Hilfe, mein Hund jagt!

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Gehört Ihr Hund einer Jagdhundrasse an? Dann haben Sie bestimmt schon die Erfahrung gemacht, dass er langweilige ­Spaziergänge nicht besonders spannend findet. Viel lieber schnüffelt er völlig in sich versunken den Boden ab, stöbert leidenschaftlich gerne über Feld und Wiese oder verschwindet schlimmstenfalls für eine Weile ganz aus Ihrem Blickfeld, um sich seiner Jagdleidenschaft ­hinzu­geben.

Bei Ihrer Entscheidung für einen Jagdhund wussten Sie sicher, dass dieser viel Bewegung und ausreichend Beschäftigung benötigt. Aber hatten Sie wirklich eine genaue Vorstellung davon, was das ­bedeutet? Denn unabhängig davon, ob ein Jagdhund aus einer jagdlichen oder einer sogenannten Familienzuchtlinie kommt, ob er als Jagdgebrauchshund eingesetzt oder als Familienhund gehalten wird, seine jagdliche Passion und sein diesbezüglicher Arbeitswille werden immer vorhanden sein und lassen sich nicht wesentlich verändern. Zudem finden sich Jagdhunde nicht so ohne weiteres mit alltäglicher Eintönigkeit ab. Ein bisschen Bällchenwerfen, eine kurze Radfahrt um den Block, ein langweiliger Spaziergang an der Leine oder immer ein und derselbe Übungsablauf ohne gesteigerte Schwierigkeitsgrade lasten die Vertreter dieser Rassen selten aus. Schnell ist so mancher von ihnen mehr als gelangweilt und verliert sich ohne entsprechende Alternativbeschäftigungen in nicht mehr kontrollierbares Jagdverhalten.

Rasse und Einsatzgebiet
Wir haben unsere Jagdhunderassen die letzten hundert Jahre darauf selektiert, dass sie entweder mit dem Jäger zusammenspielen (z.B. Apport, Vorstehen, Nachsuche), selbständig Wild aufspüren und verfolgen (z.B. Brackieren) oder beim Einsatz unter der Erde, in totaler Finsternis allein auf ihren Geruch und Hörsinn ­angewiesen, auf Fuchs und Dachs treffen und mit diesen unter Umständen in einen Kampf verwickelt werden.

Rasse und Persönlichkeitsprofil
Das Persönlichkeitsprofil der ­Jagdhunde reicht vom wehrhaften Saupacker oder Fuchssprenger bis zum zaghaften Anzeiger von Wild. So verwundert es nicht, dass ein Hund, der für den Einsatz an wehrhaftem Wild gezüchtet wurde, durch das Zufügen von Schmerzen nicht nachhaltig so beeindruckt werden kann, dass er beim nächsten Kontakt mit Wild von diesem lässt, nur weil wir androhen, dass er sonst etwas aufs Fell bekommt. Ein Hund, der gezüchtet wurde, mehrere Stunden und über Kilometer allein auf sich gestellt Spuren zu verfolgen, um dann das Wild in Bewegung zu bringen, ist mit einer gewissen Bindungslosigkeit geboren und ausgestattet. Kein Wunder also, wenn er uns bei Vorhandensein von Wildspuren oder Wildkontakt einfach stehen lässt und abzischt. Jeder Wildgeruch, jede Wildspur, jedes sich in Bewegung befindende Wild ist wichtiger als sein Mensch. Weder ein Ablenken, noch die Schleppleine oder Reglementierungen helfen dauerhaft. Besitzen Sie solch einen Hund, ist es ein Stück harte Arbeit, ihn vom Jagen abzuhalten und auf andere „Gedanken" zu bringen. Manchmal kann es Monate oder sogar Jahre dauern, bis sich ein Erfolg einstellt. Um hier etwas verändern zu können, muss eine neuronale Vernetzung (siehe Kasten 1) im Hund erzeugt werden, die ihm gestattet, von sich aus aufs Jagen zu verzichten.

