, haftet der Halter sogar strafrechtlich: Im konkreten Fall verstarb die Radfahrerin noch am selben Tage. Der Hundehalter wurde in allen drei Instanzen der fahrlässigen Tötung für schuldig befunden und erhielt eine Geldstrafe von 2.500 € (OLG Stuttgart – AZ: 2 Ss 94/04).

Das OLG Saarbrücken, Urteil vom 14.07.2005, 8 U 283/04, hatte über einen Fall zu entscheiden in dem Hunde und ein Pferd unglücklich zusammenwirkten und ein Mensch auf der Strecke blieb. Es stellte dabei fest, dass, ein Hunderudel auch ohne aggressives Verhalten regelmäßig eine typische Tiergefahr darstellt. Die besondere Schreckhaftigkeit eines Pferdes kann im Einzelfall zur Folge haben, dass der gestürzte Pferdehalter seinen Schaden allein zu tragen hat, weil die Tierhalterhaftung für ein anderes beteiligtes Tier gänzlich zurücktritt.

Das OLG gelangte zwar zu der Ansicht, dass hier grundsätzlich eine die Tierhalterhaftung auslösende typische Tiergefahr hinsichtlich der Hunde anzunehmen war. Soweit hierfür nämlich schon ein – durchaus natürliches – tierisches Verhalten genügt, in welchem die eine Gefährdung der Gesundheit Dritter hervorrufende Unberechenbarkeit von Tieren zum Ausdruck kommt, lag ein solches Verhalten der Hunde in zeitlichem Zusammenhang mit dem in Rede stehenden Unfall vor. Wenn die Hunde, die nach Herauslaufen aus dem Hof nochmals in diesen zurückgekehrt sind, auch ein normales Hundeverhalten an den Tag gelegt haben, so war dies doch mehr als die bloße physische Anwesenheit der Hunde. Schon das Umherlaufen eines „geballten“ Hunderudels wird nach der Rechtsprechung als typische Tiergefahr angesehen.

Im konkreten Fall konnte aber der Kläger die Unfallursächlichkeit dieses Hundeverhaltens nicht nachweisen. Das Pferd war Hunde gewöhnt und die Hunde zeigten kein besonderes Verhalten dem Pferd gegenüber. Das OLG sah es nicht als erwiesen an, dass das Auftauchen der Hunde den streitgegenständlichen Sturz des Klägers verursacht hat.

Unabhängig davon trat im vorliegenden Fall eine Tierhalterhaftung der Beklagten nach dem Ergebnis der Beweisaufnahme aber auch wegen der weit überwiegenden Mitverursachung des Sturzes durch das eigene Pferd des Klägers gänzlich zurück. Es ist daher auch eine Tiergefahr zu berücksichtigen, für die der Geschädigte einzustehen hat. Überwiegt die dem Geschädigten in dieser Weise zuzurechnende Tiergefahr im Einzelfall erheblich, führt dies zum Entfallen jeglicher Tierhalterhaftung für das andere beteiligte Tier. So lag der Fall auch hier. Davon ausgehend, dass nach klägerischer Darstellung erst die Schreckreaktion des eigenen Pferdes den Unfall und die weitergehenden Folgen ausgelöst hat, stand es für das Gericht außer Frage, dass sich in dem streitgegenständlichen Sturz auch die Tiergefahr des klägerischen Pferdes verwirklicht hat. Das OLG ging unter Berücksichtigung aller Umstände weitergehend davon aus, dass es sich bei dem klägerischen Pferd – jedenfalls am Unfalltag und am Vortag – um ein besonders nervöses und schreckhaftes Pferd gehandelt hat, was ein gänzliches Zurücktreten der Tierhalterhaftung der Beklagten rechtfertigt. Insoweit wurde zunächst die Schilderung des Klägers zu Grunde gelegt, wonach es zum Sturz gekommen sei, weil die Hunde um die Ecke gekommen seien, sein Pferd einfach gestört habe, dass etwas um die Ecke gekommen sei, es genauso gut ein Mensch hätte sein können und sein Pferd ihn wohl allein wegen einer solchen Bewegung abgeworfen hätte. Schon hieraus ergab sich ohne weiteres eine ungewöhnliche Empfindsamkeit des klägerischen Pferdes, das danach bereits durch das bloße Wiederauftauchen der Hunde um die Ecke herum eine Schreckreaktion gezeigt hat und an diesem Tag darüber hinaus auf alles schreckhaft reagiert hätte, was plötzlich um die Ecke gekommen wäre. Wird ferner das Verhalten des klägerischen Pferdes vom Vortag berücksichtigt, an dem das Pferd nach der Bekundung einer Zeugin eine „tickende Zeitbombe“ gewesen ist und den Kläger grundlos abgeworfen hat, steht eine besondere Unberechenbarkeit und Überempfindlichkeit des Pferdes zur fraglichen Zeit aber außer Frage. Demgegenüber hat das „normale Hundeverhalten“ der Hunde der Beklagten zurückzutreten, auch weil das – ungewöhnliche – Scheuen und Bocken des Pferdes die unmittelbare und ganz im Vordergrund stehende Ursache dafür war, dass der Kläger das Gleichgewicht verlor und stürzte.

