Hiiiiier! Warum lässt sich mein Hund nicht abrufen?

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Manch ein Hundehalter hofft bei jedem Gassigehen aufs Neue, dass …
… sein Hund keine Fährte entdeckt,
… er keinen Joggern oder Fahrradfahrern begegnet,
… der entgegenkommende Hund nett ist,
… sein Hund heute das Wort „hier“ oder „komm“ endlich mal versteht,
… sein Hund nichts zu essen findet …

Die Liste ließe sich noch um einige Punkte fortsetzen. Kurzum: Stressfreie Spaziergänge ohne Leine sind nur möglich, wenn sich der Hund zuverlässig abrufen lässt. Doch fast jeder Hundehalter kennt Situationen, in denen sein Vierbeiner trotz eifrigem Rufen oder Pfeifen nicht sofort zurückkommt. Viele Menschen kommen deswegen auch zu mir in die Hundeschule. Der Rückruf wird zu Recht als „Königsdisziplin“ betitelt, denn damit der Hund wirklich zuverlässig zurückgerufen werden kann, reicht das bloße Üben des Befehls “komm” nicht aus.

Bevor ich mit meinen Kunden das konkrete Rückruftraining beginne, schaue ich mir die Beziehung zwischen Hund und Halter an: Läuft der Hund in der Wohnung ständig hinterher? Hat bzw. respektiert der Hund Regeln im Haus? Zeigt er oft aufmerksamkeitsheischendes Verhalten und geht der Halter darauf ein? Was die Beziehungsanalyse mit dem Rückruf zu tun hat? Ein Vierbeiner, der bereits zu Hause alles entscheiden darf und keine Hausstandsregeln kennt oder respektiert, wird draußen erst recht nicht die Entscheidungen seinem Halter überlassen.

Was mit Leine nicht funktioniert, klappt ohne schon gar nicht
Als Nächstes wird der Grundgehorsam des Hundes abgefragt. Ein Hund, der z.B. keine dreißig Sekunden sitzen bleiben kann, wird sehr wahrscheinlich nicht in der Lage sein, unter Ablenkung das Rückrufsignal zu befolgen. Ein Mindestmaß an Impulskontrolle und ein guter Grundgehorsam sind für die Ableinbarkeit des Hundes zwingend notwendig – ganz besonders für beutefangmotivierte Hunde! Auch bei der Leinenführigkeit gilt: Orientiert sich der Hund an der Leine nicht an seinem Halter, wird er das ohne Leine erst recht nicht tun und das ständige Rufen nach dem Hund ist vorprogrammiert.

Von Anfang an …
Wird der Hund sehr oft (wenn auch unbewusst) gerufen, dann lernt er beim Spazierengehen nicht, auf den Menschen zu achten. Schließlich informiert sein Halter ihn ja zuverlässig, wo er sich gerade befindet! Deswegen ist es besser, den Hund in kritischen Situationen, in denen man ihn vorhersehbar oft rufen muss, an der Leine zu lassen (siehe Kasten auf Seite 59) und an der unaufgeforderten Aufmerksamkeit zu arbeiten! Das heißt, immer wenn mein Hund mich anschaut, auf mich wartet etc., ohne dass ich ihn vorher irgendwie angesprochen habe, lobe ich ihn dafür. So bleibt der Hund in Zukunft aufmerksamer, in meiner Nähe und das ständige Rufen wird überflüssig.

Was aber auch oft vergessen wird, ist, den Rückruf ohne Ablenkung zu üben! Viele meiner Kundenhunde scannen erstmal die Gegend, wenn der Halter sie ruft, weil sie es gewohnt sind, dass sie gerufen werden, wenn etwas Spannendes am Horizont erscheint: etwa Jogger oder andere Hunde. Dadurch versteht der Hund den Rückruf als Information vom Halter: „Da kommt was!“ Oder benutzt man das Wort „hier“ immer dann, wenn der Hund gerade in eine andere Richtung läuft, lernt er eventuell, „hier“ bedeutet „Umgebung erkunden“.

