Hilfsbereitschaft bei Hunden

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Hunde geben ihren Freunden Futter

Hilfsbereites und wohlwollendes Verhalten anderen gegenüber (sog. prosoziales ­Verhalten) ist eines der Fundamente menschlicher Beziehungen und Kooperation. Aber nicht nur Menschen kooperieren und unterstützen sich gegenseitig, auch Hunde tun das, wie Verhaltensforscher des Messerli Forschungsinstitutes an der veterinärmedizinischen Universität Wien (Vetmeduni Vienna) erstmals in einer Studie nachweisen konnten.

Die Wissenschaftler des Messerli Forschungsinstitutes an der Vetmeduni Vienna konnten erstmals zeigen, dass sich auch Hunde „prosozial“ (siehe Kasten auf Seite 61) gegenüber ihren Artgenossen verhalten. Das tun sie allerdings nur dann, wenn sie diese Hunde auch kennen. Diese interessanten Ergebnisse wurden in „Nature’s Scientific Reports“ veröffentlicht (Quervel-Chaumette 2015).

Bisher hielt man die menschliche Fähigkeit zur Kooperation, verglichen mit der restlichen Tierwelt, für etwas ganz Besonderes. Um untereinander kooperieren zu können, ist ein ge­wisses Maß an prosozialem Verhalten notwendig. Das bedeutet, anderen zu helfen, also bspw. etwas mit anderen zu teilen, ohne selbst einen Vorteil daraus zu ziehen.

Bei Tieren, die sehr nah mit dem Menschen verwandt sind, den Primaten, wurde solch prosoziales Verhalten bereits nachgewiesen. Bei anderen Tieren hat man das Phänomen bisher nur bei Ratten und Dohlen untersucht.

Bei Hunden wurde prosoziales Ver­halten gegenüber dem Menschen bereits in einer Studie gezeigt. Ob in diesem Fall die Hunde eher auf die Kommunikation des Menschen reagiert haben und bloß „gehorsam“ waren, oder ob es sich tatsächlich um prosoziales Verhalten ­gehandelt hat, blieb laut Friederike Range vom Messerli Forschungsinstitut jedoch offen.

„Da Hunde und ihre nächsten Verwandten, die Wölfe, geselliges und koopera­tives Verhalten zeigen, lag die Vermutung nahe, dass es auch bei diesen Tieren prosoziales Verhalten gegenüber Artgenossen gibt. Außerdem wurden Hunde im Zuge der Domestikation Jahrtausende lang auf spezielle ­soziale Fähigkeit hin selektiert“, erklärt die Studien­leiterin Range. Deshalb testeten Range und ihre Kolleginnen Mylène Quervel-Chaumette (die Erstautorin der Publikation), Rachel Dale und Sarah Marshall-Pescini 16 Hunde auf ihre Fähigkeit, fremden oder bekannten Artgenossen etwas Gutes zu tun.

Mit einem sogenannten „bar-pulling task“, einem Test, bei dem ein Hund mit dem Maul an einer Schnur ziehen, so eine Plattform bewegen und damit entscheiden konnte, ob ein zweiter Hund ein Leckerli erhält oder nicht, untersuchten die Wissenschaftlerinnen das prosoziale Verhalten. Die Plattform war entweder leer oder mit einem Leckerli auf der Seite des Partners gefüllt.

Hunde geben bekannten Hunden eher ein Leckerli
Die Ergebnisse waren sehr ­interessant. Es zeigte sich nämlich, dass es einen Unterschied machte, ob der ­Entscheider-Hund den Empfänger-Hund kannte oder nicht. Die Entscheider-Hunde zogen die Plattform mit dem Futter viel häufiger für ihnen bekannte Hunde heran als für fremde. „Die Hunde verhalten sich tatsächlich wohlwollend gegenüber ­anderen Hunden. Das wurde bisher noch nie experimentell nachgewiesen. Was wir zusätzlich herausgefunden haben, ist, dass der Bekanntheitsgrad ­untereinander dieses Verhalten beeinflusst. Fremden Hunden gegenüber ist prosoziales Verhalten weniger häufig als bekannten Hunden gegenüber.