Mit Veranlagungen umgehen lernen
Die bei einem Jagdhund vorhandenen Talente, wie zum Beispiel das Vorstehverhalten oder der Apportierwille, können durch einen präventiven Führungsstil relativ leicht auf Alternativverhalten umgelenkt und somit gut beherrschbar gemacht werden. Man muss nur dafür sorgen, dass bereits ab dem Welpenalter einer Verselbständigung des Hundes entgegengewirkt wird. Andere Talente brechen jedoch plötzlich mit der Reifung hervor, wie z.B. Wild- und Raubwildschärfe (siehe Kasten 2). So kann es vorkommen, dass ein Hund, der sich bis dato vollkommen neutral gegenüber Katzen verhielt, plötzlich eine Katze verfolgt und diese tötet, weil es die Situation ergab. In dieser alles entscheidenden Situation wäre ein verlässliches Stoppsignal von großer Bedeutung gewesen. Denn nur wenn sich ein Hund stoppen lässt, kann man ihn augenblicklich auf ein Alternativverhalten umlenken. Ohne sicheres Abbruchsignal setzt der Hund sein Verhalten fort und erlebt sich in einer instinktiven Kaskade. Es werden in ihm Gefühle des Glücks, der Selbstbestätigung und des Erfolgs ausgelöst. Das treibt ihn unbewusst dazu, solch ein Verhalten von nun an vermehrt zu zeigen und dieses Glücksgefühl letztendlich immer wieder zu suchen.

Wie viel jagdliche Passion lässt sich beherrschen?
Der Drang zum Jagen, die sogenannte jagdliche Passion, lässt sich weder wegprägen noch wegerziehen. Je nach Ausprägung müssen Sie einfach akzeptieren, dass Ihr Hund in wild­reichen Gebieten konsequent unter Ihrer Kontrolle stehen muss und Sie ihn keinen Moment aus den Augen lassen dürfen. Unter Umständen kommen Sie dabei um ein Anleinen des Hundes nicht herum und das wo­möglich ein Leben lang. Rasse und Genetik eines Hundes definieren zum überwiegenden Teil die Grenzen seiner Beherrschbarkeit. Umso mehr ist es erforderlich, hoch jagdlich veranlagte Hunde von Welpenbeinen an vorausschauend und konsequent zu führen und mit allen Mitteln zu verhindern, dass sie sich unserer ­Kontrolle entziehen können, da sonst nie ausgeschlossen werden kann, dass sie Jagderfolg haben, was die Sache dann extrem erschwert.

Jagdverhalten fängt beim Welpen an
Der Ursprung für unkontrollierbares Jagdverhalten eines Hundes ist oft im Welpenalter zu suchen. Meist entsteht dies durch unbedarftes Spiel mit Beute. Wie viel Spaß macht es dem frischgebackenen Welpenbesitzer oder dessen Kindern, wenn sie dem Welpen Bälle oder Stöcke werfen und dieser japsend hinterherhetzt. Ich interpretiere das so: Der Hundebesitzer trainiert unbewusst beim Welpen den Verlust der Selbstkontrolle. Der Hund hetzt reflexartig los, allein die Bewegung wird zum Auslöser. Er erliegt dem Bewegungsreiz, verliert sich in der Reizbeantwortung, wird zum Nachhetzen erzogen. Bald setzt er auf alles Mögliche um. Er saust hinter den Kindern her, wenn diese im Garten herumtollen, beißt in deren Hosenbeine, er fängt den Ball, mit dem die Kleinen eigentlich Fußball spielen wollten. Er findet es toll, wenn er einen Vogel zum Wegflattern bringt und verfolgen kann. Später folgen Radfahrer, Jogger, dann Hase oder Reh. Er erlebt ein Glückgefühl, das sich so gut wie durch nichts ersetzen lässt.

Was ist Jagdverhalten?
Aber ist ein Hinterherjagen von Joggern etc. bereits Jagd? Meiner Meinung nach handelt es sich hierbei oft um Sequenzen des Vertreibens aus dem Revier. Der Eindringling, der sich schnell und schnaubend nähert, wird vertrieben oder der Bewegungsreiz löst ein Verfolgen aus, wie im Spiel unter Hunden. Das Werfen von Bällen fördert also zunächst nicht zwingend das Jagen, sondern anfangs eher ein unkontrolliertes Beantworten von Bewegungsreizen. Dies kann aber mangels Kontrolle sehr schnell ­ausufern.