Weitere unerwünschte oder unangenehme Verknüpfungen des Abrufsignals können ebenfalls durch die Bestrafung oder eine falsche Belohnung entstehen. Manche Hundehalter schimpfen mit ihrem Hund fürs verspätete Kommen, aber letztendlich ist er ja gekommen … Andere Hunde lernen wiederum, dass sie immer angeleint werden oder dass Spielen mit anderen Hunden nun vorbei ist, wenn sie zum Halter zurückkehren. Passiert dies regelmäßig, kann es dazu führen, dass das Signal vom Hund ungern oder gar nicht mehr befolgt wird. Um dies zu verhindern, empfehle ich besonders den Teilnehmern in den Welpen- und Junghundegruppen, ihre Hunde nach dem Spielen einfach direkt anzuleinen, ohne sie zu rufen. So wird auch verhindert, dass der Hund fürs „nicht Hören“ belohnt wird (hat weiterhin Spaß beim Spielen), denn die wenigsten jungen Hunde lassen sich zuverlässig aus dem Spiel abrufen. Zudem sollten Sie darauf achten den Hund nicht immer anzuleinen, wenn er gerufen wird, etc. Zusätzlich kann man gezielt auch an der positiven Verknüpfung arbeiten: Wenn der Hund sowieso freudig ankommt, z.B. weil er seinen Dummy bringt oder sein Futter bekommt, kann man gleichzeitig einfach so das Rückrufsignal geben.

Richtiges Lob
Für die positive Besetzung des Rückrufsignals ist auch die richtige Belohnung entscheidend. Manch ein Hund wird mit „Kopftatschen“ belohnt oder durchgeknuddelt. Das ist ok, wenn der Hund es wirklich mag. Doch manche Hunde empfinden es als unangenehm und die Halter erkennen es nicht. Woher weiß ich, dass es meinem Hund gefällt bzw. schmeckt? Der Hund bleibt dann auch ohne Leine bzw. ohne festgehalten zu werden bei mir und zeigt, dass er mehr davon will. Dabei sagt die Körpersprache des Hundes viel aus: Sucht er die Nähe zum Menschen, ist es ein gutes Zeichen, lehnt er sich vom Menschen weg, dreht den Kopf weg etc., sind das Anzeichen für das Unwohlbefinden des Hundes – dann ist diese Art der Belohnung für das Training kontraproduktiv.

Deswegen gilt: Beobachte, was Dein Hund wirklich mag! Passe die Belohnung der Leistung an, z.B. wenn der Hund besonders schnell oder trotz starker Ablenkung zurückkommt – z.B. mehrere Leckerlis, ein Leckerli-Suchspiel anfangen, ein Leckerli aus der Luft fangen, sein Lieblingsleckerli geben oder den Dummy suchen lassen etc. Wichtig ist auch, dass es nicht immer dieselbe Belohnung ist, denn immer dasselbe Leckerchen kann langfristig nicht mit dem Spaßfaktor eines davonhoppelnden Hasen mithalten.

Zum Stichwort Jagen: Das Belohnen mit Stock und Ball ist aus vielen Gründen nicht empfehlenswert, aber ganz besonders, weil sich viele Hunde aufgrund ihres ausgeprägten Beutefangverhaltens nicht abrufen lassen. Das Hinterherhetzen nach schnellen Gegenständen kann mit unkontrollierten Stock- und Ballspielen noch zusätzlich gefördert werden. Zudem steigert es oft das Erregungslevel bei Ball- und Stockjunkies so stark, dass sie kaum noch ansprechbar sind und später noch stärker auf jeden Reiz reagieren.