Prosoziales Verhalten im Test
Beim sogenannten „bar-pulling task“ ­bestimmte jeweils ein Hund, der Entscheider-Hund, ob ein zweiter Hund Zugang zu einem Leckerli hat oder nicht. Der Entscheider-Hund selbst bekam dabei kein Leckerli. Es ging also nur darum, dem anderen Hund etwas Gutes zu tun. Mit mehreren Kontrolltests schlossen die Forscherinnen aus, dass es sich bei dem Ziehen lediglich um die Freude am Ziehen selbst handelte. ­Entscheider-
Hunde hielten sich mit dem Ziehen sogar zurück, wenn sich ein fremder Hund im benachbarten Bereich befand.

Dass die Entscheider-Hunde auch wussten, was sie mit dem Ziehen bewirken, testeten die Forscherinnen am Ende jedes Testdurchlaufs. Dann konnten die Entscheider-Hunde nämlich eine Plattform ziehen, um sich selbst ein ­Leckerli zu holen. Und genau das taten alle Hunde. „Diese Kontrolle schließt aus, dass die Hunde beispielsweise aus Angst vor dem fremden Hund nicht für diesen gezogen haben, denn in genau derselben Situation zogen die Hunde gerne für sich selbst“, so Range.

„Auch das Argument, die Hunde wären von den fremden Artgenossen während des Tests abgelenkt gewesen und hätten deshalb seltener an der Leine ­gezogen, konnten wir widerlegen. Es kam ­nämlich kaum vor, dass ein Hund mit dem fremden Hund interagierte“, erklärt Range.

Hintergrund
Psychologie: Prosoziales Verhalten
Ein Kommentar von Dr. Hans Mosser

Prosoziales – als Gegenteil von anti­sozialem Verhalten (umgangssprachlich auch asozial genannt) – ist ein hilfemotiviertes Verhalten, wie bspw. das Teilen, was dem Nutzen des anderen dient ohne dass dafür ein eigener Vorteil daraus resultieren müsste.

In einer aktuellen Studie haben Prof. Markus Paulus (Ludwig Maximilian Universität München) und Prof. Chris Moore (University of Toronto) prosoziales Verhalten bei Kleinkindern untersucht. Die Psychologen fanden dabei heraus, dass dreijährige Kinder, wenn sie etwas mit anderen Menschen teilen, keinen Unterschied machen, ob sie diese Menschen kennen oder nicht. Vier- bis fünfjährige Kinder hingegen machen hier sehr wohl einen Unterschied: Sie zeigen eine größere Bereitschaft zum Teilen bei Menschen, die sie mögen, als bei solchen, die sie nicht mögen.

In der Hundestudie der Vetmeduni Vienna (Quervel-Chaumette 2015) zeigten die Hunde ein prosoziales Verhalten, das dem von vier- bis fünfjährigen Kindern entspricht, nämlich vorwiegend bei anderen Hunden, die sie kennen. Interessant wäre es daher, auch zu untersuchen, ob und inwieweit sich prosoziales Verhalten von Hunden so wie bei Menschenkindern auch hinsichtlich ihres Alters unterscheidet und möglicherweise ­jüngere Hunde diesen Unterschied nicht ­machen, so wie dies auch bei dreijährigen Kindern noch der Fall ist.

• Paulus, M. & Moore, C. The development of recipient-dependent sharing behavior and sharing expectations in preschool children. Developmental Psychology. 2014;50:914-921.

Quelle
• Quervel-Chaumette, M. et al. Familiarity affects other-regarding preferences in pet dogs. Sci. Rep. 2015;5,18102; doi: 10.1038/srep18102

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