Hingegen bezeichne ich das Buddeln nach Mäusen bereits als Jagd! Wenn Sie hier schon die Kontrolle abgeben, können Sie nicht erwarten, dass der Hund sich später von Hase oder Reh abrufen lässt. Ich kann es nicht oft genug erwähnen: Ein Hund hinter dem Hasen erlebt sich in der Ausübung seiner Instinkte und wird dieses Glücksgefühl irgendwann einmal brauchen, er wird süchtig danach. Kann ein Hund Jagderfahrungen machen und aus­leben, lassen diese sich weder löschen noch überschreiben, es bleibt immer etwas davon im Gehirn hängen.

Ohne Gehorsam geht gar nichts
Als ersten Schritt muss der Hunde­besitzer seinen Führungsstil und die sich daraus ergebenden ­Konsequenzen überdenken. Der Hund muss sich hemmen lassen, nur so kann man ihm in dem Moment, in dem er eine Wildspur verfolgen will, eine andere Aufgabe stellen, die natürlich dann für ihn lohnenswerter sein muss. Konkret heißt das: Wenn „Hund" nicht von dem unerwünschten Verhalten lässt, wird „Hund" reglementiert, „Mensch" bietet eine alternative Aufgabe, die für den Hund lohnenswert ist. Seien Sie bereit, sich mit ­Vehemenz beim Hund durchzusetzen! Nur auf diese Weise ergeben sich weniger Freiräume für ihn, sich jagdlich unkontrolliert auszuleben. Außerdem können Sie ohne einen Verhaltensabbruch dem Hund kein Alternativverhalten näherbringen.

Der Hund braucht ein neues ­Bewertungsschema
Idealerweise sollte der Hund aus eigenem Antrieb die von Ihnen angebotene Alternative in den Vordergrund stellen. Dazu braucht es aber einen hohen Motivationsfaktor. Der muss sich im Gehirn des Hundes verankern und als vordergründiges Lösungs­modell sein Handeln bestimmen. Ziel ist, im Hund eine Erwartungshaltung zu erzeugen, die bezogen auf die ­Situation ist. Abhilfe bringt das Schaffen einer Parallelinstanz im Gehirn des Hundes. Lassen Sie mich das etwas näher erklären.

Der Hund gibt nur einer bestimmten Angelegenheit Autorität, z.B. dem Hetzen eines Hasen. Er klammert alles andere um sich herum aus. Schafft man eine Parallelinstanz, gibt es zwei Autoritäten, die in Konkurrenz stehen, also z.B. Dummyspur und Hasenspur. Was ist jetzt für den Hund wichtiger? Das Suchen der Dummyspur oder das Verfolgen der Hasenspur? Es soll also ein neues Bewertungsschema entstehen, sodass der Hund die Wichtigkeit seiner Aktionen neu sortiert und von sich aus das von uns erwünschte Verhalten zeigt. Genauer gesagt, soll der Hund über dieses neue Denkmodell von sich aus auf das Verfolgen von Wildspuren oder Hetzen von Wild verzichten. Idealerweise stellt er dabei das Zusammenspiel mit seinem Menschen in den Mittelpunkt seines Handelns. Es bildete sich eine Parallelinstanz in seinem Gehirn, welche seine Instinkte in den Hintergrund drängt.

Ein Beispiel: Der Hund sieht einen Hasen und erwartet ein Verbot, wenn er losgeht, weil er die Erfahrung gemacht hat, dass dies ein unerwünschtes Verhalten ist. Zugleich hat er die Erfahrung gemacht, dass er belohnt wird, wenn er sich seinem Menschen zuwendet und Blickkontakt sucht. Jeder Hase kann ihn also zum Anzeigen auslösen. Dazu konditioniert man ihn zuerst auf ein Hörzeichen wie z.B. „Achtung ein Tier!" und ein damit verbundenes Zeigen in Richtung Horizont. Der Hund schaut zuerst Richtung Horizont, sieht dort nichts und wendet sich normaler­weise wieder seinem Besitzer zu. Genau in diesem Moment erhält er Futter aus der Hand. Jetzt deutet man z.B. immer, wenn irgendwo ein Vogel auf der Wiese sitzt, in Richtung Vogel und sagt: „Achtung ein Tier!", um den Hund dann für die Blickkontaktaufnahme zu belohnen. Der Hund sollte auf diese Weise seine komplette Futterration erhalten. Nach ein bis zwei Wochen wird der Hund, wenn er einen Vogel sieht, augenblicklich Blickkontakt aufnehmen und sein Futter einfordern. Diese Form des Anzeigeverhaltens kann noch verstärkt werden, indem man ihn vor der Futtergabe ins Sitz bringt. Bei den nächsten Anzeigen verzögert man die Futtergabe, bis sich der Hund selbständig hinsetzt und Blickkontakt aufnimmt.