Wichtig ist auch das Timing der Belohnung. Wenn man mit dem Hund üben möchte, dass er trotz Ablenkung zurückkommt, ist es besonders wichtig, schon die kleinsten Ansätze in die richtige Richtung (z.B. das Anschauen des Halters) zu loben und den Hund so weiter zu motivieren. Denn die Schwierigkeit für den Hund ist nicht das Zurückrennen, sondern das Abwenden vom Außenreiz (Futter, anderer Hund …). Häufig wird der Hund erst belohnt, wenn er wirklich da ist und dann auch noch Sitz gemacht hat. Dagegen ist prinzipiell nichts einzuwenden, aber da der (junge) Hund sich noch in der Lernphase befindet, ist die komplette Befehlsabfolge anfangs ganz schön viel verlangt: Abwenden vom Reiz, zurücklaufen zum Halter, hinsetzen und dann noch dort bleiben.

Gerade weil Welpen noch einen natürlichen Folgeinstinkt haben, wird der Rückruf – im Gegensatz zu Sitz, Platz & Co. – oft nicht systematisch aufgebaut. So wird auch mal nur der Name für den Rückruf verwendet. Bei der Wahl des Signalwortes gibt es auch einiges zu berücksichtigen: „hier“ oder „zu mir“ sind erfahrungsgemäß besser geeignet als „komm“, da sich der Vokal „i“ hell dehnen lässt und lauter rufbar ist als das dunkle, kurze „o“ in „komm“. Das Wort „komm“ wird außerdem im Alltag häufig unbewusst verwendet im Sinne von „lauf weiter“ oder „komm jetzt endlich“. Eine Pfeife bietet sich natürlich besonders an, aber man muss auch wirklich daran denken, sie immer dabei zu haben, deswegen ist es für mich persönlich nicht DAS Rückrufsignal meiner Wahl.
Den eigentlichen Rückruf zu trainieren ist hingegen gar nicht so schwer. Zu Beginn reicht die normale 2-Meter-Leine. Wir gehen mit einer langen lockeren Leine in einer möglichst ablenkungsarmen Umgebung spazieren. In einem Moment, in dem der Hund nicht direkt beim Halter ist, rufen wir freundlich den Namen des Hundes. Wenn der Hund sich in unsere Richtung bewegt, sagen wir das ausgewählte Signalwort und belohnen ihn sofort. Wenn der Hund nicht kommt, gehen wir 2-3 Schritte zurück und sagen das Signalwort in dem Moment, in dem er sich in die richtige Richtung bewegt. Zu Beginn belohne ich den Hund, auch wenn man mit der Leine „nachhelfen“ musste. Der Hund befindet sich ja noch in der Lernphase und soll motiviert werden, in Zukunft sofort auf das Signal hin zu uns zu kommen. Gleichzeitig lernt der Hund auch, dass das Signal verbindlich ist und die Entscheidung nicht bei ihm liegt. Als nächstes würde ich den Hund auch mal bei leichter Ablenkung rufen (Welche Ablenkung als „leicht“ einzustufen ist, ist von Hund zu Hund sehr unterschiedlich). Wenn die Übung aus kurzer Distanz ohne und mit Ablenkung zuverlässig klappt, kann die Distanz mit einer Schleppleine vergrößert werden (siehe Kasten Schleppleine). Bei dieser Übung sollte unbedingt auf Folgendes geachtet werden:

1. Name des Hundes und Signalwort verwenden
2. Nur das Signalwort verwenden und nicht in einen Satz verpacken, à la „komm jetzt endlich hierher“, „aber jetzt hierher“ usw.
3. Das Signalwort nur einmal rufen
4. Dem Hund ein paar Sekunden Zeit geben, darauf zu reagieren – beim Lernen ist eine „längere Leitung“ durchaus normal
5. Bei dieser Übung nicht in die Hocke gehen, da man sonst nicht zurückgehen kann
6. Beim Zurückgehen darauf achten, NICHT an der Leine zu rucken und zu zerren – es soll ja für den Hund angenehm sein, uns zu folgen!
7. Diese Übung sowohl mit Ablenkung (Hund schnüffelt gerade intensiv/sieht einen anderen Hund) als auch ohne Ablenkung üben! Zu Beginn sollte die Ablenkung nicht so groß sein, danach steigert man sie.
8. Wenn der Hund abgelenkt ist, z.B. durch einen Duft, dann beginne ich bereits in dem Moment mit dem Lob (bzw. mit dem Clickern/Markern), in dem sich der Hund von der Ablenkung abwendet, weil das der schwierigste Moment ist!