Anders wäre der Fall daher ausgegangen, hätte es sich um ein ebenfalls „normales“ Pferd gehandelt.

Rennt ein nicht angeleinter Schäferhund, der sich in erheblicher Entfernung von der Person befindet, die ihn ausführt, auf einen angeleinten Pudel zu und verletzt sich der Führer des Pudels durch einen Sturz, weil der Schäferhund ihn dabei berührt, haftet der Halter des Schäferhundes zu 100 %. Eine Mithaftung des Pudelhalters wegen bloßen „Daseins“ seines angeleinten Hundes scheidet aus. Denn die Tiergefahr eines freilaufenden Schäferhundes in einer solchen Situation, ist erheblich höher als diejenige des angeleinten Pudels, so das OLG Stuttgart, Az.: 10 U 205/01.

Eine Reiterin verklagte einen Hundehalter auf Schmerzensgeld. Sie behauptete, der Hund sei auf das Pferd zugesprungen. Dadurch habe das Pferd gescheut, sie sei vom Pferd gefallen und habe sich hierbei verletzt. Der Hundehalter schilderte den Unfallvorgang allerdings anders. Er sei mit seinem Hund nur spazieren gegangen und konnte sich das Scheuen des Pferdes nicht erklären. Das angerufene Gericht wies die Schmerzensgeldklage ab. Alleine die Anwesenheit des Hundes rechtfertigt keine Haftung des Hundehalters und auch nicht die Behauptung der Reiterin, dieser habe seinen Hund nicht „im Griff gehabt“. Erforderlich wäre vielmehr gewesen, dass die Reiterin nachgewiesen hätte, dass der Unfall durch die Unberechenbarkeit des tierischen Verhaltens verursacht worden ist. Hätte also der Hund das Pferd angesprungen oder angebellt, so hätte sich auch die Tiergefahr verwirklicht. Weil gerade dies die Reiterin aber nicht beweisen konnte, wurde die Klage abgewiesen (Amtsgericht Daun, Urteil vom 11.09.2002, 3 C 292/02).

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass ein Zuwiderhandeln gegen eine Stallordnung, auch bei entsprechender allgemeiner Übung, grundsätzlich das Risiko in sich birgt, dass der Hundehalter einen höheren Verschuldensanteil an einem Unfall trägt und auch ggf. Verletzungen des eigenen Hundes nicht ersetzt erhält, denn in den erwähnten Fällen retteten den Hundehalter meist nur Beweisprobleme des Unfallgegners.

Eine Rechtsschutzversicherung kann die nicht unerheblichen Prozessrisiken, die durch die Notwendigkeit von Gutachten ggf. verschärft werden, abfedern. Denn auch der Prozessgewinner kann auf beträchtlichen Kosten sitzen bleiben, wenn der Schuldner nicht liquide ist, zumal außergerichtliche Anwaltskosten des Angegriffenen meist nicht vom Angreifer zu erstatten sind. Im Übrigen ist jedem Tierhalter eine Tierhalterhaftpflichtversicherung dringend zu empfehlen.

Quelle: RA Frank Richter, www.richterrecht.com

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