Auch das Fixieren des Hundes auf menschliche Spuren trägt dazu bei,
dass er freiwillig von diversen ­Wild­spuren lässt. Dazu muss dem Hund die menschliche Spur so wichtig sein, dass er alles daran setzt, sie nicht zu verlieren. Das kann man erreichen durch ausschließliches Füttern am Ende der Spur, wenn der Mensch gefunden wurde. Das Ziel ist erreicht, wenn der Hund bei der Fährtenarbeit nicht mehr auf Wildspuren umsetzt.

INFORMATIONEN

Neuronale Vernetzungen (Kasten1)
Neuronen sind die wichtigsten Bausteine des Gehirns. Die Neuronen sind vielfältig untereinander verbunden und bilden so ein komplexes Netzwerk. Die aus diesen unendlich vielen Möglichkeiten entstehenden neuronalen Netzwerke ermöglichen vielfältiges Handeln.

Wild- und Raubwildschärfe (Kasten2)
Die meisten Jagdhunderassen sollten eine Wehr- und Aggressionsbereitschaft gegenüber Wild, die sogenannte Wildschärfe, besitzen. Muss z.B. ein bei einem Verkehrsunfall verletztes Tier nachgesucht werden, soll der Hund dieses möglichst schnell und effektiv nach kurzer energischer Hetze niederziehen und durch Drosselgriff (Biss in den Hals) töten oder zumindest festhalten, bis der Jäger nachgekommen ist und es erlösen kann. Zeigt ein Hund auch gegenüber wehrhaftem Wild, wie z.B. Fuchs oder Dachs eine beherzte Vorgehensweise und Unempfindlichkeit, bezeichnet man das als Raubwildschärfe oder Härte. Damit muss der Hundehalter umgehen können.

Kein Unterschied: Prägung auf Wild & Spuren
Jagdlich geführte Hunde werden bewusst auf Spuren und Wildgeruch geprägt, um dadurch Passion zu wecken.

Bei nicht jagdlich geführten Hunden findet dieses Prägen auf Wild und dessen Spuren unbewusst statt, während man den Hund überall schnuppern und Spuren abseits von Wegen verfolgen lässt. ­Liberaler, nachlässiger oder ­unbedachter ­Führungsstil rächt sich unter Umständen. Der Hund beginnt unkontrolliert zu jagen, somit ist der nächste Schritt in Form von ­restriktiveren Reglementierungen vor­programmiert.

LITERATURTIPPS

DVDs und Bücher aus dem Hause Fichtlmeier

DVDs
Der Weg des Vertrauens
Der Hund an der Leine
Der brauchbare Jagdhund im Feld
Der brauchbare Jagdhund am Wasser

Bücher
Die Prägung des Jagdhundwelpen, Kosmos
Grunderziehung für Welpen, Kosmos
Der Hund an der Leine, Kosmos
Weimaraner, Kosmos

Weitere Infos und Leseproben unterhttp://www.fichtlmeier.de

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Anton Fichtlmeier ist Autor von zahlreichen Artikeln bei diversen Fachzeitschriften, von Büchern wie „Grunderziehung für Welpen", „Die Prägung des Jagdhundwelpen" und „Der Hund an der Leine" und Produzent von DVD-Lehrfilmen. Bei seiner langjährigen therapeutischen Arbeit mit verhaltensauffälligen Hunden kam er zu dem Ergebnis, dass viele Probleme bei Hunden nicht entstanden wären, hätte man von Anfang an eine gute und sinnvolle Basis gelegt. In Fachseminaren und Vorträgen berichtet er über sein Ausbildungskonzept, das mit vorbeugender Prägung, sinnvoller Beschäftigung mit dem Hund und der von ihm entwickelten „Binärsprache", die aus gegensätzlichen Kommandos (z.B. Ja und Nein) besteht, ein tiefes Vertrauensverhältnis zwischen Mensch und Tier ermöglicht. Bei der Jagd­gebrauchshundeausbildung engagiert er sich seit Jahren und trotz massiver Angriffe einiger Verbände gegenüber seiner Person für eine der heutigen Zeit angepasste moderne Aus­bildungsmethode.

www.fichtlmeier.de

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