Ich wünsche Ihnen viel Erfolg auf dem Weg zum sicher abrufbaren Hund.

Wann es besser ist, den Hund einfach an der Leine zu lassen

Wenig Zeit – Wenn man in Eile oder sehr gestresst ist und keine Zeit hat, den Hund mal in Ruhe schnüffeln zu lassen.

Wildreicher oder unbekannter Wald – Wenn die Hundenase ständig in der Luft oder der Hund sichtbar aufgeregt ist.

Parks – Viele Kleintiere, besonders in der Grillsaison aufpassen, nicht ins ­Gebüsch lassen.

Straßen und Gehwege – Hund markiert viel/ständig bzw. an unerwünschten Stellen (Schilder, Fahrräder …). Essensreste, Vögel/Katzen und andere Kleintiere, zu eng (Hund würde in manchen Situationen auf die Straße ausweichen), viele Menschen …

Da die „Problemstellen“ bei jedem Hund anders sind, machen Sie sich bewusst, an welchen Orten und in welchen Situationen sich Ihr Hund schlecht abrufen lässt, und nehmen Sie sich vor, in Zukunft den Hund an den Stellen/in solchen Situationen rechtzeitig anzuleinen – dadurch wird der Spaziergang stressfreier für beide Seiten!

Die richtige Anwendung der Schleppleine

1. Immer am Geschirr, nie am Halsband befestigen. Verletzungsgefahr!
2. Schlaufe abschneiden oder Schleppleine ohne Schlaufe kaufen.
3. Biothanschleppleine oder gummierte Schleppleine verwenden. Dabei sollte auf das richtige Gewicht und die passende Karabinergröße geachtet werden.
4. Der Hund gewöhnt sich schnell an die hinterherschleifende Leine. Sollte sich der Hund mal darin verheddern, nicht gleich beim Befreien helfen. Hunde lernen schnell, selber das entsprechende Bein anzuheben.
5. Zum Stoppen mit der Ferse drauftreten! Wenn man mit der Hand danach greift, ist die Verletzungsgefahr hoch. Beim Training nach Möglichkeit lange Hosen tragen oder Biothanleinen verwenden.
6. Die Schleppleine wird nach und nach gekürzt – nicht mit einem Mal komplett weggelassen.
7. Die Schleppleine dient in erster Linie dazu, den Hund von unerwünschtem Verhalten abzuhalten! Etwa, sich zu weit vom Menschen zu entfernen, abzuhauen, andere Menschen anzuspringen, Vögeln hinterherzujagen und und und …
8. „1 Jahr an der Schleppleine, dafür 10 Jahre Freiheit“ (Zitat Günther Bloch)

Pdf zu diesem Artikel: abrufen

 

1 Kommentar

  1. Guten Morgen und Danke für diesen Artikel!
    Ich wünsche und hoffe, dass sehr viele Hundehalter, die ihren Hund nicht anhalten können oder ihren Hund immer auf dem Arm halten, zu guten Hundeführern werden. Dann können sie auch ihre Hunde an der virtuellen Leine ausführen.

    Und , sorry für meine Direktheit, sie können ihre ständige ANGST vor unerwarteten Situationen ablegen. Die Angst der Halter überträgt sich auf ihre Hunde. Und was haben sie dann ? ja – Angsthunde, was nun echt nicht sein muss.

    Gute Führung braucht Selbstvertrauen, dann vertraut man/frau auch dem Hund.

    Liebe Grüsse
    Heijo Fescharek & Asja